Sebastian Matthias

Gefühlter groove – Ein Modus der Wahrnehmung von Tanz als Gruppenphänomen

In der Beschäftigung mit der Stadt als anschaulich gewordene Politik hebt Diedrich Diederichsen Musik und Clubkultur als strukturelle Gegenebene zur Stadt heraus. Die Immanenz des Groove [als Gegenbegriff zu Atmosphäre in der Stadt] entspricht nach Diederichsen der Eingeschlossenheit in subkulturelle und psychologische Schutzräume, in eine Community, zeigt aber auch ihre gewachsene Feinheit, Zähigkeit und Differenziertheit. Eingebettet in den Pop-Musikkontext markiert sie als öffentlicher Raum die Vergesellschaftung der inneren Zustände und doch ihr privat-intimes Gegenmittel. Sucht man nach einer anschaulich gewordenen Veränderung der Kultur der Versammlung in der demokratischen Zivilgesellschaft, so liegt es nah, auch die gruppen-dynamischen Prozesse der electronic dance music-Kultur (EDM) näher zu untersuchen. Gleichzeitig lenkt die in der gemeinsamen Teilhabe und Initiative emergierende Hochstimmung der Clubnacht den Blick auf eine differenzierte Wahrnehmung von Tanz als performative Handlung. Über den groove-Begriff treten so urbane Öffentlichkeit und Choreographie in eine fruchtbare Beziehung. Tritt groove im Balanceakt zwischen Musik, Bewegung und Kontext in Erscheinung, wird dies in einer somatischen Empfindung des Körpers wahrnehmbar. Dieses ‚feel‘, auch als Synonym für groove verwendet, fungiert als relative kinästhetische, normative Größe. Das phänomenologische Moment des Sich-Anfühlen wird zum ästhetischen Messinstrument, das den Erfolg der Gruppeninteraktion, des DJ-Sets und der gesamten Clubnacht bewertet. Aus dieser Perspektive erscheint groove als ein Gemeinschaftsphänomen, als sozialer Schwarm, das auf eine internalisierte Erfahrung zielt, doch gleichzeitig an eine Gruppe von Individuen gebunden ist und aus dem Kollektiv emergiert. Durch mein künstlerisches Interesse an Bewegungsqualitäten und dem choreographischen Umgang mit ihnen eröffnet sich die Möglichkeit den Modus der Tanzwahrnehmung, die groove und dessen Partizipationsmechanismen hervorbringt, transdisziplinär zu erforschen und auf Tanz als performative Kunst zu übertragen. Durch eine theoretische wie künstlerische Durchdringung sollen in einem Form-Raumexperiment die Grenzen einer aktiven Teilhabe des Zuschauers an performativer Kunst untersucht werden und eine Theorie von Tanz als Gruppenphänomen entwickelt werden.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.