Verausgaben

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Inwiefern kann der Begriff „Verausgaben“ zum Verständnis transdisziplinären Arbeitens beitragen? Der Begriff „Verausgaben“ kann insofern zum Verständnis von transdisziplinärem Arbeiten beitragen, als er auch die Arbeitsbedingungen analysierbar macht, unter denen transdisziplinäres Arbeiten stattfindet, bzw. die es mit sich bringt. Die Auseinandersetzung mit den Bedingungen transdisziplinärer Wissensproduktion ist eine Voraussetzung für die Analyse der Ergebnisse dieser Arbeitsform. Sie ermöglicht es, die Potenziale dieser Arbeitsform einschätzen und auch ausschöpfen zu können.

Sofern transdisziplinäres Arbeiten selbst auch als die Ermöglichung von Teilhabe über disziplinäres Arbeiten hinaus meint, müsste es auch darum gehen, dass der Begriff „Verausgaben“ auszuloten hilft, welches Potenzial er für die Ermöglichung des Zusammenkommens von disziplinären mit nicht-disziplinären Wissenspraktiken besitzt. Dies ist deshalb wichtig, weil auf diese Weise die ambivalente Passförmigkeit dieses Ansatzes im Zusammenhang ökonomischer Liberalisierung (vgl. Beitrag Heike Roms) analysiert werden kann.

Der Begriff "Verausgaben" lässt sich in drei Richtungen betrachten: in einer philosophischen, einer sozialtheoretischen und einer ethnographischen Perspektive.

Inhaltsverzeichnis

Verausgabung aus philosophischer Perspektive

Die 1. vorgeschlagene Denkrichtung, die mit dem Begriff „verausgaben“ (transitiv) eingeschlagen werden kann, macht aus dem Verb zunächst einmal ein Substantiv – Verausgabung. Einen Anknüpfungspunkt bildet Georges Batailles Begriffsprägung der Verausgabung, die er in unterschiedlichen Texten formuliert hat (im Deutschen in der „Aufhebung der Ökonomie“ 1985 zusammengestellt). In „La notion de dépense“ (1970, Original 1933) denkt Bataille über die unterschiedlichen Formen des Verlusts und der unproduktiven Verausgabung nach. Er kommt zu dem Schluss, dass mit den Verlusten, die auf rauschartige „états d’excitation“ zurückgehen, jene unproduktiven Werte verbunden sind, die als Verausgabungen gelten können (vgl. Bataille 1970: 319). Bataille versteht die nicht utilitaristische oder zweckrationalistische „freie Verausgabung“, die in der modernen kapitalistischen Gesellschaft zu beobachten ist und Nachfolgerin der „großen freiwilligen sozialen Formen der unproduktiven Verausgabung“ (Ruf 2009: 32) sei, als „insubordinierte Tätigkeit“ (Ruf 2009: 33).

Batailles Überlegungen zum Verausgaben als kulturelle Praxis müsse, so Oliver Ruf, in den Zusammenhang des Collège de Sociologie und dessen Interesse am Sakralen sowie Batailles Arbeit an einer Theorie der Ökonomie gesehen werden. Verausgabung bei Bataille bezeichne die „unproduktiven Formen“ der Konsumption (Ruf 2009: 29). „Das Prinzip des Verlusts wird“, so Ruf, „mit der bedingungslosen Verausgabung“ gleichgesetzt (Ruf 2009: 30). Die Natur, so Ruf, wie der Mensch sind beide an sich Verschwendung. Deshalb verschwendet der Mensch sich, um sich zu verwirklichen (Vgl. Ruf 2009: 37 mit Bezug auf Enkelmann 2004: 3).

In dem Band „Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens“ (Hrsg. Christine Bähr, Suse Bauschmid, Thomas Lenz und Oliver Ruf 2009) gilt „Verausgaben“ darüber hinaus auch als Verb sowohl transitiv als auch reflexiv, d.h. als „sich verausgaben“: „Als Verausgabung ist wahrnehmbar und beschreibbar, was die Begrenzungen gegebener Ressourcen überwindet und einen vorhandenen Status quo überbietet.“ Und weiter: „Verausgabung als Bestandteil kapitalistischer Ökonomisierungsprozesse“ bezeichnet 1. die „Überschreitung des Notwendigen“ (d.h Luxus, Verschwendung); 2. „Überangebot an Arbeitskraft“ und 3. „Exzess“, „Rausch“ (d.h. in diesem Zusammenhang die von Bataille genannten Bereiche Ritual, Sport, Künste) (vgl. Bähr u.a. 2009: 8).

Ein Anknüpfungspunkt an das transdisziplinäre Arbeiten könnte „Überschreitung des Notwendigen“, „Verschwendung“ in dem Sinne sein, dass disziplinär erworbenes Wissen im Prozess transdisziplinärer Arbeitszusammenhänge und Produkte „vernichtet“ wird. Es wird nicht in den Kreislauf der disziplinären Verwertungszusammenhänge eingespeist. Diese ist sicher nur teils richtig, denn die Arbeitsrealität zeigt, dass auch konventionelle disziplinäre Ergebnisse aus dem transdisziplinären Arbeitsprozess gewonnen werden.

Verausgaben aus sozialtheoretischer Perspektive

Mit dem Band „Überfluss und Überschreitung“ ist die 2. Perspektive angesprochen, in die ein Nachdenken über „Verausgaben“ und seinen Gewinn für transdisziplinäres Arbeiten weist: Sie ist auf die Analyse aktueller Arbeitsformen gerichtet. Damit ist Arbeit unter dem Ein/Druck der Ausweitung und Aufwertung wissensbasierter Arbeitsformen gemeint, unter dem Ein/Druck der De-Regulierung wohlfahrtsstaatlicher Sicherungssysteme. Das Selbst manifestiert sich in diesem Zusammenhang als Ausdruck und Ressource multipler Technologien der Selbstauswertung und Selbstverwertung. Hier ist die Figur des unternehmerischen Selbst relevant, wie sie Ulrich Bröckling auf den Punkt gebracht (2007): Diese Figur basiert auf Selbsttechnologien, die mit Vorstellungen von Autonomie, Eigenverantwortung und Wahlfreiheit verbunden sind: „Jeder einzelne soll sich als eine Art Unternehmen begreifen und entsprechend führen.“ (Bröckling 2007: 43) Der adäquate Arbeitsmodus, in dem diese Anforderungen „eingespeichert“ sind und in dem sie sich umsetzen lassen, ist die Projektarbeit. Projektarbeit beruht in ihrem Ideal auf der Implementierung und Ausschöpfung informeller Arbeitsbeziehungen, auf individueller Mobilität und Flexibilität in sozialen Beziehungen wie im Zugriff auf Wissensbestände. „Im Vordergrund steht [...] der Aspekt einer zeitlich befristeten, von einem Individuum oder einer überschaubaren Gruppe selbstverantwortlich zu bewältigenden Aufgabe. Projekte verlangen und gewähren ein großes Maß an Autonomie, sie stehen quer zu institutionellen Hierarchien und zeichnen sich aus durch hohe Kommunikationsdichte sowie ganzheitliche, den Einklang von Arbeit und Leben, von wirtschaftlichem Erfolg und persönlicher Entwicklung verheißende Rollenangebote.“ (Bröckling 2007: 257) Projektarbeit geht mit dem „Einklang von Arbeit und Leben“ (Bröckling 2007: 257) einher, indem sie professionelle und private Beziehungsnetzwerke miteinander verknüpft (vgl. u.a. Wittel 2001) und Arbeitsprojekte zu Lebensprojekten macht. Diese vielfachen Kompetenzen, mehrdeutigen Beziehungen und das „ganze Selbst“ umfassenden Anforderungen halten die sogenannten „soft skills“, die im Zusammenhang der Projektarbeit eine Aufwertung erfahren: in der Logik sozialer Kompetenz ermöglichen sie das schöpferische Verwerten von Emotionen, die Analyse von Niederlagen, das Moderieren von Konflikten (vgl. Bröckling 2007: 267f.).

Vor diesem Hintergrund kann das „Sich-selbst-verausgaben“ als ein Zustand im Kreislauf zwischen Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung gedeutet werden.

Von der empirischen Forschung aus gesehen, wirkt das in den Gouvernementalitätsstudien festgestellte gesellschaftliche Modell ganz unterschiedlich in Lebenswelten hinein. So ist es z.B. unterschiedlich hinsichtlich genderspezifischer Abarbeitungen (vgl. Angela McRobbie 2003). In der Europäischen Ethnologie haben sich in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten diesen neuen Arbeitswelten und -wirklichkeiten gewidmet. Und auch in Hinblick auf Ethnographie als Wissenspraxis ist das unternehmerische Selbst von Bedeutung: das ethnographische Selbst hat mit dem unternehmerischen Selbst sehr viel gemein und zwar nicht erst seit der post-fordistischen Aufwertung und Ausweitung wissensbasierter Arbeit, sondern schon im Paradigma der Feldforschung bei Malinowski in den 10er bzw. 20er Jahren des 20. Jhdts. (vgl. Färber 2009a).

Verausgaben aus ethnographischer Perspektive

Der Hinweis auf Ethnographie führt zur 3. Perspektive, die mit dem Begriff Verausgaben und der Analyse transdisziplinären Arbeitens verknüpft ist.

Hier ist von Interesse, die Arbeitsbedingungen, die transdisziplinäres Arbeiten mit sich bringen, zu analysieren, um die Potenziale dieser Arbeitsformen einschätzen zu können. Dabei geht es darum, dass der vorgeschlagene Begriff das Potenzial auszuloten hilft, das „Verausgaben“ für die Ermöglichung des Zusammenkommens von disziplinären mit nicht-disziplinären Wissenspraktiken besitzt.

Das Beispiel einer ethnographischen Untersuchung von aktivistischen Praktiken, die aus einer Gewerberauminitiative in Berlin eine Wohnraum- und Gebäudekomplexinitiative haben werden lassen, kann dies veranschaulichen. Im Laufe der Forschung galt mein Interesse als Ethnographin zunehmend den Bedingungen für Engagement – in einer Konstellation von beteiligten Gewerbetreibenden, AnwohnerInnen, MieterInnen, QM-lerInnen, LokalpolitikerInnen, interessierten ForscherInnen, Journalistinnen, die alle für die Belange der MieterInnen eines Gebäudekomplexes und gegen die Eigentümergemeinschaft protestierten (vgl. Färber 2009b). Über mehrere Jahre (ich selbst habe ca. 1,5 Jahre teilgenommen) haben sich in einer zunächst wachsenden und dann wieder schrumpfenden Zusammensetzung Menschen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen zusammengetan, um gemeinsame Interessen zu entwickeln und diese zu vertreten. Dass sich nicht alle gleichermaßen involvierten und schließlich die Aktionsgruppe – im Gegensatz zu homogeneren im Stadtteil – auseinander gebrochen ist, liegt nur zum Teil an der Tatsache unterschiedlicher politischer Haltungen oder auch Politikstile (vgl. Riedmann 2010).

Entscheidend für die Dauerhaftigkeit des Engagements war die Möglichkeit, die Zeit, die das Engagement „gekostet“ hat, mehrfach deuten zu können, oder anders gesagt: mehrfach auszuwerten. Dasselbe galt für die Qualität der sozialen Beziehungen. Diejenigen, die sich langfristig engagiert haben in diesem Prozess, konnten sich entweder auf die feste Grundlage der Freundschaft stützen oder hatten ein zusätzlich geschäftliches Interesse. Lange vorher etablierte nachbarschaftliche Beziehungen waren eine sehr viel anfälligere Grundlage für das Durchhaltevermögen. Dagegen haben Momente öffentlicher Aufmerksamkeit (Presse), Menschen punktuell aktiviert und zusammengebracht.

Hier schlägt sich die Figur des unternehmerischen Selbst nieder und damit auch die kulturelle Praxis des Verausgabens: Die Frage "Wer macht mit?" entscheidet sich demnach an der Antwort auf die Frage "Wer hat Zeit?". Es ließe sich auch fragen "Wer macht wie mit?" (vgl. Kai van Eikels). Es ließe sich auch fragen, "Wer hat dafür welche Zeit?" Für interdisziplinäres Arbeiten heißt das z.B., Zeit haben, sich auf die anderen Zugänge einzulassen. Engagement in dieser Richtung beruht auf der Bereitschaft, sich auf andere Foren, Gültigkeitskriterien, Diskussionsstile und Referenzsysteme einzulassen – nichts anderes ist bei disziplinärer Wissensproduktion im Spiel. Das kostet Zeit. Auf transdisziplinäres Arbeiten gewendet, muss diese Frage auch an diejenigen gerichtet werden, die nicht innerhalb einer Disziplin, sei es Kunst oder Wissenschaft, agieren. D.h.: welche Sorte Zeit wird hier investiert?

Die Möglichkeit, Freizeit als Arbeitszeit geltend zumachen, wie es der Figur des unternehmerischen Selbst zugeschrieben wird, hat in dem oben geschilderten Fall den entscheidenden Unterschied für Engagement gemacht. Genauso wie die Frage, ob KollegInnen auch als FreundInnen betrachtet und angesprochen werden können – eine weitere Vorstellung für die Arbeitskonstellation des unternehmerischen Selbst. Dies könnte für die anderen oben genannten Eckpfeiler (das Format, Projekt, Team etc.) durchgespielt werden. Das Sich-Verausgaben wird in diesem Zusammenhang genau dann zu einer Ressource, wenn Arbeitszeit als Freizeit gedeutet werden kann; wenn KollegInnen als FreundInnen gelten können. An dieser Vorstellung arbeiten sich die involvierten Akteurinnen unterschiedlich ab; bzw. können sie zu unterschiedlichen Graden ins Spiel bringen. Und die Frage wäre: inwiefern kann auch Verausgaben ausgewertet werden? D.h. Partizipation als langfristiges Engagement macht sich nicht allein an politischen Stilen und Haltungen, an Zugehörigkeiten etc. fest, sondern an dem Potential, Zeit vielfach zu verwerten.

Bibliographie

  • Bataille, Georges (1970, Original 1933): La notion de dépens. In: Oeuvres complètes I. Premiers écrits 1922-1940, Paris, S. 302-320.
  • Bähr, Christine/ Bauschmid, Suse/Lenz, Thomas/Ruf, Oliver (2009): Die kulturelle Praxis des Verausgabens. In: Dies. (Hg.): Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens, Bielefeld, S. 7-12.
  • Bröckling, Ulrich (2004): Kreativität. In: Bröckling, Ulrich/Krasmann, Susanne/Lemke, Thomas (Hg.): Glossar der Gegenwart, Frankfurt/M., S. 139-144.
  • Bröckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst. Frankfurt/M.
  • Färber, Alexa (2009): Das unternehmerische ethnografische Selbst. Aspekte der Intensivierung von Arbeit im ethnologisch-ethnografischen Feldforschungsparadigma. In: Dietzsch, Ina/Kaschuba, Wolfgang/Scholze-Irrlitz, Leonore (Hg.): Horizonte ethnografischen Wissens. Eine Bestandsaufnahme. Alltag & Kultur, Band 12. Köln u.a., S. 178-202.
  • McRobbie, Angela (2003): I was knitting away night and day. Die Bedeutung von Kunst und Handwerk im Modedesign. In: von Osten, Marion (Hg.): Norm der Abweichung. Zürich, S. 99-117.
  • Riedmann, Erwin (2010): Soziale Beziehungen und politische Mobilisierung im Armutsquartier der neoliberalen Stadt. In: Färber, Alexa (Hg.): Stoffwechsel Berlin. Berliner Blätter 53/2010, Berlin, S. 128-141.
  • Ruf, Oliver (2009): Ökonomie der Vergeudung. Die Figur der Verausgabung bei Georges Bataille. In: Bähr, Christine/ Bauschmid, Suse/Lenz, Thomas/Ruf, Oliver (Hg.): Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens, Bielefeld, S. 27-40.
  • Wittel, Andreas (2001): Toward a Network Sociality. In: Theory, Culture and Society 18, S. 51-76.
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