Scheitern

Aus A-Z der transziplinären Forschung
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“Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.” Samuel Beckett, Worstward Ho, 1983


1. Zum Begriff des Scheiterns

Scheitern stammt vom altgermanischen „schit“ und bezeichnet ein gespaltenes Holzstück sowie wörtlich „das Gespaltene“. Im Wort Scheiterhaufen ist diese Bedeutung bis heute erhalten. Fahrzeuge oder Schiffe, die in Stücke brechen, werden zu „Scheitern“. Scheitern bezeichnet entsprechend ein Misslingen als ein „nicht zum Ziel gelangen, Schiffbruch erleiden (Person), zunichte werden, misslingen (Plan, Vorhaben), auf Klippen auflaufen, zerschellen (Schiff)“ (Wahrig 2005). Die produktiven Elemente des Scheiterns bzw. dessen Überwindung wurden in den letzten Jahren zunehmend in ökonomischen Kontexten thematisiert: Die Wirtschaftswissenschaften beschäftigen sich mit den Qualitäten einer Fehlerkultur in Unternehmen, die der Philosophie des Kaizen entlehnt wurde. Die japanische Lebens- und Arbeitsphilosophie implementiert ein Streben nach permanenter Verbesserung, die durch das Bewusstmachen von und Lernen aus Fehlern im Sinne eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses gewinnbringend als Managementstrategie eingesetzt werden kann. Im Zuge der Diskussion um die Kreativwirtschaft wurde betont, dass Innovation nur durch kreative Prozesse möglich ist, die immer auch ein mögliches Scheitern beinhalten.

In der Existenzphilosophie Karl Jaspers macht Scheitern eine existentielle Grunderfahrung aus. Jaspers spricht dem Scheitern eine positive Funktion zu. Durch das Erleben von Grenzsituationen wie „Arbeit, Alter, Krankheit und Tod“ (Jaspers 1971, 19) erfahren wir, dass wir existieren. Dem Umgang mit diesen Grenzsituationen spricht Jaspers eine prägende Wirkung für die menschliche Entwicklung zu: „Wie er sein Scheitern erfährt, das begründet, wozu der Mensch wird.“ (Jaspers 1971, 20). Im Zweifeln, Scheitern und in der Erfahrung von Grenzsituationen verortet Jaspers den Ursprung der Philosophie (vgl. Jaspers 1971, 22).

Die Sprechakttheorie hat in den Arbeiten zu Performanz im Sinne einer Sprachverwendung als Aufführung oder Vollzug einer Handlung deutlich gemacht, dass Sprechakte ebenso gelingen wie scheitern können. Die Möglichkeit des Scheiterns ist performativen Äußerungen somit inhärent. Die künstlerische Performance weist als situationsbezogene, ephemere, szenische Aktionsordnung improvisatorische Anteile auf und ist als Ereignis zu verstehen, das misslingen kann. Die Kontingenz der Entwicklung im Ablauf einer Performance wird damit zu einem ihrer wesentlichen Elemente.


2. Scheitern in der Kunst

2.1 Zum einen ist Scheitern als Motiv ein altes Thema künstlerischer Auseinandersetzungen. In der Bildenden Kunst beispielsweise stellt das Vanitas-Motiv eine seit der Renaissance verbreitete Pose dar, mit der Künstler ebenso Verzweiflung wie Bescheidenheit zum Ausdruck bringen, da sie nicht gottgleich etwas Lebendiges erschaffen können. Das Vanitasbild zeigt die Eitelkeit, Nichtigkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen und erinnert durch Motive wie Totenschädel, Gebeine, Särge oder Symbole wie welke Blumen und erloschene Kerzen an die Endlichkeit menschlichen Daseins. In der Literatur hat sich z.B. Samuel Beckett mit der Unmöglichkeit des Erzählens auseinandergesetzt und dies in seinen Werken wiederholt thematisiert sowie stilbildend umgesetzt. In der zeitgenössischen szenischen Kunst findet sich Scheitern als Motiv in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Realität und künstlerischer Arbeit in den Performances von z.B. Philippe Quesne, Forced Entertainment, SheShePop oder Christoph Schlingensief, der mit dem von ihm gegründeten Partei Chance 2000 das Motto „Scheitern als Chance“ postulierte. Auch als Veranstaltungsformat wird Scheitern thematisiert: Seit 10 Jahren präsentiert beispielsweise die Gruppe Kulturmassnahmen die „Show des Scheiterns“, bei der die eingeladenen Gäste von geplanten aber nicht realisierten Projekten berichten und die Dichotomie des Scheiterns und des Gelingens als schönen „Bestandteil des Lebens“ (Kulturmassnahmen 2012a) feiern. Scheitern taucht in der künstlerischen Auseinandersetzung auch im Motiv des Sisyphos auf, indem z.B. in Performances oder Langzeitprojekten durch Wiederholungen das Scheitern und die Vergeblichkeit der Durchführung von Handlungen vorgeführt und damit die scheinbar erfolgreiche Durchführbarkeit in Frage gestellt wird, wie etwa in den Arbeiten des belgischen Künstlers Francis Alÿs.

2.2 Zum andern macht Scheitern einen Arbeitsmodus und Prozessbestandteil künstlerischer Praxis aus. Aspekte zeitgenössischer künstlerischer Praxis wie z.B. die Betonung des Prozesses gegenüber dem Werk, die Reflexion der Arbeitsweisen und der Produktionsverhältnisse oder die interdisziplinäre Kooperation heterogener Akteure prädisponieren künstlerische Arbeitsprozesse für Momente des Scheiterns. Dieses temporäre Scheitern wird ebenso provoziert, um im Sinne eines heuristischen Prinzips Neues zu generieren, wie auch in den Arbeiten thematisiert, womit das Scheitern wiederum zu einem ihrer Themen wird. Momente des Scheiterns in Proben- und Herstellungsprozessen machen den produktiven Aspekt künstlerischer Arbeit aus. Erst durch den Versuch, das Ausprobieren und ggf. das Misslingen kann Neues entstehen und entdeckt werden. Der amerikanische Choreograf William Forsythe stellt in der Probenarbeit seinen Tänzern beispielsweise derart schwierige Aufgaben, an denen sie nur scheitern können. Hier wird Scheitern als Methode eingesetzt, um gelernte und eingeübte Bewegungsabläufe zu verlassen und Neues zu generieren.

In künstlerischeren Arbeitsprozessen wird angestrebt, Paradigmen zu verwerfen und neue aufzustellen. Dafür müssen etablierte Methoden verändert oder erweitert werden. Die sich daraus ergebende Offenheit und Instabilität beschreibt der Kulturwissenschaftler Martin Tröndle wie folgt: „Künstlerische Arbeitsprozesse verlaufen weder ‚rational’ noch linear, und sie sind auch nicht planbar. Sie sind durch Selektion, Variation und Stabilisation gekennzeichnet. Sie greifen rekursiv auf sich selbst zurück, um aus dem Ausgangsmaterial zu entwickeln und sind in hohem Maße embodied, evolutionär und sprunghaft. Das Scheitern ist notwendige Voraussetzung, um das experimentelle Vorgehen zum Erfolg zu führen.“ (Tröndle 2012, 191f) Die Paradoxie des Scheiterns liegt in der ex post-Betrachtung: Gescheiterte Vorhaben erweisen sich im Nachhinein als produktive Generatoren für Neues. Damit erfährt der Begriff des Scheiterns selbst u.U. eine Relativierung.

2.3 Nicht zuletzt wird die Möglichkeit des Scheiterns, des Lernens durch Fehler und Irrwege für künstlerische Projekte im Vermittlungskontext, wie z.B. in Schulen, in Anschlag gebracht. So postuliert der Journalist und Filmemacher Reinhard Kahl im Kontext seiner schulreformatorischen Arbeiten: „Denn nur das kann wirklich gelingen, was auch scheitern darf.“ (Kahl 1995) Zugleich rückt eine derartige Attribuierung künstlerische Projekte im Vermittlungskontext in den Fokus der Diskussion um die Kreativindustrie und das Erfahrungspotential von künstlerischer bzw. kreativer Arbeit. Ideologien von Kreativität, Zusammenarbeit oder der Fähigkeit zur Reflexion, die im Kontext zeitgenössischer Kunst realisiert und geprobt werden können, werden hierbei kritisch im Hinblick auf ihre ökonomische Verwertbarkeit diskutiert und Befürchtungen geäußert, Kunst bzw. künstlerische Projekte können instrumentalisiert werden, um AkteurInnen für postfordistische Arbeitskontexte zu befähigen. Vielfach findet eine Reflexion derartiger Attribuierungen bereits in den jeweiligen Vermittlungsprojekten durch die durchführenden KünstlerInnen statt.


3. Scheitern in der transdisziplinären Forschung

Auch im Kontext transdisziplinärer Forschung nimmt Scheitern als Prozessbestandteil und Arbeitsmodus einen möglichen Raum ein. Transdisziplinäre Forschung sucht die Irritation und weckt Neugier auf weitere Fragen, statt Antworten zu finden, so der Techniksoziologe und Wissenschaftsphilosoph Wolfgang Krohn (vgl. Krohn 2012, 16). Die durch die Offenheit des Forschungsprozesses provozierte Kontingenz markiert eine zentrale Qualität transdisziplinärer Forschung ebenso, wie sie für die Involvierten als Schwierigkeit erlebt werden kann. Als experimentelle Differenzproduktion soll keine Eindeutigkeit geschaffen werden, sondern es werden paradoxerweise Überraschungen erwartet (vgl. Tröndle 2012, 38f). Im Vergleich zur Nutzung in naturwissenschaftlichen Kontexten, in denen Experimente als systematisierte, festgelegte Verfahren zur Veri- oder Falsifizierung von Thesen genutzt werden, stellt das Experimentieren in der Kunst ein Wagnis dar (Schulze Heuling 2012, 341), die durch ihren ungewissen Ausgang alles in Frage stellen können und auch ein mögliches Scheitern der Untersuchung beinhalten. In der transdisziplinären Forschung markiert Scheitern ein Verfahren der Wissensproduktion, durch das im Sinne des trial and error ein temporäres Scheitern als heuristisches Prinzip genutzt wird. Scheitern wird damit intentional bewusst eingesetzt, um Wissen zu produzieren. Das Projekt „Irrtumsforschung“, das von 2007 bis 2009 von der Gesellschaft für künstlerische Forschung Berlin (GfKFB) betrieben wurde und die „Erforschung künstlerischer Praxen, Prozesse und Methoden“ (Brellochs 2012, 127) zum Ziel hatte, verstand Scheitern beispielsweise neben „’Auf dem Weg sein’ und ‚in die Irre gehen’“ als zentrale Arbeitsmodi. Das ergebnisoffene Verfahren beschreibt Mari Brellochs, Gründerin der GfKFB und Initiatorin des Projekts Irrtumsforschung, entsprechend wie folgt: „Annahme, Planung, Test, Scheitern, Feststellung, Annahme, Planung, Test, Scheitern.“ (Brellochs 2012, 128). Das Verfahren betont die Vorläufigkeit des generierten Wissens und sucht einen offenen, nicht-teleologischen und kontingenten Prozess zu gestalten, bei dem immer wieder neue Fragen gestellt werden müssen. Statt Aussagen kommt es zu vorläufigen Interpretationen. Brellochs beschreibt dies als ebenso erstrebenswert für die wissenschaftliche wie für die künstlerische Forschung und kommt für das Projekt der Irrtumsforschung zur Arbeitsthese: „Wer nicht(s) wissen will, sollte forschen.“ (Brellochs 2012, 131)


Bibliographie:

Bailes, Sara Jane (2011): Performance Theatre and the Politics of Failure. London: Routledge

Brellochs, Mari (2012): Irrtumsforschung – Sprechen Sie mit uns, sonst sprechen wir mit Ihnen! In: Tröndle, Martin und Warmers, Julia (Hg.): Kunstforschung als ästetische Wissenschaft. Beiträge zur transdiziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst. Bielefeld: Transcript

Jaspers, Karl (1971): Einführung in die Philosophie. München, Zürich: R. Piper und Co. Verlag

Kahl, Reinhard (1995): Lob des Fehlers. Eine vierteilige Sendereihe. Hamburg: Pädagogische Beiträge Verlag.

Kulturmassnahmen (2012a): 10 Jahre Show des Scheiterns. http://www.kulturmassnahmen.de/zehnjahrescheitern.htm (letzter Aufruf: 8.1.13)

Kulturmassnahmen (2012b): TERRA DEFECTUM. Show des Scheiterns 2002-2012. Berlin: Eigenverlag

Krohn, Wolfgang (2012): Künstlerische und wissenschaftliche Forschung in transdisziplinären Projekten. In: Tröndle, Martin und Warmers, Julia (Hg.): Kunstforschung als ästetische Wissenschaft. Beiträge zur transdiziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst. Bielefeld: Transcript

Matzke, Annemarie (2005): Testen, Spielen, Tricksen, Scheitern. Formen szenischer Selbstinszenierung im zeitgenössischen Theater. Hildesheim: Georg Olms Verlag

Tröndle, Martin (2012): Methods of Artistic Research – Kunstforschung im Spiegel künstlerischer Arbeitsprozesse. In: Tröndle, Martin und Warmers, Julia (Hg.): Kunstforschung als ästetische Wissenschaft. Beiträge zur transdiziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst. Bielefeld: Transcript

Wahrig, Gerhard (2005): Deutsches Wörterbuch. 7. Auflage. Gütersloh / München: WissenMediaVerlag GmbH

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