Reisen

Aus A-Z der transziplinären Forschung
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Reisen als transdisziplinäres Forschungsverfahren

1.Reisen und Wissen „GET AWAY! – Ein Crash-Kurs in Theorie und Praxis der Migration“: Im Winter 2010 eröffnete die geheimagentur gemeinsam mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine „Auswanderungsberatungsstelle“ in Deutschlands ärmster Stadt, Oberhausen, in Zusammenarbeit mit dem dortigen Theater. Während vor Ort ein Crash-Kurs in die Kunst der Migration einführte, gab es online ein „E-Learning“-Angebot, in dem Künstler_innen, Wissenschaftler_innen und Migrant_innen in Videos Theorien und Strategien „auf dem Weg zu einer migrantischen Virtuosität“ vorstellten (www.getawayinfo.de). Zudem war die Beratungsstelle, die sich in einem leeren Ladenlokal in der Innenstadt befand, mit Expert_innen in verschiedenen Ländern der Welt vernetzt, mit denen Besucher_innen via Skype kommunizieren konnten. Zum Schluss der Aktion wurden unter allen Teilnehmenden an dem Crash-Kurs drei One-Way-Tickets verlost – als praktische Starthilfe in ein neues Leben anderswo (oder auch nur für einen Urlaub). Ausgangspunkt des Projektes war der Zusammenhang von Migration und Wissen: während Wissen bzw. Bildung der Migrant_innen oft als Kategorien verwendet werden, anhand derer manche Migration als sinnvoll, andere als unerwünscht charakterisiert werden kann, und damit auch als ein Ausschlusskriterium, ging es bei „GET AWAY!“ darum, zu zeigen, dass Mobilität und Migration selbst Wissen produzieren – von Alltagspraktiken über politische Strategien zu theoretischen Reflektionen. Dieses Wissen verschiedener Akteure sollte in dem Projekt vor Ort in Oberhausen und über den Einsatz verschiedener Medien auch darüber hinaus gebündelt und weitergegeben werden.


2.Mobilität und Forschungsreisen Verschiedene Formen von Mobilität und Reisen – Tourismus, Migration, Business- und Entdeckungsreisen, Pilgerfahrten, Künstlerreisen etc. – werden heute in den verschiedensten Disziplinen erforscht: Anthropologie, Ethnologie, Geographie, Politologie, Soziologie, Philosophie, Kunst- und Kulturwissenschaften wenden sich den verschiedenen Formen der Fortbewegung verstärkt zu, seit die Welt zur „world on the move“ erklärt worden ist und die Sozialwissenschaften den „mobilities turn“ oder das „new mobilities paradigm“ ausgerufen haben. Um die Zusammenhänge der verschiedenen Dimensionen des Reisens zu untersuchen, wird hierbei in letzter Zeit zudem verstärkt ein inter- und transdisziplinärer Forschungsansatz gefordert (siehe Karentzos et al. 2010). Während diese Erforschung der mobilen Welt auch nach einer mobilen Sichtweise verlangt und „mobile“ Formen der Theoriebildung thematisiert werden, so werden dennoch in der aktuellen Mobilitätsdebatte die eigenen Reisen der Forscher_innen selten problematisiert – Forschungsreisen erscheinen in den oftmals langen Listen verschiedener Formen des Reisens erstaunlicherweise nicht! Und das, obwohl in der Mobilitätsdebatte stets für einen inklusiven Ansatz plädiert wird, der die verschiedenen Formen von Fortbewegung als miteinander verschränkt betrachten soll. Und das, obwohl Wissenschaftler_innen verschiedenster Disziplinen oft auf Forschungsreisen gehen und Reisen ein fester Bestandteil von Forschungspraxis ist – gereist wird zum Wissensgewinn (Forschungsreisen, Expeditionen, Feldforschung) und zur Wissensvermittlung und -dissemination (Vorträge, Konferenzen, Gastlehre).

Reisen ist in Förderprogrammen der Forschung fest verankert. Allerdings lässt sich feststellen, dass das Reisen selbst hier selten als Forschungsverfahren Bedeutung erhält, sondern vielmehr Mittel zum Zweck ist: Es gilt, an Ort B – also „dort“ - etwas herauszufinden, was an Ort A – also „hier“ – so nicht herauszufinden ist. Das Reisen dient ausschließlich dazu, eine Anwesenheit an diesem anderen Ort der Forschung zu ermöglichen. Die Reise in das Unbekannte kann hierbei als Metapher für Erkenntnis gelesen werden. Während bei Forschungsreisen das Reisen, das Unterwegssein (auch in seiner kulturellen, sozialen und ökonomischen Bedeutung) also meist ausgeklammert wird, soll der Fokus hier darauf liegen, wie das Reisen selbst zum Forschungsverfahren werden kann – ohne die Bedeutung, die Start und Ziel bei einer Reise haben, aus den Augen zu verlieren. Oder, in anderen Worten: Für das Reisen als transdisziplinäres Forschungsverfahren sind die Reise sowie die bereisten Orte von Bedeutung.

3.Kunst, Forschung und Reisen Von der Grand Tour bis zu heutigen „artist residencies“ waren und sind Künstlerreisen etablierter Bestandteil von Kunstausbildung und Kunstpraxis. Bei der historischen wie der zeitgenössischen Künstlerreise steht oftmals die Erfahrung (gegenüber der Erforschung) eines anderen Ortes im Vordergrund: „Die Reise gilt als bewährtes und keineswegs aus der Mode gekommenes Instrument der Künstlerwerdung. Grundprinzip ist die Idee der Welt¬erfahrung, eine metaphorisch überhöhte Verortung in der Welt.“ (Schneemann 2010: 83). In Künstlerreisen wird damit eine etablierte Vorstellung des Reisens aufgegriffen: „Reisen erscheint in der Forschung als die paradigmatische Form der ,Erfahrung‘.“ (Bauerkämper et al 2004: 14). Ob Erforschung oder Erfahrung – Christian Kravagna beschreibt, wie im 19. und 20. Jahrhundert die künstlerische Reisetätigkeit der ethnographsichen hinsichtlich des Blickes auf das Fremde entspricht: „Wichtig scheint, dass die andere Kultur ihren festen Ort hat, an dem sie als Modell von Differenz bewahrt werden kann. In diesem Sinn ent-spricht die künstlerische Perspektive jener der zeitgenössischen Ethnografie mit ihrer Verweigerung von Gleichzeitigkeit.“ (Kravagna 2010: 68). Dazu kommt, dass diese Reisen bzw. Vorstellungen vom Fremden parallel zu den kolonialistischen Eroberungen der westlichen Großmächte verlaufen – Kravagna spricht hierbei von einer „wechselseitigen Speisung von Imagination und Praxis“ (Kravagna 2010: 63). Interessanterweise wird die Parallele zwischen Kunst und Ethnographie vor allem in den letzten Jahrzehnten wichtig für die Kunstheorie, als Hal Foster 1996 berühmterweise ein Konzept von Künstler_innen als Ethnograph_innen entwickelt. Künstlerische Praxis wird hierbei mit der Praxis der Feldforschung verglichen. Was jedoch speziell das Reisen angeht, so sieht Kravagna eine „Neuformulierung des ‘artist-as-traveller‘“ vor allem in der „postkolonialen Darstellung der Vervielfältigung von freiwilligen und unfreiwilligen Formen des Unterwegsseins“ (Kravagna 2010: 70). Verschiedene Formen des Unterwegsseins ersetzen hierbei die eine Reise, die laut Kravagna in ihrer Rahmung durch „Abreise und Rückkehr“ stets mit einer westlichen Perspektive verbunden bleibt: „Denn in dieser rekursiven Bewegung wäre das soziale Imaginäre des Westens unterwegs immer präsent.“ (Kravagna 2010: 71).

In der „world on the move“ geht es nicht nur um die eine Reise, die die Künstler_innen unternehmen, sondern um eine vielschichtige Mobilität, an der die Künstler_innen nicht nur aktiv teilhaben, sondern dies in ihren Reisen und Arbeiten darstellen. Miwon Kwon entwirft den Begriff des „itinerant artist“ (Kwon 2004), um die Mobilität zeitgenössischer Künstler_innen zu beschreiben. Interessanterweise entwickelt Kwon diesen Begriff vor dem Hintergrund der Site-specific Art: Künstler_innen reisen deshalb soviel, weil die Orte, an denen Kunstprojekte stattfinden, für deren Produktion und Rezeption seit der Minimal Art in den 60er Jahren immer wichtiger werden. [Auch James Meyer beschreibt in diesem Kontext, dass Reisen ein konstitutives Element in der Arbeit vieler zeitgenössischer Künstlerinnen geworden ist (Meyer 2000).]

4.Itinerant Artists – Francis Alÿs, Christian-Philipp Müller, Heath Bunting... um nur einige zu nennen Im Jahr 1997 macht der belgische Künstler Francis Alÿs, der in Mexiko lebt, einen größtmöglichen Umweg, um von Tijuana in Mexiko nach San Diego in die Staaten zu kommen: Einen direkten Grenzübergang zwischen Mexiko und den USA vermeidend, reist er über Australien, Asien und Kanada in die USA ein – einmal um den Globus. Dokumentiert ist die Reise mit einer Postkarte, die ein Bild des Meeres zeigt (kein Land in Sicht) und auf der Rückseite ein Diagramm seiner Route mit einer kurzen Erklärung: „The project remained free and clear of all critical implications beyond the physical displacement of the artist.“ (Alÿs 1997). Reisen wird zu einer exzessiven, sich verausgabenden Geste – maximaler Aufwand, minimales Resultat -, die in der Demonstration der Reisefreiheit des Künstlers (einmal um den Globus) auch die Restriktionen aufzeigt, denen das Reisen sonst oft unterliegt: die Grenze zwischen Mexiko und den USA stellt für viele ein unüberwindbares Hindernis dar. Im Jahr 1993 überquert Christian Philipp Müller für Green Border, seinen Beitrag für den österreichischen Pavillon in Venedig, die Grenzen von Österreich in die acht benachbarten Länder: Fotos zeigen ihn in Wanderausrüstung durch eine Waldlichtung spazieren oder über kleinen Bach springen, die Bildunterschrift beschreibt den entsprechenden Grenzübertritt, z.B. „Illegal Bordercrossing between Austria and Czechoslovakia“ (der Grenzübertritt, bei dem Müller und sein Assistent übrigens festgenommen wurden). Hier wird nicht nur die Kontrollfunktion der Grenze deutlich, sondern auch die Kontingenz dieser Kontrolle – als EU-Innengrenze ist die Grenze zwischen Österreich und Tschechien (auch der Staat Tschechoslowakei existiert nicht mehr) heute legal passierbar (vorausgesetzt, man geniesst Reisefreiheit im Schengenraum). Grenzen sind polysemisch – sie haben unterschiedlich Bedeutungen für denjenigen, der sie überquert, und ihre Bedeutung ist ständig veränderbar (siehe Balibar 2000). In ihren Reisen (die, und dies sei am Rande erwähnt, beide nicht zielorientiert sind) erforschen Alÿs als auch Müller die physischen und politischen Realitäten von Grenzen (im Gegensatz zur metaphorischen Grenzüberschreitung – ein Bild, das auch oft in der Kunst verwendet wird). Der britische Künstler und Medienaktivist Heath Bunting widmet sich in seinem BorderXing Projekt ganz konkret der Erforschung der europäischen Grenzen: er dokumentiert seine Grenzübertritte (die ebenso wie Müllers in der Landschaft, nicht an vorgesehenen Grenzübergängen stattfinden) in Form von Tipps, Strategien und praktischen Hinweisen für illegale Grenzübertritte, die er im Netz zur Verfügung stellt. In ihren Reiseprojekten setzen Alÿs, Müller und Bunting verschiedene Formen des Reisens, die unterschiedlichen Motivationen und Zwängen folgen, in Beziehung zueinander: die Künstlerreise (alle sind für Kunstprojekte unterwegs), die touristische Reise (Müller erinnert auf seinen Fotos z.B. stark an einen Urlauber), Migration und Flucht.


5.Reisemetaphern Ramona Lenz beschreibt, dass im Zuge des Mobility Turn Mobilitäten nicht nur zum Forschungsgegenstand wurden, sondern dass zudem „über Disziplinengrenzen hinweg gezielt mobiltätsbezogene Metaphern“ (Lenz 2011: 2) eingeführt wurden. Durch Metaphorisierung wird Mobilität zu einem Werkzeug, die Welt zu sehen, und zu einem Denkmodell. Edward Said, beispielsweise, entwirft das Modell der „travelling theory“: laut Said bilden und entwickeln sich Theorien weiter, indem sie sich von Person zu Person, von Ort zu Ort bewegen – kurz, indem sie reisen. Reise ist hier als ein Grundmoment für Theoriebildung beschrieben. Ein Moment, den auch James Clifford hervorhebt: "Theory" is a product of displacement, comparison, a certain distance. To theorize, one leaves home.“ (Clifford 1989) Doch Clifford problematisiert in der Metapher der Reise auch die Herstellung von Theorien, insbesondere im postkolonialen Kontext: „But how is theory appropriated and resisted, located and displaced? How do theories travel among the unequal spaces of postcolonial confusion and contestation? What are their predicaments? How does theory travel and how do theorists travel? Complex, unresolved questions.“ (Clifford 1989). Bei der Vorstellung von Theoriebildung als reisen geht es jedoch nicht um eine Loslösung der Theorien von ihren spezifischen Kontexten: „Theory is always written from some "where", and that "where" is less a place than itineraries: different, concrete histories of dwelling, immigration, exile, migration.“ (Clifford 1989). Auch hier zeigt sich: Reisen ver- und entortet immer gleichzeitig. Dabei gehen Metaphern der Mobilität (und auch der Sesshafitgkeit) oftmals mit Wertungen einher: Gilles Deleuze und Félix Guattari führen berühmterweise das Modell des Nomadischen ein, um fixierte Kategorien und Strukturen infragezustellen und zu überwinden – Bewegungen werden zur primären Raumordnung (und nicht mehr die Orte). Dieses Modell wird von vielen Denker_innen aufgenommen (z.B. Paul Virilio, Michel de Certeau, Michael Hardt und Antonio Negri), um sich damit in ihren Theorien gegen festgelegte Identitäten zu wehren oder eine Welt „im Fluss“ zu beschreiben. Gleichzeitig problematisieren Kritiker_innen die Figur des Nomadischen, da sie materielle und körperliche Gegebenheiten des Reisens ignoriere und damit Machtverhältnisse und Fragen von race, class oder gender ausblende (siehe beispielsweise Kaplan 1996). Doch – wie Lenz ausführt – lassen sich Metaphern und Realitäten des Reisens nicht einfach voneinander trennen: „[Metaphern] sind [...] grundlegend für das Handeln in der Welt und können eine materiell wirksame Macht entfalten, indem über die definiert wird, was wahr ist und was nicht. [...]Die Erforschung und Theoretisierung von Mobilität kommt ohne die Anerkennung von Körperlichkeit und Materialität nicht aus. Um der Vielfalt der Mobilitätspraxen und –konzepte gerecht zu werden, müssen ForscherInnen und erkenntnisleitende Metaphern aber gleichzeitig in Bewegung bleiben. Der mobility turn und seine Metaphern müssen immer wieder auf Potenziale, Grenzen und Gefahren beim Verstehen, Erklären und Beeinflussen der Welt überprüft werden.“(Lenz 2011: 23/24). Reisen als transdisziplinäres Forschungsverfahren zu verstehen heißt auch, die Beziehung zwischen der Reise als Denkfigur und der physischen Reise in den Blick zu nehmen.

6.Lone Twin – „Wenn einer eine Reise tut...“ 2007 feiert das britische Performanceduo Lone Twin (Gregg Whelan und Gary Winters) sein neunjähriges Bestehen mit der Performance Nine Years. Die Performance – ein Rückblick auf die verschiedenen Projekte und Arbeiten – ist ein Reisebericht: die gemeinsame Arbeit wird als neunjährige Reise dargestellt, und gleichzeitig sind die vorgestellten vergangenen Arbeiten Reiseprojekte. Für Lone Twin bedeutet Reisen vor allem, Geschichten zu sammeln und andere Leute zu treffen, denn die Geschichten handeln in erster Linie nicht von Gregg und Gary selbst, sondern von den Leuten, denen sie auf ihren Reisen begegnen. Durch die Regeln und Parameter, die ihren Reisen zugrunde liegen – entlang einer geraden Linie einen Telegraphenmast durch eine Ortschaft tragen, 24 Stunden auf einer Brücke auf und ab gehen, 72 Stunden lang alle Straßen von Nottingham abgehen – öffnen sich Lone Twin radikal der Begegnung mit anderen: Sie ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und setzen sich Anstrengungen und Belastungen aus, die Passantinnen oftmals motivieren, ihnen zu helfen oder Gesellschaft zu leisten. In der Erfahrung des Reisens findet damit eine Perspektivenverschiebung statt: es geht nicht mehr um die Erfahrungen der Reisenden und um deren Blicke auf die anderen, sonders es geht um die anderen, die ebenfalls unterwegs sind und somit zu Mitreisenden werden. Doch diese Perspektiven überlagern sich: Lone Twin erzählen von ihren Reisen durch die anderen.

7. Reisen und Dokumentation – „so kann er was erzählen“ Reisen und Dokumentation gehen miteinander einher: wer reist, fotografiert, filmt, führt Tagebuch, schreibt Postkarten und kauft Souvenirs. Die Reiseerfahrung soll nicht nur festgehalten werden, sondern mit anderen geteilt werden. Während in der Tourismusforschung oftmals eher das visuelle Element betont wird (siehe beispielsweise John Urry’s The Tourist Gaze), steht in der Ethnologie das Schreiben im Vordergrund. Clifford Geertz prägt in diesem Zusammenhang die Idee der „thick description“ und beschreibt ethnologische Reiseberichte folgendermaßen: „Die übergreifende Form […] ist die Geschichte einer Suche: der Abschied von ver¬trauten, langweiligen, merkwürdig bedrohlichen Gestaden; die mit Abenteuern verbundene Reise in eine andere, dunklere Welt voller vielfältiger Phantasiegebilde und seltsamer Offenbarungen; das krönende Mysterium, das absolute Andere […]; die Rückkehr in die Heimat, um, ein wenig wehmütig, den Verständnislosen, die ereignislos zurückgeblieben sind, Geschichten zu erzählen.“ (Geertz 1993:48) Reisen produziert nicht nur Geschichten, sondern die Reise selbst wird zum Narrativ – hier das Narrativ einer Erkenntnis. Im Hinblick auf Reisen als transdisziplinäres Forschungsverfahren ergeben sich daraus zwei Punkte: Erstens: die Tätigkeit des Dokumentierens ist den verschiedenen Formen des Reisens immanent und verbindet somit das Reisen als Alltagspraxis, als künstlerische Praxis und als Forschungspraxis. Zweitens: beim Reisen geht es somit auch immer um Formen des Dokumentierens und Repräsentierens, und zwar nicht erst im Nachhinein, sondern als dessen integraler Bestandteil – was auch bedeutet, dass schon während der Reise die Adressierung einer künftigen Öffentlichkeit zumindest mitgedacht werden muss.

8.Mobilität als An- und Abwesenheit „Mobilität ist ein Zustand, in dem Individuen an einem Ort anwesend sind und gleichzeitig auch abwesend bzw. sich zugleich an einem anderen Ort aufhalten [...]. Mobilität wäre also weder Beweglichkeit noch Bewegung, ihre Besonderheit läge vielmehr darin, ein Zustand der anwesenden Abwesenheit.“ (Holert/Terkessidis 2005: 102). So lautet Mark Terkessidis’ und Tom Holerts Definition von der „world on the move“. Ob man ihrem Verständnis von Mobilität als „Zustand“ folgen mag oder nicht , ihr Konzept der „anwesenden Abwesenheit“ fügt der Mobilitätsdebatte, die sich meist zwischen Begriffen wie Verortung und Bewegung positioniert, einen interessanten Aspekt hinzu. Auch für das Reisen als transdisziplinäres Forschungsverfahren eröffnen sich hier Fragestellungen – wie bin ich anwesend abwesend – und Arbeitsweisen – wie forsche ich mit An- und Abwesenden. Reisen wird dann nicht nur das Mittel um von A nach B zu kommen, und an B zu forschen, sondern Reisen ermöglicht es, gleichzeitig an A, B und dazwischen zu forschen.

Bibliographie

  • Balibar, Étienne (2000): Politics and the Other Scene. London/New York.
  • Bauerkämper, Arnd/Bödeker, Hans Erich/Struck, Bernhard (Hg.) (2004): Die Welt erfahren. Reisen als kulturelle Begegnung von 1780 bis heute, Frankfurt/Main.
  • Clifford, James (1989): "Notes on Theory and Travel". In: Clifford, James/Dhareshwar, Vivek (Hg.): Travelling Theories, Travelling Theorists, Inscriptions 5.
  • Deleuze, Gilles/Guattari, Félix (1992). Tausend Plateaus, Berlin.
  • Geertz, Clifford (1993): Die künstlichen Wilden. Der Anthropologe als Schriftsteller, Frankfurt/Main.
  • Holert, Tom/Terkessidis, Mark (2005): "Was bedeutet Mobilität?". In: Kölnischer Kunstverein/DOMiT/Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Universität Frankfurt a.M./Institut für Theorie der Gestaltung und Kunst HGK Zürich (Hg.): Projekt Migration, Köln, S. 98-107.
  • Kaplan, Caren (1996): Questions of Travel: Postmodern Discourses of Displacement, Durham/London.
  • Karentzos, Alexandra/Kittner, Alma-Elisa/Reuter, Julia (Hg.) (2010): Topologien des Reisens. Tourismus-Imagination-Migration, Trier.
  • Kravagna, Christian (2010): "The Artist as Traveller. Aus den Reisealben der (Post-)moderne". In: Karentzos, Alexandra/Kittner, Alma-Elisa/Reuter, Julia (Hgg.) (2010): Topologien des Reisens. Tourismus-Imagination-Migration, Trier, S. 60-79.
  • Kwon, Miwon (2004): One Place after Another: Site-Specific Art and Locational Identity, Cambridge (MA)/London.
  • Lenz, Ramona (2011): Von der Metaphorisierung der Mobilität zum ›Mobility Turn‹. Working Paper. International Platform for Transdisciplinary Studies on Mobilities.
  • Meyer, James (2000): "Nomads: Figures of Travel in Contemporary Art". In: Coles, Alex (Hg.): Site-Specficity: The Ethnographic Turn, de-, dis,-, ex-, Volume 4, London, S.10-26.
  • Said, Edward (1983): The World, the Text and the Critic, Cambridge (MA).
  • Schneemann, Peter (2010): "'Miles and More': Welterfahrung und Weltentwurf des reisenden Künstlers in der Gegenwart". In: Karentzos, Alexandra/Kittner, Alma-Elisa/Reuter, Julia (Hgg.) (2010): Topologien des Reisens. Tourismus-Imagination-Migration, Trier, S. 80-89.
  • Urry, John (1990): The Tourist Gaze: Leisure and Travel in Contemporary Societies, London.
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