<?xml version="1.0"?>
<?xml-stylesheet type="text/css" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/skins/common/feed.css?303"?>
<feed xmlns="http://www.w3.org/2005/Atom" xml:lang="de">
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/api.php?action=feedcontributions&amp;feedformat=atom&amp;user=Lene+Benz</id>
		<title>A-Z der transziplinären Forschung - Benutzerbeiträge [de]</title>
		<link rel="self" type="application/atom+xml" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/api.php?action=feedcontributions&amp;feedformat=atom&amp;user=Lene+Benz"/>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Spezial:Beitr%C3%A4ge/Lene_Benz"/>
		<updated>2026-08-31T08:19:05Z</updated>
		<subtitle>Benutzerbeiträge</subtitle>
		<generator>MediaWiki 1.18.1</generator>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Bezeugen</id>
		<title>Bezeugen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Bezeugen"/>
				<updated>2012-10-24T21:41:27Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Bibliographie */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Begriff]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen als transdisziplinäres Verfahren==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen als transdisziplinäres Verfahren bietet die Möglichkeit, eine außerkünstlerische Wirklichkeit in die künstlerische Rahmung zu holen. Es lässt Elemente der individuellen Geschichte mit jenen der kollektiven zusammentreffen und öffnet die Jetzt-Zeit und den aktuellen Ort, in dem es einen Bezug zu anderen Zeiten und anderen Orten herstellt. Das Verfahren des Bezeugens ermöglicht es, Experten, die im Namen eines Fachwissens, einer Disziplin sprechen, Betroffene, die ihre subjektive Sichtweise artikulieren und Zeitzeugen in eine transdisziplinäre Forschungssituation einzubinden. So kann Zeugenschaft als Schnittstelle zwischen mehreren Diskursen fungieren und als Form der indirekten Kenntnisnahme und Wissensvermittlung wirken (vgl. Schmidt et al. 2011: 10). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemand kann Geschehnisse bezeugen, über die er/sie durch eigene körperlich-sinnliche Wahrnehmung Angaben machen kann. Sie oder er setzt die eigene Person für die Wahrheit der Zeugenaussage ein und bestimmt das eigene Wort zum Bezugspunkt einer unbekannten oder ungesicherten Realität (vgl. Baer 2000: 7). Das Bezeugen ist ein Verfahren der Wissensproduktion und als solches häufig Bestandteil von Wahrheitsprozeduren; dennoch bleibt das Bezeugte stets epistemologisch prekäres Wissen, angewiesen auf Verfahren der Authentizitäts- und Evidenzerzeugung. Das Bezeugen ist inter-subjektiv nach außen gerichtet: potentielle Empfänger und soziale Instanzen der Beurteilung, Korrektur oder Ergänzung setzt es immer schon voraus (vgl. Assmann 2007: 34). Der Zeuge spricht im Namen von etwas anderem oder jemand anderen (das lateinische Wort für Zeuge ''superstes'' lässt sich auch mit »darüber hinaus bestehend« übersetzen), zu einem Publikum, das seinen Bericht aufnimmt, eventuell weiter trägt und das Beglaubigte zu einem Zeugnis macht. Daher hat die Szene der Zeugenschaft eine dialogische Struktur. Der Kontext der Szene bestimmt – häufig im Rahmen einer gegebenen institutionellen Form – was in dem performativen Akt des Bezeugens zur Sprache kommt und wie es das tut. Dem Zeugnis ist eine illokutionäre Kraft und soziale Wirkmächtigkeit eigen; hierin unterscheidet es sich gegebenenfalls von den Verfahren des Beschreibens oder Dokumentierens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen kann verschiedene Verfahren miteinander verschränken (z.B. sprachliche Verfahren wie das Interview, visuelle Verfahren wie die Fotographie u.v.m.).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen in seinen juristischen Formen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen ist uns vor allem in juridischen Zusammenhängen bekannt; auf diesen Kontext verweist das lateinische Wort für Zeuge, ''testis''. Vor Gericht bezeugt eine Person, die in einem Verfahren über eigene Wahrnehmungen aussagen soll (als Beweiszeuge) oder zum Abschluss von Rechtsgeschäften zugezogen wird (als Instruments-, Solennitätszeuge, dessen Zuziehung formal vorgeschrieben ist und ohne den das Rechtsgeschäft nicht gültig ist). Ein sachverständiger Zeuge soll über Tatsachen und Zustände aussagen, zu deren Wahrnehmung besondere Sachkunde notwendig ist (vgl. »Zeugnis« in: Bundeszentrale für Politische Bildung (2010): S.533 ff). Zu unterscheiden ist die Funktion des Zeugens im Strafprozess und im Zivilprozess. Im Strafprozess bezeugt das Opfer selbst das Geschehnis während im Zivilprozess als Zeuge nur vernommen werden kann, wer nicht für die Parteivernehmung in Betracht kommt. Hier tritt der Zeuge als ein Außenstehender zwischen den Täter und den Geschädigten. Das Bezeugen ist mit einer prinzipiellen Fehlbarkeit verbunden: was der Zeuge sagt, kann immer auch falsches Zeugnis sein. Daher gilt es, die Glaubwürdigkeit eines Zeugen zu überprüfen: der Zeuge muss über-zeugen. Bezeugen ist nur dort notwendig, wo keine Evidenz, wo Unwissen besteht; ist der Zeuge glaubwürdig, verwandelt der Glaube an ihn Ungewissheit in Gewissheit (vgl. Sibylle Krämer http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/2009_02/12_kraemer/index.html).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen im religiösen Kontext==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Glaubens verweist nun auf eine zweite Herkunft des Begriffes Zeuge aus dem Griechischen: ''màrtyr''. Der Märtyrer nimmt für seine religiöse Einstellung bewusst den Tod auf sich. Sowohl das Judentum, Christentum, der Islam, als auch der Buddhismus kennen diesen Typen des Zeugens; es gibt ihn aber auch im säkularisierten Sinn (als Opfer politischer Unterdrückung, von Naturkatastrophen oder Unfällen). Durch die Kreuzigung Christi wurde das Gedenken an den Opfertod noch mal in besonderer Weise erhöht (Preißler 1999: 382 - 385). Die ersten Glaubenszeugnisse des Christentums sind körperliche Zeugnisse: die Märtyrer wollen an und durch ihren Körper die Wahrheit ihres Glaubens bezeugen. Der Märtyrertod ist eine Inversion von politischer Unterlegenheit in religiöse Überlegenheit: das Zeugnis des Märtyrers findet kein Gehör vor dem irdischen Gericht und appelliert an eine höhere religiöse Instanz (Assmann 1997: 36). So wird der physische Tod in einen symbolischen Akt umkodiert. Auch der Märtyrer ist angewiesen auf einen zweiten Zeugen, der seinen Tod wahrnimmt, ihn als religiösen Opfertod deutet und in ein Zeugnis verwandelt (vgl. die Evangelisten, die den Märtyrertod und die Wiederauferstehung Christi bezeugen). Judentum. Im Koran kommt das Wort Märtyrer nicht vor, doch im Islam ist er gebräuchlich für den, der bei der Ausübung seiner Religion oder im Kampf gegen die Ungläubigen oder das Böse den Tod findet (vgl. das Wort Schahid / ‏شهيد‎ / šahīd für Zeuge). Aktuelle Beispiele einer politischen Varianten des religiösen Zeugen, die versuchen, eine (mediale) Öffentlichkeit herzustellen, die (evtl. unfreiwillig) zum Zeuge des Ereignisses wird, sind Selbstmordattentäter, die andere Menschen mit in den Tod reißt, und die Selbstverbrennung tibetischer Mönche, die aus Protest gegen die chinesische Regierung die Gewalt gegen sich selbst richten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Das historische Bezeugen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der historische Zeuge übermittelt seine Erinnerungen und Erlebnisse vergangener Ereignisse an diejenigen, die das Geschehen nicht selbst erlebt haben. Diese Art des Bezeugens können auch Akte, Medien, Dokumente erfüllen. Der Zeitzeuge hat eine subjektive Perspektive auf das Geschehene, zum Teil ist er betroffen. Das Paradox der Zeugenschaft besteht darin, dass auch Zeugenrede der subjektiven Perspektive das singuläre Erlebnis nicht in einem authentischen oder unverfälschten Bericht über das Vorgefallene artikuliert; auch sie vollzieht sich geprägt von bestehenden diskursive Formationen und in präfigurierten, zugewiesenen Bereichen (vgl. http://eipcp.net/transversal/0408/nowotny/de), richtet sich aber im Gegensatz zur juridische Zeugenrede nicht an eine Institution, sondern an Personen. Das historische Zeugnis wird Teil von Geschichtsschreibung; in der oral history erweitert es die Geschichtsschreibung um eine Erfahrungsdimension. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Zeugens ist stark mit der Shoah verbunden; durch das Ausmaß und die Intensität der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik kommt den Zeugnissen der Überlebenden eine besondere Stellung zu (vgl. Elm/Kößler 2007: 9). Aleida Assmann beschreibt den Überlebenden, der die Shoah bezeugt, als den moralischen Zeugen (Asmann 2007: 33 - 51). Er nimmt Züge aller anderen Typen von Zeugen in sich auf und unterscheidet sich doch grundlegend. Das moralische Bezeugen schließt ein Schweigen, ein Nicht-sprechen-Können mit ein (Dem Überlebenszeugen wohnt eine Unmöglichkeit des Zeugens inne, denn er selbst ist nicht gestorben, er ist den Weg nicht bis ans Ende gegangen.)&amp;lt;ref&amp;gt; Primo Levi schreibt: »Wir sind die, die […] den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht berührt haben. Wer ihn berührt, wer das Haupt der Medusa erblickt hat, konnte nicht mehr zurückkehren, um zu berichten, oder er ist stumm geworden.« (Levi 1990: 83) &amp;lt;/ref&amp;gt;  Der Überlebenszeuge markiert die durch die Toten hinterlassene Leerstelle des Zeugens, er verweist auf die Abwesenheit dessen, was nicht bezeugt werden kann. In den Konzentrationslagern wurden systematisch das Bewusstsein und die Personalität der Häftlinge zerstört, aus der heraus bezeugt werden kann (vgl. die Figur des Muselmanns, des lebenden Toten, des alles Menschlichen Beraubten bei Primo Levi (Levi 1992) und Giorgio Agamben (Agamben 2003)) &amp;lt;ref&amp;gt; Siehe auch Bernstorff/Haas: »Von Auschwitz schweigen. Sprachlosigkeit und Shoah«, in: Thewis. Zeitschrift der Gesellschaft für Theaterwissenschaft. Ausgabe 10/10 http://www.thewis.de/?q=node/337 vom 15.10.2012. &amp;lt;/ref&amp;gt;. Das moralische Bezeugen wird teil eines universalistischen Diskurses und einer moralischen Gemeinschaft. Es macht uns darauf aufmerksam, dass das Bezeugen mit Verlust, Tod, Abwesenheit und Trauma verbunden ist. &amp;lt;ref&amp;gt;  Vergl. hierzu auch Arbeiten von Walid Raad und Rabih Mroué, Künstler, die sich mit dem Krieg im Libanon auseinandersetzen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Kritik des Bezeugens==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Text zu Literatur und Zeugenschaft, in dem er über eine autobiographische Erzählung Maurice Blanchots schreibt, weist Derrida darauf hin, dass jedem Zeugnis die Möglichkeit der Fiktion innewohnt (vgl. Derrida 1998: 25). Die Wahrheitsbedingung des Zeugnisses sieht Derrida in dem Versprechen, jeder, der zur gleichen Zeit am gleichen Ort anwesend wäre, hätte das Gleiche wie der Zeuge gehört oder gesehen und würde die Wahrheit des Zeugnisses exemplarisch wiederholen (ebd.: 33). Doch diese Universalisierung kann nach Derrida niemals bruchlos sein, da die Erfahrung zum einen an den Leib gebunden und singulär ist (ebd.: 28), zum anderen kann sie nur mithilfe von Sprache (mithilfe einer Technik) rekonstruiert werden; sie ist daher iterierbar und mithin sekundär, abgeleitet und kontextunabhängig wiederholbar. Dies macht auf eine weitere Bedeutung des Begriffes des Zeugens aufmerksam: zeugen bedeutet das Schaffen von Nachkommen, das Begründen einer Genealogie. Diese Bedeutung verweist auf eine schöpferische Dimension des ''Be''zeugens, auf das ''Er''zeugen: Das Verfahren des Bezeugens ist von der Darstellung nicht zu lösen. Dieser Unsicherheit im Kern des Bezeugens wird begegnet, indem der Zeuge zum Bürgen wird: seine Glaubwürdigkeit liegt mehr noch im performativen Akt seiner Bürgschaft begründet als im Inhalt des Bezeugten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen als künstlerisches Verfahren==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es die illokutionäre Kraft des Sprechaktes des Bezeugens ist, der kontextgebunden eine soziale Wirkmächtigkeit entfaltet, ist in Frage zu stellen, ob in einer künstlerischen Rahmung Bezeugen im engen Sinne des Wortes überhaupt geschieht oder ob es sich nicht um Beschreiben, Dokumentieren, Beweisen u.a. handelt.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
In der antiken Tragödie gibt es die Zeugenfigur des Boten, der anderen Bühnenfiguren einen Bericht über Ereignisse abgibt, die auf der Bühne nicht gezeigt werden (z.B. in ''Antigone'' von Sophocles (vgl. Sophocles 1995). So erhält das Publikum Informationen, die es zum Verständnis des Handlungsfortgangs benötigt. Das Verfahren erlaubt es, eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung zu wahren; es kann auch eingesetzt werden, um Ereignisse, die auf der Bühne nicht gezeigt werden können oder sollen darzustellen. Eine zeitgenössische Interpretation des Boten beschreibt Brecht als ein Paradigma der Episierung: In der ''Straßenszene'' berichtet der Augenzeuge eines Verkehrsunfalls anderen Passanten nachträglich vom Ablauf des Unfalls (vgl. Brecht 1993). Er spielt den Vorfall nicht mimetisch vor, sondern demonstriert lediglich entscheidende Momente und gibt die Handlungen und Haltungen verschiedener Beteiligter wieder, verkörpert diese jedoch nicht. Hier wird das Verfahren des Bezeugens eingesetzt, um die Bühnenrealität aufzubrechen und eine Distanz zu erzeugen, die dem Zuschauer eine kritische Betrachtung ermöglicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das dokumentarische Theater entstand in den sechziger Jahren; bekannte Beispiele sind Stücke von Rolf Hochhuth, Heinar Kipphardt und Peter Weiss. Das dokumentarische Theater übernimmt und inszeniert Quellenmaterial, das historische oder aktuelle (meistens politische) Ereignisse bezeugt, mit der Absicht, ein Theater des Realismus mit dem Ziel der Aufklärung und Agitation zu schaffen. Das dokumentarische Theater kann von einer Nähe zu juristischen Formen des Bezeugens geprägt sein (vgl. ''Die Ermittlung'' von Peter Weiss (vgl. Weiss 2005)) &amp;lt;ref&amp;gt;Peter Weiss beschreibt in ''Notizen zum dokumentarischen Theater'' (1968) das dokumentarische Theater als »Theater der Berichterstattung« auf Grundlage von »Zeugnisse[n] der Gegenwart«. http://www.pohlw.de/literatur/theater/doku-txt1.htm vom 16.11.2012. (Vgl. Barton 1987 und Hilzinger 1976).&amp;lt;/ref&amp;gt; . &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die »Experten des Alltags« in den Stücken von Rimini Protokoll bezeugen sich selbst, indem sie aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen berichten. Auch Arbeiten von Hans-Werner Kroesinger nutzen diese Funktion des Bezeugens, in dem sie historische Originaldokumente und Augenzeugenberichte mit literarischen Texten konfrontieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Body Art bezeugt der Körper	die Realität der vollzogenen Handlungen. Der Einsatz des Körpers des Performers verschiebt die Performance von der Repräsentation zur Präsenz (Chris Burden, Marina Abramovic). Hier lässt sich ein Bezug auf den Märtyrer herstellen: beide überschreiten die Repräsentation des Bezeugtens in Richtung einer unmittelbaren Verkörperung von Wahrheit (Transzendenz).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verfahren des Bezeugens kann Beglaubigungszusammenhänge produzieren, nutzen und offenlegen. Es erschöpft sich nicht in dem Versuch, Realität abzubilden, sondern kann Mittel zur Erschließung von Wirklichkeit durch Bilder und Erzählungen werden, kann Wirklichkeit gestalten. Rabih Mroué verwendet in seinen Lecture Performances häufig fiktive und reale Dokumente und Zeugnisse, um politische Situationen zu bearbeiten. Er wendet die von offizieller Seite intendierten Botschaften des Materials subversiv, indem er es in überraschende Zusammenhänge stellt (vgl. »Photo Romance«, »Drei Plakate« (2003), »Make Me Stop Smoking« (2011), »Probable Title – Zero Probability« von Hito Steyerl und Rabih Mroué (Haus der Kulturen der Welt) (2012), »The Pixelated Revolution« (»Syrian shoot there own death«, Handy- (Youtube-)Videos als Zeugnisse), 2. Berlin Documentary Forum HKW).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Arbeit von Walid Ra’ad und dem fiktiven Kollektiv The Atlas Group beschäftigt sich häufig mit den Möglichkeiten der Repräsentation von traumatischen Ereignissen und der Art und Weise, wie Filme, Videos und Fotos physische und psychische Gewalt bezeugen. In dem von der Atlas Group errichteten Archiv werden gefundene und eigens geschaffene fotografische, audiovisuelle und schriftliche Dokumente des libanesischen Alltags im Bürgerkrieg und heute gesammelt und in Ausstellungen präsentiert (vgl. »The Atlas Group (1989-2004)«, »The Loudest Muttering is Over«.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die künstlerische Rahmung verknüpft das Bezeugen explizit mit der Möglichkeit der Fiktion: es wird markiert und ausgestellt, dass die zu bezeugenden Sachverhalte und Fakten immer durch Selektion, Interpretation, Komposition und Präsentation hervorgebracht und hergestellt werden (das lateinische Wort ''factum'' lässt sich mit ''Tat'', ''Tatsachen'' und mit ''Verfahren'' übersetzen). So kann das Bezeugen Fiktionalisierungsprozesse initialisieren, neue Perspektiven auf scheinbar Bekanntes eröffnen und ein Oszillieren zwischen Wissen und Glauben, Vergangenheit und Gegenwart, Wahrheit und Fiktion, Präsentation und Repräsentation, Anwesendem und Abwesendem produzieren. Es stellt immer die Frage, welche »Wahrheit« bezeugt wird und eröffnet so die Möglichkeit, marginalisierten Positionen und Erfahrungen, die im herrschenden Diskurs sonst nicht zur Sprache kommen, ein Forum zu schaffen und nach alternativen Darstellungsformen des Bezeugens zu suchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Der Zuschauer als Zeuge==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dori Laub weist daraufhin, dass der Zeuge oft nicht weiß, was er sagen wird, wenn er spricht: »Die Erzählung [des Zeugens] entsteht im Zuhören und Gehörtwerden« (Laub 2000: 68.). Daraus folgt eine Verantwortung des Zuschauers für den Akt des Bezeugens: die »Aufforderung an die Zuhörer eines Zeugen [...] impliziert, zumindest teilweise Verantwortung für die von ihm bezeugte Wirklichkeit zu übernehmen. Es geht um die Verpflichtung und um die Möglichkeit, ›für den Zeugen zu zeugen‹, indem wir auf die in jedem Zeugnis erhaltene Aufforderung zum Zuhören und zur Antwort darauf reagieren, dass wir für die Wahrheit der bezeugten Erfahrung mitverantwortlich werden« (Baer 2000: 7). So verdoppelt sich im Zuschauer die Figur des Zeugens zu einer Figur der Antwort und Verantwortung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Agamben, Giorgio (2003): Was von Auschwitz bleibt. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Assmann, Aleida (2007): »Vier Grundtypen von Zeugenschaft«, in: Elm, Michael/Kößler, Gottfried (Hgg.): ''Zeugenschaft des Holocaust: zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung''. Frankfurt am Main/New York, S. 33 - 51.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Baer, Ulrich (Hg.) (2000): Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah, Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Barton, Brian (1987): Das Dokumentartheater, Stuttgart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bertolt, Brecht (1993): »Die Straßenszene«, in: Ders: Werke. Grosse kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Bd. 22.1, Frankfurt am Main, S. 370 - 381. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bundeszentrale für Politische Bildung (2010): Recht A - Z. Fachlexikon für Studium und Beruf, Bonn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derrida, Jaques (2003): Bleibe, Wien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Elm, Michael/Kößler, Gottfried (2007): »Einleitung. Zeugenschaft des Holocaust - Zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung«, in: Dies. (Hgg.): Zeugenschaft des Holocaust: zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung, Frankfurt am Main/New York, S. 7 - 18.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Giesecke, Dana/Welzer, Harald (2012): Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur, Hamburg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hilzinger, Klaus H. (1976): Die Dramaturgie des dokumentarischen Theaters Tübingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laub, Dori: »Zeugnis ablegen oder Die Schwierigkeit des Zuhörens«, in: Baer, Ulrich (Hg.) (2000): Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah, Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Levi, Primo (1992): Ist das ein Mensch?, München.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Levi, Primo (1999): Die Untergegangenen und die Geretteten, München/Wien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Preißler, Holger (1999): »Märtyrer« in: Auffarth, Christoph (Hg.): Metzler-Lexikon Religion, Bd. 2. Stuttgart, S. 382 - 385.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sophocles (1995): Antigone, Stuttgart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weigel, Sigrid (2007): Märtyrer-Portraits. Von Opfertod, Blutzeugen und heiligen Kriegern, München.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, Peter (1968): Notizen zum dokumentarischen Theater«, in: Ders.: ''Dramen II, Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, Peter (2005): Die Ermittlung. Oratorium in 11, Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen == &lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Bezeugen</id>
		<title>Bezeugen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Bezeugen"/>
				<updated>2012-10-24T21:36:37Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Bezeugen als künstlerisches Verfahren */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Begriff]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen als transdisziplinäres Verfahren==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen als transdisziplinäres Verfahren bietet die Möglichkeit, eine außerkünstlerische Wirklichkeit in die künstlerische Rahmung zu holen. Es lässt Elemente der individuellen Geschichte mit jenen der kollektiven zusammentreffen und öffnet die Jetzt-Zeit und den aktuellen Ort, in dem es einen Bezug zu anderen Zeiten und anderen Orten herstellt. Das Verfahren des Bezeugens ermöglicht es, Experten, die im Namen eines Fachwissens, einer Disziplin sprechen, Betroffene, die ihre subjektive Sichtweise artikulieren und Zeitzeugen in eine transdisziplinäre Forschungssituation einzubinden. So kann Zeugenschaft als Schnittstelle zwischen mehreren Diskursen fungieren und als Form der indirekten Kenntnisnahme und Wissensvermittlung wirken (vgl. Schmidt et al. 2011: 10). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemand kann Geschehnisse bezeugen, über die er/sie durch eigene körperlich-sinnliche Wahrnehmung Angaben machen kann. Sie oder er setzt die eigene Person für die Wahrheit der Zeugenaussage ein und bestimmt das eigene Wort zum Bezugspunkt einer unbekannten oder ungesicherten Realität (vgl. Baer 2000: 7). Das Bezeugen ist ein Verfahren der Wissensproduktion und als solches häufig Bestandteil von Wahrheitsprozeduren; dennoch bleibt das Bezeugte stets epistemologisch prekäres Wissen, angewiesen auf Verfahren der Authentizitäts- und Evidenzerzeugung. Das Bezeugen ist inter-subjektiv nach außen gerichtet: potentielle Empfänger und soziale Instanzen der Beurteilung, Korrektur oder Ergänzung setzt es immer schon voraus (vgl. Assmann 2007: 34). Der Zeuge spricht im Namen von etwas anderem oder jemand anderen (das lateinische Wort für Zeuge ''superstes'' lässt sich auch mit »darüber hinaus bestehend« übersetzen), zu einem Publikum, das seinen Bericht aufnimmt, eventuell weiter trägt und das Beglaubigte zu einem Zeugnis macht. Daher hat die Szene der Zeugenschaft eine dialogische Struktur. Der Kontext der Szene bestimmt – häufig im Rahmen einer gegebenen institutionellen Form – was in dem performativen Akt des Bezeugens zur Sprache kommt und wie es das tut. Dem Zeugnis ist eine illokutionäre Kraft und soziale Wirkmächtigkeit eigen; hierin unterscheidet es sich gegebenenfalls von den Verfahren des Beschreibens oder Dokumentierens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen kann verschiedene Verfahren miteinander verschränken (z.B. sprachliche Verfahren wie das Interview, visuelle Verfahren wie die Fotographie u.v.m.).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen in seinen juristischen Formen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen ist uns vor allem in juridischen Zusammenhängen bekannt; auf diesen Kontext verweist das lateinische Wort für Zeuge, ''testis''. Vor Gericht bezeugt eine Person, die in einem Verfahren über eigene Wahrnehmungen aussagen soll (als Beweiszeuge) oder zum Abschluss von Rechtsgeschäften zugezogen wird (als Instruments-, Solennitätszeuge, dessen Zuziehung formal vorgeschrieben ist und ohne den das Rechtsgeschäft nicht gültig ist). Ein sachverständiger Zeuge soll über Tatsachen und Zustände aussagen, zu deren Wahrnehmung besondere Sachkunde notwendig ist (vgl. »Zeugnis« in: Bundeszentrale für Politische Bildung (2010): S.533 ff). Zu unterscheiden ist die Funktion des Zeugens im Strafprozess und im Zivilprozess. Im Strafprozess bezeugt das Opfer selbst das Geschehnis während im Zivilprozess als Zeuge nur vernommen werden kann, wer nicht für die Parteivernehmung in Betracht kommt. Hier tritt der Zeuge als ein Außenstehender zwischen den Täter und den Geschädigten. Das Bezeugen ist mit einer prinzipiellen Fehlbarkeit verbunden: was der Zeuge sagt, kann immer auch falsches Zeugnis sein. Daher gilt es, die Glaubwürdigkeit eines Zeugen zu überprüfen: der Zeuge muss über-zeugen. Bezeugen ist nur dort notwendig, wo keine Evidenz, wo Unwissen besteht; ist der Zeuge glaubwürdig, verwandelt der Glaube an ihn Ungewissheit in Gewissheit (vgl. Sibylle Krämer http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/2009_02/12_kraemer/index.html).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen im religiösen Kontext==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Glaubens verweist nun auf eine zweite Herkunft des Begriffes Zeuge aus dem Griechischen: ''màrtyr''. Der Märtyrer nimmt für seine religiöse Einstellung bewusst den Tod auf sich. Sowohl das Judentum, Christentum, der Islam, als auch der Buddhismus kennen diesen Typen des Zeugens; es gibt ihn aber auch im säkularisierten Sinn (als Opfer politischer Unterdrückung, von Naturkatastrophen oder Unfällen). Durch die Kreuzigung Christi wurde das Gedenken an den Opfertod noch mal in besonderer Weise erhöht (Preißler 1999: 382 - 385). Die ersten Glaubenszeugnisse des Christentums sind körperliche Zeugnisse: die Märtyrer wollen an und durch ihren Körper die Wahrheit ihres Glaubens bezeugen. Der Märtyrertod ist eine Inversion von politischer Unterlegenheit in religiöse Überlegenheit: das Zeugnis des Märtyrers findet kein Gehör vor dem irdischen Gericht und appelliert an eine höhere religiöse Instanz (Assmann 1997: 36). So wird der physische Tod in einen symbolischen Akt umkodiert. Auch der Märtyrer ist angewiesen auf einen zweiten Zeugen, der seinen Tod wahrnimmt, ihn als religiösen Opfertod deutet und in ein Zeugnis verwandelt (vgl. die Evangelisten, die den Märtyrertod und die Wiederauferstehung Christi bezeugen). Judentum. Im Koran kommt das Wort Märtyrer nicht vor, doch im Islam ist er gebräuchlich für den, der bei der Ausübung seiner Religion oder im Kampf gegen die Ungläubigen oder das Böse den Tod findet (vgl. das Wort Schahid / ‏شهيد‎ / šahīd für Zeuge). Aktuelle Beispiele einer politischen Varianten des religiösen Zeugen, die versuchen, eine (mediale) Öffentlichkeit herzustellen, die (evtl. unfreiwillig) zum Zeuge des Ereignisses wird, sind Selbstmordattentäter, die andere Menschen mit in den Tod reißt, und die Selbstverbrennung tibetischer Mönche, die aus Protest gegen die chinesische Regierung die Gewalt gegen sich selbst richten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Das historische Bezeugen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der historische Zeuge übermittelt seine Erinnerungen und Erlebnisse vergangener Ereignisse an diejenigen, die das Geschehen nicht selbst erlebt haben. Diese Art des Bezeugens können auch Akte, Medien, Dokumente erfüllen. Der Zeitzeuge hat eine subjektive Perspektive auf das Geschehene, zum Teil ist er betroffen. Das Paradox der Zeugenschaft besteht darin, dass auch Zeugenrede der subjektiven Perspektive das singuläre Erlebnis nicht in einem authentischen oder unverfälschten Bericht über das Vorgefallene artikuliert; auch sie vollzieht sich geprägt von bestehenden diskursive Formationen und in präfigurierten, zugewiesenen Bereichen (vgl. http://eipcp.net/transversal/0408/nowotny/de), richtet sich aber im Gegensatz zur juridische Zeugenrede nicht an eine Institution, sondern an Personen. Das historische Zeugnis wird Teil von Geschichtsschreibung; in der oral history erweitert es die Geschichtsschreibung um eine Erfahrungsdimension. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Zeugens ist stark mit der Shoah verbunden; durch das Ausmaß und die Intensität der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik kommt den Zeugnissen der Überlebenden eine besondere Stellung zu (vgl. Elm/Kößler 2007: 9). Aleida Assmann beschreibt den Überlebenden, der die Shoah bezeugt, als den moralischen Zeugen (Asmann 2007: 33 - 51). Er nimmt Züge aller anderen Typen von Zeugen in sich auf und unterscheidet sich doch grundlegend. Das moralische Bezeugen schließt ein Schweigen, ein Nicht-sprechen-Können mit ein (Dem Überlebenszeugen wohnt eine Unmöglichkeit des Zeugens inne, denn er selbst ist nicht gestorben, er ist den Weg nicht bis ans Ende gegangen.)&amp;lt;ref&amp;gt; Primo Levi schreibt: »Wir sind die, die […] den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht berührt haben. Wer ihn berührt, wer das Haupt der Medusa erblickt hat, konnte nicht mehr zurückkehren, um zu berichten, oder er ist stumm geworden.« (Levi 1990: 83) &amp;lt;/ref&amp;gt;  Der Überlebenszeuge markiert die durch die Toten hinterlassene Leerstelle des Zeugens, er verweist auf die Abwesenheit dessen, was nicht bezeugt werden kann. In den Konzentrationslagern wurden systematisch das Bewusstsein und die Personalität der Häftlinge zerstört, aus der heraus bezeugt werden kann (vgl. die Figur des Muselmanns, des lebenden Toten, des alles Menschlichen Beraubten bei Primo Levi (Levi 1992) und Giorgio Agamben (Agamben 2003)) &amp;lt;ref&amp;gt; Siehe auch Bernstorff/Haas: »Von Auschwitz schweigen. Sprachlosigkeit und Shoah«, in: Thewis. Zeitschrift der Gesellschaft für Theaterwissenschaft. Ausgabe 10/10 http://www.thewis.de/?q=node/337 vom 15.10.2012. &amp;lt;/ref&amp;gt;. Das moralische Bezeugen wird teil eines universalistischen Diskurses und einer moralischen Gemeinschaft. Es macht uns darauf aufmerksam, dass das Bezeugen mit Verlust, Tod, Abwesenheit und Trauma verbunden ist. &amp;lt;ref&amp;gt;  Vergl. hierzu auch Arbeiten von Walid Raad und Rabih Mroué, Künstler, die sich mit dem Krieg im Libanon auseinandersetzen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Kritik des Bezeugens==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Text zu Literatur und Zeugenschaft, in dem er über eine autobiographische Erzählung Maurice Blanchots schreibt, weist Derrida darauf hin, dass jedem Zeugnis die Möglichkeit der Fiktion innewohnt (vgl. Derrida 1998: 25). Die Wahrheitsbedingung des Zeugnisses sieht Derrida in dem Versprechen, jeder, der zur gleichen Zeit am gleichen Ort anwesend wäre, hätte das Gleiche wie der Zeuge gehört oder gesehen und würde die Wahrheit des Zeugnisses exemplarisch wiederholen (ebd.: 33). Doch diese Universalisierung kann nach Derrida niemals bruchlos sein, da die Erfahrung zum einen an den Leib gebunden und singulär ist (ebd.: 28), zum anderen kann sie nur mithilfe von Sprache (mithilfe einer Technik) rekonstruiert werden; sie ist daher iterierbar und mithin sekundär, abgeleitet und kontextunabhängig wiederholbar. Dies macht auf eine weitere Bedeutung des Begriffes des Zeugens aufmerksam: zeugen bedeutet das Schaffen von Nachkommen, das Begründen einer Genealogie. Diese Bedeutung verweist auf eine schöpferische Dimension des ''Be''zeugens, auf das ''Er''zeugen: Das Verfahren des Bezeugens ist von der Darstellung nicht zu lösen. Dieser Unsicherheit im Kern des Bezeugens wird begegnet, indem der Zeuge zum Bürgen wird: seine Glaubwürdigkeit liegt mehr noch im performativen Akt seiner Bürgschaft begründet als im Inhalt des Bezeugten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen als künstlerisches Verfahren==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es die illokutionäre Kraft des Sprechaktes des Bezeugens ist, der kontextgebunden eine soziale Wirkmächtigkeit entfaltet, ist in Frage zu stellen, ob in einer künstlerischen Rahmung Bezeugen im engen Sinne des Wortes überhaupt geschieht oder ob es sich nicht um Beschreiben, Dokumentieren, Beweisen u.a. handelt.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
In der antiken Tragödie gibt es die Zeugenfigur des Boten, der anderen Bühnenfiguren einen Bericht über Ereignisse abgibt, die auf der Bühne nicht gezeigt werden (z.B. in ''Antigone'' von Sophocles (vgl. Sophocles 1995). So erhält das Publikum Informationen, die es zum Verständnis des Handlungsfortgangs benötigt. Das Verfahren erlaubt es, eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung zu wahren; es kann auch eingesetzt werden, um Ereignisse, die auf der Bühne nicht gezeigt werden können oder sollen darzustellen. Eine zeitgenössische Interpretation des Boten beschreibt Brecht als ein Paradigma der Episierung: In der ''Straßenszene'' berichtet der Augenzeuge eines Verkehrsunfalls anderen Passanten nachträglich vom Ablauf des Unfalls (vgl. Brecht 1993). Er spielt den Vorfall nicht mimetisch vor, sondern demonstriert lediglich entscheidende Momente und gibt die Handlungen und Haltungen verschiedener Beteiligter wieder, verkörpert diese jedoch nicht. Hier wird das Verfahren des Bezeugens eingesetzt, um die Bühnenrealität aufzubrechen und eine Distanz zu erzeugen, die dem Zuschauer eine kritische Betrachtung ermöglicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das dokumentarische Theater entstand in den sechziger Jahren; bekannte Beispiele sind Stücke von Rolf Hochhuth, Heinar Kipphardt und Peter Weiss. Das dokumentarische Theater übernimmt und inszeniert Quellenmaterial, das historische oder aktuelle (meistens politische) Ereignisse bezeugt, mit der Absicht, ein Theater des Realismus mit dem Ziel der Aufklärung und Agitation zu schaffen. Das dokumentarische Theater kann von einer Nähe zu juristischen Formen des Bezeugens geprägt sein (vgl. ''Die Ermittlung'' von Peter Weiss (vgl. Weiss 2005)) &amp;lt;ref&amp;gt;Peter Weiss beschreibt in ''Notizen zum dokumentarischen Theater'' (1968) das dokumentarische Theater als »Theater der Berichterstattung« auf Grundlage von »Zeugnisse[n] der Gegenwart«. http://www.pohlw.de/literatur/theater/doku-txt1.htm vom 16.11.2012. (Vgl. Barton 1987 und Hilzinger 1976).&amp;lt;/ref&amp;gt; . &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die »Experten des Alltags« in den Stücken von Rimini Protokoll bezeugen sich selbst, indem sie aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen berichten. Auch Arbeiten von Hans-Werner Kroesinger nutzen diese Funktion des Bezeugens, in dem sie historische Originaldokumente und Augenzeugenberichte mit literarischen Texten konfrontieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Body Art bezeugt der Körper	die Realität der vollzogenen Handlungen. Der Einsatz des Körpers des Performers verschiebt die Performance von der Repräsentation zur Präsenz (Chris Burden, Marina Abramovic). Hier lässt sich ein Bezug auf den Märtyrer herstellen: beide überschreiten die Repräsentation des Bezeugtens in Richtung einer unmittelbaren Verkörperung von Wahrheit (Transzendenz).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verfahren des Bezeugens kann Beglaubigungszusammenhänge produzieren, nutzen und offenlegen. Es erschöpft sich nicht in dem Versuch, Realität abzubilden, sondern kann Mittel zur Erschließung von Wirklichkeit durch Bilder und Erzählungen werden, kann Wirklichkeit gestalten. Rabih Mroué verwendet in seinen Lecture Performances häufig fiktive und reale Dokumente und Zeugnisse, um politische Situationen zu bearbeiten. Er wendet die von offizieller Seite intendierten Botschaften des Materials subversiv, indem er es in überraschende Zusammenhänge stellt (vgl. »Photo Romance«, »Drei Plakate« (2003), »Make Me Stop Smoking« (2011), »Probable Title – Zero Probability« von Hito Steyerl und Rabih Mroué (Haus der Kulturen der Welt) (2012), »The Pixelated Revolution« (»Syrian shoot there own death«, Handy- (Youtube-)Videos als Zeugnisse), 2. Berlin Documentary Forum HKW).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Arbeit von Walid Ra’ad und dem fiktiven Kollektiv The Atlas Group beschäftigt sich häufig mit den Möglichkeiten der Repräsentation von traumatischen Ereignissen und der Art und Weise, wie Filme, Videos und Fotos physische und psychische Gewalt bezeugen. In dem von der Atlas Group errichteten Archiv werden gefundene und eigens geschaffene fotografische, audiovisuelle und schriftliche Dokumente des libanesischen Alltags im Bürgerkrieg und heute gesammelt und in Ausstellungen präsentiert (vgl. »The Atlas Group (1989-2004)«, »The Loudest Muttering is Over«.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die künstlerische Rahmung verknüpft das Bezeugen explizit mit der Möglichkeit der Fiktion: es wird markiert und ausgestellt, dass die zu bezeugenden Sachverhalte und Fakten immer durch Selektion, Interpretation, Komposition und Präsentation hervorgebracht und hergestellt werden (das lateinische Wort ''factum'' lässt sich mit ''Tat'', ''Tatsachen'' und mit ''Verfahren'' übersetzen). So kann das Bezeugen Fiktionalisierungsprozesse initialisieren, neue Perspektiven auf scheinbar Bekanntes eröffnen und ein Oszillieren zwischen Wissen und Glauben, Vergangenheit und Gegenwart, Wahrheit und Fiktion, Präsentation und Repräsentation, Anwesendem und Abwesendem produzieren. Es stellt immer die Frage, welche »Wahrheit« bezeugt wird und eröffnet so die Möglichkeit, marginalisierten Positionen und Erfahrungen, die im herrschenden Diskurs sonst nicht zur Sprache kommen, ein Forum zu schaffen und nach alternativen Darstellungsformen des Bezeugens zu suchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Der Zuschauer als Zeuge==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dori Laub weist daraufhin, dass der Zeuge oft nicht weiß, was er sagen wird, wenn er spricht: »Die Erzählung [des Zeugens] entsteht im Zuhören und Gehörtwerden« (Laub 2000: 68.). Daraus folgt eine Verantwortung des Zuschauers für den Akt des Bezeugens: die »Aufforderung an die Zuhörer eines Zeugen [...] impliziert, zumindest teilweise Verantwortung für die von ihm bezeugte Wirklichkeit zu übernehmen. Es geht um die Verpflichtung und um die Möglichkeit, ›für den Zeugen zu zeugen‹, indem wir auf die in jedem Zeugnis erhaltene Aufforderung zum Zuhören und zur Antwort darauf reagieren, dass wir für die Wahrheit der bezeugten Erfahrung mitverantwortlich werden« (Baer 2000: 7). So verdoppelt sich im Zuschauer die Figur des Zeugens zu einer Figur der Antwort und Verantwortung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Agamben, Giorgio (2003): ''Was von Auschwitz bleibt''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Assmann, Aleida (2007): »Vier Grundtypen von Zeugenschaft«, in: Elm, Michael/Kößler, Gottfried (Hgg.): ''Zeugenschaft des Holocaust: zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung''. Frankfurt am Main/New York, S. 33 - 51.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Baer, Ulrich (Hg.) (2000): ''Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Barton, Brian (1987): ''Das Dokumentartheater''. Stuttgart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bertolt, Brecht (1993): »Die Straßenszene«, in: Ders: ''Werke. Grosse kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe''. Bd. 22.1. Frankfurt am Main, S. 370 - 381. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bundeszentrale für Politische Bildung (2010): ''Recht A - Z. Fachlexikon für Studium und Beruf''. Bonn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derrida, Jaques (2003): ''Bleibe''. Wien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Elm, Michael/Kößler, Gottfried (2007): »Einleitung. Zeugenschaft des Holocaust - Zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung«, in: Dies. (Hgg.): ''Zeugenschaft des Holocaust: zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung.'' Frankfurt am Main/New York, S. 7 - 18.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Giesecke, Dana/Welzer, Harald (2012): ''Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur''. Hamburg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hilzinger, Klaus H. (1976): ''Die Dramaturgie des dokumentarischen Theaters''. Tübingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laub, Dori: »Zeugnis ablegen oder Die Schwierigkeit des Zuhörens«, in: Baer, Ulrich (Hg.) (2000): ''Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Levi, Primo (1992): ''Ist das ein Mensch?'' München.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Levi, Primo (1999): ''Die Untergegangenen und die Geretteten''. München/Wien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Preißler, Holger (1999): »Märtyrer« in: Auffarth, Christoph (Hg.): ''Metzler-Lexikon Religion''. Bd. 2. Stuttgart, S. 382 - 385.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sophocles (1995): ''Antigone''. Stuttgart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weigel, Sigrid (2007): ''Märtyrer-Portraits. Von Opfertod, Blutzeugen und heiligen Kriegern''. München.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, Peter (1968): »Notizen zum dokumentarischen Theater«, in: Ders.: ''Dramen II''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, Peter (2005): ''Die Ermittlung. Oratorium in 11''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen == &lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Bezeugen</id>
		<title>Bezeugen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Bezeugen"/>
				<updated>2012-10-24T21:35:26Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Kritik des Bezeugens */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Begriff]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen als transdisziplinäres Verfahren==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen als transdisziplinäres Verfahren bietet die Möglichkeit, eine außerkünstlerische Wirklichkeit in die künstlerische Rahmung zu holen. Es lässt Elemente der individuellen Geschichte mit jenen der kollektiven zusammentreffen und öffnet die Jetzt-Zeit und den aktuellen Ort, in dem es einen Bezug zu anderen Zeiten und anderen Orten herstellt. Das Verfahren des Bezeugens ermöglicht es, Experten, die im Namen eines Fachwissens, einer Disziplin sprechen, Betroffene, die ihre subjektive Sichtweise artikulieren und Zeitzeugen in eine transdisziplinäre Forschungssituation einzubinden. So kann Zeugenschaft als Schnittstelle zwischen mehreren Diskursen fungieren und als Form der indirekten Kenntnisnahme und Wissensvermittlung wirken (vgl. Schmidt et al. 2011: 10). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemand kann Geschehnisse bezeugen, über die er/sie durch eigene körperlich-sinnliche Wahrnehmung Angaben machen kann. Sie oder er setzt die eigene Person für die Wahrheit der Zeugenaussage ein und bestimmt das eigene Wort zum Bezugspunkt einer unbekannten oder ungesicherten Realität (vgl. Baer 2000: 7). Das Bezeugen ist ein Verfahren der Wissensproduktion und als solches häufig Bestandteil von Wahrheitsprozeduren; dennoch bleibt das Bezeugte stets epistemologisch prekäres Wissen, angewiesen auf Verfahren der Authentizitäts- und Evidenzerzeugung. Das Bezeugen ist inter-subjektiv nach außen gerichtet: potentielle Empfänger und soziale Instanzen der Beurteilung, Korrektur oder Ergänzung setzt es immer schon voraus (vgl. Assmann 2007: 34). Der Zeuge spricht im Namen von etwas anderem oder jemand anderen (das lateinische Wort für Zeuge ''superstes'' lässt sich auch mit »darüber hinaus bestehend« übersetzen), zu einem Publikum, das seinen Bericht aufnimmt, eventuell weiter trägt und das Beglaubigte zu einem Zeugnis macht. Daher hat die Szene der Zeugenschaft eine dialogische Struktur. Der Kontext der Szene bestimmt – häufig im Rahmen einer gegebenen institutionellen Form – was in dem performativen Akt des Bezeugens zur Sprache kommt und wie es das tut. Dem Zeugnis ist eine illokutionäre Kraft und soziale Wirkmächtigkeit eigen; hierin unterscheidet es sich gegebenenfalls von den Verfahren des Beschreibens oder Dokumentierens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen kann verschiedene Verfahren miteinander verschränken (z.B. sprachliche Verfahren wie das Interview, visuelle Verfahren wie die Fotographie u.v.m.).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen in seinen juristischen Formen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen ist uns vor allem in juridischen Zusammenhängen bekannt; auf diesen Kontext verweist das lateinische Wort für Zeuge, ''testis''. Vor Gericht bezeugt eine Person, die in einem Verfahren über eigene Wahrnehmungen aussagen soll (als Beweiszeuge) oder zum Abschluss von Rechtsgeschäften zugezogen wird (als Instruments-, Solennitätszeuge, dessen Zuziehung formal vorgeschrieben ist und ohne den das Rechtsgeschäft nicht gültig ist). Ein sachverständiger Zeuge soll über Tatsachen und Zustände aussagen, zu deren Wahrnehmung besondere Sachkunde notwendig ist (vgl. »Zeugnis« in: Bundeszentrale für Politische Bildung (2010): S.533 ff). Zu unterscheiden ist die Funktion des Zeugens im Strafprozess und im Zivilprozess. Im Strafprozess bezeugt das Opfer selbst das Geschehnis während im Zivilprozess als Zeuge nur vernommen werden kann, wer nicht für die Parteivernehmung in Betracht kommt. Hier tritt der Zeuge als ein Außenstehender zwischen den Täter und den Geschädigten. Das Bezeugen ist mit einer prinzipiellen Fehlbarkeit verbunden: was der Zeuge sagt, kann immer auch falsches Zeugnis sein. Daher gilt es, die Glaubwürdigkeit eines Zeugen zu überprüfen: der Zeuge muss über-zeugen. Bezeugen ist nur dort notwendig, wo keine Evidenz, wo Unwissen besteht; ist der Zeuge glaubwürdig, verwandelt der Glaube an ihn Ungewissheit in Gewissheit (vgl. Sibylle Krämer http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/2009_02/12_kraemer/index.html).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen im religiösen Kontext==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Glaubens verweist nun auf eine zweite Herkunft des Begriffes Zeuge aus dem Griechischen: ''màrtyr''. Der Märtyrer nimmt für seine religiöse Einstellung bewusst den Tod auf sich. Sowohl das Judentum, Christentum, der Islam, als auch der Buddhismus kennen diesen Typen des Zeugens; es gibt ihn aber auch im säkularisierten Sinn (als Opfer politischer Unterdrückung, von Naturkatastrophen oder Unfällen). Durch die Kreuzigung Christi wurde das Gedenken an den Opfertod noch mal in besonderer Weise erhöht (Preißler 1999: 382 - 385). Die ersten Glaubenszeugnisse des Christentums sind körperliche Zeugnisse: die Märtyrer wollen an und durch ihren Körper die Wahrheit ihres Glaubens bezeugen. Der Märtyrertod ist eine Inversion von politischer Unterlegenheit in religiöse Überlegenheit: das Zeugnis des Märtyrers findet kein Gehör vor dem irdischen Gericht und appelliert an eine höhere religiöse Instanz (Assmann 1997: 36). So wird der physische Tod in einen symbolischen Akt umkodiert. Auch der Märtyrer ist angewiesen auf einen zweiten Zeugen, der seinen Tod wahrnimmt, ihn als religiösen Opfertod deutet und in ein Zeugnis verwandelt (vgl. die Evangelisten, die den Märtyrertod und die Wiederauferstehung Christi bezeugen). Judentum. Im Koran kommt das Wort Märtyrer nicht vor, doch im Islam ist er gebräuchlich für den, der bei der Ausübung seiner Religion oder im Kampf gegen die Ungläubigen oder das Böse den Tod findet (vgl. das Wort Schahid / ‏شهيد‎ / šahīd für Zeuge). Aktuelle Beispiele einer politischen Varianten des religiösen Zeugen, die versuchen, eine (mediale) Öffentlichkeit herzustellen, die (evtl. unfreiwillig) zum Zeuge des Ereignisses wird, sind Selbstmordattentäter, die andere Menschen mit in den Tod reißt, und die Selbstverbrennung tibetischer Mönche, die aus Protest gegen die chinesische Regierung die Gewalt gegen sich selbst richten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Das historische Bezeugen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der historische Zeuge übermittelt seine Erinnerungen und Erlebnisse vergangener Ereignisse an diejenigen, die das Geschehen nicht selbst erlebt haben. Diese Art des Bezeugens können auch Akte, Medien, Dokumente erfüllen. Der Zeitzeuge hat eine subjektive Perspektive auf das Geschehene, zum Teil ist er betroffen. Das Paradox der Zeugenschaft besteht darin, dass auch Zeugenrede der subjektiven Perspektive das singuläre Erlebnis nicht in einem authentischen oder unverfälschten Bericht über das Vorgefallene artikuliert; auch sie vollzieht sich geprägt von bestehenden diskursive Formationen und in präfigurierten, zugewiesenen Bereichen (vgl. http://eipcp.net/transversal/0408/nowotny/de), richtet sich aber im Gegensatz zur juridische Zeugenrede nicht an eine Institution, sondern an Personen. Das historische Zeugnis wird Teil von Geschichtsschreibung; in der oral history erweitert es die Geschichtsschreibung um eine Erfahrungsdimension. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Zeugens ist stark mit der Shoah verbunden; durch das Ausmaß und die Intensität der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik kommt den Zeugnissen der Überlebenden eine besondere Stellung zu (vgl. Elm/Kößler 2007: 9). Aleida Assmann beschreibt den Überlebenden, der die Shoah bezeugt, als den moralischen Zeugen (Asmann 2007: 33 - 51). Er nimmt Züge aller anderen Typen von Zeugen in sich auf und unterscheidet sich doch grundlegend. Das moralische Bezeugen schließt ein Schweigen, ein Nicht-sprechen-Können mit ein (Dem Überlebenszeugen wohnt eine Unmöglichkeit des Zeugens inne, denn er selbst ist nicht gestorben, er ist den Weg nicht bis ans Ende gegangen.)&amp;lt;ref&amp;gt; Primo Levi schreibt: »Wir sind die, die […] den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht berührt haben. Wer ihn berührt, wer das Haupt der Medusa erblickt hat, konnte nicht mehr zurückkehren, um zu berichten, oder er ist stumm geworden.« (Levi 1990: 83) &amp;lt;/ref&amp;gt;  Der Überlebenszeuge markiert die durch die Toten hinterlassene Leerstelle des Zeugens, er verweist auf die Abwesenheit dessen, was nicht bezeugt werden kann. In den Konzentrationslagern wurden systematisch das Bewusstsein und die Personalität der Häftlinge zerstört, aus der heraus bezeugt werden kann (vgl. die Figur des Muselmanns, des lebenden Toten, des alles Menschlichen Beraubten bei Primo Levi (Levi 1992) und Giorgio Agamben (Agamben 2003)) &amp;lt;ref&amp;gt; Siehe auch Bernstorff/Haas: »Von Auschwitz schweigen. Sprachlosigkeit und Shoah«, in: Thewis. Zeitschrift der Gesellschaft für Theaterwissenschaft. Ausgabe 10/10 http://www.thewis.de/?q=node/337 vom 15.10.2012. &amp;lt;/ref&amp;gt;. Das moralische Bezeugen wird teil eines universalistischen Diskurses und einer moralischen Gemeinschaft. Es macht uns darauf aufmerksam, dass das Bezeugen mit Verlust, Tod, Abwesenheit und Trauma verbunden ist. &amp;lt;ref&amp;gt;  Vergl. hierzu auch Arbeiten von Walid Raad und Rabih Mroué, Künstler, die sich mit dem Krieg im Libanon auseinandersetzen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Kritik des Bezeugens==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Text zu Literatur und Zeugenschaft, in dem er über eine autobiographische Erzählung Maurice Blanchots schreibt, weist Derrida darauf hin, dass jedem Zeugnis die Möglichkeit der Fiktion innewohnt (vgl. Derrida 1998: 25). Die Wahrheitsbedingung des Zeugnisses sieht Derrida in dem Versprechen, jeder, der zur gleichen Zeit am gleichen Ort anwesend wäre, hätte das Gleiche wie der Zeuge gehört oder gesehen und würde die Wahrheit des Zeugnisses exemplarisch wiederholen (ebd.: 33). Doch diese Universalisierung kann nach Derrida niemals bruchlos sein, da die Erfahrung zum einen an den Leib gebunden und singulär ist (ebd.: 28), zum anderen kann sie nur mithilfe von Sprache (mithilfe einer Technik) rekonstruiert werden; sie ist daher iterierbar und mithin sekundär, abgeleitet und kontextunabhängig wiederholbar. Dies macht auf eine weitere Bedeutung des Begriffes des Zeugens aufmerksam: zeugen bedeutet das Schaffen von Nachkommen, das Begründen einer Genealogie. Diese Bedeutung verweist auf eine schöpferische Dimension des ''Be''zeugens, auf das ''Er''zeugen: Das Verfahren des Bezeugens ist von der Darstellung nicht zu lösen. Dieser Unsicherheit im Kern des Bezeugens wird begegnet, indem der Zeuge zum Bürgen wird: seine Glaubwürdigkeit liegt mehr noch im performativen Akt seiner Bürgschaft begründet als im Inhalt des Bezeugten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen als künstlerisches Verfahren==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es die illokutionäre Kraft des Sprechaktes des Bezeugens ist, der kontextgebunden eine soziale Wirkmächtigkeit entfaltet, ist in Frage zu stellen, ob in einer künstlerischen Rahmung Bezeugen im engen Sinne des Wortes überhaupt geschieht oder ob es sich nicht um Beschreiben, Dokumentieren, Beweisen u.a. handelt.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
In der antiken Tragödie gibt es die Zeugenfigur des Boten, der anderen Bühnenfiguren einen Bericht über Ereignisse abgibt, die auf der Bühne nicht gezeigt werden (z.B. in ''Antigone'' von Sophocles (vgl. Sophocles: 1995). So erhält das Publikum Informationen, die es zum Verständnis des Handlungsfortgangs benötigt. Das Verfahren erlaubt es, eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung zu wahren; es kann auch eingesetzt werden, um Ereignisse, die auf der Bühne nicht gezeigt werden können oder sollen darzustellen. Eine zeitgenössische Interpretation des Boten beschreibt Brecht als ein Paradigma der Episierung: In der ''Straßenszene'' berichtet der Augenzeuge eines Verkehrsunfalls anderen Passanten nachträglich vom Ablauf des Unfalls (vgl. Brecht: 1993). Er spielt den Vorfall nicht mimetisch vor, sondern demonstriert lediglich entscheidende Momente und gibt die Handlungen und Haltungen verschiedener Beteiligter wieder, verkörpert diese jedoch nicht. Hier wird das Verfahren des Bezeugens eingesetzt, um die Bühnenrealität aufzubrechen und eine Distanz zu erzeugen, die dem Zuschauer eine kritische Betrachtung ermöglicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das dokumentarische Theater entstand in den sechziger Jahren; bekannte Beispiele sind Stücke von Rolf Hochhuth, Heinar Kipphardt und Peter Weiss. Das dokumentarische Theater übernimmt und inszeniert Quellenmaterial, das historische oder aktuelle (meistens politische) Ereignisse bezeugt, mit der Absicht, ein Theater des Realismus mit dem Ziel der Aufklärung und Agitation zu schaffen. Das dokumentarische Theater kann von einer Nähe zu juristischen Formen des Bezeugens geprägt sein (vgl. ''Die Ermittlung'' von Peter Weiss (vgl. Weiss: 2005)) &amp;lt;ref&amp;gt;Peter Weiss beschreibt in ''Notizen zum dokumentarischen Theater'' (1968) das dokumentarische Theater als »Theater der Berichterstattung« auf Grundlage von »Zeugnisse[n] der Gegenwart«. http://www.pohlw.de/literatur/theater/doku-txt1.htm vom 16.11.2012. (Vgl. Barton: 1987 und Hilzinger: 1976).&amp;lt;/ref&amp;gt; . &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die »Experten des Alltags« in den Stücken von Rimini Protokoll bezeugen sich selbst, indem sie aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen berichten. Auch Arbeiten von Hans-Werner Kroesinger nutzen diese Funktion des Bezeugens, in dem sie historische Originaldokumente und Augenzeugenberichte mit literarischen Texten konfrontieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Body Art bezeugt der Körper	die Realität der vollzogenen Handlungen. Der Einsatz des Körpers des Performers verschiebt die Performance von der Repräsentation zur Präsenz (Chris Burden, Marina Abramovic). Hier lässt sich ein Bezug auf den Märtyrer herstellen: beide überschreiten die Repräsentation des Bezeugtens in Richtung einer unmittelbaren Verkörperung von Wahrheit (Transzendenz).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verfahren des Bezeugens kann Beglaubigungszusammenhänge produzieren, nutzen und offenlegen. Es erschöpft sich nicht in dem Versuch, Realität abzubilden, sondern kann Mittel zur Erschließung von Wirklichkeit durch Bilder und Erzählungen werden, kann Wirklichkeit gestalten. Rabih Mroué verwendet in seinen Lecture Performances häufig fiktive und reale Dokumente und Zeugnisse, um politische Situationen zu bearbeiten. Er wendet die von offizieller Seite intendierten Botschaften des Materials subversiv, indem er es in überraschende Zusammenhänge stellt (vgl. »Photo Romance«, »Drei Plakate« (2003), »Make Me Stop Smoking« (2011), »Probable Title – Zero Probability« von Hito Steyerl und Rabih Mroué (Haus der Kulturen der Welt) (2012), »The Pixelated Revolution« (»Syrian shoot there own death«, Handy- (Youtube-)Videos als Zeugnisse), 2. Berlin Documentary Forum HKW).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Arbeit von Walid Ra’ad und dem fiktiven Kollektiv The Atlas Group beschäftigt sich häufig mit den Möglichkeiten der Repräsentation von traumatischen Ereignissen und der Art und Weise, wie Filme, Videos und Fotos physische und psychische Gewalt bezeugen. In dem von der Atlas Group errichteten Archiv werden gefundene und eigens geschaffene fotografische, audiovisuelle und schriftliche Dokumente des libanesischen Alltags im Bürgerkrieg und heute gesammelt und in Ausstellungen präsentiert (vgl. »The Atlas Group (1989-2004)«, »The Loudest Muttering is Over«.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die künstlerische Rahmung verknüpft das Bezeugen explizit mit der Möglichkeit der Fiktion: es wird markiert und ausgestellt, dass die zu bezeugenden Sachverhalte und Fakten immer durch Selektion, Interpretation, Komposition und Präsentation hervorgebracht und hergestellt werden (das lateinische Wort ''factum'' lässt sich mit ''Tat'', ''Tatsachen'' und mit ''Verfahren'' übersetzen). So kann das Bezeugen Fiktionalisierungsprozesse initialisieren, neue Perspektiven auf scheinbar Bekanntes eröffnen und ein Oszillieren zwischen Wissen und Glauben, Vergangenheit und Gegenwart, Wahrheit und Fiktion, Präsentation und Repräsentation, Anwesendem und Abwesendem produzieren. Es stellt immer die Frage, welche »Wahrheit« bezeugt wird und eröffnet so die Möglichkeit, marginalisierten Positionen und Erfahrungen, die im herrschenden Diskurs sonst nicht zur Sprache kommen, ein Forum zu schaffen und nach alternativen Darstellungsformen des Bezeugens zu suchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Der Zuschauer als Zeuge==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dori Laub weist daraufhin, dass der Zeuge oft nicht weiß, was er sagen wird, wenn er spricht: »Die Erzählung [des Zeugens] entsteht im Zuhören und Gehörtwerden« (Laub 2000: 68.). Daraus folgt eine Verantwortung des Zuschauers für den Akt des Bezeugens: die »Aufforderung an die Zuhörer eines Zeugen [...] impliziert, zumindest teilweise Verantwortung für die von ihm bezeugte Wirklichkeit zu übernehmen. Es geht um die Verpflichtung und um die Möglichkeit, ›für den Zeugen zu zeugen‹, indem wir auf die in jedem Zeugnis erhaltene Aufforderung zum Zuhören und zur Antwort darauf reagieren, dass wir für die Wahrheit der bezeugten Erfahrung mitverantwortlich werden« (Baer 2000: 7). So verdoppelt sich im Zuschauer die Figur des Zeugens zu einer Figur der Antwort und Verantwortung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Agamben, Giorgio (2003): ''Was von Auschwitz bleibt''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Assmann, Aleida (2007): »Vier Grundtypen von Zeugenschaft«, in: Elm, Michael/Kößler, Gottfried (Hgg.): ''Zeugenschaft des Holocaust: zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung''. Frankfurt am Main/New York, S. 33 - 51.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Baer, Ulrich (Hg.) (2000): ''Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Barton, Brian (1987): ''Das Dokumentartheater''. Stuttgart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bertolt, Brecht (1993): »Die Straßenszene«, in: Ders: ''Werke. Grosse kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe''. Bd. 22.1. Frankfurt am Main, S. 370 - 381. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bundeszentrale für Politische Bildung (2010): ''Recht A - Z. Fachlexikon für Studium und Beruf''. Bonn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derrida, Jaques (2003): ''Bleibe''. Wien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Elm, Michael/Kößler, Gottfried (2007): »Einleitung. Zeugenschaft des Holocaust - Zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung«, in: Dies. (Hgg.): ''Zeugenschaft des Holocaust: zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung.'' Frankfurt am Main/New York, S. 7 - 18.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Giesecke, Dana/Welzer, Harald (2012): ''Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur''. Hamburg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hilzinger, Klaus H. (1976): ''Die Dramaturgie des dokumentarischen Theaters''. Tübingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laub, Dori: »Zeugnis ablegen oder Die Schwierigkeit des Zuhörens«, in: Baer, Ulrich (Hg.) (2000): ''Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Levi, Primo (1992): ''Ist das ein Mensch?'' München.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Levi, Primo (1999): ''Die Untergegangenen und die Geretteten''. München/Wien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Preißler, Holger (1999): »Märtyrer« in: Auffarth, Christoph (Hg.): ''Metzler-Lexikon Religion''. Bd. 2. Stuttgart, S. 382 - 385.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sophocles (1995): ''Antigone''. Stuttgart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weigel, Sigrid (2007): ''Märtyrer-Portraits. Von Opfertod, Blutzeugen und heiligen Kriegern''. München.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, Peter (1968): »Notizen zum dokumentarischen Theater«, in: Ders.: ''Dramen II''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, Peter (2005): ''Die Ermittlung. Oratorium in 11''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen == &lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Bezeugen</id>
		<title>Bezeugen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Bezeugen"/>
				<updated>2012-10-24T21:34:22Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Bezeugen als künstlerisches Verfahren */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Begriff]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen als transdisziplinäres Verfahren==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen als transdisziplinäres Verfahren bietet die Möglichkeit, eine außerkünstlerische Wirklichkeit in die künstlerische Rahmung zu holen. Es lässt Elemente der individuellen Geschichte mit jenen der kollektiven zusammentreffen und öffnet die Jetzt-Zeit und den aktuellen Ort, in dem es einen Bezug zu anderen Zeiten und anderen Orten herstellt. Das Verfahren des Bezeugens ermöglicht es, Experten, die im Namen eines Fachwissens, einer Disziplin sprechen, Betroffene, die ihre subjektive Sichtweise artikulieren und Zeitzeugen in eine transdisziplinäre Forschungssituation einzubinden. So kann Zeugenschaft als Schnittstelle zwischen mehreren Diskursen fungieren und als Form der indirekten Kenntnisnahme und Wissensvermittlung wirken (vgl. Schmidt et al. 2011: 10). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemand kann Geschehnisse bezeugen, über die er/sie durch eigene körperlich-sinnliche Wahrnehmung Angaben machen kann. Sie oder er setzt die eigene Person für die Wahrheit der Zeugenaussage ein und bestimmt das eigene Wort zum Bezugspunkt einer unbekannten oder ungesicherten Realität (vgl. Baer 2000: 7). Das Bezeugen ist ein Verfahren der Wissensproduktion und als solches häufig Bestandteil von Wahrheitsprozeduren; dennoch bleibt das Bezeugte stets epistemologisch prekäres Wissen, angewiesen auf Verfahren der Authentizitäts- und Evidenzerzeugung. Das Bezeugen ist inter-subjektiv nach außen gerichtet: potentielle Empfänger und soziale Instanzen der Beurteilung, Korrektur oder Ergänzung setzt es immer schon voraus (vgl. Assmann 2007: 34). Der Zeuge spricht im Namen von etwas anderem oder jemand anderen (das lateinische Wort für Zeuge ''superstes'' lässt sich auch mit »darüber hinaus bestehend« übersetzen), zu einem Publikum, das seinen Bericht aufnimmt, eventuell weiter trägt und das Beglaubigte zu einem Zeugnis macht. Daher hat die Szene der Zeugenschaft eine dialogische Struktur. Der Kontext der Szene bestimmt – häufig im Rahmen einer gegebenen institutionellen Form – was in dem performativen Akt des Bezeugens zur Sprache kommt und wie es das tut. Dem Zeugnis ist eine illokutionäre Kraft und soziale Wirkmächtigkeit eigen; hierin unterscheidet es sich gegebenenfalls von den Verfahren des Beschreibens oder Dokumentierens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen kann verschiedene Verfahren miteinander verschränken (z.B. sprachliche Verfahren wie das Interview, visuelle Verfahren wie die Fotographie u.v.m.).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen in seinen juristischen Formen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen ist uns vor allem in juridischen Zusammenhängen bekannt; auf diesen Kontext verweist das lateinische Wort für Zeuge, ''testis''. Vor Gericht bezeugt eine Person, die in einem Verfahren über eigene Wahrnehmungen aussagen soll (als Beweiszeuge) oder zum Abschluss von Rechtsgeschäften zugezogen wird (als Instruments-, Solennitätszeuge, dessen Zuziehung formal vorgeschrieben ist und ohne den das Rechtsgeschäft nicht gültig ist). Ein sachverständiger Zeuge soll über Tatsachen und Zustände aussagen, zu deren Wahrnehmung besondere Sachkunde notwendig ist (vgl. »Zeugnis« in: Bundeszentrale für Politische Bildung (2010): S.533 ff). Zu unterscheiden ist die Funktion des Zeugens im Strafprozess und im Zivilprozess. Im Strafprozess bezeugt das Opfer selbst das Geschehnis während im Zivilprozess als Zeuge nur vernommen werden kann, wer nicht für die Parteivernehmung in Betracht kommt. Hier tritt der Zeuge als ein Außenstehender zwischen den Täter und den Geschädigten. Das Bezeugen ist mit einer prinzipiellen Fehlbarkeit verbunden: was der Zeuge sagt, kann immer auch falsches Zeugnis sein. Daher gilt es, die Glaubwürdigkeit eines Zeugen zu überprüfen: der Zeuge muss über-zeugen. Bezeugen ist nur dort notwendig, wo keine Evidenz, wo Unwissen besteht; ist der Zeuge glaubwürdig, verwandelt der Glaube an ihn Ungewissheit in Gewissheit (vgl. Sibylle Krämer http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/2009_02/12_kraemer/index.html).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen im religiösen Kontext==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Glaubens verweist nun auf eine zweite Herkunft des Begriffes Zeuge aus dem Griechischen: ''màrtyr''. Der Märtyrer nimmt für seine religiöse Einstellung bewusst den Tod auf sich. Sowohl das Judentum, Christentum, der Islam, als auch der Buddhismus kennen diesen Typen des Zeugens; es gibt ihn aber auch im säkularisierten Sinn (als Opfer politischer Unterdrückung, von Naturkatastrophen oder Unfällen). Durch die Kreuzigung Christi wurde das Gedenken an den Opfertod noch mal in besonderer Weise erhöht (Preißler 1999: 382 - 385). Die ersten Glaubenszeugnisse des Christentums sind körperliche Zeugnisse: die Märtyrer wollen an und durch ihren Körper die Wahrheit ihres Glaubens bezeugen. Der Märtyrertod ist eine Inversion von politischer Unterlegenheit in religiöse Überlegenheit: das Zeugnis des Märtyrers findet kein Gehör vor dem irdischen Gericht und appelliert an eine höhere religiöse Instanz (Assmann 1997: 36). So wird der physische Tod in einen symbolischen Akt umkodiert. Auch der Märtyrer ist angewiesen auf einen zweiten Zeugen, der seinen Tod wahrnimmt, ihn als religiösen Opfertod deutet und in ein Zeugnis verwandelt (vgl. die Evangelisten, die den Märtyrertod und die Wiederauferstehung Christi bezeugen). Judentum. Im Koran kommt das Wort Märtyrer nicht vor, doch im Islam ist er gebräuchlich für den, der bei der Ausübung seiner Religion oder im Kampf gegen die Ungläubigen oder das Böse den Tod findet (vgl. das Wort Schahid / ‏شهيد‎ / šahīd für Zeuge). Aktuelle Beispiele einer politischen Varianten des religiösen Zeugen, die versuchen, eine (mediale) Öffentlichkeit herzustellen, die (evtl. unfreiwillig) zum Zeuge des Ereignisses wird, sind Selbstmordattentäter, die andere Menschen mit in den Tod reißt, und die Selbstverbrennung tibetischer Mönche, die aus Protest gegen die chinesische Regierung die Gewalt gegen sich selbst richten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Das historische Bezeugen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der historische Zeuge übermittelt seine Erinnerungen und Erlebnisse vergangener Ereignisse an diejenigen, die das Geschehen nicht selbst erlebt haben. Diese Art des Bezeugens können auch Akte, Medien, Dokumente erfüllen. Der Zeitzeuge hat eine subjektive Perspektive auf das Geschehene, zum Teil ist er betroffen. Das Paradox der Zeugenschaft besteht darin, dass auch Zeugenrede der subjektiven Perspektive das singuläre Erlebnis nicht in einem authentischen oder unverfälschten Bericht über das Vorgefallene artikuliert; auch sie vollzieht sich geprägt von bestehenden diskursive Formationen und in präfigurierten, zugewiesenen Bereichen (vgl. http://eipcp.net/transversal/0408/nowotny/de), richtet sich aber im Gegensatz zur juridische Zeugenrede nicht an eine Institution, sondern an Personen. Das historische Zeugnis wird Teil von Geschichtsschreibung; in der oral history erweitert es die Geschichtsschreibung um eine Erfahrungsdimension. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Zeugens ist stark mit der Shoah verbunden; durch das Ausmaß und die Intensität der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik kommt den Zeugnissen der Überlebenden eine besondere Stellung zu (vgl. Elm/Kößler 2007: 9). Aleida Assmann beschreibt den Überlebenden, der die Shoah bezeugt, als den moralischen Zeugen (Asmann 2007: 33 - 51). Er nimmt Züge aller anderen Typen von Zeugen in sich auf und unterscheidet sich doch grundlegend. Das moralische Bezeugen schließt ein Schweigen, ein Nicht-sprechen-Können mit ein (Dem Überlebenszeugen wohnt eine Unmöglichkeit des Zeugens inne, denn er selbst ist nicht gestorben, er ist den Weg nicht bis ans Ende gegangen.)&amp;lt;ref&amp;gt; Primo Levi schreibt: »Wir sind die, die […] den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht berührt haben. Wer ihn berührt, wer das Haupt der Medusa erblickt hat, konnte nicht mehr zurückkehren, um zu berichten, oder er ist stumm geworden.« (Levi 1990: 83) &amp;lt;/ref&amp;gt;  Der Überlebenszeuge markiert die durch die Toten hinterlassene Leerstelle des Zeugens, er verweist auf die Abwesenheit dessen, was nicht bezeugt werden kann. In den Konzentrationslagern wurden systematisch das Bewusstsein und die Personalität der Häftlinge zerstört, aus der heraus bezeugt werden kann (vgl. die Figur des Muselmanns, des lebenden Toten, des alles Menschlichen Beraubten bei Primo Levi (Levi 1992) und Giorgio Agamben (Agamben 2003)) &amp;lt;ref&amp;gt; Siehe auch Bernstorff/Haas: »Von Auschwitz schweigen. Sprachlosigkeit und Shoah«, in: Thewis. Zeitschrift der Gesellschaft für Theaterwissenschaft. Ausgabe 10/10 http://www.thewis.de/?q=node/337 vom 15.10.2012. &amp;lt;/ref&amp;gt;. Das moralische Bezeugen wird teil eines universalistischen Diskurses und einer moralischen Gemeinschaft. Es macht uns darauf aufmerksam, dass das Bezeugen mit Verlust, Tod, Abwesenheit und Trauma verbunden ist. &amp;lt;ref&amp;gt;  Vergl. hierzu auch Arbeiten von Walid Raad und Rabih Mroué, Künstler, die sich mit dem Krieg im Libanon auseinandersetzen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Kritik des Bezeugens==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Text zu Literatur und Zeugenschaft, in dem er über eine autobiographische Erzählung Maurice Blanchots schreibt, weist Derrida darauf hin, dass jedem Zeugnis die Möglichkeit der Fiktion innewohnt (Derrida 1998: 25). Die Wahrheitsbedingung des Zeugnisses sieht Derrida in dem Versprechen, jeder, der zur gleichen Zeit am gleichen Ort anwesend wäre, hätte das Gleiche wie der Zeuge gehört oder gesehen und würde die Wahrheit des Zeugnisses exemplarisch wiederholen (ebd.: 33). Doch diese Universalisierung kann nach Derrida niemals bruchlos sein, da die Erfahrung zum einen an den Leib gebunden und singulär ist (ebd.: 28), zum anderen kann sie nur mithilfe von Sprache (mithilfe einer Technik) rekonstruiert werden; sie ist daher iterierbar und mithin sekundär, abgeleitet und kontextunabhängig wiederholbar. Dies macht auf eine weitere Bedeutung des Begriffes des Zeugens aufmerksam: zeugen bedeutet das Schaffen von Nachkommen, das Begründen einer Genealogie. Diese Bedeutung verweist auf eine schöpferische Dimension des ''Be''zeugens, auf das ''Er''zeugen: Das Verfahren des Bezeugens ist von der Darstellung nicht zu lösen. Dieser Unsicherheit im Kern des Bezeugens wird begegnet, indem der Zeuge zum Bürgen wird: seine Glaubwürdigkeit liegt mehr noch im performativen Akt seiner Bürgschaft begründet als im Inhalt des Bezeugten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen als künstlerisches Verfahren==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es die illokutionäre Kraft des Sprechaktes des Bezeugens ist, der kontextgebunden eine soziale Wirkmächtigkeit entfaltet, ist in Frage zu stellen, ob in einer künstlerischen Rahmung Bezeugen im engen Sinne des Wortes überhaupt geschieht oder ob es sich nicht um Beschreiben, Dokumentieren, Beweisen u.a. handelt.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
In der antiken Tragödie gibt es die Zeugenfigur des Boten, der anderen Bühnenfiguren einen Bericht über Ereignisse abgibt, die auf der Bühne nicht gezeigt werden (z.B. in ''Antigone'' von Sophocles (vgl. Sophocles: 1995). So erhält das Publikum Informationen, die es zum Verständnis des Handlungsfortgangs benötigt. Das Verfahren erlaubt es, eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung zu wahren; es kann auch eingesetzt werden, um Ereignisse, die auf der Bühne nicht gezeigt werden können oder sollen darzustellen. Eine zeitgenössische Interpretation des Boten beschreibt Brecht als ein Paradigma der Episierung: In der ''Straßenszene'' berichtet der Augenzeuge eines Verkehrsunfalls anderen Passanten nachträglich vom Ablauf des Unfalls (vgl. Brecht: 1993). Er spielt den Vorfall nicht mimetisch vor, sondern demonstriert lediglich entscheidende Momente und gibt die Handlungen und Haltungen verschiedener Beteiligter wieder, verkörpert diese jedoch nicht. Hier wird das Verfahren des Bezeugens eingesetzt, um die Bühnenrealität aufzubrechen und eine Distanz zu erzeugen, die dem Zuschauer eine kritische Betrachtung ermöglicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das dokumentarische Theater entstand in den sechziger Jahren; bekannte Beispiele sind Stücke von Rolf Hochhuth, Heinar Kipphardt und Peter Weiss. Das dokumentarische Theater übernimmt und inszeniert Quellenmaterial, das historische oder aktuelle (meistens politische) Ereignisse bezeugt, mit der Absicht, ein Theater des Realismus mit dem Ziel der Aufklärung und Agitation zu schaffen. Das dokumentarische Theater kann von einer Nähe zu juristischen Formen des Bezeugens geprägt sein (vgl. ''Die Ermittlung'' von Peter Weiss (vgl. Weiss: 2005)) &amp;lt;ref&amp;gt;Peter Weiss beschreibt in ''Notizen zum dokumentarischen Theater'' (1968) das dokumentarische Theater als »Theater der Berichterstattung« auf Grundlage von »Zeugnisse[n] der Gegenwart«. http://www.pohlw.de/literatur/theater/doku-txt1.htm vom 16.11.2012. (Vgl. Barton: 1987 und Hilzinger: 1976).&amp;lt;/ref&amp;gt; . &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die »Experten des Alltags« in den Stücken von Rimini Protokoll bezeugen sich selbst, indem sie aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen berichten. Auch Arbeiten von Hans-Werner Kroesinger nutzen diese Funktion des Bezeugens, in dem sie historische Originaldokumente und Augenzeugenberichte mit literarischen Texten konfrontieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Body Art bezeugt der Körper	die Realität der vollzogenen Handlungen. Der Einsatz des Körpers des Performers verschiebt die Performance von der Repräsentation zur Präsenz (Chris Burden, Marina Abramovic). Hier lässt sich ein Bezug auf den Märtyrer herstellen: beide überschreiten die Repräsentation des Bezeugtens in Richtung einer unmittelbaren Verkörperung von Wahrheit (Transzendenz).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verfahren des Bezeugens kann Beglaubigungszusammenhänge produzieren, nutzen und offenlegen. Es erschöpft sich nicht in dem Versuch, Realität abzubilden, sondern kann Mittel zur Erschließung von Wirklichkeit durch Bilder und Erzählungen werden, kann Wirklichkeit gestalten. Rabih Mroué verwendet in seinen Lecture Performances häufig fiktive und reale Dokumente und Zeugnisse, um politische Situationen zu bearbeiten. Er wendet die von offizieller Seite intendierten Botschaften des Materials subversiv, indem er es in überraschende Zusammenhänge stellt (vgl. »Photo Romance«, »Drei Plakate« (2003), »Make Me Stop Smoking« (2011), »Probable Title – Zero Probability« von Hito Steyerl und Rabih Mroué (Haus der Kulturen der Welt) (2012), »The Pixelated Revolution« (»Syrian shoot there own death«, Handy- (Youtube-)Videos als Zeugnisse), 2. Berlin Documentary Forum HKW).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Arbeit von Walid Ra’ad und dem fiktiven Kollektiv The Atlas Group beschäftigt sich häufig mit den Möglichkeiten der Repräsentation von traumatischen Ereignissen und der Art und Weise, wie Filme, Videos und Fotos physische und psychische Gewalt bezeugen. In dem von der Atlas Group errichteten Archiv werden gefundene und eigens geschaffene fotografische, audiovisuelle und schriftliche Dokumente des libanesischen Alltags im Bürgerkrieg und heute gesammelt und in Ausstellungen präsentiert (vgl. »The Atlas Group (1989-2004)«, »The Loudest Muttering is Over«.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die künstlerische Rahmung verknüpft das Bezeugen explizit mit der Möglichkeit der Fiktion: es wird markiert und ausgestellt, dass die zu bezeugenden Sachverhalte und Fakten immer durch Selektion, Interpretation, Komposition und Präsentation hervorgebracht und hergestellt werden (das lateinische Wort ''factum'' lässt sich mit ''Tat'', ''Tatsachen'' und mit ''Verfahren'' übersetzen). So kann das Bezeugen Fiktionalisierungsprozesse initialisieren, neue Perspektiven auf scheinbar Bekanntes eröffnen und ein Oszillieren zwischen Wissen und Glauben, Vergangenheit und Gegenwart, Wahrheit und Fiktion, Präsentation und Repräsentation, Anwesendem und Abwesendem produzieren. Es stellt immer die Frage, welche »Wahrheit« bezeugt wird und eröffnet so die Möglichkeit, marginalisierten Positionen und Erfahrungen, die im herrschenden Diskurs sonst nicht zur Sprache kommen, ein Forum zu schaffen und nach alternativen Darstellungsformen des Bezeugens zu suchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Der Zuschauer als Zeuge==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dori Laub weist daraufhin, dass der Zeuge oft nicht weiß, was er sagen wird, wenn er spricht: »Die Erzählung [des Zeugens] entsteht im Zuhören und Gehörtwerden« (Laub 2000: 68.). Daraus folgt eine Verantwortung des Zuschauers für den Akt des Bezeugens: die »Aufforderung an die Zuhörer eines Zeugen [...] impliziert, zumindest teilweise Verantwortung für die von ihm bezeugte Wirklichkeit zu übernehmen. Es geht um die Verpflichtung und um die Möglichkeit, ›für den Zeugen zu zeugen‹, indem wir auf die in jedem Zeugnis erhaltene Aufforderung zum Zuhören und zur Antwort darauf reagieren, dass wir für die Wahrheit der bezeugten Erfahrung mitverantwortlich werden« (Baer 2000: 7). So verdoppelt sich im Zuschauer die Figur des Zeugens zu einer Figur der Antwort und Verantwortung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Agamben, Giorgio (2003): ''Was von Auschwitz bleibt''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Assmann, Aleida (2007): »Vier Grundtypen von Zeugenschaft«, in: Elm, Michael/Kößler, Gottfried (Hgg.): ''Zeugenschaft des Holocaust: zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung''. Frankfurt am Main/New York, S. 33 - 51.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Baer, Ulrich (Hg.) (2000): ''Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Barton, Brian (1987): ''Das Dokumentartheater''. Stuttgart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bertolt, Brecht (1993): »Die Straßenszene«, in: Ders: ''Werke. Grosse kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe''. Bd. 22.1. Frankfurt am Main, S. 370 - 381. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bundeszentrale für Politische Bildung (2010): ''Recht A - Z. Fachlexikon für Studium und Beruf''. Bonn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derrida, Jaques (2003): ''Bleibe''. Wien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Elm, Michael/Kößler, Gottfried (2007): »Einleitung. Zeugenschaft des Holocaust - Zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung«, in: Dies. (Hgg.): ''Zeugenschaft des Holocaust: zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung.'' Frankfurt am Main/New York, S. 7 - 18.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Giesecke, Dana/Welzer, Harald (2012): ''Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur''. Hamburg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hilzinger, Klaus H. (1976): ''Die Dramaturgie des dokumentarischen Theaters''. Tübingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laub, Dori: »Zeugnis ablegen oder Die Schwierigkeit des Zuhörens«, in: Baer, Ulrich (Hg.) (2000): ''Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Levi, Primo (1992): ''Ist das ein Mensch?'' München.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Levi, Primo (1999): ''Die Untergegangenen und die Geretteten''. München/Wien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Preißler, Holger (1999): »Märtyrer« in: Auffarth, Christoph (Hg.): ''Metzler-Lexikon Religion''. Bd. 2. Stuttgart, S. 382 - 385.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sophocles (1995): ''Antigone''. Stuttgart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weigel, Sigrid (2007): ''Märtyrer-Portraits. Von Opfertod, Blutzeugen und heiligen Kriegern''. München.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, Peter (1968): »Notizen zum dokumentarischen Theater«, in: Ders.: ''Dramen II''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, Peter (2005): ''Die Ermittlung. Oratorium in 11''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen == &lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Bezeugen</id>
		<title>Bezeugen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Bezeugen"/>
				<updated>2012-10-24T21:31:45Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Der Zuschauer als Zeuge */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Begriff]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen als transdisziplinäres Verfahren==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen als transdisziplinäres Verfahren bietet die Möglichkeit, eine außerkünstlerische Wirklichkeit in die künstlerische Rahmung zu holen. Es lässt Elemente der individuellen Geschichte mit jenen der kollektiven zusammentreffen und öffnet die Jetzt-Zeit und den aktuellen Ort, in dem es einen Bezug zu anderen Zeiten und anderen Orten herstellt. Das Verfahren des Bezeugens ermöglicht es, Experten, die im Namen eines Fachwissens, einer Disziplin sprechen, Betroffene, die ihre subjektive Sichtweise artikulieren und Zeitzeugen in eine transdisziplinäre Forschungssituation einzubinden. So kann Zeugenschaft als Schnittstelle zwischen mehreren Diskursen fungieren und als Form der indirekten Kenntnisnahme und Wissensvermittlung wirken (vgl. Schmidt et al. 2011: 10). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemand kann Geschehnisse bezeugen, über die er/sie durch eigene körperlich-sinnliche Wahrnehmung Angaben machen kann. Sie oder er setzt die eigene Person für die Wahrheit der Zeugenaussage ein und bestimmt das eigene Wort zum Bezugspunkt einer unbekannten oder ungesicherten Realität (vgl. Baer 2000: 7). Das Bezeugen ist ein Verfahren der Wissensproduktion und als solches häufig Bestandteil von Wahrheitsprozeduren; dennoch bleibt das Bezeugte stets epistemologisch prekäres Wissen, angewiesen auf Verfahren der Authentizitäts- und Evidenzerzeugung. Das Bezeugen ist inter-subjektiv nach außen gerichtet: potentielle Empfänger und soziale Instanzen der Beurteilung, Korrektur oder Ergänzung setzt es immer schon voraus (vgl. Assmann 2007: 34). Der Zeuge spricht im Namen von etwas anderem oder jemand anderen (das lateinische Wort für Zeuge ''superstes'' lässt sich auch mit »darüber hinaus bestehend« übersetzen), zu einem Publikum, das seinen Bericht aufnimmt, eventuell weiter trägt und das Beglaubigte zu einem Zeugnis macht. Daher hat die Szene der Zeugenschaft eine dialogische Struktur. Der Kontext der Szene bestimmt – häufig im Rahmen einer gegebenen institutionellen Form – was in dem performativen Akt des Bezeugens zur Sprache kommt und wie es das tut. Dem Zeugnis ist eine illokutionäre Kraft und soziale Wirkmächtigkeit eigen; hierin unterscheidet es sich gegebenenfalls von den Verfahren des Beschreibens oder Dokumentierens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen kann verschiedene Verfahren miteinander verschränken (z.B. sprachliche Verfahren wie das Interview, visuelle Verfahren wie die Fotographie u.v.m.).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen in seinen juristischen Formen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen ist uns vor allem in juridischen Zusammenhängen bekannt; auf diesen Kontext verweist das lateinische Wort für Zeuge, ''testis''. Vor Gericht bezeugt eine Person, die in einem Verfahren über eigene Wahrnehmungen aussagen soll (als Beweiszeuge) oder zum Abschluss von Rechtsgeschäften zugezogen wird (als Instruments-, Solennitätszeuge, dessen Zuziehung formal vorgeschrieben ist und ohne den das Rechtsgeschäft nicht gültig ist). Ein sachverständiger Zeuge soll über Tatsachen und Zustände aussagen, zu deren Wahrnehmung besondere Sachkunde notwendig ist (vgl. »Zeugnis« in: Bundeszentrale für Politische Bildung (2010): S.533 ff). Zu unterscheiden ist die Funktion des Zeugens im Strafprozess und im Zivilprozess. Im Strafprozess bezeugt das Opfer selbst das Geschehnis während im Zivilprozess als Zeuge nur vernommen werden kann, wer nicht für die Parteivernehmung in Betracht kommt. Hier tritt der Zeuge als ein Außenstehender zwischen den Täter und den Geschädigten. Das Bezeugen ist mit einer prinzipiellen Fehlbarkeit verbunden: was der Zeuge sagt, kann immer auch falsches Zeugnis sein. Daher gilt es, die Glaubwürdigkeit eines Zeugen zu überprüfen: der Zeuge muss über-zeugen. Bezeugen ist nur dort notwendig, wo keine Evidenz, wo Unwissen besteht; ist der Zeuge glaubwürdig, verwandelt der Glaube an ihn Ungewissheit in Gewissheit (vgl. Sibylle Krämer http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/2009_02/12_kraemer/index.html).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen im religiösen Kontext==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Glaubens verweist nun auf eine zweite Herkunft des Begriffes Zeuge aus dem Griechischen: ''màrtyr''. Der Märtyrer nimmt für seine religiöse Einstellung bewusst den Tod auf sich. Sowohl das Judentum, Christentum, der Islam, als auch der Buddhismus kennen diesen Typen des Zeugens; es gibt ihn aber auch im säkularisierten Sinn (als Opfer politischer Unterdrückung, von Naturkatastrophen oder Unfällen). Durch die Kreuzigung Christi wurde das Gedenken an den Opfertod noch mal in besonderer Weise erhöht (Preißler 1999: 382 - 385). Die ersten Glaubenszeugnisse des Christentums sind körperliche Zeugnisse: die Märtyrer wollen an und durch ihren Körper die Wahrheit ihres Glaubens bezeugen. Der Märtyrertod ist eine Inversion von politischer Unterlegenheit in religiöse Überlegenheit: das Zeugnis des Märtyrers findet kein Gehör vor dem irdischen Gericht und appelliert an eine höhere religiöse Instanz (Assmann 1997: 36). So wird der physische Tod in einen symbolischen Akt umkodiert. Auch der Märtyrer ist angewiesen auf einen zweiten Zeugen, der seinen Tod wahrnimmt, ihn als religiösen Opfertod deutet und in ein Zeugnis verwandelt (vgl. die Evangelisten, die den Märtyrertod und die Wiederauferstehung Christi bezeugen). Judentum. Im Koran kommt das Wort Märtyrer nicht vor, doch im Islam ist er gebräuchlich für den, der bei der Ausübung seiner Religion oder im Kampf gegen die Ungläubigen oder das Böse den Tod findet (vgl. das Wort Schahid / ‏شهيد‎ / šahīd für Zeuge). Aktuelle Beispiele einer politischen Varianten des religiösen Zeugen, die versuchen, eine (mediale) Öffentlichkeit herzustellen, die (evtl. unfreiwillig) zum Zeuge des Ereignisses wird, sind Selbstmordattentäter, die andere Menschen mit in den Tod reißt, und die Selbstverbrennung tibetischer Mönche, die aus Protest gegen die chinesische Regierung die Gewalt gegen sich selbst richten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Das historische Bezeugen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der historische Zeuge übermittelt seine Erinnerungen und Erlebnisse vergangener Ereignisse an diejenigen, die das Geschehen nicht selbst erlebt haben. Diese Art des Bezeugens können auch Akte, Medien, Dokumente erfüllen. Der Zeitzeuge hat eine subjektive Perspektive auf das Geschehene, zum Teil ist er betroffen. Das Paradox der Zeugenschaft besteht darin, dass auch Zeugenrede der subjektiven Perspektive das singuläre Erlebnis nicht in einem authentischen oder unverfälschten Bericht über das Vorgefallene artikuliert; auch sie vollzieht sich geprägt von bestehenden diskursive Formationen und in präfigurierten, zugewiesenen Bereichen (vgl. http://eipcp.net/transversal/0408/nowotny/de), richtet sich aber im Gegensatz zur juridische Zeugenrede nicht an eine Institution, sondern an Personen. Das historische Zeugnis wird Teil von Geschichtsschreibung; in der oral history erweitert es die Geschichtsschreibung um eine Erfahrungsdimension. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Zeugens ist stark mit der Shoah verbunden; durch das Ausmaß und die Intensität der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik kommt den Zeugnissen der Überlebenden eine besondere Stellung zu (vgl. Elm/Kößler 2007: 9). Aleida Assmann beschreibt den Überlebenden, der die Shoah bezeugt, als den moralischen Zeugen (Asmann 2007: 33 - 51). Er nimmt Züge aller anderen Typen von Zeugen in sich auf und unterscheidet sich doch grundlegend. Das moralische Bezeugen schließt ein Schweigen, ein Nicht-sprechen-Können mit ein (Dem Überlebenszeugen wohnt eine Unmöglichkeit des Zeugens inne, denn er selbst ist nicht gestorben, er ist den Weg nicht bis ans Ende gegangen.)&amp;lt;ref&amp;gt; Primo Levi schreibt: »Wir sind die, die […] den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht berührt haben. Wer ihn berührt, wer das Haupt der Medusa erblickt hat, konnte nicht mehr zurückkehren, um zu berichten, oder er ist stumm geworden.« (Levi 1990: 83) &amp;lt;/ref&amp;gt;  Der Überlebenszeuge markiert die durch die Toten hinterlassene Leerstelle des Zeugens, er verweist auf die Abwesenheit dessen, was nicht bezeugt werden kann. In den Konzentrationslagern wurden systematisch das Bewusstsein und die Personalität der Häftlinge zerstört, aus der heraus bezeugt werden kann (vgl. die Figur des Muselmanns, des lebenden Toten, des alles Menschlichen Beraubten bei Primo Levi (Levi 1992) und Giorgio Agamben (Agamben 2003)) &amp;lt;ref&amp;gt; Siehe auch Bernstorff/Haas: »Von Auschwitz schweigen. Sprachlosigkeit und Shoah«, in: Thewis. Zeitschrift der Gesellschaft für Theaterwissenschaft. Ausgabe 10/10 http://www.thewis.de/?q=node/337 vom 15.10.2012. &amp;lt;/ref&amp;gt;. Das moralische Bezeugen wird teil eines universalistischen Diskurses und einer moralischen Gemeinschaft. Es macht uns darauf aufmerksam, dass das Bezeugen mit Verlust, Tod, Abwesenheit und Trauma verbunden ist. &amp;lt;ref&amp;gt;  Vergl. hierzu auch Arbeiten von Walid Raad und Rabih Mroué, Künstler, die sich mit dem Krieg im Libanon auseinandersetzen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Kritik des Bezeugens==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Text zu Literatur und Zeugenschaft, in dem er über eine autobiographische Erzählung Maurice Blanchots schreibt, weist Derrida darauf hin, dass jedem Zeugnis die Möglichkeit der Fiktion innewohnt (Derrida 1998: 25). Die Wahrheitsbedingung des Zeugnisses sieht Derrida in dem Versprechen, jeder, der zur gleichen Zeit am gleichen Ort anwesend wäre, hätte das Gleiche wie der Zeuge gehört oder gesehen und würde die Wahrheit des Zeugnisses exemplarisch wiederholen (ebd.: 33). Doch diese Universalisierung kann nach Derrida niemals bruchlos sein, da die Erfahrung zum einen an den Leib gebunden und singulär ist (ebd.: 28), zum anderen kann sie nur mithilfe von Sprache (mithilfe einer Technik) rekonstruiert werden; sie ist daher iterierbar und mithin sekundär, abgeleitet und kontextunabhängig wiederholbar. Dies macht auf eine weitere Bedeutung des Begriffes des Zeugens aufmerksam: zeugen bedeutet das Schaffen von Nachkommen, das Begründen einer Genealogie. Diese Bedeutung verweist auf eine schöpferische Dimension des ''Be''zeugens, auf das ''Er''zeugen: Das Verfahren des Bezeugens ist von der Darstellung nicht zu lösen. Dieser Unsicherheit im Kern des Bezeugens wird begegnet, indem der Zeuge zum Bürgen wird: seine Glaubwürdigkeit liegt mehr noch im performativen Akt seiner Bürgschaft begründet als im Inhalt des Bezeugten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen als künstlerisches Verfahren==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es die illokutionäre Kraft des Sprechaktes des Bezeugens ist, der kontextgebunden eine soziale Wirkmächtigkeit entfaltet, ist in Frage zu stellen, ob in einer künstlerischen Rahmung Bezeugen im engen Sinne des Wortes überhaupt geschieht oder ob es sich nicht um Beschreiben, Dokumentieren, Beweisen u.a. handelt.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
In der antiken Tragödie gibt es die Zeugenfigur des Boten, der anderen Bühnenfiguren einen Bericht über Ereignisse abgibt, die auf der Bühne nicht gezeigt werden (z.B. in ''Antigone'' von Sophocles (Sophocles 1995). So erhält das Publikum Informationen, die es zum Verständnis des Handlungsfortgangs benötigt. Das Verfahren erlaubt es, eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung zu wahren; es kann auch eingesetzt werden, um Ereignisse, die auf der Bühne nicht gezeigt werden können oder sollen darzustellen. Eine zeitgenössische Interpretation des Boten beschreibt Brecht als ein Paradigma der Episierung: In der ''Straßenszene'' berichtet der Augenzeuge eines Verkehrsunfalls anderen Passanten nachträglich vom Ablauf des Unfalls (Brecht 1993). Er spielt den Vorfall nicht mimetisch vor, sondern demonstriert lediglich entscheidende Momente und gibt die Handlungen und Haltungen verschiedener Beteiligter wieder, verkörpert diese jedoch nicht. Hier wird das Verfahren des Bezeugens eingesetzt, um die Bühnenrealität aufzubrechen und eine Distanz zu erzeugen, die dem Zuschauer eine kritische Betrachtung ermöglicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das dokumentarische Theater entstand in den sechziger Jahren; bekannte Beispiele sind Stücke von Rolf Hochhuth, Heinar Kipphardt und Peter Weiss. Das dokumentarische Theater übernimmt und inszeniert Quellenmaterial, das historische oder aktuelle (meistens politische) Ereignisse bezeugt, mit der Absicht, ein Theater des Realismus mit dem Ziel der Aufklärung und Agitation zu schaffen. Das dokumentarische Theater kann von einer Nähe zu juristischen Formen des Bezeugens geprägt sein (vgl. ''Die Ermittlung'' von Peter Weiss (Weiss 2005)) &amp;lt;ref&amp;gt;Peter Weiss beschreibt in ''Notizen zum dokumentarischen Theater'' (1968) das dokumentarische Theater als »Theater der Berichterstattung« auf Grundlage von »Zeugnisse[n] der Gegenwart«. http://www.pohlw.de/literatur/theater/doku-txt1.htm vom 16.11.2012. (Vgl. Barton 1987 und Hilzinger 1976).&amp;lt;/ref&amp;gt; . &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die »Experten des Alltags« in den Stücken von Rimini Protokoll bezeugen sich selbst, indem sie aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen berichten. Auch Arbeiten von Hans-Werner Kroesinger nutzen diese Funktion des Bezeugens, in dem sie historische Originaldokumente und Augenzeugenberichte mit literarischen Texten konfrontieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Body Art bezeugt der Körper	die Realität der vollzogenen Handlungen. Der Einsatz des Körpers des Performers verschiebt die Performance von der Repräsentation zur Präsenz (Chris Burden, Marina Abramovic). Hier lässt sich ein Bezug auf den Märtyrer herstellen: beide überschreiten die Repräsentation des Bezeugtens in Richtung einer unmittelbaren Verkörperung von Wahrheit (Transzendenz).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verfahren des Bezeugens kann Beglaubigungszusammenhänge produzieren, nutzen und offenlegen. Es erschöpft sich nicht in dem Versuch, Realität abzubilden, sondern kann Mittel zur Erschließung von Wirklichkeit durch Bilder und Erzählungen werden, kann Wirklichkeit gestalten. Rabih Mroué verwendet in seinen Lecture Performances häufig fiktive und reale Dokumente und Zeugnisse, um politische Situationen zu bearbeiten. Er wendet die von offizieller Seite intendierten Botschaften des Materials subversiv, indem er es in überraschende Zusammenhänge stellt (vgl. »Photo Romance«, »Drei Plakate« (2003), »Make Me Stop Smoking« (2011), »Probable Title – Zero Probability« von Hito Steyerl und Rabih Mroué (Haus der Kulturen der Welt) (2012), »The Pixelated Revolution« (»Syrian shoot there own death«, Handy- (Youtube-)Videos als Zeugnisse), 2. Berlin Documentary Forum HKW).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Arbeit von Walid Ra’ad und dem fiktiven Kollektiv The Atlas Group beschäftigt sich häufig mit den Möglichkeiten der Repräsentation von traumatischen Ereignissen und der Art und Weise, wie Filme, Videos und Fotos physische und psychische Gewalt bezeugen. In dem von der Atlas Group errichteten Archiv werden gefundene und eigens geschaffene fotografische, audiovisuelle und schriftliche Dokumente des libanesischen Alltags im Bürgerkrieg und heute gesammelt und in Ausstellungen präsentiert (vgl. »The Atlas Group (1989-2004)«, »The Loudest Muttering is Over«.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die künstlerische Rahmung verknüpft das Bezeugen explizit mit der Möglichkeit der Fiktion: es wird markiert und ausgestellt, dass die zu bezeugenden Sachverhalte und Fakten immer durch Selektion, Interpretation, Komposition und Präsentation hervorgebracht und hergestellt werden (das lateinische Wort ''factum'' lässt sich mit ''Tat'', ''Tatsachen'' und mit ''Verfahren'' übersetzen). So kann das Bezeugen Fiktionalisierungsprozesse initialisieren, neue Perspektiven auf scheinbar Bekanntes eröffnen und ein Oszillieren zwischen Wissen und Glauben, Vergangenheit und Gegenwart, Wahrheit und Fiktion, Präsentation und Repräsentation, Anwesendem und Abwesendem produzieren. Es stellt immer die Frage, welche »Wahrheit« bezeugt wird und eröffnet so die Möglichkeit, marginalisierten Positionen und Erfahrungen, die im herrschenden Diskurs sonst nicht zur Sprache kommen, ein Forum zu schaffen und nach alternativen Darstellungsformen des Bezeugens zu suchen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Der Zuschauer als Zeuge==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dori Laub weist daraufhin, dass der Zeuge oft nicht weiß, was er sagen wird, wenn er spricht: »Die Erzählung [des Zeugens] entsteht im Zuhören und Gehörtwerden« (Laub 2000: 68.). Daraus folgt eine Verantwortung des Zuschauers für den Akt des Bezeugens: die »Aufforderung an die Zuhörer eines Zeugen [...] impliziert, zumindest teilweise Verantwortung für die von ihm bezeugte Wirklichkeit zu übernehmen. Es geht um die Verpflichtung und um die Möglichkeit, ›für den Zeugen zu zeugen‹, indem wir auf die in jedem Zeugnis erhaltene Aufforderung zum Zuhören und zur Antwort darauf reagieren, dass wir für die Wahrheit der bezeugten Erfahrung mitverantwortlich werden« (Baer 2000: 7). So verdoppelt sich im Zuschauer die Figur des Zeugens zu einer Figur der Antwort und Verantwortung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Agamben, Giorgio (2003): ''Was von Auschwitz bleibt''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Assmann, Aleida (2007): »Vier Grundtypen von Zeugenschaft«, in: Elm, Michael/Kößler, Gottfried (Hgg.): ''Zeugenschaft des Holocaust: zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung''. Frankfurt am Main/New York, S. 33 - 51.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Baer, Ulrich (Hg.) (2000): ''Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Barton, Brian (1987): ''Das Dokumentartheater''. Stuttgart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bertolt, Brecht (1993): »Die Straßenszene«, in: Ders: ''Werke. Grosse kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe''. Bd. 22.1. Frankfurt am Main, S. 370 - 381. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bundeszentrale für Politische Bildung (2010): ''Recht A - Z. Fachlexikon für Studium und Beruf''. Bonn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derrida, Jaques (2003): ''Bleibe''. Wien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Elm, Michael/Kößler, Gottfried (2007): »Einleitung. Zeugenschaft des Holocaust - Zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung«, in: Dies. (Hgg.): ''Zeugenschaft des Holocaust: zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung.'' Frankfurt am Main/New York, S. 7 - 18.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Giesecke, Dana/Welzer, Harald (2012): ''Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur''. Hamburg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hilzinger, Klaus H. (1976): ''Die Dramaturgie des dokumentarischen Theaters''. Tübingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laub, Dori: »Zeugnis ablegen oder Die Schwierigkeit des Zuhörens«, in: Baer, Ulrich (Hg.) (2000): ''Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Levi, Primo (1992): ''Ist das ein Mensch?'' München.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Levi, Primo (1999): ''Die Untergegangenen und die Geretteten''. München/Wien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Preißler, Holger (1999): »Märtyrer« in: Auffarth, Christoph (Hg.): ''Metzler-Lexikon Religion''. Bd. 2. Stuttgart, S. 382 - 385.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sophocles (1995): ''Antigone''. Stuttgart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weigel, Sigrid (2007): ''Märtyrer-Portraits. Von Opfertod, Blutzeugen und heiligen Kriegern''. München.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, Peter (1968): »Notizen zum dokumentarischen Theater«, in: Ders.: ''Dramen II''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, Peter (2005): ''Die Ermittlung. Oratorium in 11''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen == &lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Bezeugen</id>
		<title>Bezeugen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Bezeugen"/>
				<updated>2012-10-24T21:30:31Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Bezeugen im religiösen Kontext */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Begriff]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen als transdisziplinäres Verfahren==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen als transdisziplinäres Verfahren bietet die Möglichkeit, eine außerkünstlerische Wirklichkeit in die künstlerische Rahmung zu holen. Es lässt Elemente der individuellen Geschichte mit jenen der kollektiven zusammentreffen und öffnet die Jetzt-Zeit und den aktuellen Ort, in dem es einen Bezug zu anderen Zeiten und anderen Orten herstellt. Das Verfahren des Bezeugens ermöglicht es, Experten, die im Namen eines Fachwissens, einer Disziplin sprechen, Betroffene, die ihre subjektive Sichtweise artikulieren und Zeitzeugen in eine transdisziplinäre Forschungssituation einzubinden. So kann Zeugenschaft als Schnittstelle zwischen mehreren Diskursen fungieren und als Form der indirekten Kenntnisnahme und Wissensvermittlung wirken (vgl. Schmidt et al. 2011: 10). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemand kann Geschehnisse bezeugen, über die er/sie durch eigene körperlich-sinnliche Wahrnehmung Angaben machen kann. Sie oder er setzt die eigene Person für die Wahrheit der Zeugenaussage ein und bestimmt das eigene Wort zum Bezugspunkt einer unbekannten oder ungesicherten Realität (vgl. Baer 2000: 7). Das Bezeugen ist ein Verfahren der Wissensproduktion und als solches häufig Bestandteil von Wahrheitsprozeduren; dennoch bleibt das Bezeugte stets epistemologisch prekäres Wissen, angewiesen auf Verfahren der Authentizitäts- und Evidenzerzeugung. Das Bezeugen ist inter-subjektiv nach außen gerichtet: potentielle Empfänger und soziale Instanzen der Beurteilung, Korrektur oder Ergänzung setzt es immer schon voraus (vgl. Assmann 2007: 34). Der Zeuge spricht im Namen von etwas anderem oder jemand anderen (das lateinische Wort für Zeuge ''superstes'' lässt sich auch mit »darüber hinaus bestehend« übersetzen), zu einem Publikum, das seinen Bericht aufnimmt, eventuell weiter trägt und das Beglaubigte zu einem Zeugnis macht. Daher hat die Szene der Zeugenschaft eine dialogische Struktur. Der Kontext der Szene bestimmt – häufig im Rahmen einer gegebenen institutionellen Form – was in dem performativen Akt des Bezeugens zur Sprache kommt und wie es das tut. Dem Zeugnis ist eine illokutionäre Kraft und soziale Wirkmächtigkeit eigen; hierin unterscheidet es sich gegebenenfalls von den Verfahren des Beschreibens oder Dokumentierens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen kann verschiedene Verfahren miteinander verschränken (z.B. sprachliche Verfahren wie das Interview, visuelle Verfahren wie die Fotographie u.v.m.).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen in seinen juristischen Formen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen ist uns vor allem in juridischen Zusammenhängen bekannt; auf diesen Kontext verweist das lateinische Wort für Zeuge, ''testis''. Vor Gericht bezeugt eine Person, die in einem Verfahren über eigene Wahrnehmungen aussagen soll (als Beweiszeuge) oder zum Abschluss von Rechtsgeschäften zugezogen wird (als Instruments-, Solennitätszeuge, dessen Zuziehung formal vorgeschrieben ist und ohne den das Rechtsgeschäft nicht gültig ist). Ein sachverständiger Zeuge soll über Tatsachen und Zustände aussagen, zu deren Wahrnehmung besondere Sachkunde notwendig ist (vgl. »Zeugnis« in: Bundeszentrale für Politische Bildung (2010): S.533 ff). Zu unterscheiden ist die Funktion des Zeugens im Strafprozess und im Zivilprozess. Im Strafprozess bezeugt das Opfer selbst das Geschehnis während im Zivilprozess als Zeuge nur vernommen werden kann, wer nicht für die Parteivernehmung in Betracht kommt. Hier tritt der Zeuge als ein Außenstehender zwischen den Täter und den Geschädigten. Das Bezeugen ist mit einer prinzipiellen Fehlbarkeit verbunden: was der Zeuge sagt, kann immer auch falsches Zeugnis sein. Daher gilt es, die Glaubwürdigkeit eines Zeugen zu überprüfen: der Zeuge muss über-zeugen. Bezeugen ist nur dort notwendig, wo keine Evidenz, wo Unwissen besteht; ist der Zeuge glaubwürdig, verwandelt der Glaube an ihn Ungewissheit in Gewissheit (vgl. Sibylle Krämer http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/2009_02/12_kraemer/index.html).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen im religiösen Kontext==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Glaubens verweist nun auf eine zweite Herkunft des Begriffes Zeuge aus dem Griechischen: ''màrtyr''. Der Märtyrer nimmt für seine religiöse Einstellung bewusst den Tod auf sich. Sowohl das Judentum, Christentum, der Islam, als auch der Buddhismus kennen diesen Typen des Zeugens; es gibt ihn aber auch im säkularisierten Sinn (als Opfer politischer Unterdrückung, von Naturkatastrophen oder Unfällen). Durch die Kreuzigung Christi wurde das Gedenken an den Opfertod noch mal in besonderer Weise erhöht (Preißler 1999: 382 - 385). Die ersten Glaubenszeugnisse des Christentums sind körperliche Zeugnisse: die Märtyrer wollen an und durch ihren Körper die Wahrheit ihres Glaubens bezeugen. Der Märtyrertod ist eine Inversion von politischer Unterlegenheit in religiöse Überlegenheit: das Zeugnis des Märtyrers findet kein Gehör vor dem irdischen Gericht und appelliert an eine höhere religiöse Instanz (Assmann 1997: 36). So wird der physische Tod in einen symbolischen Akt umkodiert. Auch der Märtyrer ist angewiesen auf einen zweiten Zeugen, der seinen Tod wahrnimmt, ihn als religiösen Opfertod deutet und in ein Zeugnis verwandelt (vgl. die Evangelisten, die den Märtyrertod und die Wiederauferstehung Christi bezeugen). Judentum. Im Koran kommt das Wort Märtyrer nicht vor, doch im Islam ist er gebräuchlich für den, der bei der Ausübung seiner Religion oder im Kampf gegen die Ungläubigen oder das Böse den Tod findet (vgl. das Wort Schahid / ‏شهيد‎ / šahīd für Zeuge). Aktuelle Beispiele einer politischen Varianten des religiösen Zeugen, die versuchen, eine (mediale) Öffentlichkeit herzustellen, die (evtl. unfreiwillig) zum Zeuge des Ereignisses wird, sind Selbstmordattentäter, die andere Menschen mit in den Tod reißt, und die Selbstverbrennung tibetischer Mönche, die aus Protest gegen die chinesische Regierung die Gewalt gegen sich selbst richten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Das historische Bezeugen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der historische Zeuge übermittelt seine Erinnerungen und Erlebnisse vergangener Ereignisse an diejenigen, die das Geschehen nicht selbst erlebt haben. Diese Art des Bezeugens können auch Akte, Medien, Dokumente erfüllen. Der Zeitzeuge hat eine subjektive Perspektive auf das Geschehene, zum Teil ist er betroffen. Das Paradox der Zeugenschaft besteht darin, dass auch Zeugenrede der subjektiven Perspektive das singuläre Erlebnis nicht in einem authentischen oder unverfälschten Bericht über das Vorgefallene artikuliert; auch sie vollzieht sich geprägt von bestehenden diskursive Formationen und in präfigurierten, zugewiesenen Bereichen (vgl. http://eipcp.net/transversal/0408/nowotny/de), richtet sich aber im Gegensatz zur juridische Zeugenrede nicht an eine Institution, sondern an Personen. Das historische Zeugnis wird Teil von Geschichtsschreibung; in der oral history erweitert es die Geschichtsschreibung um eine Erfahrungsdimension. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Zeugens ist stark mit der Shoah verbunden; durch das Ausmaß und die Intensität der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik kommt den Zeugnissen der Überlebenden eine besondere Stellung zu (vgl. Elm/Kößler 2007: 9). Aleida Assmann beschreibt den Überlebenden, der die Shoah bezeugt, als den moralischen Zeugen (Asmann 2007: 33 - 51). Er nimmt Züge aller anderen Typen von Zeugen in sich auf und unterscheidet sich doch grundlegend. Das moralische Bezeugen schließt ein Schweigen, ein Nicht-sprechen-Können mit ein (Dem Überlebenszeugen wohnt eine Unmöglichkeit des Zeugens inne, denn er selbst ist nicht gestorben, er ist den Weg nicht bis ans Ende gegangen.)&amp;lt;ref&amp;gt; Primo Levi schreibt: »Wir sind die, die […] den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht berührt haben. Wer ihn berührt, wer das Haupt der Medusa erblickt hat, konnte nicht mehr zurückkehren, um zu berichten, oder er ist stumm geworden.« (Levi 1990: 83) &amp;lt;/ref&amp;gt;  Der Überlebenszeuge markiert die durch die Toten hinterlassene Leerstelle des Zeugens, er verweist auf die Abwesenheit dessen, was nicht bezeugt werden kann. In den Konzentrationslagern wurden systematisch das Bewusstsein und die Personalität der Häftlinge zerstört, aus der heraus bezeugt werden kann (vgl. die Figur des Muselmanns, des lebenden Toten, des alles Menschlichen Beraubten bei Primo Levi (Levi 1992) und Giorgio Agamben (Agamben 2003)) &amp;lt;ref&amp;gt; Siehe auch Bernstorff/Haas: »Von Auschwitz schweigen. Sprachlosigkeit und Shoah«, in: Thewis. Zeitschrift der Gesellschaft für Theaterwissenschaft. Ausgabe 10/10 http://www.thewis.de/?q=node/337 vom 15.10.2012. &amp;lt;/ref&amp;gt;. Das moralische Bezeugen wird teil eines universalistischen Diskurses und einer moralischen Gemeinschaft. Es macht uns darauf aufmerksam, dass das Bezeugen mit Verlust, Tod, Abwesenheit und Trauma verbunden ist. &amp;lt;ref&amp;gt;  Vergl. hierzu auch Arbeiten von Walid Raad und Rabih Mroué, Künstler, die sich mit dem Krieg im Libanon auseinandersetzen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Kritik des Bezeugens==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Text zu Literatur und Zeugenschaft, in dem er über eine autobiographische Erzählung Maurice Blanchots schreibt, weist Derrida darauf hin, dass jedem Zeugnis die Möglichkeit der Fiktion innewohnt (Derrida 1998: 25). Die Wahrheitsbedingung des Zeugnisses sieht Derrida in dem Versprechen, jeder, der zur gleichen Zeit am gleichen Ort anwesend wäre, hätte das Gleiche wie der Zeuge gehört oder gesehen und würde die Wahrheit des Zeugnisses exemplarisch wiederholen (ebd.: 33). Doch diese Universalisierung kann nach Derrida niemals bruchlos sein, da die Erfahrung zum einen an den Leib gebunden und singulär ist (ebd.: 28), zum anderen kann sie nur mithilfe von Sprache (mithilfe einer Technik) rekonstruiert werden; sie ist daher iterierbar und mithin sekundär, abgeleitet und kontextunabhängig wiederholbar. Dies macht auf eine weitere Bedeutung des Begriffes des Zeugens aufmerksam: zeugen bedeutet das Schaffen von Nachkommen, das Begründen einer Genealogie. Diese Bedeutung verweist auf eine schöpferische Dimension des ''Be''zeugens, auf das ''Er''zeugen: Das Verfahren des Bezeugens ist von der Darstellung nicht zu lösen. Dieser Unsicherheit im Kern des Bezeugens wird begegnet, indem der Zeuge zum Bürgen wird: seine Glaubwürdigkeit liegt mehr noch im performativen Akt seiner Bürgschaft begründet als im Inhalt des Bezeugten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen als künstlerisches Verfahren==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es die illokutionäre Kraft des Sprechaktes des Bezeugens ist, der kontextgebunden eine soziale Wirkmächtigkeit entfaltet, ist in Frage zu stellen, ob in einer künstlerischen Rahmung Bezeugen im engen Sinne des Wortes überhaupt geschieht oder ob es sich nicht um Beschreiben, Dokumentieren, Beweisen u.a. handelt.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
In der antiken Tragödie gibt es die Zeugenfigur des Boten, der anderen Bühnenfiguren einen Bericht über Ereignisse abgibt, die auf der Bühne nicht gezeigt werden (z.B. in ''Antigone'' von Sophocles (Sophocles 1995). So erhält das Publikum Informationen, die es zum Verständnis des Handlungsfortgangs benötigt. Das Verfahren erlaubt es, eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung zu wahren; es kann auch eingesetzt werden, um Ereignisse, die auf der Bühne nicht gezeigt werden können oder sollen darzustellen. Eine zeitgenössische Interpretation des Boten beschreibt Brecht als ein Paradigma der Episierung: In der ''Straßenszene'' berichtet der Augenzeuge eines Verkehrsunfalls anderen Passanten nachträglich vom Ablauf des Unfalls (Brecht 1993). Er spielt den Vorfall nicht mimetisch vor, sondern demonstriert lediglich entscheidende Momente und gibt die Handlungen und Haltungen verschiedener Beteiligter wieder, verkörpert diese jedoch nicht. Hier wird das Verfahren des Bezeugens eingesetzt, um die Bühnenrealität aufzubrechen und eine Distanz zu erzeugen, die dem Zuschauer eine kritische Betrachtung ermöglicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das dokumentarische Theater entstand in den sechziger Jahren; bekannte Beispiele sind Stücke von Rolf Hochhuth, Heinar Kipphardt und Peter Weiss. Das dokumentarische Theater übernimmt und inszeniert Quellenmaterial, das historische oder aktuelle (meistens politische) Ereignisse bezeugt, mit der Absicht, ein Theater des Realismus mit dem Ziel der Aufklärung und Agitation zu schaffen. Das dokumentarische Theater kann von einer Nähe zu juristischen Formen des Bezeugens geprägt sein (vgl. ''Die Ermittlung'' von Peter Weiss (Weiss 2005)) &amp;lt;ref&amp;gt;Peter Weiss beschreibt in ''Notizen zum dokumentarischen Theater'' (1968) das dokumentarische Theater als »Theater der Berichterstattung« auf Grundlage von »Zeugnisse[n] der Gegenwart«. http://www.pohlw.de/literatur/theater/doku-txt1.htm vom 16.11.2012. (Vgl. Barton 1987 und Hilzinger 1976).&amp;lt;/ref&amp;gt; . &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die »Experten des Alltags« in den Stücken von Rimini Protokoll bezeugen sich selbst, indem sie aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen berichten. Auch Arbeiten von Hans-Werner Kroesinger nutzen diese Funktion des Bezeugens, in dem sie historische Originaldokumente und Augenzeugenberichte mit literarischen Texten konfrontieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Body Art bezeugt der Körper	die Realität der vollzogenen Handlungen. Der Einsatz des Körpers des Performers verschiebt die Performance von der Repräsentation zur Präsenz (Chris Burden, Marina Abramovic). Hier lässt sich ein Bezug auf den Märtyrer herstellen: beide überschreiten die Repräsentation des Bezeugtens in Richtung einer unmittelbaren Verkörperung von Wahrheit (Transzendenz).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verfahren des Bezeugens kann Beglaubigungszusammenhänge produzieren, nutzen und offenlegen. Es erschöpft sich nicht in dem Versuch, Realität abzubilden, sondern kann Mittel zur Erschließung von Wirklichkeit durch Bilder und Erzählungen werden, kann Wirklichkeit gestalten. Rabih Mroué verwendet in seinen Lecture Performances häufig fiktive und reale Dokumente und Zeugnisse, um politische Situationen zu bearbeiten. Er wendet die von offizieller Seite intendierten Botschaften des Materials subversiv, indem er es in überraschende Zusammenhänge stellt (vgl. »Photo Romance«, »Drei Plakate« (2003), »Make Me Stop Smoking« (2011), »Probable Title – Zero Probability« von Hito Steyerl und Rabih Mroué (Haus der Kulturen der Welt) (2012), »The Pixelated Revolution« (»Syrian shoot there own death«, Handy- (Youtube-)Videos als Zeugnisse), 2. Berlin Documentary Forum HKW).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Arbeit von Walid Ra’ad und dem fiktiven Kollektiv The Atlas Group beschäftigt sich häufig mit den Möglichkeiten der Repräsentation von traumatischen Ereignissen und der Art und Weise, wie Filme, Videos und Fotos physische und psychische Gewalt bezeugen. In dem von der Atlas Group errichteten Archiv werden gefundene und eigens geschaffene fotografische, audiovisuelle und schriftliche Dokumente des libanesischen Alltags im Bürgerkrieg und heute gesammelt und in Ausstellungen präsentiert (vgl. »The Atlas Group (1989-2004)«, »The Loudest Muttering is Over«.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die künstlerische Rahmung verknüpft das Bezeugen explizit mit der Möglichkeit der Fiktion: es wird markiert und ausgestellt, dass die zu bezeugenden Sachverhalte und Fakten immer durch Selektion, Interpretation, Komposition und Präsentation hervorgebracht und hergestellt werden (das lateinische Wort ''factum'' lässt sich mit ''Tat'', ''Tatsachen'' und mit ''Verfahren'' übersetzen). So kann das Bezeugen Fiktionalisierungsprozesse initialisieren, neue Perspektiven auf scheinbar Bekanntes eröffnen und ein Oszillieren zwischen Wissen und Glauben, Vergangenheit und Gegenwart, Wahrheit und Fiktion, Präsentation und Repräsentation, Anwesendem und Abwesendem produzieren. Es stellt immer die Frage, welche »Wahrheit« bezeugt wird und eröffnet so die Möglichkeit, marginalisierten Positionen und Erfahrungen, die im herrschenden Diskurs sonst nicht zur Sprache kommen, ein Forum zu schaffen und nach alternativen Darstellungsformen des Bezeugens zu suchen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Der Zuschauer als Zeuge==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dori Laub weist daraufhin, dass der Zeuge oft nicht weiß, was er sagen wird, wenn er spricht: »Die Erzählung [des Zeugens] entsteht im Zuhören und Gehörtwerden.« (Laub 2000: 68.) Daraus folgt eine Verantwortung des Zuschauers für den Akt des Bezeugens: die »Aufforderung an die Zuhörer eines Zeugen [...] impliziert, zumindest teilweise Verantwortung für die von ihm bezeugte Wirklichkeit zu übernehmen. Es geht um die Verpflichtung und um die Möglichkeit, ›für den Zeugen zu zeugen‹, indem wir auf die in jedem Zeugnis erhaltene Aufforderung zum Zuhören und zur Antwort darauf reagieren, dass wir für die Wahrheit der bezeugten Erfahrung mitverantwortlich werden.« (Baer 2000: 7) So verdoppelt sich im Zuschauer die Figur des Zeugens zu einer Figur der Antwort und Verantwortung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Agamben, Giorgio (2003): ''Was von Auschwitz bleibt''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Assmann, Aleida (2007): »Vier Grundtypen von Zeugenschaft«, in: Elm, Michael/Kößler, Gottfried (Hgg.): ''Zeugenschaft des Holocaust: zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung''. Frankfurt am Main/New York, S. 33 - 51.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Baer, Ulrich (Hg.) (2000): ''Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Barton, Brian (1987): ''Das Dokumentartheater''. Stuttgart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bertolt, Brecht (1993): »Die Straßenszene«, in: Ders: ''Werke. Grosse kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe''. Bd. 22.1. Frankfurt am Main, S. 370 - 381. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bundeszentrale für Politische Bildung (2010): ''Recht A - Z. Fachlexikon für Studium und Beruf''. Bonn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derrida, Jaques (2003): ''Bleibe''. Wien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Elm, Michael/Kößler, Gottfried (2007): »Einleitung. Zeugenschaft des Holocaust - Zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung«, in: Dies. (Hgg.): ''Zeugenschaft des Holocaust: zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung.'' Frankfurt am Main/New York, S. 7 - 18.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Giesecke, Dana/Welzer, Harald (2012): ''Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur''. Hamburg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hilzinger, Klaus H. (1976): ''Die Dramaturgie des dokumentarischen Theaters''. Tübingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laub, Dori: »Zeugnis ablegen oder Die Schwierigkeit des Zuhörens«, in: Baer, Ulrich (Hg.) (2000): ''Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Levi, Primo (1992): ''Ist das ein Mensch?'' München.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Levi, Primo (1999): ''Die Untergegangenen und die Geretteten''. München/Wien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Preißler, Holger (1999): »Märtyrer« in: Auffarth, Christoph (Hg.): ''Metzler-Lexikon Religion''. Bd. 2. Stuttgart, S. 382 - 385.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sophocles (1995): ''Antigone''. Stuttgart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weigel, Sigrid (2007): ''Märtyrer-Portraits. Von Opfertod, Blutzeugen und heiligen Kriegern''. München.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, Peter (1968): »Notizen zum dokumentarischen Theater«, in: Ders.: ''Dramen II''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, Peter (2005): ''Die Ermittlung. Oratorium in 11''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen == &lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Bezeugen</id>
		<title>Bezeugen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Bezeugen"/>
				<updated>2012-10-24T21:28:10Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Bezeugen als transdisziplinäres Verfahren */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Begriff]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen als transdisziplinäres Verfahren==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen als transdisziplinäres Verfahren bietet die Möglichkeit, eine außerkünstlerische Wirklichkeit in die künstlerische Rahmung zu holen. Es lässt Elemente der individuellen Geschichte mit jenen der kollektiven zusammentreffen und öffnet die Jetzt-Zeit und den aktuellen Ort, in dem es einen Bezug zu anderen Zeiten und anderen Orten herstellt. Das Verfahren des Bezeugens ermöglicht es, Experten, die im Namen eines Fachwissens, einer Disziplin sprechen, Betroffene, die ihre subjektive Sichtweise artikulieren und Zeitzeugen in eine transdisziplinäre Forschungssituation einzubinden. So kann Zeugenschaft als Schnittstelle zwischen mehreren Diskursen fungieren und als Form der indirekten Kenntnisnahme und Wissensvermittlung wirken (vgl. Schmidt et al. 2011: 10). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemand kann Geschehnisse bezeugen, über die er/sie durch eigene körperlich-sinnliche Wahrnehmung Angaben machen kann. Sie oder er setzt die eigene Person für die Wahrheit der Zeugenaussage ein und bestimmt das eigene Wort zum Bezugspunkt einer unbekannten oder ungesicherten Realität (vgl. Baer 2000: 7). Das Bezeugen ist ein Verfahren der Wissensproduktion und als solches häufig Bestandteil von Wahrheitsprozeduren; dennoch bleibt das Bezeugte stets epistemologisch prekäres Wissen, angewiesen auf Verfahren der Authentizitäts- und Evidenzerzeugung. Das Bezeugen ist inter-subjektiv nach außen gerichtet: potentielle Empfänger und soziale Instanzen der Beurteilung, Korrektur oder Ergänzung setzt es immer schon voraus (vgl. Assmann 2007: 34). Der Zeuge spricht im Namen von etwas anderem oder jemand anderen (das lateinische Wort für Zeuge ''superstes'' lässt sich auch mit »darüber hinaus bestehend« übersetzen), zu einem Publikum, das seinen Bericht aufnimmt, eventuell weiter trägt und das Beglaubigte zu einem Zeugnis macht. Daher hat die Szene der Zeugenschaft eine dialogische Struktur. Der Kontext der Szene bestimmt – häufig im Rahmen einer gegebenen institutionellen Form – was in dem performativen Akt des Bezeugens zur Sprache kommt und wie es das tut. Dem Zeugnis ist eine illokutionäre Kraft und soziale Wirkmächtigkeit eigen; hierin unterscheidet es sich gegebenenfalls von den Verfahren des Beschreibens oder Dokumentierens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen kann verschiedene Verfahren miteinander verschränken (z.B. sprachliche Verfahren wie das Interview, visuelle Verfahren wie die Fotographie u.v.m.).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen in seinen juristischen Formen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bezeugen ist uns vor allem in juridischen Zusammenhängen bekannt; auf diesen Kontext verweist das lateinische Wort für Zeuge, ''testis''. Vor Gericht bezeugt eine Person, die in einem Verfahren über eigene Wahrnehmungen aussagen soll (als Beweiszeuge) oder zum Abschluss von Rechtsgeschäften zugezogen wird (als Instruments-, Solennitätszeuge, dessen Zuziehung formal vorgeschrieben ist und ohne den das Rechtsgeschäft nicht gültig ist). Ein sachverständiger Zeuge soll über Tatsachen und Zustände aussagen, zu deren Wahrnehmung besondere Sachkunde notwendig ist (vgl. »Zeugnis« in: Bundeszentrale für Politische Bildung (2010): S.533 ff). Zu unterscheiden ist die Funktion des Zeugens im Strafprozess und im Zivilprozess. Im Strafprozess bezeugt das Opfer selbst das Geschehnis während im Zivilprozess als Zeuge nur vernommen werden kann, wer nicht für die Parteivernehmung in Betracht kommt. Hier tritt der Zeuge als ein Außenstehender zwischen den Täter und den Geschädigten. Das Bezeugen ist mit einer prinzipiellen Fehlbarkeit verbunden: was der Zeuge sagt, kann immer auch falsches Zeugnis sein. Daher gilt es, die Glaubwürdigkeit eines Zeugen zu überprüfen: der Zeuge muss über-zeugen. Bezeugen ist nur dort notwendig, wo keine Evidenz, wo Unwissen besteht; ist der Zeuge glaubwürdig, verwandelt der Glaube an ihn Ungewissheit in Gewissheit (vgl. Sibylle Krämer http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/2009_02/12_kraemer/index.html).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen im religiösen Kontext==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Glaubens verweist nun auf eine zweite Herkunft des Begriffes Zeuge aus dem Griechischen: ''màrtyr''. Der Märtyrer nimmt für seine religiöse Einstellung bewusst den Tod auf sich. Sowohl das Judentum, Christentum, der Islam, als auch der Buddhismus kennen diesen Typen des Zeugens; es gibt ihn aber auch im säkularisierten Sinn (als Opfer politischer Unterdrückung, von Naturkatastrophen oder Unfällen). Durch die Kreuzigung Christi wurde das Gedenken an den Opfertod noch mal in besonderer Weise erhöht (Preißler 1999: 382 - 385). Die ersten Glaubenszeugnisse des Christentums sind körperliche Zeugnisse: die Märtyrer wollen an und durch ihren Körper die Wahrheit ihres Glaubens bezeugen. Der Märtyrertod ist eine Inversion von politischer Unterlegenheit in religiöse Überlegenheit: das Zeugnis des Märtyrers findet kein Gehör vor dem irdischen Gericht und appelliert an eine höhere religiöse Instanz (Assmann 1997: 36). So wird der physische Tod in einen symbolischen Akt umkodiert. Auch der Märtyrer ist angewiesen auf einen zweiten Zeugen, der seinen Tod wahrnimmt, ihn als religiösen Opfertod deutet und in ein Zeugnis verwandelt (vgl. die Evangelisten, die den Märtyrertod und die Wiederauferstehung Christi bezeugen). Judentum. Im Koran kommt das Wort Märtyrer nicht vor, doch im Islam ist er gebräuchlich für den, der bei der Ausübung seiner Religion oder im Kampf gegen die Ungläubigen oder das Böse den Tod findet (vgl. das Wort Schahid / ‏شهيد‎ / šahīd für Zeuge). Aktuelle Beispiele einer politischen Varianten des religiösen Zeugen, die versuchen, eine (mediale) Öffentlichkeit herzustellen, die (evt. unfreiwillig) zum Zeuge des Ereignisses wird, sind Selbstmordattentäter, die andere Menschen mit in den Tod reißt, und die Selbstverbrennung tibetischer Mönche, die aus Protest gegen die chinesische Regierung die Gewalt gegen sich selbst richten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Das historische Bezeugen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der historische Zeuge übermittelt seine Erinnerungen und Erlebnisse vergangener Ereignisse an diejenigen, die das Geschehen nicht selbst erlebt haben. Diese Art des Bezeugens können auch Akte, Medien, Dokumente erfüllen. Der Zeitzeuge hat eine subjektive Perspektive auf das Geschehene, zum Teil ist er betroffen. Das Paradox der Zeugenschaft besteht darin, dass auch Zeugenrede der subjektiven Perspektive das singuläre Erlebnis nicht in einem authentischen oder unverfälschten Bericht über das Vorgefallene artikuliert; auch sie vollzieht sich geprägt von bestehenden diskursive Formationen und in präfigurierten, zugewiesenen Bereichen (vgl. http://eipcp.net/transversal/0408/nowotny/de), richtet sich aber im Gegensatz zur juridische Zeugenrede nicht an eine Institution, sondern an Personen. Das historische Zeugnis wird Teil von Geschichtsschreibung; in der oral history erweitert es die Geschichtsschreibung um eine Erfahrungsdimension. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff des Zeugens ist stark mit der Shoah verbunden; durch das Ausmaß und die Intensität der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik kommt den Zeugnissen der Überlebenden eine besondere Stellung zu (vgl. Elm/Kößler 2007: 9). Aleida Assmann beschreibt den Überlebenden, der die Shoah bezeugt, als den moralischen Zeugen (Asmann 2007: 33 - 51). Er nimmt Züge aller anderen Typen von Zeugen in sich auf und unterscheidet sich doch grundlegend. Das moralische Bezeugen schließt ein Schweigen, ein Nicht-sprechen-Können mit ein (Dem Überlebenszeugen wohnt eine Unmöglichkeit des Zeugens inne, denn er selbst ist nicht gestorben, er ist den Weg nicht bis ans Ende gegangen.)&amp;lt;ref&amp;gt; Primo Levi schreibt: »Wir sind die, die […] den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht berührt haben. Wer ihn berührt, wer das Haupt der Medusa erblickt hat, konnte nicht mehr zurückkehren, um zu berichten, oder er ist stumm geworden.« (Levi 1990: 83) &amp;lt;/ref&amp;gt;  Der Überlebenszeuge markiert die durch die Toten hinterlassene Leerstelle des Zeugens, er verweist auf die Abwesenheit dessen, was nicht bezeugt werden kann. In den Konzentrationslagern wurden systematisch das Bewusstsein und die Personalität der Häftlinge zerstört, aus der heraus bezeugt werden kann (vgl. die Figur des Muselmanns, des lebenden Toten, des alles Menschlichen Beraubten bei Primo Levi (Levi 1992) und Giorgio Agamben (Agamben 2003)) &amp;lt;ref&amp;gt; Siehe auch Bernstorff/Haas: »Von Auschwitz schweigen. Sprachlosigkeit und Shoah«, in: Thewis. Zeitschrift der Gesellschaft für Theaterwissenschaft. Ausgabe 10/10 http://www.thewis.de/?q=node/337 vom 15.10.2012. &amp;lt;/ref&amp;gt;. Das moralische Bezeugen wird teil eines universalistischen Diskurses und einer moralischen Gemeinschaft. Es macht uns darauf aufmerksam, dass das Bezeugen mit Verlust, Tod, Abwesenheit und Trauma verbunden ist. &amp;lt;ref&amp;gt;  Vergl. hierzu auch Arbeiten von Walid Raad und Rabih Mroué, Künstler, die sich mit dem Krieg im Libanon auseinandersetzen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Kritik des Bezeugens==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Text zu Literatur und Zeugenschaft, in dem er über eine autobiographische Erzählung Maurice Blanchots schreibt, weist Derrida darauf hin, dass jedem Zeugnis die Möglichkeit der Fiktion innewohnt (Derrida 1998: 25). Die Wahrheitsbedingung des Zeugnisses sieht Derrida in dem Versprechen, jeder, der zur gleichen Zeit am gleichen Ort anwesend wäre, hätte das Gleiche wie der Zeuge gehört oder gesehen und würde die Wahrheit des Zeugnisses exemplarisch wiederholen (ebd.: 33). Doch diese Universalisierung kann nach Derrida niemals bruchlos sein, da die Erfahrung zum einen an den Leib gebunden und singulär ist (ebd.: 28), zum anderen kann sie nur mithilfe von Sprache (mithilfe einer Technik) rekonstruiert werden; sie ist daher iterierbar und mithin sekundär, abgeleitet und kontextunabhängig wiederholbar. Dies macht auf eine weitere Bedeutung des Begriffes des Zeugens aufmerksam: zeugen bedeutet das Schaffen von Nachkommen, das Begründen einer Genealogie. Diese Bedeutung verweist auf eine schöpferische Dimension des ''Be''zeugens, auf das ''Er''zeugen: Das Verfahren des Bezeugens ist von der Darstellung nicht zu lösen. Dieser Unsicherheit im Kern des Bezeugens wird begegnet, indem der Zeuge zum Bürgen wird: seine Glaubwürdigkeit liegt mehr noch im performativen Akt seiner Bürgschaft begründet als im Inhalt des Bezeugten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bezeugen als künstlerisches Verfahren==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es die illokutionäre Kraft des Sprechaktes des Bezeugens ist, der kontextgebunden eine soziale Wirkmächtigkeit entfaltet, ist in Frage zu stellen, ob in einer künstlerischen Rahmung Bezeugen im engen Sinne des Wortes überhaupt geschieht oder ob es sich nicht um Beschreiben, Dokumentieren, Beweisen u.a. handelt.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
In der antiken Tragödie gibt es die Zeugenfigur des Boten, der anderen Bühnenfiguren einen Bericht über Ereignisse abgibt, die auf der Bühne nicht gezeigt werden (z.B. in ''Antigone'' von Sophocles (Sophocles 1995). So erhält das Publikum Informationen, die es zum Verständnis des Handlungsfortgangs benötigt. Das Verfahren erlaubt es, eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung zu wahren; es kann auch eingesetzt werden, um Ereignisse, die auf der Bühne nicht gezeigt werden können oder sollen darzustellen. Eine zeitgenössische Interpretation des Boten beschreibt Brecht als ein Paradigma der Episierung: In der ''Straßenszene'' berichtet der Augenzeuge eines Verkehrsunfalls anderen Passanten nachträglich vom Ablauf des Unfalls (Brecht 1993). Er spielt den Vorfall nicht mimetisch vor, sondern demonstriert lediglich entscheidende Momente und gibt die Handlungen und Haltungen verschiedener Beteiligter wieder, verkörpert diese jedoch nicht. Hier wird das Verfahren des Bezeugens eingesetzt, um die Bühnenrealität aufzubrechen und eine Distanz zu erzeugen, die dem Zuschauer eine kritische Betrachtung ermöglicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das dokumentarische Theater entstand in den sechziger Jahren; bekannte Beispiele sind Stücke von Rolf Hochhuth, Heinar Kipphardt und Peter Weiss. Das dokumentarische Theater übernimmt und inszeniert Quellenmaterial, das historische oder aktuelle (meistens politische) Ereignisse bezeugt, mit der Absicht, ein Theater des Realismus mit dem Ziel der Aufklärung und Agitation zu schaffen. Das dokumentarische Theater kann von einer Nähe zu juristischen Formen des Bezeugens geprägt sein (vgl. ''Die Ermittlung'' von Peter Weiss (Weiss 2005)) &amp;lt;ref&amp;gt;Peter Weiss beschreibt in ''Notizen zum dokumentarischen Theater'' (1968) das dokumentarische Theater als »Theater der Berichterstattung« auf Grundlage von »Zeugnisse[n] der Gegenwart«. http://www.pohlw.de/literatur/theater/doku-txt1.htm vom 16.11.2012. (Vgl. Barton 1987 und Hilzinger 1976).&amp;lt;/ref&amp;gt; . &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die »Experten des Alltags« in den Stücken von Rimini Protokoll bezeugen sich selbst, indem sie aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen berichten. Auch Arbeiten von Hans-Werner Kroesinger nutzen diese Funktion des Bezeugens, in dem sie historische Originaldokumente und Augenzeugenberichte mit literarischen Texten konfrontieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Body Art bezeugt der Körper	die Realität der vollzogenen Handlungen. Der Einsatz des Körpers des Performers verschiebt die Performance von der Repräsentation zur Präsenz (Chris Burden, Marina Abramovic). Hier lässt sich ein Bezug auf den Märtyrer herstellen: beide überschreiten die Repräsentation des Bezeugtens in Richtung einer unmittelbaren Verkörperung von Wahrheit (Transzendenz).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verfahren des Bezeugens kann Beglaubigungszusammenhänge produzieren, nutzen und offenlegen. Es erschöpft sich nicht in dem Versuch, Realität abzubilden, sondern kann Mittel zur Erschließung von Wirklichkeit durch Bilder und Erzählungen werden, kann Wirklichkeit gestalten. Rabih Mroué verwendet in seinen Lecture Performances häufig fiktive und reale Dokumente und Zeugnisse, um politische Situationen zu bearbeiten. Er wendet die von offizieller Seite intendierten Botschaften des Materials subversiv, indem er es in überraschende Zusammenhänge stellt (vgl. »Photo Romance«, »Drei Plakate« (2003), »Make Me Stop Smoking« (2011), »Probable Title – Zero Probability« von Hito Steyerl und Rabih Mroué (Haus der Kulturen der Welt) (2012), »The Pixelated Revolution« (»Syrian shoot there own death«, Handy- (Youtube-)Videos als Zeugnisse), 2. Berlin Documentary Forum HKW).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Arbeit von Walid Ra’ad und dem fiktiven Kollektiv The Atlas Group beschäftigt sich häufig mit den Möglichkeiten der Repräsentation von traumatischen Ereignissen und der Art und Weise, wie Filme, Videos und Fotos physische und psychische Gewalt bezeugen. In dem von der Atlas Group errichteten Archiv werden gefundene und eigens geschaffene fotografische, audiovisuelle und schriftliche Dokumente des libanesischen Alltags im Bürgerkrieg und heute gesammelt und in Ausstellungen präsentiert (vgl. »The Atlas Group (1989-2004)«, »The Loudest Muttering is Over«.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die künstlerische Rahmung verknüpft das Bezeugen explizit mit der Möglichkeit der Fiktion: es wird markiert und ausgestellt, dass die zu bezeugenden Sachverhalte und Fakten immer durch Selektion, Interpretation, Komposition und Präsentation hervorgebracht und hergestellt werden (das lateinische Wort ''factum'' lässt sich mit ''Tat'', ''Tatsachen'' und mit ''Verfahren'' übersetzen). So kann das Bezeugen Fiktionalisierungsprozesse initialisieren, neue Perspektiven auf scheinbar Bekanntes eröffnen und ein Oszillieren zwischen Wissen und Glauben, Vergangenheit und Gegenwart, Wahrheit und Fiktion, Präsentation und Repräsentation, Anwesendem und Abwesendem produzieren. Es stellt immer die Frage, welche »Wahrheit« bezeugt wird und eröffnet so die Möglichkeit, marginalisierten Positionen und Erfahrungen, die im herrschenden Diskurs sonst nicht zur Sprache kommen, ein Forum zu schaffen und nach alternativen Darstellungsformen des Bezeugens zu suchen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Der Zuschauer als Zeuge==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dori Laub weist daraufhin, dass der Zeuge oft nicht weiß, was er sagen wird, wenn er spricht: »Die Erzählung [des Zeugens] entsteht im Zuhören und Gehörtwerden.« (Laub 2000: 68.) Daraus folgt eine Verantwortung des Zuschauers für den Akt des Bezeugens: die »Aufforderung an die Zuhörer eines Zeugen [...] impliziert, zumindest teilweise Verantwortung für die von ihm bezeugte Wirklichkeit zu übernehmen. Es geht um die Verpflichtung und um die Möglichkeit, ›für den Zeugen zu zeugen‹, indem wir auf die in jedem Zeugnis erhaltene Aufforderung zum Zuhören und zur Antwort darauf reagieren, dass wir für die Wahrheit der bezeugten Erfahrung mitverantwortlich werden.« (Baer 2000: 7) So verdoppelt sich im Zuschauer die Figur des Zeugens zu einer Figur der Antwort und Verantwortung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Agamben, Giorgio (2003): ''Was von Auschwitz bleibt''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Assmann, Aleida (2007): »Vier Grundtypen von Zeugenschaft«, in: Elm, Michael/Kößler, Gottfried (Hgg.): ''Zeugenschaft des Holocaust: zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung''. Frankfurt am Main/New York, S. 33 - 51.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Baer, Ulrich (Hg.) (2000): ''Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Barton, Brian (1987): ''Das Dokumentartheater''. Stuttgart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bertolt, Brecht (1993): »Die Straßenszene«, in: Ders: ''Werke. Grosse kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe''. Bd. 22.1. Frankfurt am Main, S. 370 - 381. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bundeszentrale für Politische Bildung (2010): ''Recht A - Z. Fachlexikon für Studium und Beruf''. Bonn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derrida, Jaques (2003): ''Bleibe''. Wien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Elm, Michael/Kößler, Gottfried (2007): »Einleitung. Zeugenschaft des Holocaust - Zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung«, in: Dies. (Hgg.): ''Zeugenschaft des Holocaust: zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung.'' Frankfurt am Main/New York, S. 7 - 18.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Giesecke, Dana/Welzer, Harald (2012): ''Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur''. Hamburg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hilzinger, Klaus H. (1976): ''Die Dramaturgie des dokumentarischen Theaters''. Tübingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laub, Dori: »Zeugnis ablegen oder Die Schwierigkeit des Zuhörens«, in: Baer, Ulrich (Hg.) (2000): ''Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Levi, Primo (1992): ''Ist das ein Mensch?'' München.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Levi, Primo (1999): ''Die Untergegangenen und die Geretteten''. München/Wien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Preißler, Holger (1999): »Märtyrer« in: Auffarth, Christoph (Hg.): ''Metzler-Lexikon Religion''. Bd. 2. Stuttgart, S. 382 - 385.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sophocles (1995): ''Antigone''. Stuttgart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weigel, Sigrid (2007): ''Märtyrer-Portraits. Von Opfertod, Blutzeugen und heiligen Kriegern''. München.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, Peter (1968): »Notizen zum dokumentarischen Theater«, in: Ders.: ''Dramen II''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, Peter (2005): ''Die Ermittlung. Oratorium in 11''. Frankfurt am Main.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen == &lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Verausgaben</id>
		<title>Verausgaben</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Verausgaben"/>
				<updated>2012-10-24T16:29:51Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Bibliographie */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Hier steht was zu '''Verausgaben'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inwiefern kann der Begriff „Verausgaben“ zum Verständnis transdisziplinären Arbeitens beitragen?&lt;br /&gt;
Der Begriff „Verausgaben“ kann insofern zum Verständnis von transdisziplinärem Arbeiten beitragen, als er auch die Arbeitsbedingungen analysierbar macht, unter denen transdisziplinäres Arbeiten stattfindet, bzw. die es mit sich bringt. Die Auseinandersetzung mit den Bedingungen transdisziplinärer Wissensproduktion ist eine Voraussetzung für die Analyse der Ergebnisse dieser Arbeitsform. Sie ermöglicht es, die Potenziale dieser Arbeitsform einschätzen und auch ausschöpfen zu können. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sofern transdisziplinres Arbeiten selbst auch als die Ermöglichung von Teilhabe über disziplinäres Arbeiten hinaus meint, müsste es auch darum gehen, dass der Begriff „Verausgaben“ auszuloten hilft, welches Potenzial er für die Ermöglichung des Zusammenkommens von disziplinären mit nicht-disziplinären Wissenspraktiken besitzt. Dies ist deshalb wichtig, weil auf diese Weise die ambivalente Passförmigkeit dieses Ansatzes im Zusammenhang ökonomischer Liberalisierung (vgl. Beitrag Heike Roms) analysiert werden kann. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff &amp;quot;Verausgaben&amp;quot; lässt sich in drei Perspektiven Richtungen betrachten: in einer philosophischen, einer sozialtheoretischen und einer ethnographischen Perspektive.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel ==&lt;br /&gt;
Die '''1. vorgeschlagene Denkrichtung''', die mit dem Begriff „verausgaben“ (transitiv) eingeschlagen werden kann, macht aus dem Verb zunächst einmal ein Substantiv – Verausgabung. &lt;br /&gt;
Einen Anknüpfungspunkt bildet Georges Batailles Begriffsprägung der Verausgabung, die er in unterschiedlichen Texten formuliert hat (im Deutschen in der „Aufhebung der Ökonomie“ 1985  zusammengestellt). In „La notion de dépense“ (1970, Original 1933) denkt Bataille über die unterschiedlichen Formen des Verlusts und der unproduktiven Verausgabung nach, bevor er zu einer Klassenanalyse kommt er zu dem Schluss, dass mit den Verlusten, die auf rauschartige „états d’excitation“ zurückgehen jene unproduktiven Werte verbunden sind, die als Verausgabungen gelten können (vgl. Bataille 1970: 319). Bataille versteht die nicht utilitaristische oder zweckrationalistische „freie Verausgabung“, die in der modernen kapitalistischen Gesellschaft zu beobachten und Nachfolgerin der „großen freiwilligen sozialen Formen der unproduktiven Verausgabung“ (Ruf 2009: 32) sei, als „insubordinierte Tätigkeit“ (Ruf 2009: 33).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Batailles Überlegungen zum Verausgaben als kulturelle Praxis müsse, so Oliver Ruf, in den Zusammenhang des Collège de Sociologie und dessen Interesse am Sakralen sowie Batailles Arbeit an einer Theorie der Ökonomie gesehen werden. Verausgabung bei Bataille bezeichne die „unproduktiven Formen“ der Konsumption (Ruf 2009: 29). „Das Prinzip des Verlust wird“, so Ruf, „mit der bedingungslosen Verausgabung“ gleichgesetzt (Ruf 2009: 30). Die Natur, so Ruf, wie der Mensch sind beide an sich Verschwendung. Deshalb verschwendet der Mensch sich, um sich zu verwirklichen (Vgl. Ruf 2009: 37 mit Bezug auf Enkelmann 2004: 3).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Band „Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens“ (Hrsg. Christine Bähr, Suse Bauschmid, Thomas Lenz und Oliver Ruf 2009) gilt „Verausgaben“ darüber hinaus auch als Verb sowohl transitiv als auch reflexiv, d.h. als „sich verausgaben“: „Als Verausgabung ist wahrnehmbar und beschreibbar, was die Begrenzungen gegebener Ressourcen überwindet und einen vorhandenen Status quo überbietet.“ Und weiter: „Verausgabung als Bestandteil kapitalistischer Ökonomisierungsprozesse“ bezeichnet 1. die „Überschreitung des Notwendigen“ (d.h Luxus, Verschwendung); 2. „Überangebot an Arbeitskraft“ und 3. „Exzess“, „Rausch“ (d.h. in diesem Zusammenhang die von Bataille genannten Bereiche Ritual, Sport, Künste) (vgl. Bähr u.a. 2009: 8).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Anknüpfungspunkt an das transdisziplinäre Arbeiten könnte „Überschreitung des Notwendigen“, „Verschwendung“ in dem Sinne sein, dass disziplinär erworbenes Wissen im Prozess transdisziplinärer Arbeitszusammenhänge und Produkte „vernichtet“ wird. Es wird nicht in den Kreislauf der disziplinären Verwertungszusammenhänge eingespeist. Diese ist sicher nur teils richtig, denn die Arbeitsrealität zeigt, dass es auch konventionelle disziplinäre Ergebnisse aus dem transdisziplinären Arbeitsprozess gewonnen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel ==&lt;br /&gt;
Mit dem Band „Überfluss und Überschreitung“ ist die '''2. Perspektive''' angesprochen, in die ein Nachdenken über „Verausgaben“ und seinen Gewinn für transdisziplinäres Arbeiten weist: Sie ist auf die Analyse aktueller Arbeitsformen gerichtet. Damit ist Arbeit unter dem ''Ein/Druck'' der Ausweitung und Aufwertung wissensbasierter Arbeitsformen gemeint, unter dem ''Ein/Druck'' der De-Regulierung wohlfahrtsstaatlicher Sicherungssysteme. Das Selbst manifestiert sich in diesem Zusammenhang als Ausdruck und Ressource multipler Technologien der Selbstauswertung und Selbstverwertung. Hier ist die Figur des unternehmerischen Selbst relevant, wie sie Ulrich Bröckling auf den Punkt gebracht (2007): Diese Figur basiert auf Selbsttechnologien, die mit einer Vorstellungen von Autonomie, Eigenverantwortung und Wahlfreiheit verbunden sind: „Jeder einzelne soll sich als eine Art Unternehmen begreifen und entsprechend führen.“ (Bröckling 2007: 43)&lt;br /&gt;
Der adäquate Arbeitsmodus, in dem diese Anforderungen „eingespeichert“ sind und in dem sie sich umsetzten lassen, ist die Projektarbeit. Projektarbeit beruht in ihrem Ideal auf der Implementierung und Ausschöpfung informeller Arbeitsbeziehungen, auf individueller Mobilität und Flexibilität in sozialen Beziehungen wie im Zugriff auf Wissensbestände. &lt;br /&gt;
„Im Vordergrund steht [...] der Aspekt einer zeitlich befristeten, von einem Individuum oder einer überschaubaren Gruppe selbstverantwortlich zu bewältigenden Aufgabe. Projekte verlangen und gewähren ein großes Maß an Autonomie, sie stehen quer zu institutionellen Hierarchien und zeichnen sich aus durch hohe Kommunikationsdichte sowie ganzheitliche, den Einklang von Arbeit und Leben, von wirtschaftlichem Erfolg und persönlicher Entwicklung verheißende Rollenangebote.“ (Bröckling 2007: 257)&lt;br /&gt;
Projektarbeit geht mit dem „Einklang von Arbeit und Leben“ (Bröckling 2007: 257) einher, indem sie professionelle und private Beziehungsnetzwerke miteinander verknüpft (vgl. u.a. Wittel 2001) und Arbeitsprojekte zu Lebensprojekten macht.&lt;br /&gt;
Diese vielfachen Kompetenzen, mehrdeutigen Beziehungen und das „ganze Selbst“ umfassenden Anforderungen halten die sogenannten „soft skills“, die im Zusammenhang der Projektarbeit eine Aufwertung erfahren: in der Logik sozialer Kompetenz ermöglichen sie das schöpferische Verwerten von Emotionen, die Analyse von Niederlagen, das Moderieren von Konflikten (vgl. Bröckling 2007: 267f.). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor diesem Hintergrund kann das „Sich-selbst-verausgaben“ als ein Zustand im Kreislauf zwischen Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung gedeutet werden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von der empirischen Forschung aus gesehen, wirkt das in den Gouvernementalitätsstudien festgestellte gesellschaftliche Modell ganz unterschiedlich in Lebenswelten hinein. So ist es z.B. unterschiedlich hinsichtlich genderspezifischer Abarbeitungen (vgl. Angela McRobbie 2003). In der Europäischen Ethnologie haben sich in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten diesen neuen Arbeitswelten und -wirklichkeiten gewidmet. Und auch in Hinblick auf Ethnographie als Wissenspraxis ist das unternehmerische Selbst von Bedeutung: das ethnographische Selbst hat mit dem unternehmerischen Selbst sehr viel gemein und zwar nicht erst seit der post-fordistischen Aufwertung und Ausweitung wissensbasierter Arbeit, sondern schon im Paradigma der Feldforschung bei Malinowski in den 10er bzw. 20er Jahren des 20. Jhdts. (vgl. Färber 2009a).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Hinweis auf Ethnographie führt zur '''3. Perspektive''', die mit dem Begriff Verausgaben und der Analyse transdisziplinären Arbeitens verknüpft ist. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier ist von Interesse, die Arbeitsbedingungen, die transdisziplinäres Arbeiten mit sich bringen, zu analysieren, um die Potenziale dieser Arbeitsformen einschätzen zu können. Dabei geht es darum, dass der vorgeschlagene Begriff das Potenzial auszuloten hilft, das „Verausgaben“ für die Ermöglichung des Zusammenkommens von disziplinären mit nicht-disziplinären Wissenspraktiken besitzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Beispiel einer ethnographischen Untersuchung von aktivistischen Praktiken, die aus einer Gewerberauminitiative in Berlin eine Wohnraum- und Gebäudekomplexinitiative haben werden lassen, kann dies veranschaulichen. Im Laufe der Forschung galt mein Interesse als Ethnographin zunehmend den Bedingungen für Engagement – in einer Konstellation von beteiligten Gewerbetreibenden, AnwohnerInnen, MieterInnen, QM-lerInnen, LokalpolitikerInnen, interessierten ForscherInnen, Journalistinnen, die alle für die Belange der MieterInnen eines Gebäudekomplexes und gegen die Eigentümergemeischaft protestierten (vgl. Färber 2009b). Über mehrere Jahre (ich selbst habe ca. 1,5 Jahre teilgenommen) haben sich in einer zunächst wachsenden und dann wieder schrumpfenden Zusammensetzung Menschen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen zusammengetan, um gemeinsame Interessen zu entwickeln und diese zu vertreten. Dass sich nicht alle gleichermaßen involvierten und schließlich die Aktionsgruppe – im Gegensatz zu homogeneren im Stadtteil – auseinander gebrochen ist, liegt nur zum Teil an der Tatsache unterschiedlicher politischer Haltungen oder auch Politikstile (vgl. Riedmann 2010). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entscheidend für die Dauerhaftigkeit des Engagements war die Möglichkeit, die Zeit, die das Engagement „gekostet“ hat, mehrfach deuten zu können, oder anders gesagt: mehrfach auszuwerten. Dasselbe galt für die Qualität der sozialen Beziehungen. Diejenigen, die sich langfristig engagiert haben in diesem Prozess, konnten sich entweder auf die feste Grundlage der Freundschaft stützen oder hatten ein zusätzlich geschäftliches Interesse. Lange vorher etablierte nachbarschaftliche Beziehungen waren eine sehr viel anfälligere Grundlage für das Durchhaltevermögen. Dagegen haben Momente öffentlicher Aufmerksamkeit (Presse), Menschen punktuell aktiviert und zusammengebracht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier schlägt sich die Figur des unternehmerischen Selbst nieder und damit auch die kulturelle Praxis des Verausgabens: Die Frage &amp;quot;Wer macht mit?&amp;quot; entscheidet sich demnach an der Antwort auf die Frage &amp;quot;Wer hat Zeit?&amp;quot;. Es ließe sich auch fragen &amp;quot;Wer macht wie mit?&amp;quot; (vgl. Kai van Eikels). Es ließe sich auch fragen, &amp;quot;Wer hat dafür welche Zeit?&amp;quot; &lt;br /&gt;
Für interdisziplinäres Arbeiten heißt das z.B., Zeit haben, sich auf die anderen Zugänge einzulassen. Engagement in dieser Richtung beruht auf der Bereitschaft, sich auf andere Foren, Gültigkeitskriterien, Diskussionsstile und Referenzsysteme einzulassen – nichts anderes ist bei disziplinärer Wissensproduktion im Spiel. Das kostet Zeit. &lt;br /&gt;
Auf transdisziplinäres Arbeiten gewendet, muss diese Frage auch an diejenigen gerichtet werden, die nicht innerhalb einer Disziplin, sei es Kunst oder Wissenschaft, agieren. D.h.: welche Sorte Zeit wird hier investiert? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Möglichkeit, Freizeit als Arbeitszeit geltend zumachen, wie es der Figur des unternehmerischen Selbst zugeschrieben wird, hat in dem oben geschilderten Fall den entscheidenden Unterschied für Engagement gemacht. Genauso wie die Frage, ob KollegInnen auch als FreundInnen betrachtet und angesprochen werden können – eine weitere Vorstellung für die Arbeitskonstellation des unternehmerischen Selbst. Dies könnte für die anderen oben genannten Eckpfeiler (das Format, Projekt, Team etc.) durchgespielt werden.&lt;br /&gt;
Das Sich-Verausgaben wird in diesem Zusammenhang genau dann zu einer Ressource, wenn Arbeitszeit als Freizeit gedeutet werden kann; wenn KollegInnen als FreundInnen gelten können. An dieser Vorstellung arbeiten sich die involvierten Akteurinnen unterschiedlich ab; bzw. können sie zu unterschiedlichen Graden ins Spiel bringen. Und die Frage wäre: inwiefern kann auch Verausgaben ausgewertet werden?&lt;br /&gt;
D.h. Partizipation als langfristiges Engagement macht sich nicht allein an politischen Stilen und Haltungen, an Zugehörigkeiten etc. fest, sondern an dem Potential, Zeit vielfach zu verwerten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
*Bataille, Georges (1970, Original 1933): La notion de dépens. In: Oeuvres complètes I. Premiers écrits 1922-1940. Paris: Gallimard, S. 302-320.&lt;br /&gt;
*Bähr, Christine, Suse Bauscmid, Thomas Lenz, Oliver Ruf (2009): Die kulturelle Praixis des Verausgabens, Einleitung. In: Dies. (Hg.): Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens. Bielefeld, S. 7-12.&lt;br /&gt;
*Bröckling, Urlich (2004): Kreativität. In: Bröckling, Ulrich/Krasmann, Susanne/Lemke, Thomas (Hg.): Glossar der Gegenwart, Frankfurt/M., S. 139-144.&lt;br /&gt;
*Bröckling, Urlich (2007): Das unternehmerische Selbst. Frankfurt/M.&lt;br /&gt;
*Färber, Alexa (2009): Das unternehmerische ethnografische Selbst. Aspekte der Intensivierung von Arbeit im ethnologisch-ethnografischen Feldforschungsparadigma. In: Ina Dietzsch/Wolfgang Kaschuba/Leonore Scholze-Irrlitz (Hg.): Horizonte ethnografischen Wissens. Eine Bestandsaufnahme. Alltag &amp;amp; Kultur, Band 12. Köln u.a., S. 178-202.&lt;br /&gt;
*McRobbie, Angela (2003): I was knitting away night and day. Die Bedeutung von Kunst und Handwerk im Modedesign. In: Marion von Osten (ed.): Norm der Abweichung. Zürich, S. 99-117.&lt;br /&gt;
*Riedmann, Erwin (2010): Soziale Beziehungen und politische Mobilisierung im Armutsquartier der neoliberalen Stadt. In: Alexa Färber (Hg.): Stoffwechsel Berlin. Berliner Blätter 53/2010, Berlin, S. 128-141.&lt;br /&gt;
*Ruf, Oliver (2009): Ökonomie der Vergeudung. Die Figur der Verausgabung bei Georges Bataille. In: Christine Bähr, Suse Bauscmid, Thomas Lenz, Oliver Ruf (Hg.): Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens. Bielefeldt, S. 27-40.&lt;br /&gt;
*Wittel, Andreas (2001): Toward a Network Sociality. In: Theory, Culture and Society 18, S. 51-76.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Verausgaben]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Verausgaben</id>
		<title>Verausgaben</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Verausgaben"/>
				<updated>2012-10-24T16:21:35Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Kapitel */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Hier steht was zu '''Verausgaben'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inwiefern kann der Begriff „Verausgaben“ zum Verständnis transdisziplinären Arbeitens beitragen?&lt;br /&gt;
Der Begriff „Verausgaben“ kann insofern zum Verständnis von transdisziplinärem Arbeiten beitragen, als er auch die Arbeitsbedingungen analysierbar macht, unter denen transdisziplinäres Arbeiten stattfindet, bzw. die es mit sich bringt. Die Auseinandersetzung mit den Bedingungen transdisziplinärer Wissensproduktion ist eine Voraussetzung für die Analyse der Ergebnisse dieser Arbeitsform. Sie ermöglicht es, die Potenziale dieser Arbeitsform einschätzen und auch ausschöpfen zu können. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sofern transdisziplinres Arbeiten selbst auch als die Ermöglichung von Teilhabe über disziplinäres Arbeiten hinaus meint, müsste es auch darum gehen, dass der Begriff „Verausgaben“ auszuloten hilft, welches Potenzial er für die Ermöglichung des Zusammenkommens von disziplinären mit nicht-disziplinären Wissenspraktiken besitzt. Dies ist deshalb wichtig, weil auf diese Weise die ambivalente Passförmigkeit dieses Ansatzes im Zusammenhang ökonomischer Liberalisierung (vgl. Beitrag Heike Roms) analysiert werden kann. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff &amp;quot;Verausgaben&amp;quot; lässt sich in drei Perspektiven Richtungen betrachten: in einer philosophischen, einer sozialtheoretischen und einer ethnographischen Perspektive.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel ==&lt;br /&gt;
Die '''1. vorgeschlagene Denkrichtung''', die mit dem Begriff „verausgaben“ (transitiv) eingeschlagen werden kann, macht aus dem Verb zunächst einmal ein Substantiv – Verausgabung. &lt;br /&gt;
Einen Anknüpfungspunkt bildet Georges Batailles Begriffsprägung der Verausgabung, die er in unterschiedlichen Texten formuliert hat (im Deutschen in der „Aufhebung der Ökonomie“ 1985  zusammengestellt). In „La notion de dépense“ (1970, Original 1933) denkt Bataille über die unterschiedlichen Formen des Verlusts und der unproduktiven Verausgabung nach, bevor er zu einer Klassenanalyse kommt er zu dem Schluss, dass mit den Verlusten, die auf rauschartige „états d’excitation“ zurückgehen jene unproduktiven Werte verbunden sind, die als Verausgabungen gelten können (vgl. Bataille 1970: 319). Bataille versteht die nicht utilitaristische oder zweckrationalistische „freie Verausgabung“, die in der modernen kapitalistischen Gesellschaft zu beobachten und Nachfolgerin der „großen freiwilligen sozialen Formen der unproduktiven Verausgabung“ (Ruf 2009: 32) sei, als „insubordinierte Tätigkeit“ (Ruf 2009: 33).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Batailles Überlegungen zum Verausgaben als kulturelle Praxis müsse, so Oliver Ruf, in den Zusammenhang des Collège de Sociologie und dessen Interesse am Sakralen sowie Batailles Arbeit an einer Theorie der Ökonomie gesehen werden. Verausgabung bei Bataille bezeichne die „unproduktiven Formen“ der Konsumption (Ruf 2009: 29). „Das Prinzip des Verlust wird“, so Ruf, „mit der bedingungslosen Verausgabung“ gleichgesetzt (Ruf 2009: 30). Die Natur, so Ruf, wie der Mensch sind beide an sich Verschwendung. Deshalb verschwendet der Mensch sich, um sich zu verwirklichen (Vgl. Ruf 2009: 37 mit Bezug auf Enkelmann 2004: 3).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Band „Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens“ (Hrsg. Christine Bähr, Suse Bauschmid, Thomas Lenz und Oliver Ruf 2009) gilt „Verausgaben“ darüber hinaus auch als Verb sowohl transitiv als auch reflexiv, d.h. als „sich verausgaben“: „Als Verausgabung ist wahrnehmbar und beschreibbar, was die Begrenzungen gegebener Ressourcen überwindet und einen vorhandenen Status quo überbietet.“ Und weiter: „Verausgabung als Bestandteil kapitalistischer Ökonomisierungsprozesse“ bezeichnet 1. die „Überschreitung des Notwendigen“ (d.h Luxus, Verschwendung); 2. „Überangebot an Arbeitskraft“ und 3. „Exzess“, „Rausch“ (d.h. in diesem Zusammenhang die von Bataille genannten Bereiche Ritual, Sport, Künste) (vgl. Bähr u.a. 2009: 8).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Anknüpfungspunkt an das transdisziplinäre Arbeiten könnte „Überschreitung des Notwendigen“, „Verschwendung“ in dem Sinne sein, dass disziplinär erworbenes Wissen im Prozess transdisziplinärer Arbeitszusammenhänge und Produkte „vernichtet“ wird. Es wird nicht in den Kreislauf der disziplinären Verwertungszusammenhänge eingespeist. Diese ist sicher nur teils richtig, denn die Arbeitsrealität zeigt, dass es auch konventionelle disziplinäre Ergebnisse aus dem transdisziplinären Arbeitsprozess gewonnen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel ==&lt;br /&gt;
Mit dem Band „Überfluss und Überschreitung“ ist die '''2. Perspektive''' angesprochen, in die ein Nachdenken über „Verausgaben“ und seinen Gewinn für transdisziplinäres Arbeiten weist: Sie ist auf die Analyse aktueller Arbeitsformen gerichtet. Damit ist Arbeit unter dem ''Ein/Druck'' der Ausweitung und Aufwertung wissensbasierter Arbeitsformen gemeint, unter dem ''Ein/Druck'' der De-Regulierung wohlfahrtsstaatlicher Sicherungssysteme. Das Selbst manifestiert sich in diesem Zusammenhang als Ausdruck und Ressource multipler Technologien der Selbstauswertung und Selbstverwertung. Hier ist die Figur des unternehmerischen Selbst relevant, wie sie Ulrich Bröckling auf den Punkt gebracht (2007): Diese Figur basiert auf Selbsttechnologien, die mit einer Vorstellungen von Autonomie, Eigenverantwortung und Wahlfreiheit verbunden sind: „Jeder einzelne soll sich als eine Art Unternehmen begreifen und entsprechend führen.“ (Bröckling 2007: 43)&lt;br /&gt;
Der adäquate Arbeitsmodus, in dem diese Anforderungen „eingespeichert“ sind und in dem sie sich umsetzten lassen, ist die Projektarbeit. Projektarbeit beruht in ihrem Ideal auf der Implementierung und Ausschöpfung informeller Arbeitsbeziehungen, auf individueller Mobilität und Flexibilität in sozialen Beziehungen wie im Zugriff auf Wissensbestände. &lt;br /&gt;
„Im Vordergrund steht [...] der Aspekt einer zeitlich befristeten, von einem Individuum oder einer überschaubaren Gruppe selbstverantwortlich zu bewältigenden Aufgabe. Projekte verlangen und gewähren ein großes Maß an Autonomie, sie stehen quer zu institutionellen Hierarchien und zeichnen sich aus durch hohe Kommunikationsdichte sowie ganzheitliche, den Einklang von Arbeit und Leben, von wirtschaftlichem Erfolg und persönlicher Entwicklung verheißende Rollenangebote.“ (Bröckling 2007: 257)&lt;br /&gt;
Projektarbeit geht mit dem „Einklang von Arbeit und Leben“ (Bröckling 2007: 257) einher, indem sie professionelle und private Beziehungsnetzwerke miteinander verknüpft (vgl. u.a. Wittel 2001) und Arbeitsprojekte zu Lebensprojekten macht.&lt;br /&gt;
Diese vielfachen Kompetenzen, mehrdeutigen Beziehungen und das „ganze Selbst“ umfassenden Anforderungen halten die sogenannten „soft skills“, die im Zusammenhang der Projektarbeit eine Aufwertung erfahren: in der Logik sozialer Kompetenz ermöglichen sie das schöpferische Verwerten von Emotionen, die Analyse von Niederlagen, das Moderieren von Konflikten (vgl. Bröckling 2007: 267f.). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor diesem Hintergrund kann das „Sich-selbst-verausgaben“ als ein Zustand im Kreislauf zwischen Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung gedeutet werden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von der empirischen Forschung aus gesehen, wirkt das in den Gouvernementalitätsstudien festgestellte gesellschaftliche Modell ganz unterschiedlich in Lebenswelten hinein. So ist es z.B. unterschiedlich hinsichtlich genderspezifischer Abarbeitungen (vgl. Angela McRobbie 2003). In der Europäischen Ethnologie haben sich in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten diesen neuen Arbeitswelten und -wirklichkeiten gewidmet. Und auch in Hinblick auf Ethnographie als Wissenspraxis ist das unternehmerische Selbst von Bedeutung: das ethnographische Selbst hat mit dem unternehmerischen Selbst sehr viel gemein und zwar nicht erst seit der post-fordistischen Aufwertung und Ausweitung wissensbasierter Arbeit, sondern schon im Paradigma der Feldforschung bei Malinowski in den 10er bzw. 20er Jahren des 20. Jhdts. (vgl. Färber 2009a).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Hinweis auf Ethnographie führt zur '''3. Perspektive''', die mit dem Begriff Verausgaben und der Analyse transdisziplinären Arbeitens verknüpft ist. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier ist von Interesse, die Arbeitsbedingungen, die transdisziplinäres Arbeiten mit sich bringen, zu analysieren, um die Potenziale dieser Arbeitsformen einschätzen zu können. Dabei geht es darum, dass der vorgeschlagene Begriff das Potenzial auszuloten hilft, das „Verausgaben“ für die Ermöglichung des Zusammenkommens von disziplinären mit nicht-disziplinären Wissenspraktiken besitzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Beispiel einer ethnographischen Untersuchung von aktivistischen Praktiken, die aus einer Gewerberauminitiative in Berlin eine Wohnraum- und Gebäudekomplexinitiative haben werden lassen, kann dies veranschaulichen. Im Laufe der Forschung galt mein Interesse als Ethnographin zunehmend den Bedingungen für Engagement – in einer Konstellation von beteiligten Gewerbetreibenden, AnwohnerInnen, MieterInnen, QM-lerInnen, LokalpolitikerInnen, interessierten ForscherInnen, Journalistinnen, die alle für die Belange der MieterInnen eines Gebäudekomplexes und gegen die Eigentümergemeischaft protestierten (vgl. Färber 2009b). Über mehrere Jahre (ich selbst habe ca. 1,5 Jahre teilgenommen) haben sich in einer zunächst wachsenden und dann wieder schrumpfenden Zusammensetzung Menschen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen zusammengetan, um gemeinsame Interessen zu entwickeln und diese zu vertreten. Dass sich nicht alle gleichermaßen involvierten und schließlich die Aktionsgruppe – im Gegensatz zu homogeneren im Stadtteil – auseinander gebrochen ist, liegt nur zum Teil an der Tatsache unterschiedlicher politischer Haltungen oder auch Politikstile (vgl. Riedmann 2010). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entscheidend für die Dauerhaftigkeit des Engagements war die Möglichkeit, die Zeit, die das Engagement „gekostet“ hat, mehrfach deuten zu können, oder anders gesagt: mehrfach auszuwerten. Dasselbe galt für die Qualität der sozialen Beziehungen. Diejenigen, die sich langfristig engagiert haben in diesem Prozess, konnten sich entweder auf die feste Grundlage der Freundschaft stützen oder hatten ein zusätzlich geschäftliches Interesse. Lange vorher etablierte nachbarschaftliche Beziehungen waren eine sehr viel anfälligere Grundlage für das Durchhaltevermögen. Dagegen haben Momente öffentlicher Aufmerksamkeit (Presse), Menschen punktuell aktiviert und zusammengebracht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier schlägt sich die Figur des unternehmerischen Selbst nieder und damit auch die kulturelle Praxis des Verausgabens: Die Frage &amp;quot;Wer macht mit?&amp;quot; entscheidet sich demnach an der Antwort auf die Frage &amp;quot;Wer hat Zeit?&amp;quot;. Es ließe sich auch fragen &amp;quot;Wer macht wie mit?&amp;quot; (vgl. Kai van Eikels). Es ließe sich auch fragen, &amp;quot;Wer hat dafür welche Zeit?&amp;quot; &lt;br /&gt;
Für interdisziplinäres Arbeiten heißt das z.B., Zeit haben, sich auf die anderen Zugänge einzulassen. Engagement in dieser Richtung beruht auf der Bereitschaft, sich auf andere Foren, Gültigkeitskriterien, Diskussionsstile und Referenzsysteme einzulassen – nichts anderes ist bei disziplinärer Wissensproduktion im Spiel. Das kostet Zeit. &lt;br /&gt;
Auf transdisziplinäres Arbeiten gewendet, muss diese Frage auch an diejenigen gerichtet werden, die nicht innerhalb einer Disziplin, sei es Kunst oder Wissenschaft, agieren. D.h.: welche Sorte Zeit wird hier investiert? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Möglichkeit, Freizeit als Arbeitszeit geltend zumachen, wie es der Figur des unternehmerischen Selbst zugeschrieben wird, hat in dem oben geschilderten Fall den entscheidenden Unterschied für Engagement gemacht. Genauso wie die Frage, ob KollegInnen auch als FreundInnen betrachtet und angesprochen werden können – eine weitere Vorstellung für die Arbeitskonstellation des unternehmerischen Selbst. Dies könnte für die anderen oben genannten Eckpfeiler (das Format, Projekt, Team etc.) durchgespielt werden.&lt;br /&gt;
Das Sich-Verausgaben wird in diesem Zusammenhang genau dann zu einer Ressource, wenn Arbeitszeit als Freizeit gedeutet werden kann; wenn KollegInnen als FreundInnen gelten können. An dieser Vorstellung arbeiten sich die involvierten Akteurinnen unterschiedlich ab; bzw. können sie zu unterschiedlichen Graden ins Spiel bringen. Und die Frage wäre: inwiefern kann auch Verausgaben ausgewertet werden?&lt;br /&gt;
D.h. Partizipation als langfristiges Engagement macht sich nicht allein an politischen Stilen und Haltungen, an Zugehörigkeiten etc. fest, sondern an dem Potential, Zeit vielfach zu verwerten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
*Bataille, Georges (1970, Original 1933): La notion de dépens. In: Oeuvres complètes I. Premiers écrits 1922-1940. Paris: Gallimard, S. 302-320.&lt;br /&gt;
*Bähr, Christine, Suse Bauscmid, Thomas Lenz, Oliver Ruf (2009): Die kulturelle Praixis des Verausgabens, Einleitung. In: Dies. (Hg.): Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens. Bielefeld, S. 7-12.&lt;br /&gt;
*Bröckling, Urlich (2004): Kreativität. In: Bröckling, Ulrich/Krasmann, Susanne/Lemke, Thomas (Hg.): Glossar der Gegenwart, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 139-144.&lt;br /&gt;
*Bröckling, Urlich (2007): Das unternehmerische Selbst. Frankfurt/M.: Suhrkamp.&lt;br /&gt;
*Färber, Alexa (2009): Das unternehmerische ethnografische Selbst. Aspekte der Intensivierung von Arbeit im ethnologisch-ethnografischen Feldforschungsparadigma. In: Ina Dietzsch/Wolfgang Kaschuba/Leonore Scholze-Irrlitz (Hg.): Horizonte ethnografischen Wissens. Eine Bestandsaufnahme. alltag  kultur Band 12. Köln: Böhlau Verlag, S. 178-202.&lt;br /&gt;
*McRobbie, Angela (2003): I was knitting away night and day. Die Bedeutung von Kunst und Handwerk im Modedesign. In: Marion von Osten (ed.): Norm der Abweichung. Zürich, S. 99-117.&lt;br /&gt;
*Riedmann, Erwin (2010): Soziale Beziehungen und politische Mobilisierung im Armutsquartier der neoliberalen Stadt. In: Alexa Färber (Hg.): Stoffwechsel Berlin. Berliner Blätter 53/2010, S. 128-141.&lt;br /&gt;
*Ruf, Oliver (2009): Ökonomie der Vergeudung. Die Figur der Verausgabung bei Georges Bataille. In: Christine Bähr, Suse Bauscmid, Thomas Lenz, Oliver Ruf (Hg.): Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens. Bielefeld: transcript, S. 27-40.&lt;br /&gt;
*Wittel, Andreas (2001): Toward a Network Sociality. In: Theory, Culture and Society 18, S. 51-76.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Verausgaben]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Verausgaben</id>
		<title>Verausgaben</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Verausgaben"/>
				<updated>2012-10-24T16:17:18Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Kapitel */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Hier steht was zu '''Verausgaben'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inwiefern kann der Begriff „Verausgaben“ zum Verständnis transdisziplinären Arbeitens beitragen?&lt;br /&gt;
Der Begriff „Verausgaben“ kann insofern zum Verständnis von transdisziplinärem Arbeiten beitragen, als er auch die Arbeitsbedingungen analysierbar macht, unter denen transdisziplinäres Arbeiten stattfindet, bzw. die es mit sich bringt. Die Auseinandersetzung mit den Bedingungen transdisziplinärer Wissensproduktion ist eine Voraussetzung für die Analyse der Ergebnisse dieser Arbeitsform. Sie ermöglicht es, die Potenziale dieser Arbeitsform einschätzen und auch ausschöpfen zu können. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sofern transdisziplinres Arbeiten selbst auch als die Ermöglichung von Teilhabe über disziplinäres Arbeiten hinaus meint, müsste es auch darum gehen, dass der Begriff „Verausgaben“ auszuloten hilft, welches Potenzial er für die Ermöglichung des Zusammenkommens von disziplinären mit nicht-disziplinären Wissenspraktiken besitzt. Dies ist deshalb wichtig, weil auf diese Weise die ambivalente Passförmigkeit dieses Ansatzes im Zusammenhang ökonomischer Liberalisierung (vgl. Beitrag Heike Roms) analysiert werden kann. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff &amp;quot;Verausgaben&amp;quot; lässt sich in drei Perspektiven Richtungen betrachten: in einer philosophischen, einer sozialtheoretischen und einer ethnographischen Perspektive.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel ==&lt;br /&gt;
Die '''1. vorgeschlagene Denkrichtung''', die mit dem Begriff „verausgaben“ (transitiv) eingeschlagen werden kann, macht aus dem Verb zunächst einmal ein Substantiv – Verausgabung. &lt;br /&gt;
Einen Anknüpfungspunkt bildet Georges Batailles Begriffsprägung der Verausgabung, die er in unterschiedlichen Texten formuliert hat (im Deutschen in der „Aufhebung der Ökonomie“ 1985  zusammengestellt). In „La notion de dépense“ (1970, Original 1933) denkt Bataille über die unterschiedlichen Formen des Verlusts und der unproduktiven Verausgabung nach, bevor er zu einer Klassenanalyse kommt er zu dem Schluss, dass mit den Verlusten, die auf rauschartige „états d’excitation“ zurückgehen jene unproduktiven Werte verbunden sind, die als Verausgabungen gelten können (vgl. Bataille 1970: 319). Bataille versteht die nicht utilitaristische oder zweckrationalistische „freie Verausgabung“, die in der modernen kapitalistischen Gesellschaft zu beobachten und Nachfolgerin der „großen freiwilligen sozialen Formen der unproduktiven Verausgabung“ (Ruf 2009: 32) sei, als „insubordinierte Tätigkeit“ (Ruf 2009: 33).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Batailles Überlegungen zum Verausgaben als kulturelle Praxis müsse, so Oliver Ruf, in den Zusammenhang des Collège de Sociologie und dessen Interesse am Sakralen sowie Batailles Arbeit an einer Theorie der Ökonomie gesehen werden. Verausgabung bei Bataille bezeichne die „unproduktiven Formen“ der Konsumption (Ruf 2009: 29). „Das Prinzip des Verlust wird“, so Ruf, „mit der bedingungslosen Verausgabung“ gleichgesetzt (Ruf 2009: 30). Die Natur, so Ruf, wie der Mensch sind beide an sich Verschwendung. Deshalb verschwendet der Mensch sich, um sich zu verwirklichen (Vgl. Ruf 2009: 37 mit Bezug auf Enkelmann 2004: 3).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Band „Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens“ (Hrsg. Christine Bähr, Suse Bauschmid, Thomas Lenz und Oliver Ruf 2009) gilt „Verausgaben“ darüber hinaus auch als Verb sowohl transitiv als auch reflexiv, d.h. als „sich verausgaben“: „Als Verausgabung ist wahrnehmbar und beschreibbar, was die Begrenzungen gegebener Ressourcen überwindet und einen vorhandenen Status quo überbietet.“ Und weiter: „Verausgabung als Bestandteil kapitalistischer Ökonomisierungsprozesse“ bezeichnet 1. die „Überschreitung des Notwendigen“ (d.h Luxus, Verschwendung); 2. „Überangebot an Arbeitskraft“ und 3. „Exzess“, „Rausch“ (d.h. in diesem Zusammenhang die von Bataille genannten Bereiche Ritual, Sport, Künste) (vgl. Bähr u.a. 2009: 8).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Anknüpfungspunkt an das transdisziplinäre Arbeiten könnte „Überschreitung des Notwendigen“, „Verschwendung“ in dem Sinne sein, dass disziplinär erworbenes Wissen im Prozess transdisziplinärer Arbeitszusammenhänge und Produkte „vernichtet“ wird. Es wird nicht in den Kreislauf der disziplinären Verwertungszusammenhänge eingespeist. Diese ist sicher nur teils richtig, denn die Arbeitsrealität zeigt, dass es auch konventionelle disziplinäre Ergebnisse aus dem transdisziplinären Arbeitsprozess gewonnen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel ==&lt;br /&gt;
Mit dem Band „Überfluss und Überschreitung“ ist die '''2. Perspektive''' angesprochen, in die ein Nachdenken über „Verausgaben“ und seinen Gewinn für transdisziplinäres Arbeiten weist: Sie ist auf die Analyse aktueller Arbeitsformen gerichtet. Damit ist Arbeit unter dem Ein/Druck der Ausweitung und Aufwertung wissensbasierter Arbeitsformen gemeint, unter dem Ein/Druck der De-Regulierung wohlfahrtsstaatlicher Sicherungssysteme. Das Selbst manifestiert sich in diesem Zusammenhang als Ausdruck und Ressource multipler Technologien der Selbstauswertung und Selbstverwertung. Hier ist die Figur des unternehmerischen Selbst relevant, wie sie Ulrich Bröckling auf den Punkt gebracht (2007): Diese Figur basiert auf Selbsttechnologien, die mit einer Vorstellungen von Autonomie, Eigenverantwortung und Wahlfreiheit verbunden sind: „Jeder einzelne soll sich als eine Art Unternehmen begreifen und entsprechend führen.“ (Bröckling 2007, 43)&lt;br /&gt;
Der adäquate Arbeitsmodus, in dem diese Anforderungen „eingespeichert“ sind und in dem sie sich umsetzten lassen, ist die Projektarbeit. Projektarbeit beruht in ihrem Ideal auf der Implementierung und Ausschöpfung informeller Arbeitsbeziehungen, auf individueller Mobilität und Flexibilität in sozialen Beziehungen wie im Zugriff auf Wissensbestände. &lt;br /&gt;
„Im Vordergrund steht [...] der Aspekt einer zeitlich befristeten, von einem Individuum oder einer überschaubaren Gruppe selbstverantwortlich zu bewältigenden Aufgabe. Projekte verlangen und gewähren ein großes Maß an Autonomie, sie stehen quer zu institutionellen Hierarchien und zeichnen sich aus durch hohe Kommunikationsdichte sowie ganzheitliche, den Einklang von Arbeit und Leben, von wirtschaftlichem Erfolg und persönlicher Entwicklung verheißende Rollenangebote.“ (Bröckling 2007: 257)&lt;br /&gt;
Projektarbeit geht mit dem „Einklang von Arbeit und Leben“ (Bröckling 2007: 257) einher, indem sie professionelle und private Beziehungsnetzwerke miteinander verknüpft (vgl. u.a. Wittel 2001) und Arbeitsprojekte zu Lebensprojekten macht.&lt;br /&gt;
Diese vielfachen Kompetenzen, mehrdeutigen Beziehungen und das „ganze Selbst“ umfassenden Anforderungen halten die sogenannten „soft skills“, die im Zusammenhang der Projektarbeit eine Aufwertung erfahren: in der Logik sozialer Kompetenz ermöglichen sie das schöpferische Verwerten von Emotionen, die Analyse von Niederlagen, das Moderieren von Konflikten (vgl. Bröckling 2007, 267f.). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor diesem Hintergrund kann das „Sich-selbst-verausgaben“ als ein Zustand im Kreislauf zwischen Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung gedeutet werden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von der empirischen Forschung aus gesehen, wirkt das in den Gouvernementalitätsstudien festgestellte gesellschaftliche Modell ganz unterschiedlich in Lebenswelten hinein. So ist es z.B. unterschiedlich hinsichtlich genderspezifischer Abarbeitungen (vgl. Angela McRobbie 2003). In der Europäischen Ethnologie haben sich in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten diesen neuen Arbeitswelten und -wirklichkeiten gewidmet. Und auch in Hinblick auf Ethnographie als Wissenspraxis ist das unternehmerische Selbst von Bedeutung: das ethnographische Selbst hat mit dem unternehmerischen Selbst sehr viel gemein und zwar nicht erst seit der post-fordistischen Aufwertung und Ausweitung wissensbasierter Arbeit, sondern schon im Paradigma der Feldforschung bei Malinowski in den 10er bzw. 20er Jahren des 20. Jhdts. (vgl. Färber 2009a). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Hinweis auf Ethnographie führt zur '''3. Perspektive''', die mit dem Begriff Verausgaben und der Analyse transdisziplinären Arbeitens verknüpft ist. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier ist von Interesse, die Arbeitsbedingungen, die transdisziplinäres Arbeiten mit sich bringen, zu analysieren, um die Potenziale dieser Arbeitsformen einschätzen zu können. Dabei geht es darum, dass der vorgeschlagene Begriff das Potenzial auszuloten hilft, das „Verausgaben“ für die Ermöglichung des Zusammenkommens von disziplinären mit nicht-disziplinären Wissenspraktiken besitzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Beispiel einer ethnographischen Untersuchung von aktivistischen Praktiken, die aus einer Gewerberauminitiative in Berlin eine Wohnraum- und Gebäudekomplexinitiative haben werden lassen, kann dies veranschaulichen. Im Laufe der Forschung galt mein Interesse als Ethnographin zunehmend den Bedingungen für Engagement – in einer Konstellation von beteiligten Gewerbetreibenden, AnwohnerInnen, MieterInnen, QM-lerInnen, LokalpolitikerInnen, interessierten ForscherInnen, Journalistinnen, die alle für die Belange der MieterInnen eines Gebäudekomplexes und gegen die Eigentümergemeischaft protestierten (vgl. Färber 2009b). Über mehrere Jahre (ich selbst habe ca. 1,5 Jahre teilgenommen) haben sich in einer zunächst wachsenden und dann wieder schrumpfenden Zusammensetzung Menschen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen zusammengetan, um gemeinsame Interessen zu entwickeln und diese zu vertreten. Dass sich nicht alle gleichermaßen involvierten und schließlich die Aktionsgruppe – im Gegensatz zu homogeneren im Stadtteil – auseinander gebrochen ist, liegt nur zum Teil an der Tatsache unterschiedlicher politischer Haltungen oder auch Politikstile (vgl. Riedmann 2010). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entscheidend für die Dauerhaftigkeit des Engagements war die Möglichkeit, die Zeit, die das Engagement „gekostet“ hat, mehrfach deuten zu können, oder anders gesagt: mehrfach auszuwerten. Dasselbe galt für die Qualität der sozialen Beziehungen. Diejenigen, die sich langfristig engagiert haben in diesem Prozess, konnten sich entweder auf die feste Grundlage der Freundschaft stützen oder hatten ein zusätzlich geschäftliches Interesse. Lange vorher etablierte nachbarschaftliche Beziehungen waren eine sehr viel anfälligere Grundlage für das Durchhaltevermögen. Dagegen haben Momente öffentlicher Aufmerksamkeit (Presse), Menschen punktuell aktiviert und zusammengebracht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier schlägt sich die Figur des unternehmerischen Selbst nieder und damit auch die kulturelle Praxis des Verausgabens: Die Frage &amp;quot;Wer macht mit?&amp;quot; entscheidet sich demnach an der Antwort auf die Frage &amp;quot;Wer hat Zeit?&amp;quot;. Es ließe sich auch fragen &amp;quot;Wer macht wie mit?&amp;quot; (vgl. Kai van Eikels). Es ließe sich auch fragen, &amp;quot;Wer hat dafür welche Zeit?&amp;quot; &lt;br /&gt;
Für interdisziplinäres Arbeiten heißt das z.B., Zeit haben, sich auf die anderen Zugänge einzulassen. Engagement in dieser Richtung beruht auf der Bereitschaft, sich auf andere Foren, Gültigkeitskriterien, Diskussionsstile und Referenzsysteme einzulassen – nichts anderes ist bei disziplinärer Wissensproduktion im Spiel. Das kostet Zeit. &lt;br /&gt;
Auf transdisziplinäres Arbeiten gewendet, muss diese Frage auch an diejenigen gerichtet werden, die nicht innerhalb einer Disziplin, sei es Kunst oder Wissenschaft, agieren. D.h.: welche Sorte Zeit wird hier investiert? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Möglichkeit, Freizeit als Arbeitszeit geltend zumachen, wie es der Figur des unternehmerischen Selbst zugeschrieben wird, hat in dem oben geschilderten Fall den entscheidenden Unterschied für Engagement gemacht. Genauso wie die Frage, ob KollegInnen auch als FreundInnen betrachtet und angesprochen werden können – eine weitere Vorstellung für die Arbeitskonstellation des unternehmerischen Selbst. Dies könnte für die anderen oben genannten Eckpfeiler (das Format, Projekt, Team etc.) durchgespielt werden.&lt;br /&gt;
Das Sich-Verausgaben wird in diesem Zusammenhang genau dann zu einer Ressource, wenn Arbeitszeit als Freizeit gedeutet werden kann; wenn KollegInnen als FreundInnen gelten können. An dieser Vorstellung arbeiten sich die involvierten Akteurinnen unterschiedlich ab; bzw. können sie zu unterschiedlichen Graden ins Spiel bringen. Und die Frage wäre: inwiefern kann auch Verausgaben ausgewertet werden?&lt;br /&gt;
D.h. Partizipation als langfristiges Engagement macht sich nicht allein an politischen Stilen und Haltungen, an Zugehörigkeiten etc. fest, sondern an dem Potential, Zeit vielfach zu verwerten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
*Bataille, Georges (1970, Original 1933): La notion de dépens. In: Oeuvres complètes I. Premiers écrits 1922-1940. Paris: Gallimard, S. 302-320.&lt;br /&gt;
*Bähr, Christine, Suse Bauscmid, Thomas Lenz, Oliver Ruf (2009): Die kulturelle Praixis des Verausgabens, Einleitung. In: Dies. (Hg.): Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens. Bielefeld, S. 7-12.&lt;br /&gt;
*Bröckling, Urlich (2004): Kreativität. In: Bröckling, Ulrich/Krasmann, Susanne/Lemke, Thomas (Hg.): Glossar der Gegenwart, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 139-144.&lt;br /&gt;
*Bröckling, Urlich (2007): Das unternehmerische Selbst. Frankfurt/M.: Suhrkamp.&lt;br /&gt;
*Färber, Alexa (2009): Das unternehmerische ethnografische Selbst. Aspekte der Intensivierung von Arbeit im ethnologisch-ethnografischen Feldforschungsparadigma. In: Ina Dietzsch/Wolfgang Kaschuba/Leonore Scholze-Irrlitz (Hg.): Horizonte ethnografischen Wissens. Eine Bestandsaufnahme. alltag  kultur Band 12. Köln: Böhlau Verlag, S. 178-202.&lt;br /&gt;
*McRobbie, Angela (2003): I was knitting away night and day. Die Bedeutung von Kunst und Handwerk im Modedesign. In: Marion von Osten (ed.): Norm der Abweichung. Zürich, S. 99-117.&lt;br /&gt;
*Riedmann, Erwin (2010): Soziale Beziehungen und politische Mobilisierung im Armutsquartier der neoliberalen Stadt. In: Alexa Färber (Hg.): Stoffwechsel Berlin. Berliner Blätter 53/2010, S. 128-141.&lt;br /&gt;
*Ruf, Oliver (2009): Ökonomie der Vergeudung. Die Figur der Verausgabung bei Georges Bataille. In: Christine Bähr, Suse Bauscmid, Thomas Lenz, Oliver Ruf (Hg.): Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens. Bielefeld: transcript, S. 27-40.&lt;br /&gt;
*Wittel, Andreas (2001): Toward a Network Sociality. In: Theory, Culture and Society 18, S. 51-76.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Verausgaben]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Verausgaben</id>
		<title>Verausgaben</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Verausgaben"/>
				<updated>2012-10-24T16:03:20Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Kapitel */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Hier steht was zu '''Verausgaben'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inwiefern kann der Begriff „Verausgaben“ zum Verständnis transdisziplinären Arbeitens beitragen?&lt;br /&gt;
Der Begriff „Verausgaben“ kann insofern zum Verständnis von transdisziplinärem Arbeiten beitragen, als er auch die Arbeitsbedingungen analysierbar macht, unter denen transdisziplinäres Arbeiten stattfindet, bzw. die es mit sich bringt. Die Auseinandersetzung mit den Bedingungen transdisziplinärer Wissensproduktion ist eine Voraussetzung für die Analyse der Ergebnisse dieser Arbeitsform. Sie ermöglicht es, die Potenziale dieser Arbeitsform einschätzen und auch ausschöpfen zu können. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sofern transdisziplinres Arbeiten selbst auch als die Ermöglichung von Teilhabe über disziplinäres Arbeiten hinaus meint, müsste es auch darum gehen, dass der Begriff „Verausgaben“ auszuloten hilft, welches Potenzial er für die Ermöglichung des Zusammenkommens von disziplinären mit nicht-disziplinären Wissenspraktiken besitzt. Dies ist deshalb wichtig, weil auf diese Weise die ambivalente Passförmigkeit dieses Ansatzes im Zusammenhang ökonomischer Liberalisierung (vgl. Beitrag Heike Roms) analysiert werden kann. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Begriff &amp;quot;Verausgaben&amp;quot; lässt sich in drei Perspektiven Richtungen betrachten: in einer philosophischen, einer sozialtheoretischen und einer ethnographischen Perspektive.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel ==&lt;br /&gt;
Die '''1. vorgeschlagene Denkrichtung''', die mit dem Begriff „verausgaben“ (transitiv) eingeschlagen werden kann, macht aus dem Verb zunächst einmal ein Substantiv – Verausgabung. &lt;br /&gt;
Einen Anknüpfungspunkt bildet Georges Batailles Begriffsprägung der Verausgabung, die er in unterschiedlichen Texten formuliert hat (im Deutschen in der „Aufhebung der Ökonomie“ 1985  zusammengestellt). In „La notion de dépense“ (1970, Original 1933) denkt Bataille über die unterschiedlichen Formen des Verlusts und der unproduktiven Verausgabung nach, bevor er zu einer Klassenanalyse kommt er zu dem Schluss, dass mit den Verlusten, die auf rauschartige „états d’excitation“ zurückgehen jene unproduktiven Werte verbunden sind, die als Verausgabungen gelten können (vgl. Bataille 1970: 319). Bataille versteht die nicht utilitaristische oder zweckrationalistische „freie Verausgabung“, die in der modernen kapitalistischen Gesellschaft zu beobachten und Nachfolgerin der „großen freiwilligen sozialen Formen der unproduktiven Verausgabung“ (Ruf 2009: 32) sei, als „insubordinierte Tätigkeit“ (Ruf 2009: 33).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Batailles Überlegungen zum Verausgaben als kulturelle Praxis müsse, so Oliver Ruf, in den Zusammenhang des Collège de Sociologie und dessen Interesse am Sakralen sowie Batailles Arbeit an einer Theorie der Ökonomie gesehen werden. Verausgabung bei Bataille bezeichne die „unproduktiven Formen“ der Konsumption (Ruf 2009: 29). „Das Prinzip des Verlust wird“, so Ruf, „mit der bedingungslosen Verausgabung“ gleichgesetzt (Ruf 2009: 30). Die Natur, so Ruf, wie der Mensch sind beide an sich Verschwendung. Deshalb verschwendet der Mensch sich, um sich zu verwirklichen (Vgl. Ruf 2009: 37 mit Bezug auf Enkelmann 2004: 3).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Band „Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens“ (Hrsg. Christine Bähr, Suse Bauschmid, Thomas Lenz und Oliver Ruf 2009) gilt „Verausgaben“ darüber hinaus auch als Verb sowohl transitiv als auch reflexiv, d.h. als „sich verausgaben“: „Als Verausgabung ist wahrnehmbar und beschreibbar, was die Begrenzungen gegebener Ressourcen überwindet und einen vorhandenen Status quo überbietet.“ Und weiter: „Verausgabung als Bestandteil kapitalistischer Ökonomisierungsprozesse“ bezeichnet 1. die „Überschreitung des Notwendigen“ (d.h Luxus, Verschwendung); 2. „Überangebot an Arbeitskraft“ und 3. „Exzess“, „Rausch“ (d.h. in diesem Zusammenhang die von Bataille genannten Bereiche Ritual, Sport, Künste) (vgl. Bähr u.a. 2009: 8).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Anknüpfungspunkt an das transdisziplinäre Arbeiten könnte „Überschreitung des Notwendigen“, „Verschwendung“ in dem Sinne sein, dass disziplinär erworbenes Wissen im Prozess transdisziplinärer Arbeitszusammenhänge und Produkte „vernichtet“ wird. Es wird nicht in den Kreislauf der disziplinären Verwertungszusammenhänge eingespeist. Diese ist sicher nur teils richtig, denn die Arbeitsrealität zeigt, dass es auch konventionelle disziplinäre Ergebnisse aus dem transdisziplinären Arbeitsprozess gewonnen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel ==&lt;br /&gt;
Mit dem Band „Überfluss und Überschreitung“ ist die '''2. Perspektive''' angesprochen, in die ein Nachdenken über „Verausgaben“ und seinen Gewinn für transdisziplinäres Arbeiten weist: Sie ist auf die Analyse aktueller Arbeitsformen gerichtet. Damit ist Arbeit unter dem Ein/Druck der Ausweitung und Aufwertung wissensbasierter Arbeitsformen gemeint, unter dem Ein/Druck der De-Regulierung wohlfahrtsstaatlicher Sicherungssysteme. Das Selbst manifestiert sich in diesem Zusammenhang als Ausdruck und Ressource multipler Technologien der Selbstauswertung und Selbstverwertung. Hier ist die Figur des unternehmerischen Selbst relevant, wie sie Ulrich Bröckling auf den Punkt gebracht (2007): Diese Figur basiert auf Selbsttechnologien, die mit einer Vorstellungen von Autonomie, Eigenverantwortung und Wahlfreiheit verbunden sind: „Jeder einzelne soll sich als eine Art Unternehmen begreifen und entsprechend führen.“ (Bröckling 2007, 43)&lt;br /&gt;
Der adäquate Arbeitsmodus, in dem diese Anforderungen „eingespeichert“ sind und in dem sie sich umsetzten lassen, ist die Projektarbeit. Projektarbeit beruht in ihrem Ideal auf der Implementierung und Ausschöpfung informeller Arbeitsbeziehungen, auf individueller Mobilität und Flexibilität in sozialen Beziehungen wie im Zugriff auf Wissensbestände. &lt;br /&gt;
„Im Vordergrund steht [...] der Aspekt einer zeitlich befristeten, von einem Individuum oder einer überschaubaren Gruppe selbstverantwortlich zu bewältigenden Aufgabe. Projekte verlangen und gewähren ein großes Maß an Autonomie, sie stehen quer zu institutionellen Hierarchien und zeichnen sich aus durch hohe Kommunikationsdichte sowie ganzheitliche, den Einklang von Arbeit und Leben, von wirtschaftlichem Erfolg und persönlicher Entwicklung verheißende Rollenangebote.“ (Bröckling 2007: 257)&lt;br /&gt;
Projektarbeit geht mit dem „Einklang von Arbeit und Leben“ (Bröckling 2007: 257) einher, indem sie professionelle und private Beziehungsnetzwerke miteinander verknüpft (vgl. u.a. Wittel 2001) und Arbeitsprojekte zu Lebensprojekten macht.&lt;br /&gt;
Diese vielfachen Kompetenzen, mehrdeutigen Beziehungen und das „ganze Selbst“ umfassenden Anforderungen halten die sogenannten „soft skills“, die im Zusammenhang der Projektarbeit eine Aufwertung erfahren: in der Logik sozialer Kompetenz ermöglichen sie das schöpferische Verwerten von Emotionen, die Analyse von Niederlagen, das Moderieren von Konflikten (vgl. Bröckling 2007, 267f.). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor diesem Hintergrund kann das „Sich-selbst-verausgaben“ als ein Zustand im Kreislauf zwischen Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung gedeutet werden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von der empirischen Forschung aus gesehen, wirkt das in den Gouvernementalitätsstudien festgestellte gesellschaftliche Modell ganz unterschiedlich in Lebenswelten hinein. So ist es z.B. unterschiedlich hinsichtlich genderspezifischer Abarbeitungen (vgl. Angela McRobbie 2003). In der Europäischen Ethnologie haben sich in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten diesen neuen Arbeitswelten und -wirklichkeiten gewidmet. Und auch in Hinblick auf Ethnographie als Wissenspraxis ist das unternehmerische Selbst von Bedeutung: das ethnographische Selbst hat mit dem unternehmerischen Selbst sehr viel gemein und zwar nicht erst seit der post-fordistischen Aufwertung und Ausweitung wissensbasierter Arbeit, sondern schon im Paradigma der Feldforschung bei Malinowski in den 10er bzw. 20er Jahren des 20. Jhdts. (vgl. Färber 2009a). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Hinweis auf Ethnographie führt zur '''3. Perspektive''', die mit dem Begriff Verausgaben und der Analyse transdisziplinären Arbeitens verknüpft ist. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier ist von Interesse, die Arbeitsbedingungen, die transdisziplinäres Arbeiten mit sich bringt, zu analysieren, um die Potenziale dieser Arbeitsform einschätzen zu können. Dabei geht es darum, dass der vorgeschlagene Begriff das Potenzial auszuloten hilft, das „Verausgaben“ für die Ermöglichung des Zusammenkommens von disziplinären mit nicht-disziplinären Wissenspraktiken besitzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Beispiel einer ethnographischen Untersuchung von aktivistischen Praktiken, die aus einer Gewerberauminitiative in Berlin eine Wohnraum- und Gebäudekomplexinitiative haben werden lassen, kann dies veranschaulichen. Im Laufe der Forschung galt mein Interesse als Ethnographien zunehmend den Bedingungen für Engagement – in einer Konstellation von beteiligten Gewerbetreibenden, AnwohnerInnen, MieterInnen, QM-lerInnen, LokalpolitikerInnen, interessierten ForscherInnen, Journalistinnen, die alle für die Belange der MieterInnen eines Gebäudekomplexes und gegen die Eigentümergemeischaft protestierten (vgl. Färber 2009b). Über mehrere Jahre (ich selbst habe ca. 1,5 Jahre teilgenommen) haben sich in einer zunächst wachsenden und dann wieder schrumpfenden Zusammensetzung Menschen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen zusammen getan, um ein gemeinsame Interessen zu entwickeln und diese zu vertreten. Dass sich nicht alle gleichermaßen involvierten und schließlich die Aktionsgruppe – im Gegensatz zu homogeneren im Stadtteil – auseinander gebrochen ist, liegt nur zum Teil an der Tatsache unterschiedlicher politischer Haltungen oder auch Politikstile (vgl. Riedmann 2010). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entscheidend für die Dauerhaftigkeit des Engagements war die Möglichkeit, die Zeit, die das Engagement „gekostet“ hat, mehrfach deuten zu können, oder anders gesagt: mehrfach auszuwerten. Dasselbe galt für die Qualität der sozialen Beziehungen. Diejenigen, die sich langfristig engagiert haben in diesem Prozess, konnten sich entweder auf die feste Grundlage der Freundschaft stützen oder hatten ein zusätzlich geschäftliches Interesse. Lange vorher etablierte nachbarschaftliche Beziehungen waren eine sehr viel anfälligere Grundlage für das Durchhaltevermögen. Dagegen haben Momente öffentlicher Aufmerksamkeit (Presse) Menschen punktuell aktiviert und zusammen gebracht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier schlägt sich die Figur des unternehmerischen Selbst nieder und damit auch die kulturelle Praxis des Verausgabens: Die Frage &amp;quot;Wer macht mit?&amp;quot; entscheidet sich demnach an der Antwort auf die Frage &amp;quot;Wer hat Zeit?&amp;quot;. Es ließe sich auch fragen &amp;quot;Wer macht wie mit?&amp;quot; (vgl. Kai van Eikels). Es ließe sich auch fragen, &amp;quot;Wer hat dafür welche Zeit?&amp;quot; &lt;br /&gt;
Für interdisziplinäres Arbeiten heißt das z.B., Zeit haben, sich auf die anderen Zugänge einzulassen. Engagement in dieser Richtung beruht auf der Bereitschaft, sich auf andere Foren, Gültigkeitskriterien, Diskussionsstile und Referenzsysteme einzulassen – nichts anderes ist bei disziplinärer Wissensproduktion im Spiel. Das kostet Zeit. &lt;br /&gt;
Auf transdisziplinäres Arbeiten gewendet, muss diese Frage auch an diejenigen gerichtet werden, die nicht innerhalb einer Disziplin, sei es Kunst oder Wissenschaft, agieren. D.h.: welche Sorte Zeit wird hier investiert? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Möglichkeit, Freizeit als Arbeitszeit geltend zumachen, wie es der Figur des unternehmerischen Selbst zugeschrieben wird, hat in dem oben geschilderten Fall den entscheidenden Unterschied für Engagement gemacht. Genauso wie die Frage, ob KollegInnen auch als FreundInnen betrachtet und angesprochen werden können – eine weitere Vorstellung für die Arbeitskonstellation des unternehmerischen Selbst. Dies könnte für die anderen oben genannten Eckpfeiler (das Format Projekt, Team etc.) durchgespielt werden.&lt;br /&gt;
Das Sich-Verausgaben wird in diesem Zusammenhang genau dann zu einer Ressource, wenn Arbeitszeit als Freizeit gedeutet werden kann; wenn KollegInnen als FreundInnen gelten können. &lt;br /&gt;
An dieser Vorstellung arbeiten sich die involvierten Akteurinnen unterschiedlich ab; bzw. können sie zu unterschiedlichen Graden ins Spiel bringen. Und die Frage wäre: inwiefern kann auch Verausgaben ausgewertet werden?&lt;br /&gt;
D.h. Partizipation als langfristiges Engagement macht sich nicht allein an politischen Stilen und Haltungen, an Zugehörigkeiten etc. fest, sondern an dem Potenzial, Zeit vielfach zu verwerten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
*Bataille, Georges (1970, Original 1933): La notion de dépens. In: Oeuvres complètes I. Premiers écrits 1922-1940. Paris: Gallimard, S. 302-320.&lt;br /&gt;
*Bähr, Christine, Suse Bauscmid, Thomas Lenz, Oliver Ruf (2009): Die kulturelle Praixis des Verausgabens, Einleitung. In: Dies. (Hg.): Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens. Bielefeld, S. 7-12.&lt;br /&gt;
*Bröckling, Urlich (2004): Kreativität. In: Bröckling, Ulrich/Krasmann, Susanne/Lemke, Thomas (Hg.): Glossar der Gegenwart, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 139-144.&lt;br /&gt;
*Bröckling, Urlich (2007): Das unternehmerische Selbst. Frankfurt/M.: Suhrkamp.&lt;br /&gt;
*Färber, Alexa (2009): Das unternehmerische ethnografische Selbst. Aspekte der Intensivierung von Arbeit im ethnologisch-ethnografischen Feldforschungsparadigma. In: Ina Dietzsch/Wolfgang Kaschuba/Leonore Scholze-Irrlitz (Hg.): Horizonte ethnografischen Wissens. Eine Bestandsaufnahme. alltag  kultur Band 12. Köln: Böhlau Verlag, S. 178-202.&lt;br /&gt;
*McRobbie, Angela (2003): I was knitting away night and day. Die Bedeutung von Kunst und Handwerk im Modedesign. In: Marion von Osten (ed.): Norm der Abweichung. Zürich, S. 99-117.&lt;br /&gt;
*Riedmann, Erwin (2010): Soziale Beziehungen und politische Mobilisierung im Armutsquartier der neoliberalen Stadt. In: Alexa Färber (Hg.): Stoffwechsel Berlin. Berliner Blätter 53/2010, S. 128-141.&lt;br /&gt;
*Ruf, Oliver (2009): Ökonomie der Vergeudung. Die Figur der Verausgabung bei Georges Bataille. In: Christine Bähr, Suse Bauscmid, Thomas Lenz, Oliver Ruf (Hg.): Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens. Bielefeld: transcript, S. 27-40.&lt;br /&gt;
*Wittel, Andreas (2001): Toward a Network Sociality. In: Theory, Culture and Society 18, S. 51-76.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Verausgaben]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Spielen</id>
		<title>Spielen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Spielen"/>
				<updated>2012-10-14T11:33:25Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Opponierende Kräfte des Spielens */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Spielen ist älter als Sprache und Schrift und ist sowohl bei bestimmten Tieren als auch bei Menschen anzutreffen. Vergleichbar mit der Sprache, ist es ein komplexes System der Kommunikation.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Opponierende Kräfte des Spielens==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl ein Spiel (von althochdeutsch: ''spil'' für „Tanzbewegung“) freiwillig erfolgt und durch Augenblicke der Autonomie gekennzeichnet ist, wie z. B. frei „von Zwecken, Absichten und Nutzenerwägungen, von sozialen Bindungen wie von moralischen Normen“ (Krämer 2005: 1), verlieren wir im Spiel selbst die Autonomie, weil wir dessen Ausgang nicht bestimmen können. Im Sog des Spiels erleben wir ein Außer-sich-Sein.&lt;br /&gt;
Das Spiel changiert zwischen Partikularität (es findet in einem bestimmten Rahmen statt, „der durch Metakommunikationen auch signalisiert und identifizierbar wird“ (Krämer 2005: 1) ) und Universalität („universaler Sachverhalt, als eine Dimension jedweden menschlichen Tätigseins“ (Krämer 2005: 1)) . &lt;br /&gt;
Auf der einen Seite scheint das Spiel Natur zu sein und bedeutet einen Evolutionsvorteil, und auf der anderen Seite bildet das Spielen die Basis für die kulturellen Systeme wie Sprache, Kunst, Recht, Ökonomie und Religion. &lt;br /&gt;
Ebenso bewegt sich das Spiel zwischen den Extremen Formalisierbarkeit und Unberechenbarkeit. Jedes formale System lässt sich als ein Spiel auffassen, in dem das System nach vorgegebenen Regeln konfiguriert werden kann (z. B. setzt die ökonomische Entscheidungstheorie Spielmodelle ein, um menschliches Handeln sowie das Verhalten des Marktes mathematisch zu beschreiben und vorauszusagen). Dem ist wiederum die Unberechenbarkeit entgegengesetzt: Das Spiel ist nicht die „Ausführung von Anweisungen und Schemata“, sondern sein Ausgang kann allen Erwartungen zuwiderlaufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Spieltheorien==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für unterschiedliche Disziplinen dient das Spiel als Forschungsobjekt. Mit seiner Hilfe werden für komplexe Phänomene Erklärungsmuster entwickelt. Die erste Disziplin, die sich systematisch mit dem Spiel und dem Spielen auseinandersetzte, war die Pädagogik. Ihre Erkenntnisse sind maßgeblich in die Schul- und Sozialpädagogik eingeflossen.&lt;br /&gt;
Innerhalb der transdisziplinären gelten verschieden Theorien des Spiels als eine markante Bezugsgröße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Erstes die phänomenologisch-anthropologisch begründete Theorie des Spiels. Hier fungiert das Spiel als ein wichtiges Erklärungsmuster für kulturelle oder soziale Prozesse. Ein berühmter Vertreter dieser Forschungsperspektive ist der Kulturanthropologe '''Johan Huizinga''' (1872–1945).  Er prägte den Begriff homo ludens (lat.: „der spielende Mensch“) durch seine gleichnamige Publikation von 1938. Huizinga geht davon aus, dass sich unsere kulturellen Systeme von Politik bis Wissenschaft und von Religion bis Recht ursprünglich aus spielerischen Verhaltensweisen entwickelt haben und im Verlauf der Zeit über Ritualisierungen allmählich institutionalisiert worden sind. Im Spiel entdecke der Mensch seine individuellen Eigenschaften und gelange auf dieser Basis zu der Erkenntnis, was er sei. Huizinga stellt das Spielen mit der Handlungsfreiheit gleich.&amp;lt;ref&amp;gt; Hier die viel zitierte Textpassage zur Handlungsfreiheit: „Der Form nach betrachtet, kann man das Spiel also zusammenfassend eine freie Handlung nennen, die als ,nicht so gemeint’ und außerhalb des gewöhnlichen Lebens stehend empfunden wird und trotzdem den Spieler völlig unter Beschlag nehmen kann, an die kein materielles Interesse geknüpft ist und mit der kein Nutzen erworben wird, die sich innerhalb einer eigens bestimmten Zeit und eines eigens bestimmten Raums vollzieht, die nach bestimmten Regeln ordnungsgemäß verläuft und Gemeinschaftsverbände ins Leben ruft, die ihrerseits sich gern mit einem Geheimnis umgeben oder durch Verkleidung als anders von der gewöhnlichen Welt abheben.“ &amp;lt;/ref&amp;gt; (Huizinga: 22)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die soziologische Spieltheorie wird von '''Roger Caillois''' (1913–1978) vertreten. Für ihn konstituiert das Spiel Gesellschaft. Für ihn ist das Spiel eine triebgesteuerte menschliche Tätigkeit, die durch zwei Triebweisen charakterisiert wird: zum einen durch ''paidia'', den unausdifferenzierten Antreib zum Spielen, der spontan erfolgt und sich als Freude äußert. Ergänzt wird er durch den Gegenspieler ''ludus''. Dieser ist die disziplinierende und differenzierende Kraft. Hier ist das Spiel schon Übung und durch Regelungen festgelegt, d. h. angetrieben von Zielen, wie die eigenen Fähigkeiten zu steigern und sie an noch schwierigeren Aufgaben zu messen.&amp;lt;ref&amp;gt; Um es zu vervollständigen: In seinem Buch „Die Spiele und die Menschen: Maske und Rausch“ (auf Deutsch 1960 &lt;br /&gt;
erschienen) entwickelt Caillois aus ''ludus'' und ''paida'' vier Grundkategorien des Spiels (Caillois: &lt;br /&gt;
36–45): ''agon'' (Wettkampf), ''alea'' (Zufall), ''ilinx'' (Rausch), ''mimicry'' (Maskierung) (2). &lt;br /&gt;
Zivilisation wurde erst durch den Prozess der Ordnung und Institutionalisierung von &lt;br /&gt;
Spieltrieben ermöglicht. (Caillois: 85) Seine Spieltheorie wird ergänzt durch die sechs fundamentalen Regeln eines Spiels: freiwillige Zusammenkunft der Spieler, Spielen ist unproduktiv, räumlich und zeitlich begrenztes Ereignis, durch Regelwerk festgelegter Ablauf, man lebt während des Spiels in einer fiktiven Wirklichkeit, offener Ablauf und ungewisses Ende. (Caillois: S. 36–45) &amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''John von Neumann''' (1903–1957) und '''Oskar Morgenstern''' (1902-1977) entwickelten die viel beachtete – vor allem in den Wirtschaftswissenschaften – mathematische Methode des strategischen Spiels, die Wahrscheinlichkeiten errechnete und Strategien zur effizienten Spielführung ausdachte. Für die beiden ist die Spieltheorie eine Entscheidungstheorie: strategische Entscheidungen zum größtmöglichen eigenen Vorteil treffen. In ihrer Publikation „Theorie der Gesellschaftsspiele“ (1928) entwickelten sie Konzepte für optimale Verhaltensweisen in unterschiedlichen Arten von Spielen, wobei sie immer von rational denkenden Spielern (Beobachten, Einschätzen, Entscheiden) ausgingen. Diese mathematische Spieltheorie wird in der Ökonomie im Hinblick auf Gewinnmaximierung eingesetzt. Sie prägte die „Rational-Choice“-Handlungstheorie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, nach der die Akteure eine Präferenz zum Nutzen maximierenden Verhalten haben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Gregory Bateson''' (1904–1980) stellt das Spiel in den soziologischen Horizont von Wissen und Erfahrung, allerdings kreuzt er diesen mit der mathematischen Spieltheorie.&lt;br /&gt;
In seinem Aufsatz „Eine Theorie des Spiels und der Phantasie“ (1955 in Englisch erschienen, 1982 ins Deutsche übersetzt) befasst er sich mit Komplikationen des Einfühlungsvermögens, der Identifikation und Projektion zwischen Individuen auf der Ebene der Kommunikation. Er gruppiert die kontrastierenden Abstraktionsebenen der Kommunikation von der einfachen Bezeichnungsebene bis zur Metasprache (sie berücksichtigt explizite und implizite Mitteilungen) und Metakommunikation (das, was der Satz signalisiert). Die Spielfähigkeit des Menschen ist an seinem differenzierten Spürsinn für das Metasprachliche gekoppelt. Vornehmlich, ob er erkennen kann, das das Signal den Bedeutungsraum des Metasprachlichen zitiert und eine Täuschung, Unwahres, Nichtexistentes, Paradoxes etc. hervorruft. Batesons elementare Meta-Feststellung über das Spiel lautet: „... daß die im Spiel ausgetauschten Mitteilungen oder Signale in gewissem Sinne unwahr oder nicht gemeint sind ...“ (Bateson:195)&lt;br /&gt;
Die weitreichende Konsequenz seiner Theorie ist, dass das Spiel nicht nur seine Grenzen thematisiert, sondern damit überhaupt die Grenzen definiert, was Nicht-Spiel ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Spielwissenschaft==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Game Studies''' oder '''Ludologie''' sind Spielwissenschaften mit dem primären Fokus auf digitale Spiele. Dieser junge Forschungszweig ist transdisziplinär und befindet sich an den Schnittstellen von Kultur- und Strukturwissenschaften, Psychologie, Pädagogik, Anthropologie. Die Spielwissenschaft forscht nach den ästhetischen, kommunikativen, technischen Aspekten des Spiels, um Erkenntnisse über die Rezeptionsgeschichte, Entwicklung und Theorien der digitalen Spiele zu gewinnen.&amp;lt;ref&amp;gt; Folgende Universitäten bieten einen Studiengang an u.a. Donau-Universität Krems, IT University of Copenhagen. &amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Spielen in der Kunst==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Analog===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Spielen in der bildenden Kunst erscheint bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts vornehmlich als Sujet auf Gemälden. Das Motiv sind hauptsächlich Kinder oder ein einzelnes Kind. Im 19. Jahrhundert verdichtet sich die Anzahl der Gemälde mit diesen Sujets. Zum einen liegt die malerische Nobilitierung des spielenden Kindes im Aufweichen der Hierarchie des Motivkanons und in den Freiheitsbestrebungen der KünstlerInnen begründet, aber deutlich wichtiger sind das veränderte Verständnis und der neue Diskurs über die Kindheit (das Kind wurde in der Gesellschaft als Individuum, als Subjekt begriffen), die mit der Zeit der Aufklärung einsetzten. Im Spielen, vermittelt durch die kindliche Erlebniswelt, konnten Kontraste erfahrbar werden zu der rational geprägten Lebenseinstellung des 19. Jahrhunderts. (Leven: 7–11)&lt;br /&gt;
Mit der historischen Avantgarde zu Anfang des 20. Jahrhunderts verändert sich das Verständnis der Kunst vollständig. Im Spiel der KünstlerInnen lässt sich die Öffnung des Kunstwerks exemplarisch nachvollziehen, z. B. Aspekte wie Partizipation des Betrachters, der Zufall, das Immaterielle, das Unabgeschlossene, die Subversion, die Kollaboration, um nur einige zu nennen. Seitdem haben sich zahlreiche KünstlerInnen mit Spielen, Spielmechanismen, Spielästhetik und Spielstrategien beschäftigt, um Spaß und Spannung zu haben, aber auch um soziologische, mediale, ökonomische oder feministische Kritik auszuüben. Hierfür eignen sich Spiele das Interface um transdisziplinären Forschungsrahmen mühelos verschiedene Fakultäten und Disziplinen miteiander zu verlinken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Bildende Kunst====&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit spielerischen Prozeduren versuchte der '''Surrealismus''', das Unbewusste zu erschließen und kollektive Kreativität (losgelöst vom Schaffensprozess der individuellen Künstlerhandschrift) zu erlangen. Es wurden Verfahren erprobt, die zu unvorhersehbaren, von Zufall und Schicksal gelenkten Ergebnissen führten (Convents: IX). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Marcel Duchamp''' (1887–1968) ist Mitbegründer der Konzeptkunst, zählt zu den Wegbegleitern des Dadaismus und Surrealismus und gilt als Erfinder des Ready-mades. Das Schachspiel&amp;lt;ref&amp;gt; Das Schachspielen war für viele Philosophen und Wissenschaftler von großem Interesse, seien es Leibniz oder von Neumann. Weiterführende Literatur: Philipp von Hilgers (2003): Vom Einbruch des Spiels in die Epoche der Vernunft. In: Bredekamp, Horst (Hgg.): Visuelle Argumentation – Die Mysterien der Repräsentatiob und die Berechenbarkeit der Welt. München, S. 205-224 &amp;lt;/ref&amp;gt;bildet eines seiner dominanten Werkmotive, und er beherrscht es in Theorie und Praxis mit anerkannter hoher Meisterschaft (nahm an fünf Schacholympiaden teil) (Strouhal: 7). Zusammen mit Vitali Halberstadt publizierte er eine Abhandlung über Bauernendspiele.&amp;lt;ref&amp;gt; Die Publikation trägt den Titel „L’opposition et les cases conjuguées sont réconciliées“&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
Für Duchamp ist das Schachspiel sowohl der Entzug aus der künstlerischen Tätigkeit, aber das Spielen selbst ist auch zugleich künstlerische Tätigkeit. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Öyvind Fahlström''' (1928–1976) schuf viele Spielkunstwerke. Hier sei exemplarisch seine Spielserie „Monopoly-Bilder“ (1970–1971) erwähnt, bei der er komplexe Realitäten in das spielerische Erlebnis eines „politischen Miniaturpsychodramas“ übersetzt. Fahlström adaptiert hierfür das Gesellschaftsbrettspiel „Monopoly“ (in dem der gewinnt, der ein Immobilienmonopol aufbaut und alle anderen in die Insolvenz treibt) (Marlin: 172). Bei ihm handelt das Spiel „dezidiert von Welthandel, Weltpolitik, dem Kalten Krieg, den Befreiungskräften der Dritte-Welt-Länder und von der Unterdrückung durch den Kapitalismus“. (Hofbauer: 106) Er wollte gezielt die Passivität des Museumbesuchers, des Betrachters auflösen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
====Performance====&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Spiel und das Spielen sind zentrale Themen und Methoden in der Performancekunst. Obwohl Spiele fiktive Konstruktionen sind, produzieren sie doch zugleich kulturelle und soziale Realitäten. Spielregeln sind ein Kommunikationsmittel, sie basieren auf Entscheidungen und sind verhandelbar. Die Performancekunst setzt hier an und schreibt Spielregeln um. Hierdurch wird das Soziale als Komposition fassbar und löst die Vorstellung von der Gemeinschaft als etwas Statischem auf. Gesellschaftliche Experimente können hier in einem abgesicherten und wissenschaftlich flankierten Feld zur Wissensgenerierung genutzt werden, aber auch zur Entwicklung von alternativen Formen der Gemeinschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Xavier Le Roy''' initiierte zwischen 1999 und 2002 „E.X.T.E.N.S.I.O.N.S.“ als eine fortlaufende Serie von Workshops. Dieses kollaborative Experiment will wissen, ob die Art, wie wir Theater, Performance und Choreografie produzieren, nicht das, was produziert wird, determiniert. Mit der Folge, dass alle Parameter der Produktion eines Stücks selbst zum Gegenstand des Stücks werden, um sie per Reflexion erfassen zu können. (v. Hantelmann 2003)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit ihrem Stück „Best Before“ kombiniert '''Rimini Protokoll''' das Videospiel mit dem Theater. Das Publikum steuert per Gamecontroller ein Kugelwesen durch das virtuelle Szenario, das auf eine riesige Leinwand im Theater projiziert wird. Der Spieler kommt durch das Beantworten von Multiple-Choice-Fragen vorwärts. Sowohl die Fragen als auch die Entscheidungen, die sich für die Spielfigur ergeben, werden im Verlauf des Spiels immer komplexer und bilden diffizile demokratische Entscheidungsprozesse ab (z. B. „Erlaubt das Publikum Abtreibungen?“).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
====Tanz====&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Merce Cunningham''' in seiner Arbeit mit John Cage  etabliert in den 1950'er Jahren bereits das Zufallsprinzip als wichtiges Element des Spielens in seine choreographischen Methoden. Doch erst durch die Experimente vom Judson Church Theater tritt das Spielerische als ein ästhetisches Mittel hervor. Ein gutes Beispiel ist hierfür das &amp;quot;Continous Project - Altered Daily&amp;quot; (1970) von '''Yvonne Rainer'''. Die modulare Choreographie basiert auf vorher bestimmten Regeln, die in der Performance erst zusammengesetzt werden.  Jeder Performer erhält die Möglichkeit durch &amp;quot;commands&amp;quot; die Dramaturgie der Aufführung zu lenken und spielerisch auf die anderen Teilnehmer zu reagieren. Es entsteht eine Spiel-Installation, dessen Regeln jeden Tag erweitert und modifiziert werden, um eine Automatisierung zu vermeiden, Vorhersehbarkeit zu beschränken und spielerische Neugier zu erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Digital===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Computer- und Videospiele sind die beliebtesten Spiele in Deutschland mit stetig steigender Reichweite und ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Sie nehmen inzwischen den Platz des Kinos als Leitmedium ein (Himmelsbach: 6) und sind zum Kulturgut avanciert, wenn auch mit verhaltener gesellschaftlicher Akzeptanz. Die öffentlichen Diskussionen um Computerspiele sind im deutschsprachigen Raum von der Gewaltdebatte geprägt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Anfänge der Computerspiele in den 1950ern waren maßgeblich durch militärisch-wissenschaftliche Interessen gestützt. Bis in die 1970er war das US-Verteidigungsministerium der stärkste Förderer, bis sich dann mit dem Aufstieg der Heimcomputer die Industrie einschaltete. (Halter: 135) Das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse an numerischen Simulationen und Visualisierungen und deren militärtechnische Funktionalisierung waren Hauptbeweggründe für die Entwicklung der Computerspiele (Lohoff: 18). Diese sind praktisch Derivate der Kriegsspiele. Schon im ersten interaktiven Bildschirmspiel „Cathode Ray Tube Amusement Device“ aus dem Jahr 1947 lässt sich die Nähe zu militärischen Visualisierungstechniken wie Radarschirmen ablesen. (Lohoff: S.18) &lt;br /&gt;
In den späten 1950ern wurden die ersten Kriegsspiele auch von der Wirtschaft für die sogenannten Business Games genutzt. Solche Spiele, eingesetzt von Unternehmen wie Boeing, Esso, IBM und vielen anderen, sollten dabei helfen, unscharfe Problemlagen wie Werbebudgets, Verkaufsstrategien oder Produkteinführungen zu lösen (Pias: 40). Später, als die Computerspiele kommerziell erfolgreich und technisch sehr avanciert geworden waren, ließ sich die militärische Forschung von diesen Entwicklungen beeinflussen und beauftragte verschiedene Spielefirmen damit, die Trainingssimulationen für Soldaten zu verbessern. (Halter: 135)&amp;lt;ref&amp;gt; Hier einige Ausstellungen zum Thema Spielen, ab Ende der 1990er:&lt;br /&gt;
„RE:PLAY“ (1999) im Barbican Centre in London; „Synreal“ und „Synworld“ (1999) in Wien; „SHIFT-CTRL“ (2000) in Irvine in Kalifornien;  „Games von KünstlerInnen“ (2003) in Dortmund &amp;lt;/ref&amp;gt;, &amp;lt;ref&amp;gt;Die bekanntesten Spielkonzepte der Gamekultur sind: &lt;br /&gt;
First Person Shooter, auch Ego-Shooter genannt, wird aus der Ich-Perspektive gespielt&lt;br /&gt;
Real Time Strategy Games, Strategiespiele, laufen in Echtzeit&lt;br /&gt;
Role Playing Games: Rollenspiele&lt;br /&gt;
Massive Multiplayer Online Role Playing Game: multilokal vernetzte Spiele, direkte Interaktion des Spielers mit anderen Spielern in Echtzeit&lt;br /&gt;
Machina: Maschine, Animation, Cinema game engine, an der jeder mitwirken kann, hat was von einem Kino, erster Film: „Diary of a Camper“&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Das Spiel in den urbanen Raum verlagern====&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
KünstlerInnen verlagern das Spiel aus dem Digitalen in das reale Leben, damit werden die Grenzen zwischen dem Spiel und dem Ernst des Lebens permeabel. (Jahrmann: 86) &lt;br /&gt;
„Urbane Spiele“ definieren die Stadt zu einem Spielfeld um. Fragen über soziale Interaktionsformen werden durch sie aufgeworfen, und es lässt sich mit ihnen neues Wissen über den Stadtraum generieren, die von verschiedenen Wissenschaften genutzt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pac-Manhattan&lt;br /&gt;
Analog zur Spielkonsole Wii, die einen hybriden Raum generiert, indem der Computer im Wohnraum und der/die ComputerspielerIn im Bildschirm agieren, verwandelt die Gruppe area/code (Gründer sind das Spieldesigner-Duo Frank Lantz und Kevin Slavin) die Straßen der amerikanischer Großstädte in einen Hybridraum aus realem und virtuellem Spielfeld (Adamowsky: 84). Eines ihrer bekannten Urban Games ist das 2002 gemeinsam mit der Universität von New York entwickelte „Pac-Manhattan“. Hierbei wird „Pac-Man“, das Videospiel aus den 1980ern, in ein analoges, groß angelegtes, städtisches Spiel in New York City verwandelt, um zu erforschen, was passiert, wenn Spiele aus ihrer „kleinen Welt“ von Tabletops, Fernsehern und Computern in die größere „reale Welt“ der Straßen, Ecken und Städte transferiert werden.  Ein/e SpielerIn, verkleidet wie Pac-Man, sammelt rund um den Washington Square Park virtuelle „Punkte“. Vier SpielerInnen, wie die Geister Inky, Blinky, Pinky und Clyde gekleidet, versuchen, ihn daran zu hindern – mithilfe von Handy, Wi-Fi-Internet und spezieller Software, die vom „Pac-Manhattan“-Team konzipiert wurde. Dieses Spiel wurde gleichzeitig übers Internet in die ganze Welt ausgestrahlt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ARQuake&lt;br /&gt;
Das Spiel „Quake“ wurde von Studenten der „School of Computer and Information Science“ der University of South Australia zu dem 3D-Shooter „ARQuake“ modifiziert. Dadurch findet das Spiel in der realen Welt statt: Mithilfe von Datenbrillen, mobilen Computern und GPS-System entsteht eine Art kombinatorisches Interface aus Brille und selbst gebauten Waffen zur Erfassung der virtuellen Ziele, die z. B. vor der Bibliothek oder der Mensa lauern. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
====Kriegsspiele dekonstruieren====&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den letzten 15 Jahren verschmolzen ursprünglich kommerzielle Kriegsspiele mit dem Forschungs- und Entwicklungsprogramm der US-amerikanischen Armee. Einige Spiele, wie z. B. „Marine Doom“, wurden für das Militär derart modifiziert, dass mit ihnen Soldaten ausgebildet werden können. Außerdem rekrutiert die U.S. Army mit selbst entwickelten Spielen, wie z. B. „America’s Army“, neue Soldaten – zum einen, weil sie so Jugendliche besser erreichen kann, aber auch, weil deren Spielkompetenzen in einer Army 2.0 benötigt werden.&lt;br /&gt;
KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen thematisieren diesen Übergang vom Spiel in den realen Krieg. Sie brechen die immersive Kraft, die durch das Zusammenspiel von Illusion und Interaktion erzeugt wird (Halter: 135) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dead in Iraq&lt;br /&gt;
Joseph DeLappe loggte sich in seinem Projekt „Dead in Iraq“ (2006) in den Online-Multiplayer-Shooter „America’s Army“ ein (das ist das Spiel, das unter der Leitung der U.S. Army entstand und zur Werbung von neuen Rekruten genutzt wird), ließ in den Spielrunden aber demonstrativ seine Waffe fallen und tippte Namen von im Irak-Krieg gefallenen U.S.-Soldaten in den Chat. Zudem gründete DeLappe 2007 die Organisation „Iraqi Memorial“, die via Online-Kunst an die zivilen Opfer des Irak-Krieges erinnern möchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Domestic Tension&lt;br /&gt;
Der irakische Künstler Wafaa Bilal verweilte 2007 30 Tage als lebende Zielscheibe in seiner Rauminstallation „Domestic Tension“ in einer Chicagoer Galerie. Die Besucher seiner Webseite konnten von zu Hause aus dort auf ihn mit Farbe schießen. Die meisten „Schüsse“ wurden von Amerikanern getätigt. Der Künstler, der seit 1992 im Exil in den USA lebt, verlor im Irak-Krieg seinen Vater und seinen Bruder. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Benachbarte Themen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Simulation&lt;br /&gt;
* Künstliche Intelligenz&lt;br /&gt;
* Interaktion&lt;br /&gt;
* Performance&lt;br /&gt;
* Partizipation&lt;br /&gt;
* Sport &lt;br /&gt;
* Rollen-Spiele&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Adamowsky, Natascha (2009): Spielen mit Computern im urbanen Raum: ästhetisch-mediale Dimensionen. In: Kritische   Berichte 37, S. 83–87&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Bateson, Gregory (1955/2007): Eine Theorie des Spiels und der Phantasie. In: Claus Pias und Christian Holtorf (Hgg.): Escape! Computerspiele als Kulturtechnik, Köln, S. 192–207&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Buytendijk, Frederik Jacobus Johannes (1933): Wesen und Sinn des Spiels, Berlin &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Caillois, Roger (1958/1982): Die Spiele und die Menschen: Maske und Rausch, Frankfurt a. M.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Convents, Ralf (1996): Surrealistische Spiele: vom „Cadavre exquis“ zum „Jeu de Marseille“, Frankfurt a. M.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Derrida, Jacques: Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaft &lt;br /&gt;
vom Menschen. In: Derrida, Jacques: Die Schrift und die Differenz, Frankfurt a. M., 1976, &lt;br /&gt;
S. 422–442&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Flusser, Vilém (1993): Gesellschaftsspiele. In: Hartwagner, Georg et al. (Hg.): Künstliche Spiele, München &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Halter, Ed (2005): Kriegsspiele. In: Kunsforum 176, S. 135&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* v.Hantelmann, Dorothea (2003): Project (2003), http://www.xavierleroy.com/page.php?sp=61d2df0a600d3be0a687ecd4e767755d557a8feb&amp;amp;lg=en (1.8.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Himmelsbach, Sabine (2009): Multi-Player Media. Computerspiele im Zeitalter der Online-Kommunikation. In: Kritische Berichte 37, S. 6–15&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Hofbauer, Anna Karina (2005): Öyvind Fahlström und das Spiel. In: Kunsforum 178, S. 106&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Huizinga, Johan (1939/2009): Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. In:&lt;br /&gt;
Flitner, Andreas (Hg.): Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel, Reinbek &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Jahrmann, Margarete (2005): Ich spiele Leben – Real Player in Real Games. In: Kunsforum 178, S. 86&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Krämer, Sybille (2005): Die Welt – ein Spiel? Über die Spielbewegung als Umkehrbarkeit userpage.fu-berlin.de/~sybkram/media/.../Die_Welt_-_ein_Spiel.pdf (1.8.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Leven, Maria (2011): Das spielende Kind als Bildmotiv im deutschsprachigen Raum zwischen 1850 und 1914 http://hss.ulb.uni-bonn.de/2012/2752/2752.htm (1.8.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Lohoff, Markus (2009): Interferenzen: eine kunsthistorische Betrachtung von Computerspielen zwischen Wissenschaft, Kommerz und Kunst. In: Kritische Berichte 37, S. 16–38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Marlin, von Constanze (2005): Spiel und Ernst – Zum politischen Gehalt von Kunstspielen. In: Bätzner, Nike (Hg.): Faites vos jeux! Kunst und Spiel seit Dada, Ostfildern-Ruit, S. 173–179&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Neumann, von John und Morgenstern, Oskar (1928): On the Theory of Parlor Games, Boston&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Pias, Claus (2009): Playing seriously. In: Kritische Berichte 37, S. 39–50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Claus Pias und Christian Holtorf (Hgg./2007): Escape! Computerspiele als Kulturtechnik, Köln&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Strouhal, Ernst (2010): Duchamps Spiel, Wien&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Weblinks==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Netzwerke und Archive&lt;br /&gt;
* http://www.virtualart.at/&lt;br /&gt;
* http://www.generatorx.no/&lt;br /&gt;
* http://www.medienkunstnetz.de/&lt;br /&gt;
* http://netzspannung.org/index_static.html&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Festivals und Ausstellungen&lt;br /&gt;
* http://www.aec.at/news/de/&lt;br /&gt;
* http://www.indiecade.com/&lt;br /&gt;
* http://www.isea-web.org/&lt;br /&gt;
* http://www.transmediale.de/&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Spiele&lt;br /&gt;
* http://www.comeoutandplay.org&lt;br /&gt;
* http://www.hideandseek.net&lt;br /&gt;
* http://invisibleplayground.com/#you-are-go&lt;br /&gt;
* http://www.pacmanhattan.com/&lt;br /&gt;
* http://www.notsonoisy.com/&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen == &lt;br /&gt;
&amp;lt;references /&amp;gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Kategorie: spielen]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Anerkennen</id>
		<title>Anerkennen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Anerkennen"/>
				<updated>2012-10-10T19:54:11Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Anerkennen */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''&lt;br /&gt;
== Anerkennen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''&lt;br /&gt;
Anerkennen des anderen, der anderen, ist unmittelbar einsichtig als Voraussetzung für die Wahrnehmung einer Situation. Es steht also im Zusammenhang mit Erkennen und Wissen, im Zusammenhang mit der Konstitution von Subjekt und Objekt - sowie mit all den Konsequenzen, die das für die &amp;quot;Aufteilung des Sinnlichen&amp;quot; hat. Was anerkennbar ist, ist eine Angelegenheit von Verhandlung und Teilhabe. Die Vorgängigkeit der Anerkennung vor jeder Szene, Begegnung, Äußerung oder Aufführung, das Anerkanntsein als ein Subjekt, das sprechen und handeln kann, ist allerdings eine umstrittene und komplizierte Angelegenheit. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''1. Anerkennung, der Andere, ein Theater.'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Anerkennen'' ist der Name eines philosophischen Konzepts, das sich mit bestimmten Autornamen verbindet. In letzter Zeit hat insbesondere Thomas Bedorf systematisch deren verschiedene Konzeptionen von Andersheit, Anerkennung, Alterität durch die Philosophiegeschichte durchgearbeitet (Bedorf: 2011) &amp;lt;ref&amp;gt;Genauer: Er liest zwei bis drei Dutzend weißer westlicher Philosophen, die sich für den gegenderten oder rassifizierten Anderen ebensowenig interessiert haben wie er selbst. Zur Frage des Geschlechts in der Philosophie der Anerkennung vgl. Sabine Gürtler 2001, Susanne Dungs 2006 (bes. Kap, 2: der Andere in der Ethik asymmetrischen Anerkennens) - vgl. weiter: Thomas Bedorf 2003; Thomas Bedorf, Andreas Cremonini 2005. &amp;lt;/ref&amp;gt; . Sein Buchtitel &amp;quot;Verkennende Anerkennung&amp;quot; verweist auf die Paradoxie, dass eine völlige Anerkennung nie stattfinden kann - jedes Anerkennen verfehlt notwendigerweise den anderen, weil sie nur unter der Maßgabe des Bekannten erfolgt (Bedorf 2010: 145 et passim).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ausgehend von Althussers &amp;quot;Ideologischen Staatsapparaten&amp;quot;, die nicht mehr durch staatliche Organe wie die Polizei herrschen, sondern durch die Ideologie (Bedorf 2010: 79, Althusser 1977),  die sich in Praktiken und Ritualen zeigt und sich hierin performativ durchsetzt, kommt Bedorf mit Blick aufs französische Original auf die Anerkennung als deren grundlegendes Element. Die berühmte Szene, in der der Polizist &amp;quot;He, Sie da&amp;quot; ruft und sich der/die Angerufene umdreht, sich in dieser Unterwerfung unter den Ruf allererst als Subjekt konstituiert, bezeichnet Althusser als &amp;quot;''rituel de la reconnaissance''&amp;quot;, im Doppelsinn des französischen Wortes: der Wiedererkennung (''re-connaître'') und der Anerkennung (wie im Respekt), - eine Szene wie ein &amp;quot;''little theoretical theatre''&amp;quot; (Bedorf 2010: 79f., Pêcheux 1997: 148). Das ist zeitlich paradox: Ich muss etwas wieder-erkennen, um es allererst anzuerkennen. Die szenischen Formen sind der Anerkennung immanent, die Bühne (der Anrufung) ist der Anerkennung nicht äußerlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Paul Ricoeur hat der Frage der Reconnaissance und dem Anerkennen, der Mehrdeutigkeit des Verbs ''reconnaître'' ein ganzes Buch gewidmet. (Ricoeur 2006) &amp;lt;ref&amp;gt;Darin ist eine teleologische Abfolge angelegt. a) Drei Kapitel: Reconnaissance als Identifizieren, als sich selbst Erkennen, schließlich als wechselseitige Anerkennung, b) verfolgt der Autor die  aktivischen und passivischen Dynamiken des Worts (die philosophischen Verwendungsweisen gingen vom aktivischen zum passivischen Gebrauch; er versteht das &amp;quot;nicht als Teleologie, sondern als &amp;quot;Spannweite&amp;quot;).&amp;lt;/ref&amp;gt; Mit Sartre ließe sich zunächst noch sagen, &amp;quot;dass das Ich vom Anderen zum Objekt gemacht wird, insofern es wie ein Gegenstand wahrgenommen wird. (...) Man erfährt sich als Gegenstand der Sichtweisen Anderer und empfindet die eigene Objektheit.&amp;quot; (zit. aus Bedorf 2011: 153) (Dabei gilt: Man begegnet dem anderen, man konstituiert ihn nicht.) (Eßlinger et al. 2010) &amp;lt;ref&amp;gt;Darin: Albrecht Koschorke, Ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften, 9-33; Claudia Breger, Gender Studies, 49-64; Thomas Bedorf, Der Dritte als Scharnierfigur. Die Funktion des Dritten in sozialphilosophischer und ethischer Perspektive, 125-136. Siehe auch Thomas Bedorf 2003.&amp;lt;/ref&amp;gt; Emmanuel Lévinas entwarf zudem den &amp;quot;absoluten Anderen&amp;quot;, der nicht nur in Bezug auf den Sprecher, sondern in seiner Inkommensurabilität entworfen werden sollte (Bedorf 2011: 159): Wer den Anderen wahrnehme, könne sich nicht auf vertraute Rahmen beziehen, um den Anderen einzuordnen, sonst wäre er nicht mehr wirklich anders. Und: Ein Ich erfährt sich erst als von Anderen angerufenes. Diese Beziehung geht dem Ich, dem Du, dem Mich, dem Appell, der Anerkennung des anderen selbst voraus (Bedorf 2011: 163).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zentral ist bei Levinas nicht der Appell, ''He Sie da!'', der Modus des Akustischen, sondern der Begriff des Antlitzes. &amp;quot;Im Angesicht des Anderen treten wir in eine Beziehung ein, ... die wir nicht wie einen Gegenstand zu begreifen oder beherrschen vermögen&amp;quot; (Bedorf 2011: 167). Das ist keine freiwillige Entscheidung, auch die Form der Beziehung ist nicht einfach wählbar. &amp;lt;ref&amp;gt;Weiterführend (über das &amp;quot;Antlitz&amp;quot; bei Levinas und Bilder von Al-Quaida) und zur Un/Freiwilligkeit des Angesprochenwerdens siehe Judith Butler 2005.&amp;lt;/ref&amp;gt; Hier wäre weiterzudenken, welche Rolle der Blick und das Gesicht für diese Konzeption haben, was letztlich die Rolle der Visualität in der Epistemologie und auch der Ethik betrifft, die 'Objektivität' eines Anblicks, das Erkennen von etwas oder jemand, die Reziprozität im Sehen/Gesehenwerden: Sind diese Figuren wesentlich optisch verfasst? &lt;br /&gt;
Derrida wandte sich nicht der Visualität zu, sondern dem sprachlichen Medium, und er kritisierte an Lévinas, die eigene Verstrickung in die Sprache nicht mitbedacht zu haben - wenn man nicht ÜBER den Anderen sprechen will, und wenn es kaum möglich ist, ohne dass der Andere immer nur der Andere des Selben ist, so muss der Andere neu gedacht werden nicht als undenkbares Absolutum. &amp;lt;ref&amp;gt;Der Andere ist / nicht total anders, vergleichbar der Fassung von Universalität als fortwährende &amp;quot;Arbeit der Universalisierung&amp;quot;. Zum Problem der Universalität von Menschenrechten vgl. Butler: &amp;quot;Wenn wir die Universalität von Rechten nicht im Sinne einer Praxis verstehen wollen, in der die westliche Kultur ihre Partikulare Perspektive allen anderen aufzwingt, dann müssen wir einsehen, dass das, was 'universal' ist, unablässig produziert wird. Unter Bedingungen kultureller Übersetzung, an der verschiedene Regierungen ebenso beteiligt sind wie Nichtregierungsorganisationen, wird es unablässig artikuliert und reaktikuliert...&amp;quot;(Butler 2009: 96).&amp;lt;/ref&amp;gt; Ob man im Anschluss von einer &amp;quot;fortwährenden Arbeit mit der Veranderung&amp;quot;, einem immer offenen Prozess von Anerkennen und Unmöglichkeit des Anerkennens sprechen muss, wäre auszudiskutieren. Die Offenheit darin bedeutet Möglichkeitsraum und Freiheit ebenso wie Risiko.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''2. Der Rahmen, ein strukturelles Risiko''' &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Buch ''Frames of war'' von Judith Butler wurde übersetzt als ''Raster des Krieges''. Es fragt: Durch welche Rahmen/Raster passiert das Anerkennen? Wie ist das Verhältnis von Erkennen und Anerkennen? (Anerkennbarkeit ist nicht eine Eigenschaft oder ein Potential von einzelnen Menschen). Das Wahrnehmen ist eine Form der Erkenntnis; auch das bloße Registrieren, die sinnliche Wahrnehmung ohne konzeptuelles Wissen gehörten dazu. Raster/Rahmen &amp;quot;strukturieren nicht nur unsere visuelle Erfahrung, sondern bringen auch spezifische Ontologien des Subjekts hervor.&amp;quot; (Butler 2010: 11). &amp;quot;Wie Normen der Anerkennbarkeit den Weg zur Anerkennung ebnen, so bedingen und erzeugen Schemata der Intelligibilität erst diese Normen der Anerkennbarkeit&amp;quot; (Butler 2010: 14). &amp;lt;ref&amp;gt; Hier wendet sich Butler (ungewöhnlicherweise) konkreten Medien, konkreten Bildern zu und fragt mit Blick auf Kriegsfotografie oder die Folterbilder aus Abu Ghraib, welche Rolle deren Rahmungen spielen - für die Reflexionsfähigkeit auf die Kontexte der Fotografie, für die Konstitution von Bedeutung.&amp;lt;/ref&amp;gt; Der Rahmen legt zwar den Ausschnitt des Zu-Sehen-Gegebenen fest, aber gleichzeitig wird immer etwas außerhalb des Rahmens Liegendes erkennbar (Vgl. Butler 2010: 16). Gerade die technische Reproduzierbarkeit und die Zirkulationsfähigkeit des Bildes verändern die Bedeutung des ''Framing''/Rahmens prinzipiell. Die Zirkulationsfähigkeit wird Teil des Bilds, wenn der Rahmen unausweichlich dazu da ist, etwas Zirkulierendes immer wieder in neuen Kontexte zu setzen, er sich permanent von seinem Kontext löst (Butler 2010: 17). Die Zirkulierbarkeit ist nie abgeschlossen, auch diese prinzipielle Offenheit für zukünftige Kontexte destabilisiert eine feste Bedeutungsgebung des Rahmens (Butler 2010: 79ff). Er kann nur dank seiner Reproduzierbarkeit zirkulieren, &amp;quot;und eben diese Reproduzierbarkeit bringt ein strukturelles Risiko für die Identität des Rahmens selbst mit sich.  [... Er funktioniert] normativ, kann jedoch, je nach der spezifischen Art seiner Zirkulation, bestimmte Bereiche der Normativität infrage stellen. Solche Rahmen strukturieren Anerkennung, ... jedoch sind ihre Grenzen und Bedingtheiten ihrerseits kritisch exponierbar und der Intervention zugänglich&amp;quot; (Butler 2010: 30).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist Anerkennbarkeit immer an visuelle Erscheinungsformen gebunden? Ist Sichtbarkeit immer erstrebenswert? Johanna Schaffer hat die Ambivalenzen des Sichtbarwerdens problematisiert und &amp;quot;Einwände gegen erhöhte Sichtbarkeits-Euphoriken&amp;quot; erhoben - wenn sich Hegemonie in ästhetischen Formen konfiguriert, können Repräsentationen etwa von Minoritäten Differenzen verwischen oder Minorisierungen wiederholen; die Taktik müsse lauten: &amp;quot;Das visuelle Vokabular der Anerkennung reformulieren&amp;quot; (Schaffer 2008: 51 und 111).&lt;br /&gt;
Was heißt das für das Anerkennen, das notwendigerweise solcher Schauplätze und Formen und Rahmen bedarf?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich gibt es auch eine Notwendigkeit, Aufklärung und Kritik unangemessener Rahmungen zu betreiben (Butler 2010: 97). Butler denkt Rahmungen nicht rein dekonstruktiv (als Derridasche Invaginationen), sondern auch als Gefäße für Inhalte, die instrumentalisierbar sind, Gefühle hervorrufen sollen, Ausschlüsse betreiben, Anerkennbarkeit herstellen (sie folgt also streckenweise durchaus einer Logik von 'vorher und nachher', 'innen und außen', wenn es um die Medialität geht). Raster der Anerkennung, die bestimmte Menschen und Situationen aus der Wahrnehmung ausschließen, sind zu kritisieren. Weitergehend fragt Butler mit Bezug auf Levinas' 'Antlitz' danach, wie Mitteilbarkeit von Rahmen (und Normen) entsteht. Bereits in den Adorno-Vorlesungen 2002 kommt sie vom Rahmen des Blicks/Gesichts zur Anerkennung (Butler 2007: 42).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;quot;Wenn mein Antlitz überhaupt lesbar ist, dann nur, weil es in einen visuellen Rahmen eintritt, der die Voraussetzung seiner Lesbarkeit ist.  (...) Wenn man, was Lévinas für unausweichlich hält, ethisch auf das Antlitz des Anderen reagiert, dann scheint es, als müsse man jenes erst einmal in die Reihe der menschlichen Antlitze aufnehmen. Zunächst muss es ein Raster für das Menschliche geben, eines, das beliebig viele Variationen als fertige Beispiele umfassen kann. Doch gemessen daran, wie umstritten die visuelle Repräsentation des 'Menschlichen' ist, scheint unsere Fähigkeit, auf ein Antlitz als menschliches zu reagieren, von der Vermittlung durch Bezugsrahmen abhängig, die in einem Fall vermenschlichen und im anderen entmenschlichen. Die Möglichkeit einer ethischen Reaktion auf das Antlitz erfordert folglich eine Normativität des visuellen Felds: Es liegt nicht nur bereits ein epistemologischer Rahmen vor, innerhalb dessen das Antlitz erscheint, sondern wir haben es auch hier schon mit einem Machteffekt zu tun...&amp;quot; (Butler 2007: 43).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier wäre weiterzufragen, &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1. Welche konkreten Praktiken mit Rancière als (neue) ''Aufteilungen des Sinnlichen'' auszudenken wären. Die &amp;quot;Aufteilungen des Sinnlichen&amp;quot; legen fest, was wir wahrnehmen, tun und sagen können und wofür wir blind oder taub sind. &lt;br /&gt;
Nach innen hin regeln diese Formen, wie die wahrnehmbaren und sagbaren Gegenstände einer sinnlich aufgeteilten Welt voneinander unterschieden und wie Handlungen voneinander abgegrenzt und bewertet werden. Ranciere nennt solche Aufteilungen des Wahrnehmbaren auch erste oder ursprüngliche Ästhetik. Sie bestimmt, 'was der sinnlichen Erfahrung überhaupt gegeben ist. Die Unterteilung der Zeiten und Räume, des Sichtbaren und Unsichtbaren, der Rede und des Lärms geben zugleich den Ort und den Gegenstand der Politik als Form der Erfahrung vor.' So entsteht ein 'Rahmen der Sichtbarkeit und Intelligibilität, der Dinge oder Praktiken'; ein Rahmen, der aus den gleichermaßen produzierten wie ihrerseits produzierenden Agent/innen dieses Rahmens eine 'Gemeinschaft des Sinnlichen' macht&amp;quot; (zit. aus Sonderegger 2012: 382) &amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. André Eiermann 2009 u.a. zu: An- und Abwesenheit, Repräsentation und Anerkennung, Rahmungen, Sprechakte.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2. Welche Konzepte von Rahmungen und ihrer Zirkulation sind nötig, damit sich das Sicht-, Fühl- oder Hörbare zwischen Kontexten bewegen kann, auf die Straße gehen kann, im Klassenzimmer besprechbar wird, auf Bühnen transportierbar sei (und zwar nicht in dieser oder einer anderen Reihenfolge, vom Original zur künstlerischen Reproduktion oder wissenschaftlichen Reflexion, sondern zum besseren Verstehen dessen, dass alle drei wie auch die Kollegarbeit selbst den entsprechenden Abgründen der Anerkennung ausgesetzt sind).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
3. Drittens könnte es darum gehen, etwas bisher Unsagbares zu sagen, Neues herzustellen, etwa &amp;quot;Handlungen, Ereignisse und Subjekte, die eine Aufteilung des Sinnlichen herausfordern, indem sie etwas geltend machen, was in der adressierten Aufteilung des Sinnlichen nicht gesagt, getan oder wahrgenommen werden kann&amp;quot; (zit. aus Sonderegger 2012: 383). Mit einer anderen Vokabel, nochmals von Rancière: Das &amp;quot;Unvernehmen&amp;quot; zu praktizieren. Demonstrationen einer &amp;quot;dissensuellen Politik&amp;quot; vorzunehmen. Diese&lt;br /&gt;
&amp;quot;behaupten - oder vielmehr: demonstrieren - ein Unvernehmen (''mésentene''); also etwas, das in der bestehenden politischen Einteilung nicht wahrgenommen, gedacht und mit den vorhandenen argumentativen Mitteln auch nicht eingefordert werden kann. Situationen des Unvernehmens bezeichnen keine Meinungsverschiedenheiten und auch keine Missverständnisse, bei denen man das Gegenüber darauf aufmerksam machen kann, dass man falsch verstanden wurde&amp;quot; (zit. aus Sonderegger 2012: 382).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Schluss steht der Abgrund der Anerkennung: Muss man schon Teil des Systems sein, das die Währung der Anerkennung vergibt, um anzuerkennen, oder um ein anerkanntes Subjekt zu werden? Wie aber würde man sich in dieses System hinein-arbeiten, wenn man nicht Teil dessen ist?&lt;br /&gt;
Das Recht, Rechte zu haben, hat Hannah Arendt als grundlegende Bedingung menschlichen Lebens gefordert; wie man etwa Menschenrechte einfordert, wenn man nicht juristisch anerkannt ist, hat Christoph Menke mit &amp;quot;alegal, illegal, translegal&amp;quot; beschrieben. Das notwendig Grenzüberschreitende und Illegale dieses Aktes schafft Realitäten: &amp;quot;Wer ein Recht fordert, hat damit immer schon, vorweg, sein Recht zu fordern gefordert&amp;quot; (Menke 2012: 328). &amp;quot;Weil ein politisches Subjekt zu sein aber (unter anderem) eben darin besteht, ein Recht zu fordern, macht sich der menschenrechtlich Fordernde selbst zu dem, was er fordert&amp;quot; (Menke 2012: 362). Der gordische Knoten der Vor- und Nachgängigkeit wird durch einen Akt, eine Setzung zerschlagen. Was Arendt den &amp;quot;Erscheinungsraum&amp;quot; genannt hat, den öffentlichen Raum, der erst im Akt des öffentlichen Auftretens hergestellt wird. Wenn das Erscheinen für andere wahrnehmbar, anerkennbar wird, entsteht dieser Raum; hier verbindet sich Performativität mit gemeinsamer Praxis auf der unmöglichen aber immer herstellbaren Basis und mit dem Produkt der Anerkennung. (Menke 2012: 328) &amp;lt;ref&amp;gt;&amp;quot;Die Demonstranten müssen in gewisser Hinsicht so tun, als ob bereits der Raum existiere, in dem ihr Sprechen und Handeln zählt, sie müssen so tun, als ob sie zumindest so weit an der Macht des Miteinanders partizipierten, dass ihr Sprechen und Handeln als intelligibel und allgemein nachvollziehbar, kurz: als öffentlich relevantes Sprechen und Handeln wahrgenommen wird. Nun wäre das demonstrierende Handeln und Sprechen als Vollzug im Modus des 'Als ob' aber zugleich auch irreführend beschrieben, wenn man es auf diesen Aspekt reduzierte und womöglich noch mit einer irgendwie unwirklichen Angelegenheit verwechselte. Denn der Vorgriff auf einen bereits veränderten Erscheinungsraum, den die Demonstration vornimmt, geschieht dadurch, dass hier Akteure auf eine immer auch sehr materiale, körperliche Weise insistieren, die nicht zuletzt aufgrund ihrer spezfischen Körperlichkeit aus der Sphäre der Öffentlichkeit herausgehalten werden sollen.&amp;quot; (Rebentisch 2012: 369f.)&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
Der Wechsel zwischen Als Ob und Materialität: das ist die Aufgabe der Anerkennung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bibliographie==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Althusser, Louis (1977): Ideologie und ideologische Staatsapparate. In: Ders., Ideologie und Ideologische Staatsapparate, Aufsätze zur marxistischen Theorie, Hamburg, Berlin, S. 108-153.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Bedorf ,Thomas (2003): Dimensionen des Dritten. Sozialphilosophische Modelle zwischen Ethischem und Politischem, München. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Bedorf , Thomas (2010): Verkennende Anerkennung. Über Identität und Politik, Berlin. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Bedorf, Thomas (2011): Andere. Eine Einführung in die Sozialphilosophie, Bielefeld. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Bedorf, Thomas, Cremonini, Andreas (Hg.) (2005): Verfehlte Begegnung. Levinas und Sartre als philosophische Zeitgenossen, München. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Butler, Judith (2007): Kritik der ethischen Gewalt, Adorno-Vorlesungen 2002 (Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main - zuvor gehalten als Spinoza-Vorlesungen der Universität Amsterdam 2002), Frankfurt/M. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Butler, Judith (2005): Gefährdetes Leben. In: Dies., Gefährdetes Leben. Politische Essays, Frankfurt/M. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Butler, Judith (2009):Krieg und Affekt, Berlin, Zürich. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Butler, Judith (2010): Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen, Frankfurt/M. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Dungs, Susanne (2006):  Anerkennen des Anderen im Zeitalter der Mediatisierung. Sozialphilosophische und sozialarbeitswissenschaftliche Studien im Ausgang von Hegel, Lévinas, Butler, Zizek, Hamburg. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Eiermann, André (2009): Postspektakuläres Theater. Die Alterität der Aufführung und die Entgrenzung der Künste, Bielefeld. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Eßlinger, Eva et al. (Hg.) (2010): Die Figur des Dritten. Ein kulturwissenschaftliches Paradigma, Berlin. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Gürtler, Sabine (2001): Elementare Ethik. Alterität, Generativität und Geschlechterverhältnis bei Emmanuel Lévinas, München. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Levinas, Emmanuel (1992): Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht, Freiburg, München. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Menke, Christoph (2012): Die Tat der Menschenrechte: alegal, illegal, translegal. In: Frankfurter Kunstverein, Exzellenzcluster &amp;quot;Die Herausbildung normativer Ordnungen&amp;quot; der Goethe-Universität Frankfurt (Hg.): Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen (Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Frankfurter Kunstverein, 20.1.-25.3.2012), Nürnberg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Pécheux, Michel (1997): The Mechanism of Ideological (Mis)recognition. In: Zizek, Slavoj  (Hg.): Mapping Ideology. London, New York, S. 141-151. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Rebentisch, Juliane (2012): Erscheinen. Bruchstücke einer politischen Phänomenologie. In: Frankfurter Kunstverein, Exzellenzcluster &amp;quot;Die Herausbildung normativer Ordnungen&amp;quot; der Goethe-Universität Frankfurt (Hg.): Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen (Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Frankfurter Kunstverein, 20.1.-25.3.2012), Nürnberg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Ricoeur, Paul (2006). Wege der Anerkennung. Erkennen, Wiedererkennen, Anerkanntsein, Frankfurt/M. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Schaffer, Johanna (2008): Ambivalenzen der Sichtbarkeit. Über die visuellen Strukturen der Anerkennung, Bielefeld. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Sonderegger, Ruth (2012): Drei Formen der Demonstration. Überlegungen mit Jacques Rancière. In: Frankfurter Kunstverein, Exzellenzcluster &amp;quot;Die Herausbildung normativer Ordnungen&amp;quot; der Goethe-Universität Frankfurt (Hg.): Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen (Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Frankfurter Kunstverein, 20.1.-25.3.2012), Nürnberg. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Beschreiben</id>
		<title>Beschreiben</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Beschreiben"/>
				<updated>2012-10-10T19:46:34Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* BESCHREIBEN */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;''' &lt;br /&gt;
== BESCHREIBEN ==&lt;br /&gt;
'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Tätigkeit des ''Beschreibens'' kann in vieler Hinsicht als ein produktives Verfahren im Bereich transdisziplinärer Forschung angesehen werden. In seiner konjugierbaren Veränderbarkeit stellt das Verb ''beschreiben'' gleich mehrere Vorgänge und Zustände dar: sowohl schriftliche als auch mündliche, sowohl persönliche als auch kollektive, sowohl intentionale als auch materielle. Allerdings geht es in den folgenden Ausführungen weniger um theoretische Konzepte und wissenschaftliche Methoden, als um verschiedene konkrete Ansätze, die insbesondere in der Praxis der performativen Künste angewendet werden. Im Zentrum steht dabei sowohl die Darstellung exemplarischer Einzelfälle als auch die Ethik die jeweils dem Akt des ''Beschreibens'' zugrunde liegt. Ähnlich wie bei der von Clifford Geertz für die ethnologische Feldforschung begründete ’Dichte Beschreibung’ (thick description) ist keiner der praktischen Ansätzen darauf aus, universalistische Aussagen zu treffen, vielmehr soll mit Hilfe qualitativer Beobachtung und Analyse kultureller Systeme gerade das ’lokale Wissen’ anerkannt und beschrieben werden. &amp;lt;ref&amp;gt;Vergl. Geertz, Clifford (1973): Thick Description, Toward an Interpretive Theory of Culture. In: Ders., The Interpretation of Culture, Selected essays, New York, S. 3-30.&amp;lt;/ref&amp;gt; Gehandelt wird nach einem offenen Kulturbegriff, bei dem soziale und kulturelle Phänomene ständig neuen Interpretationen unterliegen und ihre Deutung (oder vielmehr ihre zeichenhafte Bedeutung) jeweils untrennbar mit einem spezifischen Kontext und einer bestimmten Perspektive verbunden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''1	Bezugspunkt, Sprache, Existenz'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein großer Tisch beim Felix Meritis Theater unterm Dach, mit Aussicht auf Amsterdam. Eine Art Klausur. Vielleicht sogar eine Zäsur. Es gibt nur diese Vermutung dass etwas Neues passiert, dass sich das Theater sich auf neuartige Weise offenbart, neue Dramaturgien erforscht. So fremd, so anders, dass noch kaum darüber gesprochen werden kann. Dass auf jeden Fall die bisher nützlichen Worte unzureichend erscheinen und aufgehört haben zu funktionieren. In Amsterdam, in Berlin, in Frankfurt, in Wien und vor allem auch in Brüssel, überall da wo seit geraumer Zeit europäisch koproduziert wurde und wo das einschlägige Fachblatt Theaterschrift gewirkt hat.&amp;lt;ref&amp;gt;Theaterschrift ist eine viersprachige Publikation, die von 1993-1998 unter redaktioneller Leitung von Marianne van Kerkhoven von mehreren europäischen Koproduzenten herausgegeben wurde: Kaaitheater/Brüssel, Hebbel Theater/Berlin, Theater am Turm/Frankfurt am Main, Felix Meritis/Amsterdam, Wiener Festwochen/Wien.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Beteiligt sind die Vertreter einer neuen Generation: Marianne van Kerkhoven, Knut Ove Arntzen, Dragan Klaiç, Josette Féral, Jean-Marc Adolphe, Ritsaert ten Cate, Erwin Jans... und auch Hans-Thies Lehmann, der 1993 noch wie alle mit den Begriffen ringt und sich noch nicht auf diesen einen festgelegt hat. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es herrscht viel Schweigen, Ansätze werden ausprobiert. Man hat Zeit, und eigentlich kein Ziel, nur den Wunsch nach einer Form. Die Idee war schließlich einfach. Man wird sich auf die Suche machen nach einem neuen Vokabular, neuen Stichwörtern und Denkbildern. Spielerisch, subjektiv, aufgereiht, eingesammelt, unredigiert. Es gilt ein offenes Wörterbuch zu erstellen, in dem alle Betrachtungen nebeneinander bestehen dürfen und alles gezeigt werden kann. Die einzige Prämisse ist: es muss beschrieben werden WAS IST und nicht – ex negativo - was NICHT ist. Kein Anti-Theater. Sondern selbstbewusste Behauptungen. Anschließend gab es Vieles. Erfindungen und Neuinterpretationen. Versuche und Definitionen. Absence zum Beispiel. „With it maybe the following words might be added: respect, sensuality, homework, subtlety, tenderness, calmth, dignity, patience. Warmly recommended“ (Ten Cate 1994: 37).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entstanden ist letztendlich die enzyklopädische Publikation ’Theaterschrift 5-6, Über Dramaturgie’ und der entschiedene Wunsch, dem neuen Theater eine Sprache zu geben. Der belgische Dramaturg Erwin Jans hat damals notiert: „Erhält man eine Sprache, so erhält man eine Existenz, einen Bezugspunkt, eine Möglichkeit zum Dialog und zur Entwicklung“ (Jans 1994: 52).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''2	Von Landschaft zu Interaktion'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Eine Landschaft zwischen Steppe und Savanne, der Himmel preußisch blau, zwei riesige Wolken schwimmen darin, wie von Drahtskeletten zusammengehalten, jedenfalls von unbekannter Bauart, die linke größere könnte ein Gummitier aus einem Vergnügungspark sein, das sich von seiner Leine losgerissen hat, oder ein Stück Antarktis auf dem Heimflug, am Horizont ein flaches Gebirge, rechts in der Landschaft ein Baum, bei genauerem Hinsehen sind es drei verschieden hohe Bäume, pilzförmig, Stamm neben Stamm, vielleicht aus einer Wurzel, das Haus im Vordergrund mehr Industrieprodukt als Handwerk, wahrscheinlich Beton...“ (Müller 1985: 7). Heiner Müller, nennt seinen Theatertext Bildbeschreibung eine Übermalung. Fern von dem statischen Realismus klassischer Landschaftsmalerei findet er in der Beschreibung einer Zeichnung Freiräume für eine prozesshafte Entwicklung. Ein Bild stellt das andere in Frage, die Optiken wechseln, bis der Betrachter selbst in Frage gestellt wird: „Das kann jeder machen, mehr oder weniger gut und jeder anders. Die avancierteste Kunst ist die demokratischste, jeder Mensch kann ein Bild beschreiben, die ''Beschreibung'' produziert neue Bilder, es ist ein Spielmodell“ (Müller 1992: 343).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Autor Müller mag einsam an seinem Schreibtisch gesessen haben. Und auch die Theaterschrift Enzyklopädie hat vom Ereignis losgelöste Textdokumente hinterlassen. Erweitern lässt sich das Verfahren des ''Beschreibens'' vor allem als Teil einer sozialen Interaktion. Als regelrechte Vermittlungsarbeit bei ungewöhnlichen Kooperationen. Da, wo eine unerprobte Gruppe aufeinandertrifft, die ein bestimmtes Interesse miteinander teilt. Wo Zusammenarbeit allerdings auch immer mit Unverständnis und Klärungsbedarf einher geht. &lt;br /&gt;
Beschreiben ist dabei ein unerlässliches Gesprächsangebot. Ein kurzfristiges Benennen. Eine Einladung zur Darstellung. Definitionen werden herausgezögert. Noch muss niemand überzeugt werden. Es braucht keinen Konsens. Eher Neugierde, Widerspruch, Gegensätze, die die Auseinandersetzung herausfordern. Warum soll man sich das nicht ganz praktisch vor Augen führen? Bruno Latour stellt sich in ''Science in Action'' eine Reihe von Situationen vor, in denen er sich den Umständen widmet unter denen Wissenschaftler gehandelt haben und wissenschaftliche Ergebnisse zustande gekommen sind. Nicht das Resultat steht im Mittelpunkt seiner Umschreibungen sondern die sozialen Momente „before the box closes and becomes black“ (Latour 1987: 21).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine hybride Gruppe von Künstler und Theoretikern begegnen einander in unregelmäßigen Abständen zur gemeinsamen Arbeit im Studio. Mal in Amsterdam, London, Madrid, Graz, oder in PAF. Paz Rojo, Manuela Zechner und Anja Kanngieser veranstalten seit 2008 sogenannte Vocabulaboratories: kollektive Zusammenkünfte in denen Begrifflichkeiten aus der Praxis heraus entwickelt werden. Täglich werden als Teil der Performancearbeit ’Entries’ und ’Access Points’ notiert, Zeichnungen angefertigt, Skizzen gemacht, subjektive Erfahrungen und Erkenntnisse aufgezeichnet und direkt in einem gemeinsamen Wiki füreinander bereitgestellt: a vocabulary of doing. Wechselwirkung und Gegenseitigkeit sind hier der zentrale Motor, um mit Hilfe von Worten und Bildern aus sich heraus zu treten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Dynamik bringt eine Bewegung zustande, in der Beschreibungen wie Gespräche funktionieren. Zwischen der eigenen Person und einem anderen. Zwischen dem Gegenüber und dem Selbst. Beschreibungen sind hier kein losgelöstes Ziel, sondern Mittel - nicht Endprodukt, sondern Prozess. Die Amsterdamer Teilnehmerin Sher Doruff erinnert sich: „I was struck by the qualities of attention given the dynamic relations between emerging terminologies and performative actions, between forms of content and forms of expression, between the visible and the articulable, between light and language” (Doruff 2008: 158).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''3	Antiautoritär und basisdemokratisch'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch einmal soll in Anlehnung an die topografische Lagebeschreibung (wie etwa von Müller vorgeführt) die Frage nach der Position des Betrachters gestellt werden. Der englische Theatermacher und Performance Studies Professor Mike Pearson unterscheidet in seinem Buch „In Comes I“: Performance, Memory and Landscape zwischen dem distanzierten Beobachter und dem engagierten Insider, der ein grundsätzlich anderes Verhältnis zu seinem Objekt entwickelt hat, sei es ein Ort, eine Erinnerung, oder eine Situation.&amp;lt;ref&amp;gt;Vergl. Pearson, Mike (2007): „In Comes I“: Performance, Memory and Landscape&amp;quot;, Exeter.&amp;lt;/ref&amp;gt; Bereits in seiner Studie Theatre/Archeology hebt Pearson die Bedeutung der persönlichen Erzählung von Zeitzeugen hervor und zweifelt an der Darstellbarkeit eines großen Ganzen: „Could documentation be more a collage of these deep but fragmented observations, rather than ‘the big picture’?” (Pearson/Shanks 2001: 63) Selbst hat er zusammen mit dem Archäologen Michael Shanks ein Verfahren zur performativen Ortsbestimmung entwickelt, das sogenannte „Deep Mapping“, das als Lecture Performance verschiedene Genres und Medien miteinander kombiniert. „Theatre/Archaeology becomes part of an integrated, social and political practice active in the creation of personal, communal, local and national identities, a practice unafraid to be sensual, interpretive, romantic” (Pearson/Shanks 2001: 162).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehen ist also eine Frage der Perspektive. Und jeder sieht einzeln. Vor kurzem hat der amerikanische Kunsthistoriker Terry Barrett den angehenden Kunstpädagogen an der Amsterdamer Kunsthochschule eine provozierende Methode vorgeschlagen. Sie sollten doch endlich als allwissende Autorität zurücktreten und stattdessen Kinder, Schüler oder Museumsbesucher ermutigen, sich von ihnen zu emanzipieren und bei der Betrachtung von Kunstwerken ihrer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. An die Stelle des herkömmlichen Unterrichts soll seiner Ansicht nach ab sofort eine sokratisches Gespräch treten, bei dem jegliche Bewertung der Beobachtung außen vor bleibt und Barrett unermüdlich fragt: „What do you see? What does it mean? How do you know?“ (Barrett 2010: 142).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Susan Sontag hätte ihre Freude. In ihrem Klassiker, Against Interpretation, fordert sie bereits die Arroganz der Deutungshoheit heraus: „What is important now is to recover our senses. We must learn to see more, to hear more, to feel more… What is needed is a vocabulary - a descriptive, rather than prescriptive, vocabulary - for forms” (Sontag 2008: 158).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vielleicht gibt es eine Reihenfolge und das ''Beschreiben'' ist als transdisziplinäres Verfahren nichts anderes als ein erster, basisdemokratischer Akt. Ein ursprüngliches Instrument um Sachverhalte und Begrifflichkeiten unmittelbar auszutauschen und zu veröffentlichen. Vielleicht ist es sogar eine unkomplizierte Form der Anhörung, bevor neue Verbindungen entstehen können. „What do you see? What does it mean? How do you know?“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''4	Spielerische Materialisierung'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass (vor allem verbale) Beschreibungen nicht immer unberührt und unangetastet bleiben müssen zeigt eine Art Umkehrschluss, der Versuch einer spielerischen Materialisierung intellektueller Beiträge. Eine weitere Konferenz, wieder Künstler, Dramaturgen und Wissenschaftler an einem Tisch. Diesmal wird gefragt: was kommt nach dem postdramatischen Theater, After Theatre? Und dabei wird so ganz nebenbei die Bedeutung der Wörter enthierarchisiert. Vorträge, Statements, Diskussionen zerfallen als Live-Blog willentlich in 2421 Stichwörter, und bilden als visualisierte Database wieder neue Inhalte ab. Das neuartige &amp;lt;Anarchive/&amp;gt; entzieht sich der ursprünglichen Intention der Konferenz und erschließt bisher ungestellte Fragen: Wer kam am meisten zu Wort? In welchen Städten waren die Sprecher zuhause? Welche Wörter wurden am meisten wiederholt? Welche Sprache war vorherrschend? Und schließlich, in welcher Zeitform haben sich die Teilnehmer ausgedrückt? Habe sie sich vor allem in der Gegenwart aufgehalten, der Vergangenheit, oder der Zukunft? &amp;lt;ref&amp;gt;&amp;lt;Anarchive/&amp;gt;’ war Teil der Konferenz ‘Na(ar) het theater, After Theatre?’ und wurde anschliessend als Publikation veröffentlicht: Hoogenboom, Marijke und Karschnia, Alexander (Hg.) (2007): Na(ar) het theater, After Theatre?, Supplements to the international conference on postdramatic theatre, Amsterdam. www.ahk.nl/lectoraten/kunstpraktijk/coproducties-en-projecten/after-theatre/&lt;br /&gt;
www.nielsschrader.de/anarchivcont.html&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zusammenfassung einer Konferenz als automatisierte Übermalung, macht das Sinn? Zumindest bietet eine solche Anschreibung, Unterschreibung, Verschreibung, Umschreibung, Abschreibung, Beschreibung eine offene, anschauliche Alternative.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Barrett, Terry (Hg.) (2010): Art works, People respond to contemporary art, Deventer/Amsterdam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doruff, Sher (2008): A Vocabulary of Doing. In: Vocabulaboratories, Hg. Anja Kanngieser, Paz Rojo, Manuela Zechner, Amsterdam, S. 156-170.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jans, Erwin (1994): Reden über Stille. In: Theaterschrift 5-6, Über Dramaturgie, Hg. Marianne van Kerkhoven, Brussel, S. 44-57.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Latour, Bruno (1987): Science in Action, Massachusetts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Müller, Heiner (1985): Shakespeare Factory 1, Berlin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Müller, Heiner (1992): Krieg ohne Schlacht, Berlin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pearson, Mike and Shanks, Michael (2001): Theatre/Archeology, London/New York.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sontag, Susan (2001): Against Interpretation. In: Ders., Against Interpretation and Other Essays, New York, S. 3-14.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ten Cate, Ritsaert (1994): Absence. In: Theaterschrift 5-6, Über Dramaturgie, Hg. Marianne van Kerkhoven, Brussel, S. 37.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Mappen</id>
		<title>Mappen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Mappen"/>
				<updated>2012-10-10T19:37:03Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Perfomatives Potential */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;== Mappen als transdisziplinäres Verfahren ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verb ''mappen'' oder auch ''mapping'' vom englischen Wort ''map'' für ''Karte'' kann als eine &amp;quot;Visualisierungstechnik und ein graphisches Mittel der Orientierung innerhalb eines Geltungsbereiches&amp;quot; (Gugerli 2004: 210) angesehen werden. Es hält in Form einer Zeichnung, eines Diagramms oder einer räumlichen Anordnung in unterschiedlichen Disziplinen Prozesse fest, die durch Beobachtung, Messung, Registrierung, Aushandlung, Berechnung, Standardisierung oder Bezeichnung entstehen. So fungiert ''mappen'' als maßgebliches Tool für die Produktion und Erforschung von &amp;quot;relatedness&amp;quot; (Gugerli 2004: 210), interspezifischen Relationen, in einem Feld von Informationen. Die Liste der Beispiele, in denen Wissenschaftler, Mediziner, Unternehmer, Informatiker oder Künstler ''mappen'', vergegenwärtigt die Bandbreite der Anwendungsgebiete dieses Verfahrens: Kartographie in der Geographie, Topographie und Ethnographie, ''gene mapping'' in der Biologie, ''data mapping'' beim Programmieren oder das ''business process mapping'' in Form von flow charts in der Unternehmensführung. In der künstlerischen Arbeit lassen sich organisatorische, performative und gestalterische Anwendungen von ''mapping-''Prozessen differenzieren. ''Mind maps'' veranschaulichen und strukturieren künstlerische Arbeitsprozesse, während die graphische Gestalt eines ''Mapping-''Prozesses, wie bei Jonathan Parsons ''Terminator Maquette'' (2007), selbst zum Kunstobjekt werden kann. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://www.tagfinearts.com/jonathan-parsons/terminator-maquette.html. Terminator Maquette]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Parson überträgt in dieser Skulptur die Wegführung des öffentlichen Nahverkehrs einer Stadt auf eine Stahlplatte und formt hieraus ein selbstständiges Objekt. In performativen Anwendungen des ''mappings'' stehen die Handlung, das Überschreiben oder eine Perspektivenverschiebung im Vordergrund. Die Situationisten in den 1950er Jahren verwenden ''Dérives'', das Umherschweifen in der Stadt, als Strategie um die „dominante Ordnung des Kapitalismus (…) zu sabotieren und die Routinen der Wahrnehmung zu untergraben.“ (Spillmann 2011: 27) Der ''guide psychographique de Paris'' (1957) von Guy Debord dokumentiert diese Aneignung von Paris durch zusammengeklebte Schnipsel der Stadtkarte mit roten Pfeilen und überschreibt die normative Karte durch subjektive Erfahrungen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://imaginarymuseum.org/LPG/Mapsitu1.htm Map Situationisten]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im ''life mapping''&amp;lt;ref&amp;gt;Die Performance wurde im Rahmen der Auftakttagung des Graduiertenkollegs Versammlung und Teilhabe, K3 Tanzplan Hamburg auf Kampnagel, im April 2012 aufgeführt.&amp;lt;/ref&amp;gt; von deufert und plischke mit Scott Delahunta wird ''mappen'' als Handlung selbst zur theatralen Aufführung. Die Künstler visualisieren zeitgleich die gesprochenen Worte der Partner auf einem Overhead-Projektor und demonstrieren so ihr Verständnis von Theater als Kommunikationsraum. Diese Nutzungen verweisen auf das performative Potential, das ''mappen'' inhärent ist und disziplinenübergreifend in künstlerischen und wissenschaftlichen Anwendungen zu finden ist. Trotz der unterschiedlichsten Formen des ''Mappens'' werden, David Gugerli folgend, auf abstrakter Ebene Gemeinsamkeiten in den Verfahren erkennbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Sequentielles Verfahren ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Mappen'' ist allgemein die Visualisierung in einem Vermessungs- oder Begutachtungsprozess und kommuniziert ein Beziehungsgeflecht entlang einer zunächst willkürlichen Setzung. Generell werden zu Beginn zwei Referenzpunkte mit einer Grund- oder Verbindungslinie auf dem Papier, am Bildschirm oder auf einer Fläche verbunden. Um andere Teilaspekte mit diesen beiden Referenzpunkten in eine konkreten Beziehung zu stellen, muss mit einem dritten Referenzpunkt (Triangulation) diese Linie räumlich verortet und ausgerichtet werden. An dieses Dreieck können sich alle hinzugenommenen Informationen ankoppeln oder es nach außen erweitern. Die Beziehung der Referenzpunkte beruht auf einer bestimmten Fragestellung und vereinfacht bzw. verschleiert andere Relationen des oft komplexeren Untersuchungsgegenstands. Im Prozess des ''mappens'' entwickelt sich ein fortwährend verkomplizierendes und wucherndes Netzwerk von aufeinander bezogenen Referenten. Hierbei wird die Nähe zur Kartographie sichtbar, welches sich historisch sehr ähnlichen Aktionen bedient. „In [nineteenth century topographical mapping] this sequential process of measuring, annotating and (re)-calculation angles or relative distances, on the one hand, and drawing, counting and registering topographical details, on the other, an all encompassing relatedness was produced.“ (Gugerli 2004: 212) Diesen wuchernden und überlagernden Aspekt von ''mapping'' macht sich z.B. der Bildende Künstler Jeff Woodbury für seine künstlerischen Arbeiten zu nutze. In ''Atlas'' (2008) überträgt und überlagert er mit Bleistift unterschiedliche Straßenkarten, um ein scheinbar organisches Gewebe zum Vorschein zu bringen.&lt;br /&gt;
[http://tumblr.wblut.com/post/6208916027/roomthily-atlas-jeff-woodbury-tracings-in. Atlas] (13.06.2012) oder (Harmons/Clemans 2009: 241)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Netz im ''mapping''-Prozess wirkt wie ein Filter, der andere Perspektiven ausblenden kann. Geographische Karten können politische oder ethnographische Fragestellen abbilden, während sie ökonomische Ursachen, die zu ihrer Entstehung beitragen, nicht berücksichtigen. Das Mapping-Projekt ''MigMap – Governing Migration'', dass soziologische, politologische und kulturwissenschaftliche Informationen zur Europäischen Migrationspolitik in eine interdisziplinäre internetgestützte Karte einbindet, zeigt anschaulich den Versuch diesem Filter durch eine plurale Perspektive entgegenzuwirken. ( [http://www.transitmigration.org/migmap/home_entry.html MigMap-Website] ) Doch die Komplexität der virtuellen, künstlerischen Karten erschweren ihre Lesbarkeit. „Karten müssen interpretiert werden. Um Karten lesen zu können, braucht es die Kenntnisse der sozialen und politischen ‚Grammatiken’, die sich hinter den verwendeten Zeichen und Symbolen verbergen.“ (Spillmann 2011: 27) Die erarbeiteten formalen Graphiken der ''MigMap''-Karte 4 ''Places and Practices'' zeigen durch den Gebrauch von geometrischen Objekten, die in graduelle Kreise eingebettet sind, neue Formen der Darstellung, die eine klassische Triangulation umgeht. ([http://www.transitmigration.org/migmap/home_map4.html Karte 4] )&lt;br /&gt;
''Mapping'' hat dabei zwei Funktionen: Es dient zur „Reduktion“ von Komplexität, Ortsgebundenheit, Partikularität, Materialität und Vielfalt des Objektes, gleichzeitig gewinnt es durch Abstraktion ein Mehr an Lesbarkeit, Kompatibilität, Universalität, Überlagerung, Text und Kalkül und dadurch eine „Amplifikation“. (Latour 1997: 255)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je nach Notwendigkeit und Funktion ist die Karte nur Beginn eines langen, sich wiederholenden Prozesses. In einer topographische Karte oder in den unzähligen Teilschritten im ''Human Genom Project ''(Vgl.: [http://www.ornl.gov/sci/techresources/Human_Genome/publicat/primer/prim2.html Human Genom Project] ) bedingt die Fortführung eine sich immer wieder einschätzende Befragung des Gegenstandes und eine fortwährende Justierung der Vorannahme. Eine Materialisierung dieser Sequenz in einer Zeichnung dient der unmittelbaren visuellen Gruppierung seines Inhalts. In der sequentiellen Inskription konstruieren sich „künstliche Repräsentationen, die sich immer weiter von der Welt zu entfernen scheinen, und die sie ihr dennoch näher bringen.“ (Latour 1997: 218) Bruno Latour erkennt hierin eine Beherrschung der Welt durch den synoptischen Blick, „wenn die Welt [den Wissenschaftlern] in zweidimensionaler, überlagerbarer und kombinierbarer Inskription entgegenkommt“. (Latour 1997: 217) Basierend auf intensiver Nachforschung präsentiert die französische Künstlergruppe ''Bureau d´Etudes'' ( [http://bureaudetudes.org/ Bureau d´Etudes] ) ihre Analyse der Netzwerke im transnationalen Kapitalismus in großformatigen Wandmalereien, um sich der Beherrschung der Welt durch den Kapitalismus alternativ perspektivierte ''mappings'' entgegenzusetzen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Archiv verhilft zu einer expliziten „Zeitlichkeit“ (Gugerli 2004: 213) im Prozess des ''Mappens'', um die einzelnen Schritte und Veränderungen auf der Karte nachzuvollziehen, zu rejustieren und wiederholen zu können. Nur in der Nachvollziehbarkeit durch ein Protokoll ist die Kompatibilität und Vergleichbarkeit der einzelnen Eintragungen ins Netz von Informationen gewährleistet. Diese Transparenz in der Kontinuität von Raum und Zeit garantiert ein Vertrauen an den ‚Realitätswert’ der resultierenden Zeichnung. Aus diesem Grund werden die Karten von ''Bureau d´Etudes'' und ''MigMap'' auch durch Texte und vereinzelt Quellen unterstützt, um deren Glaubwürdigkeit zu untermauern. Fehlende Angaben der Quellen in der Arbeit ''Crisis'' (2006), in der die Argentinische Finanzkrise dargestellt wird, vermindern die Transparenz und untergraben die Wirkung der Karte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://bureaudetudes.org/category/gouvern-par-crises/ Crisis] (13.06.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Perfomatives Potential ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je dichter die Informationen und geprüfter das Netz, welches aus dem ''mappen'' hervorgeht, desto mehr stabilisiert und formt sich der Forschungsgegenstand; aber auch die ‚mapper’ selbst verändern sich im fortlaufenden Prozess. In der ganzheitlichen Materialisierung der sich überlagernden, akkumulierenden und sich affirmierenden Informationen in einer Zeichnung kann mappen eine radikale Performativität entwickeln. Vorläufige Ergebnisse und Nebenprodukte verändern als Teil des ''mapping''-Prozesses die Perspektive auf den Gegenstand, zeigen Grenzen auf und eröffnen neue Fragestellungen. Karten verändern so kollektive Wahrnehmungsmuster und geben neue Rahmungen zum (kulturellen) Verständnis eines Gegenstands. &amp;lt;ref&amp;gt;Ein gutes Beispiel für diesen Prozess sind die botanischen Karten von Oscar Drude, zu ihrem transdisziplinären Charakter vgl. Güttler 2011.&amp;lt;/ref&amp;gt; Verschiedene ''mapping''-Projekte integrieren unterschiedliche Grade der Präzision zu einem optisch konsistenten Repräsentationsraum. Die Lücken dieser Repräsentation, die weißen Flächen in den Zwischenräumen, animieren andere Autoren zur Vervollständigung beizutragen: „Maps ask to be completed.“ (Gugerli 2004: 215) Karten generieren so ein reproduzierendes und evolutionäres Potential. Die Topographie im 19. Jahrhundert fixierte z.B. durch verschiedene Kartographie-Prozesse Berggipfel als Referenzpunkte und konventionalisierte und standarisierte Bezeichnungen in ihrer Aktualisierung. (Gugerli 2004: 214) &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe auch Gugerli 1999&amp;lt;/ref&amp;gt;  Die so entstehende kollektive Autorenschaft (nicht unähnlich der Form eines heutigen Wikis) verschleiert den künstlichen Charakter der konstituierenden Vorannahmen, der andere Relationen oder dessen Existenzbedingung ausblendet. ''Mappen'' gibt einen homogenen Aktionsraum vor und evoziert eine Illusion von „karthographischer Neutralität“ (Gugerli 2004: 213). Je mehr in kollektiven Projekten der individuelle ‚''mapper'' ’ und seine Kunstfertigkeit der Messung und Benennung absorbiert wird, desto größer wird die ‚objektive’ Legitimation der Karte. Durch die Standarisierung und Affirmation einer bestimmten visuellen Darstellungsweise verbreitert sich die generelle Lesbarkeit. Indem die künstlichen und willkürlichen Zeichen zu einem allgemein verständlichen Repräsentationsraum werden, vereinheitlichen sich die Objekte und die Leser entwickeln eine imaginäre Gemeinschaft mit einer eigenen Identität. Das Endprodukt erhält erst nach einem Prozess von kultureller und wissenschaftlicher Bewertung die Legitimation, die seine visuelle Macht entfaltet. Gugerli fordert daher die Standards, Prozedere, das Level der Präzision, aber auch die Arbeitsteilung und die politischen Verflechtungen in ''mapping''-Prozessen transparent zu machen. (Gugerli 2004: 216) &amp;lt;ref&amp;gt;Die Kartographierung politischer Machtbereiche im 19. Jh. hatte weitreichende Folgen für die nationale Identitätsbildung (Gugerli 2002). Diese „politics of truth“ (Gugerli 2004: 215) finden sich noch Darstellungsweisen der Kontinente heute augenscheinlich. Amerikanische Atlanten zentrieren Nordamerika, während in europäischen Darstellungen, zum Beispiel in der Tagesschau, der eigene Kontinent als Mitte der Welt platziert wird. Ein anderes Beispiel ist die Übertragung des runden Globus auf eine zweidimensionale Fläche bei der Mercator-Projektion von 1569. Um ein rechtwinkliges Raster vom Äquator zu den sich verengenden Polen zu erhalten, werden die Rechtecke und so die Kontinente hinzu den Polarkreisen vergrößert. In der auch für „google maps“ oder „OpenStreetMap“ genutzte Darstellungsweise wirken Länder wie das damalige Flandern, Deutschland oder die USA viel gewichtiger und legitimieren implizit den globalen Machtanspruch.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
Diesen vermeintlich homogenen Repräsentationsraum versuchen Martin Nachbar und Jochen Roller in ihrer choreographischen Arbeit ''mnemonik nonstop'' (2005) aufzubrechen „Let's concentrate on the passions and imagine a city full of passionate passages. Such passages would lead people constantly to niches, hidden or not, places of intensity that would be able to produce a crack in the official maps that we know from the a-z's or tourist guides.“ (Nachbar 2006: 23) Den ''Dérives'' folgend versuchen die Künstler durch Subjektivierung oder Überlagerung den Stadtraum von Berlin, Brüssel, TelAviv und Zagreb umzuorganisieren und neue Bedeutungen hinzuzuführen. In der Projektion einer transparenten Brüssel-Karte auf den Stadtplan der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa erscheinen verborgene Strukturen und die übereinanderliegenden Orte scheinen die belgische Kolonialgeschichte anschaulich zu dekonstruieren. In seiner Auseinandersetzung mit ''mapping'' macht Nachbar auf die Ähnlichkeit des Verfahrens mit Choreographie aufmerksam. „A choreography makes visible an experience through repeatable actions that are engraved in the dancer's/performer's body.“ (Nachbar 2006: 24) Solche Einschreibungen in den Körper können auch als Visualisierungstechnik und Orientierungsmittel verstanden werden. Die nicht-lineare Kompositionsstruktur der Choreographie ''wallen'' (2012) von Sebastian Matthias basiert auf einer im Kreationsprozess ge''mappten'' „somatischen Karte“, die den Tänzern und dem Soundkünstler dazu verhilft ihre Performance mit den Partnern abzugleichen, Entfernungen und Position im Raum zu bestimmen und die Dramaturgie in jeder Aufführung neu auszuhandeln. ( [http://www.tanzforumberlin.de/trailer467.php wallen Trailer] ) Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Aufführung stellen die Prekarität des Übersetzungsaktes von der Karte auf eine körperliche Erfahrung, aber auch den Sprung jedes ''mapping''-Aktes heraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bruno Latour sieht in dieser Übertragung oder Übersetzung den kritischen Kern des ''mappens''. In seinem Text ''Der Pedologenfaden von Boa Vista'' zieht er die botanischen und pedologischen Analysemethoden und ihre gemeinsame graphische Darstellung zur Verschiebung der Waldgrenze im brasilianischen Urwald zu seiner ethnographischen Untersuchung von wissenschaftlicher Realitätskonstruktion heran. Er weist in diesem Prozess auf das Instrument, das erst den Zugriff auf ein Phänomen und die Unterscheidungsmöglichkeit seiner Teilaspekte, sprich dessen Sichtbarkeit, zuerst erlaubt. „Alle diese leeren Formen [im Sinne einer Fassung] befinden sich hinter den Erscheinungen, bevor sie sich manifestieren und damit sie sich manifestieren. Im Wald [von Boa Vista] sind diese Phänomene alle auf einmal da und damit unsichtbar. Sie werden sich erst vor jenem Hintergrund abheben und sichtbar werden, den man listiger Weise hinter sie gestellt hat.“ (Latour 1997: 235) So spricht Latour nicht von Daten, die im ''mappen'' in die transdisziplinäre Zeichnung eingeschrieben werden, „sondern von Fakten (also etwas Gemachtem)“. (Latour 1997: 229) Michel Serres beschreibt im Bezug zum Instrument detailliert, wie sich durch das altgriechische kartographische Messgerät ''Gnomen'', oder Sonnenuhr, die Disziplinen der Logik und der Mathematik erst entwickeln konnten. (Serres 2002)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Transdisziplinarität ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Mappen'' kann als ein transdisziplinäres Mittel beschrieben werden, da es „problembezogen“ (Krohn 2012: 2) äußerst heterogene Formen annehmen kann. „Auf ein und derselben Papieroberfläche können wir sehr verschiedene Informationsquellen vereinen, die sich dank der Dolmetschertätigkeit einer homogenen graphischen Sprache verbinden.“ (Latour 1997: 251) Im kollektiven Prozess des Eintragens von Informationen und der Verabredung von entsprechenden Zeichen bietet ''mappen'' die Möglichkeit einer durch den Prozess entwickelten transdisziplinären Sprache. Da in der Bezeichnung und Einschreibung des ''mappen'' ein Referent zum Zeichen wird, überträgt dieses Verfahren praktische Gegebenheiten aus der Welt der Dinge in Textform und bettet sie in theoretische Gedankengänge ein. Als zweidimensionale Visualisierungstechnik stiftet sie zwischen praktischen und theoretischen Disziplinen Kompatibilität. Dieser Übertragung ist beim ''mappen'' jedoch ein „völliger Bruch zwischen Ding-Teil und Zeichen-Teil“ (Latour 1997: 246) inhärent, über den Bruno Latour die Realitätskonstruktion von Wissenschaft kritisiert. (Latour 1987: 215-57)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Möglichkeiten von digitalen Medien verhelfen ''mappen'' zu einer erweiterten transdisziplinären Dimension. Die Internetplattform ''Model House'' – ''Mapping Transcultural Modernisms'' ([http://www.transculturalmodernism.org/page/29 Model House]) repräsentiert und produziert digital ein Netzwerk transkulturellen Migration von Akteuren, kultureller Praxis und Diskursen der Moderne in der Architektur in den 1950´er Jahren und „visualisiert den Forschungsprozess selbst“. (Amir, Fahim et al o.J.) „ In this manner, the exchange between researchers at different places and from different disciplines, as well as the participation of nonacademic experts and the integration of a multiplicity of text forms, media, and aesthetic practices are enabled and intensified. The result of this constellation is a polylogical and multiperspectival narration by a number of speakers.“ (Amir, Fahim et al. o.J.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Prozess des ''Mappens'' konstruiert und konstituiert nicht nur einen Untersuchungsgegenstand, indem es ihn rahmt, unterteilt und ordnet. Nach Latour folgt „auf einen neuen Zugriff beinahe immer eine neue Erfindung“ (Latour 1997: 239), ein schöpferischer Akt, der sich auch in einer künstlerischen Arbeit manifestieren kann. So kann ''mappen'' als transdisziplinäres Verfahren zwischen Kunst und Wissenschaft in zwei Richtungen nutzbar gemacht werden. Es verhilft den künstlerischen Arbeitsweisen oder dessen dinglichen oder performativen Endprodukten als Karte, Notation oder Diagramm in die zweidimensionale Dimension des Textes, gleichzeitig kann der abstrahierende Zugriff auf das Material neue Sichtweisen hervorbringen, die den künstlerischen Prozess weiterentwickelt und zu neuen Gestaltungsformen führt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Amir, Fahim et al. (o.J.): Who or what builds a city or a city district?, http://www.transculturalmodernism.org/page/29. (23.06.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Gugerli, David (1999): Präzessionsmessungen am geodätischen Fundament der Nation. Zum historischen Anforderungsreichtum einer vermessenen Landschaft. In: Gugerli, David (Hg.): Vermessene Landschaften. Kulturgeschichte und technische Praxis im 19. und 20. Jahrhunderts, Zürich, S.11- 36.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Gugerli, David/Speich, Daniel (2002): Topografien der Nation. Politik, kartografische Ordnung und Landschaft im 19. Jahrhundert, Zürich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Gugerli, David (2004): Mapping. In: Gaudillière, Jean-Paul/Rheinberger, Hans-Jörg (Hg.): From Molecular Genetics to Genomics. The mapping cultures of twentieth-century genetics, New York, S. 210-218.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Harmon, Kathrine A./Clemans, Gayle (2009): The map as art. Contemporary artists explore carthography, Princeton. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Güttler, Nils Robert (2011): Scaling the Period Eye. Oscar Drude and the Cartographical Practice of Plant Geography, 1870s-1910s. In: Science in Context, 24 (1), S. 1-41.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Krohn, Wolfgang (2012): Künstlerische und wissenschaftliche Forschung in transdiziplinären Projekten. In: Trödle, Martin/Warmers, Julia (Hg.): Kunstforschung als ästhetische Wissenschaft. Beiträge zur transdisziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst, Bielefeld, S.1-19.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Latour, Bruno (1987): Science in action, Cambridge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Latour, Bruno (1997): Der Pedologenfaden von Boa Vista. In: Rheinberger, Hans-Jörg/Hagner, Michael/Wahrig-Schmidt, Bettina (Hg.): Räume des Wissen. Repräsentation, Codierung, Spur, Berlin, S.213-263, hier S. 255.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Nachbar, Martin (2006): How to become a trespasser. The derive and choreography as critical urban practices. In Dance Theatre Journal 21 (4), S. 23-24.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Serres, Michel (2002): Gnomon. Les débuts de la géométrie en Grèce, http://www.archipress.org/index.php?option=com_content&amp;amp;task=view&amp;amp;id=82&amp;amp;Itemid=42. (20.05.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Spillmann, Peter (2011): Der karthographierte öffentliche Raum. In: Hochschule Luzern Design und Kunst 1, S. 27-30.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;references /&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Mappen</id>
		<title>Mappen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Mappen"/>
				<updated>2012-10-10T19:35:16Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Perfomatives Potential */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;== Mappen als transdisziplinäres Verfahren ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verb ''mappen'' oder auch ''mapping'' vom englischen Wort ''map'' für ''Karte'' kann als eine &amp;quot;Visualisierungstechnik und ein graphisches Mittel der Orientierung innerhalb eines Geltungsbereiches&amp;quot; (Gugerli 2004: 210) angesehen werden. Es hält in Form einer Zeichnung, eines Diagramms oder einer räumlichen Anordnung in unterschiedlichen Disziplinen Prozesse fest, die durch Beobachtung, Messung, Registrierung, Aushandlung, Berechnung, Standardisierung oder Bezeichnung entstehen. So fungiert ''mappen'' als maßgebliches Tool für die Produktion und Erforschung von &amp;quot;relatedness&amp;quot; (Gugerli 2004: 210), interspezifischen Relationen, in einem Feld von Informationen. Die Liste der Beispiele, in denen Wissenschaftler, Mediziner, Unternehmer, Informatiker oder Künstler ''mappen'', vergegenwärtigt die Bandbreite der Anwendungsgebiete dieses Verfahrens: Kartographie in der Geographie, Topographie und Ethnographie, ''gene mapping'' in der Biologie, ''data mapping'' beim Programmieren oder das ''business process mapping'' in Form von flow charts in der Unternehmensführung. In der künstlerischen Arbeit lassen sich organisatorische, performative und gestalterische Anwendungen von ''mapping-''Prozessen differenzieren. ''Mind maps'' veranschaulichen und strukturieren künstlerische Arbeitsprozesse, während die graphische Gestalt eines ''Mapping-''Prozesses, wie bei Jonathan Parsons ''Terminator Maquette'' (2007), selbst zum Kunstobjekt werden kann. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://www.tagfinearts.com/jonathan-parsons/terminator-maquette.html. Terminator Maquette]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Parson überträgt in dieser Skulptur die Wegführung des öffentlichen Nahverkehrs einer Stadt auf eine Stahlplatte und formt hieraus ein selbstständiges Objekt. In performativen Anwendungen des ''mappings'' stehen die Handlung, das Überschreiben oder eine Perspektivenverschiebung im Vordergrund. Die Situationisten in den 1950er Jahren verwenden ''Dérives'', das Umherschweifen in der Stadt, als Strategie um die „dominante Ordnung des Kapitalismus (…) zu sabotieren und die Routinen der Wahrnehmung zu untergraben.“ (Spillmann 2011: 27) Der ''guide psychographique de Paris'' (1957) von Guy Debord dokumentiert diese Aneignung von Paris durch zusammengeklebte Schnipsel der Stadtkarte mit roten Pfeilen und überschreibt die normative Karte durch subjektive Erfahrungen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://imaginarymuseum.org/LPG/Mapsitu1.htm Map Situationisten]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im ''life mapping''&amp;lt;ref&amp;gt;Die Performance wurde im Rahmen der Auftakttagung des Graduiertenkollegs Versammlung und Teilhabe, K3 Tanzplan Hamburg auf Kampnagel, im April 2012 aufgeführt.&amp;lt;/ref&amp;gt; von deufert und plischke mit Scott Delahunta wird ''mappen'' als Handlung selbst zur theatralen Aufführung. Die Künstler visualisieren zeitgleich die gesprochenen Worte der Partner auf einem Overhead-Projektor und demonstrieren so ihr Verständnis von Theater als Kommunikationsraum. Diese Nutzungen verweisen auf das performative Potential, das ''mappen'' inhärent ist und disziplinenübergreifend in künstlerischen und wissenschaftlichen Anwendungen zu finden ist. Trotz der unterschiedlichsten Formen des ''Mappens'' werden, David Gugerli folgend, auf abstrakter Ebene Gemeinsamkeiten in den Verfahren erkennbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Sequentielles Verfahren ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Mappen'' ist allgemein die Visualisierung in einem Vermessungs- oder Begutachtungsprozess und kommuniziert ein Beziehungsgeflecht entlang einer zunächst willkürlichen Setzung. Generell werden zu Beginn zwei Referenzpunkte mit einer Grund- oder Verbindungslinie auf dem Papier, am Bildschirm oder auf einer Fläche verbunden. Um andere Teilaspekte mit diesen beiden Referenzpunkten in eine konkreten Beziehung zu stellen, muss mit einem dritten Referenzpunkt (Triangulation) diese Linie räumlich verortet und ausgerichtet werden. An dieses Dreieck können sich alle hinzugenommenen Informationen ankoppeln oder es nach außen erweitern. Die Beziehung der Referenzpunkte beruht auf einer bestimmten Fragestellung und vereinfacht bzw. verschleiert andere Relationen des oft komplexeren Untersuchungsgegenstands. Im Prozess des ''mappens'' entwickelt sich ein fortwährend verkomplizierendes und wucherndes Netzwerk von aufeinander bezogenen Referenten. Hierbei wird die Nähe zur Kartographie sichtbar, welches sich historisch sehr ähnlichen Aktionen bedient. „In [nineteenth century topographical mapping] this sequential process of measuring, annotating and (re)-calculation angles or relative distances, on the one hand, and drawing, counting and registering topographical details, on the other, an all encompassing relatedness was produced.“ (Gugerli 2004: 212) Diesen wuchernden und überlagernden Aspekt von ''mapping'' macht sich z.B. der Bildende Künstler Jeff Woodbury für seine künstlerischen Arbeiten zu nutze. In ''Atlas'' (2008) überträgt und überlagert er mit Bleistift unterschiedliche Straßenkarten, um ein scheinbar organisches Gewebe zum Vorschein zu bringen.&lt;br /&gt;
[http://tumblr.wblut.com/post/6208916027/roomthily-atlas-jeff-woodbury-tracings-in. Atlas] (13.06.2012) oder (Harmons/Clemans 2009: 241)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Netz im ''mapping''-Prozess wirkt wie ein Filter, der andere Perspektiven ausblenden kann. Geographische Karten können politische oder ethnographische Fragestellen abbilden, während sie ökonomische Ursachen, die zu ihrer Entstehung beitragen, nicht berücksichtigen. Das Mapping-Projekt ''MigMap – Governing Migration'', dass soziologische, politologische und kulturwissenschaftliche Informationen zur Europäischen Migrationspolitik in eine interdisziplinäre internetgestützte Karte einbindet, zeigt anschaulich den Versuch diesem Filter durch eine plurale Perspektive entgegenzuwirken. ( [http://www.transitmigration.org/migmap/home_entry.html MigMap-Website] ) Doch die Komplexität der virtuellen, künstlerischen Karten erschweren ihre Lesbarkeit. „Karten müssen interpretiert werden. Um Karten lesen zu können, braucht es die Kenntnisse der sozialen und politischen ‚Grammatiken’, die sich hinter den verwendeten Zeichen und Symbolen verbergen.“ (Spillmann 2011: 27) Die erarbeiteten formalen Graphiken der ''MigMap''-Karte 4 ''Places and Practices'' zeigen durch den Gebrauch von geometrischen Objekten, die in graduelle Kreise eingebettet sind, neue Formen der Darstellung, die eine klassische Triangulation umgeht. ([http://www.transitmigration.org/migmap/home_map4.html Karte 4] )&lt;br /&gt;
''Mapping'' hat dabei zwei Funktionen: Es dient zur „Reduktion“ von Komplexität, Ortsgebundenheit, Partikularität, Materialität und Vielfalt des Objektes, gleichzeitig gewinnt es durch Abstraktion ein Mehr an Lesbarkeit, Kompatibilität, Universalität, Überlagerung, Text und Kalkül und dadurch eine „Amplifikation“. (Latour 1997: 255)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je nach Notwendigkeit und Funktion ist die Karte nur Beginn eines langen, sich wiederholenden Prozesses. In einer topographische Karte oder in den unzähligen Teilschritten im ''Human Genom Project ''(Vgl.: [http://www.ornl.gov/sci/techresources/Human_Genome/publicat/primer/prim2.html Human Genom Project] ) bedingt die Fortführung eine sich immer wieder einschätzende Befragung des Gegenstandes und eine fortwährende Justierung der Vorannahme. Eine Materialisierung dieser Sequenz in einer Zeichnung dient der unmittelbaren visuellen Gruppierung seines Inhalts. In der sequentiellen Inskription konstruieren sich „künstliche Repräsentationen, die sich immer weiter von der Welt zu entfernen scheinen, und die sie ihr dennoch näher bringen.“ (Latour 1997: 218) Bruno Latour erkennt hierin eine Beherrschung der Welt durch den synoptischen Blick, „wenn die Welt [den Wissenschaftlern] in zweidimensionaler, überlagerbarer und kombinierbarer Inskription entgegenkommt“. (Latour 1997: 217) Basierend auf intensiver Nachforschung präsentiert die französische Künstlergruppe ''Bureau d´Etudes'' ( [http://bureaudetudes.org/ Bureau d´Etudes] ) ihre Analyse der Netzwerke im transnationalen Kapitalismus in großformatigen Wandmalereien, um sich der Beherrschung der Welt durch den Kapitalismus alternativ perspektivierte ''mappings'' entgegenzusetzen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Archiv verhilft zu einer expliziten „Zeitlichkeit“ (Gugerli 2004: 213) im Prozess des ''Mappens'', um die einzelnen Schritte und Veränderungen auf der Karte nachzuvollziehen, zu rejustieren und wiederholen zu können. Nur in der Nachvollziehbarkeit durch ein Protokoll ist die Kompatibilität und Vergleichbarkeit der einzelnen Eintragungen ins Netz von Informationen gewährleistet. Diese Transparenz in der Kontinuität von Raum und Zeit garantiert ein Vertrauen an den ‚Realitätswert’ der resultierenden Zeichnung. Aus diesem Grund werden die Karten von ''Bureau d´Etudes'' und ''MigMap'' auch durch Texte und vereinzelt Quellen unterstützt, um deren Glaubwürdigkeit zu untermauern. Fehlende Angaben der Quellen in der Arbeit ''Crisis'' (2006), in der die Argentinische Finanzkrise dargestellt wird, vermindern die Transparenz und untergraben die Wirkung der Karte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://bureaudetudes.org/category/gouvern-par-crises/ Crisis] (13.06.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Perfomatives Potential ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je dichter die Informationen und geprüfter das Netz, welches aus dem ''mappen'' hervorgeht, desto mehr stabilisiert und formt sich der Forschungsgegenstand; aber auch die ‚mapper’ selbst verändern sich im fortlaufenden Prozess. In der ganzheitlichen Materialisierung der sich überlagernden, akkumulierenden und sich affirmierenden Informationen in einer Zeichnung kann mappen eine radikale Performativität entwickeln. Vorläufige Ergebnisse und Nebenprodukte verändern als Teil des ''mapping''-Prozesses die Perspektive auf den Gegenstand, zeigen Grenzen auf und eröffnen neue Fragestellungen. Karten verändern so kollektive Wahrnehmungsmuster und geben neue Rahmungen zum (kulturellen) Verständnis eines Gegenstands. &amp;lt;ref&amp;gt;Ein gutes Beispiel für diesen Prozess sind die botanischen Karten von Oscar Drude, zu ihrem transdisziplinären Charakter vgl. Güttler 2011.&amp;lt;/ref&amp;gt; Verschiedene ''mapping''-Projekte integrieren unterschiedliche Grade der Präzision zu einem optisch konsistenten Repräsentationsraum. Die Lücken dieser Repräsentation, die weißen Flächen in den Zwischenräumen, animieren andere Autoren zur Vervollständigung beizutragen: „Maps ask to be completed.“ (Gugerli 2004: 215) Karten generieren so ein reproduzierendes und evolutionäres Potential. Die Topographie im 19. Jahrhundert fixierte z.B. durch verschiedene Kartographie-Prozesse Berggipfel als Referenzpunkte und konventionalisierte und standarisierte Bezeichnungen in ihrer Aktualisierung. (Gugerli 2004: 214) &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe auch Gugerli;1999&amp;lt;/ref&amp;gt;  Die so entstehende kollektive Autorenschaft (nicht unähnlich der Form eines heutigen Wikis) verschleiert den künstlichen Charakter der konstituierenden Vorannahmen, der andere Relationen oder dessen Existenzbedingung ausblendet. ''Mappen'' gibt einen homogenen Aktionsraum vor und evoziert eine Illusion von „karthographischer Neutralität“ (Gugerli 2004: 213). Je mehr in kollektiven Projekten der individuelle ‚''mapper'' ’ und seine Kunstfertigkeit der Messung und Benennung absorbiert wird, desto größer wird die ‚objektive’ Legitimation der Karte. Durch die Standarisierung und Affirmation einer bestimmten visuellen Darstellungsweise verbreitert sich die generelle Lesbarkeit. Indem die künstlichen und willkürlichen Zeichen zu einem allgemein verständlichen Repräsentationsraum werden, vereinheitlichen sich die Objekte und die Leser entwickeln eine imaginäre Gemeinschaft mit einer eigenen Identität. Das Endprodukt erhält erst nach einem Prozess von kultureller und wissenschaftlicher Bewertung die Legitimation, die seine visuelle Macht entfaltet. Gugerli fordert daher die Standards, Prozedere, das Level der Präzision, aber auch die Arbeitsteilung und die politischen Verflechtungen in ''mapping''-Prozessen transparent zu machen. (Gugerli 2004: 216) &amp;lt;ref&amp;gt;Die Kartographierung politischer Machtbereiche im 19. Jh. hatte weitreichende Folgen für die nationale Identitätsbildung (Gugerli; 2002). Diese „politics of truth“ (Gugerli 2004: 215) finden sich noch Darstellungsweisen der Kontinente heute augenscheinlich. Amerikanische Atlanten zentrieren Nordamerika, während in europäischen Darstellungen, zum Beispiel in der Tagesschau, der eigene Kontinent als Mitte der Welt platziert wird. Ein anderes Beispiel ist die Übertragung des runden Globus auf eine zweidimensionale Fläche bei der Mercator-Projektion von 1569. Um ein rechtwinkliges Raster vom Äquator zu den sich verengenden Polen zu erhalten, werden die Rechtecke und so die Kontinente hinzu den Polarkreisen vergrößert. In der auch für „google maps“ oder „OpenStreetMap“ genutzte Darstellungsweise wirken Länder wie das damalige Flandern, Deutschland oder die USA viel gewichtiger und legitimieren implizit den globalen Machtanspruch.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
Diesen vermeintlich homogenen Repräsentationsraum versuchen Martin Nachbar und Jochen Roller in ihrer choreographischen Arbeit ''mnemonik nonstop'' (2005) aufzubrechen „Let's concentrate on the passions and imagine a city full of passionate passages. Such passages would lead people constantly to niches, hidden or not, places of intensity that would be able to produce a crack in the official maps that we know from the a-z's or tourist guides.“ (Nachbar 2006: 23) Den ''Dérives'' folgend versuchen die Künstler durch Subjektivierung oder Überlagerung den Stadtraum von Berlin, Brüssel, TelAviv und Zagreb umzuorganisieren und neue Bedeutungen hinzuzuführen. In der Projektion einer transparenten Brüssel-Karte auf den Stadtplan der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa erscheinen verborgene Strukturen und die übereinanderliegenden Orte scheinen die belgische Kolonialgeschichte anschaulich zu dekonstruieren. In seiner Auseinandersetzung mit ''mapping'' macht Nachbar auf die Ähnlichkeit des Verfahrens mit Choreographie aufmerksam. „A choreography makes visible an experience through repeatable actions that are engraved in the dancer's/performer's body.“ (Nachbar 2006: 24) Solche Einschreibungen in den Körper können auch als Visualisierungstechnik und Orientierungsmittel verstanden werden. Die nicht-lineare Kompositionsstruktur der Choreographie ''wallen'' (2012) von Sebastian Matthias basiert auf einer im Kreationsprozess ge''mappten'' „somatischen Karte“, die den Tänzern und dem Soundkünstler dazu verhilft ihre Performance mit den Partnern abzugleichen, Entfernungen und Position im Raum zu bestimmen und die Dramaturgie in jeder Aufführung neu auszuhandeln. ( [http://www.tanzforumberlin.de/trailer467.php wallen Trailer] ) Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Aufführung stellen die Prekarität des Übersetzungsaktes von der Karte auf eine körperliche Erfahrung, aber auch den Sprung jedes ''mapping''-Aktes heraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bruno Latour sieht in dieser Übertragung oder Übersetzung den kritischen Kern des ''mappens''. In seinem Text ''Der Pedologenfaden von Boa Vista'' zieht er die botanischen und pedologischen Analysemethoden und ihre gemeinsame graphische Darstellung zur Verschiebung der Waldgrenze im brasilianischen Urwald zu seiner ethnographischen Untersuchung von wissenschaftlicher Realitätskonstruktion heran. Er weist in diesem Prozess auf das Instrument, das erst den Zugriff auf ein Phänomen und die Unterscheidungsmöglichkeit seiner Teilaspekte, sprich dessen Sichtbarkeit, zuerst erlaubt. „Alle diese leeren Formen [im Sinne einer Fassung] befinden sich hinter den Erscheinungen, bevor sie sich manifestieren und damit sie sich manifestieren. Im Wald [von Boa Vista] sind diese Phänomene alle auf einmal da und damit unsichtbar. Sie werden sich erst vor jenem Hintergrund abheben und sichtbar werden, den man listiger Weise hinter sie gestellt hat.“ (Latour 1997: 235) So spricht Latour nicht von Daten, die im ''mappen'' in die transdisziplinäre Zeichnung eingeschrieben werden, „sondern von Fakten (also etwas Gemachtem)“. (Latour 1997: 229) Michel Serres beschreibt im Bezug zum Instrument detailliert, wie sich durch das altgriechische kartographische Messgerät ''Gnomen'', oder Sonnenuhr, die Disziplinen der Logik und der Mathematik erst entwickeln konnten. (Serres 2002)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Transdisziplinarität ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Mappen'' kann als ein transdisziplinäres Mittel beschrieben werden, da es „problembezogen“ (Krohn 2012: 2) äußerst heterogene Formen annehmen kann. „Auf ein und derselben Papieroberfläche können wir sehr verschiedene Informationsquellen vereinen, die sich dank der Dolmetschertätigkeit einer homogenen graphischen Sprache verbinden.“ (Latour 1997: 251) Im kollektiven Prozess des Eintragens von Informationen und der Verabredung von entsprechenden Zeichen bietet ''mappen'' die Möglichkeit einer durch den Prozess entwickelten transdisziplinären Sprache. Da in der Bezeichnung und Einschreibung des ''mappen'' ein Referent zum Zeichen wird, überträgt dieses Verfahren praktische Gegebenheiten aus der Welt der Dinge in Textform und bettet sie in theoretische Gedankengänge ein. Als zweidimensionale Visualisierungstechnik stiftet sie zwischen praktischen und theoretischen Disziplinen Kompatibilität. Dieser Übertragung ist beim ''mappen'' jedoch ein „völliger Bruch zwischen Ding-Teil und Zeichen-Teil“ (Latour 1997: 246) inhärent, über den Bruno Latour die Realitätskonstruktion von Wissenschaft kritisiert. (Latour 1987: 215-57)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Möglichkeiten von digitalen Medien verhelfen ''mappen'' zu einer erweiterten transdisziplinären Dimension. Die Internetplattform ''Model House'' – ''Mapping Transcultural Modernisms'' ([http://www.transculturalmodernism.org/page/29 Model House]) repräsentiert und produziert digital ein Netzwerk transkulturellen Migration von Akteuren, kultureller Praxis und Diskursen der Moderne in der Architektur in den 1950´er Jahren und „visualisiert den Forschungsprozess selbst“. (Amir, Fahim et al o.J.) „ In this manner, the exchange between researchers at different places and from different disciplines, as well as the participation of nonacademic experts and the integration of a multiplicity of text forms, media, and aesthetic practices are enabled and intensified. The result of this constellation is a polylogical and multiperspectival narration by a number of speakers.“ (Amir, Fahim et al. o.J.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Prozess des ''Mappens'' konstruiert und konstituiert nicht nur einen Untersuchungsgegenstand, indem es ihn rahmt, unterteilt und ordnet. Nach Latour folgt „auf einen neuen Zugriff beinahe immer eine neue Erfindung“ (Latour 1997: 239), ein schöpferischer Akt, der sich auch in einer künstlerischen Arbeit manifestieren kann. So kann ''mappen'' als transdisziplinäres Verfahren zwischen Kunst und Wissenschaft in zwei Richtungen nutzbar gemacht werden. Es verhilft den künstlerischen Arbeitsweisen oder dessen dinglichen oder performativen Endprodukten als Karte, Notation oder Diagramm in die zweidimensionale Dimension des Textes, gleichzeitig kann der abstrahierende Zugriff auf das Material neue Sichtweisen hervorbringen, die den künstlerischen Prozess weiterentwickelt und zu neuen Gestaltungsformen führt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Amir, Fahim et al. (o.J.): Who or what builds a city or a city district?, http://www.transculturalmodernism.org/page/29. (23.06.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Gugerli, David (1999): Präzessionsmessungen am geodätischen Fundament der Nation. Zum historischen Anforderungsreichtum einer vermessenen Landschaft. In: Gugerli, David (Hg.): Vermessene Landschaften. Kulturgeschichte und technische Praxis im 19. und 20. Jahrhunderts, Zürich, S.11- 36.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Gugerli, David/Speich, Daniel (2002): Topografien der Nation. Politik, kartografische Ordnung und Landschaft im 19. Jahrhundert, Zürich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Gugerli, David (2004): Mapping. In: Gaudillière, Jean-Paul/Rheinberger, Hans-Jörg (Hg.): From Molecular Genetics to Genomics. The mapping cultures of twentieth-century genetics, New York, S. 210-218.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Harmon, Kathrine A./Clemans, Gayle (2009): The map as art. Contemporary artists explore carthography, Princeton. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Güttler, Nils Robert (2011): Scaling the Period Eye. Oscar Drude and the Cartographical Practice of Plant Geography, 1870s-1910s. In: Science in Context, 24 (1), S. 1-41.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Krohn, Wolfgang (2012): Künstlerische und wissenschaftliche Forschung in transdiziplinären Projekten. In: Trödle, Martin/Warmers, Julia (Hg.): Kunstforschung als ästhetische Wissenschaft. Beiträge zur transdisziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst, Bielefeld, S.1-19.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Latour, Bruno (1987): Science in action, Cambridge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Latour, Bruno (1997): Der Pedologenfaden von Boa Vista. In: Rheinberger, Hans-Jörg/Hagner, Michael/Wahrig-Schmidt, Bettina (Hg.): Räume des Wissen. Repräsentation, Codierung, Spur, Berlin, S.213-263, hier S. 255.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Nachbar, Martin (2006): How to become a trespasser. The derive and choreography as critical urban practices. In Dance Theatre Journal 21 (4), S. 23-24.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Serres, Michel (2002): Gnomon. Les débuts de la géométrie en Grèce, http://www.archipress.org/index.php?option=com_content&amp;amp;task=view&amp;amp;id=82&amp;amp;Itemid=42. (20.05.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Spillmann, Peter (2011): Der karthographierte öffentliche Raum. In: Hochschule Luzern Design und Kunst 1, S. 27-30.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;references /&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Mappen</id>
		<title>Mappen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Mappen"/>
				<updated>2012-10-10T19:32:49Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Bibliographie */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;== Mappen als transdisziplinäres Verfahren ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verb ''mappen'' oder auch ''mapping'' vom englischen Wort ''map'' für ''Karte'' kann als eine &amp;quot;Visualisierungstechnik und ein graphisches Mittel der Orientierung innerhalb eines Geltungsbereiches&amp;quot; (Gugerli 2004: 210) angesehen werden. Es hält in Form einer Zeichnung, eines Diagramms oder einer räumlichen Anordnung in unterschiedlichen Disziplinen Prozesse fest, die durch Beobachtung, Messung, Registrierung, Aushandlung, Berechnung, Standardisierung oder Bezeichnung entstehen. So fungiert ''mappen'' als maßgebliches Tool für die Produktion und Erforschung von &amp;quot;relatedness&amp;quot; (Gugerli 2004: 210), interspezifischen Relationen, in einem Feld von Informationen. Die Liste der Beispiele, in denen Wissenschaftler, Mediziner, Unternehmer, Informatiker oder Künstler ''mappen'', vergegenwärtigt die Bandbreite der Anwendungsgebiete dieses Verfahrens: Kartographie in der Geographie, Topographie und Ethnographie, ''gene mapping'' in der Biologie, ''data mapping'' beim Programmieren oder das ''business process mapping'' in Form von flow charts in der Unternehmensführung. In der künstlerischen Arbeit lassen sich organisatorische, performative und gestalterische Anwendungen von ''mapping-''Prozessen differenzieren. ''Mind maps'' veranschaulichen und strukturieren künstlerische Arbeitsprozesse, während die graphische Gestalt eines ''Mapping-''Prozesses, wie bei Jonathan Parsons ''Terminator Maquette'' (2007), selbst zum Kunstobjekt werden kann. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://www.tagfinearts.com/jonathan-parsons/terminator-maquette.html. Terminator Maquette]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Parson überträgt in dieser Skulptur die Wegführung des öffentlichen Nahverkehrs einer Stadt auf eine Stahlplatte und formt hieraus ein selbstständiges Objekt. In performativen Anwendungen des ''mappings'' stehen die Handlung, das Überschreiben oder eine Perspektivenverschiebung im Vordergrund. Die Situationisten in den 1950er Jahren verwenden ''Dérives'', das Umherschweifen in der Stadt, als Strategie um die „dominante Ordnung des Kapitalismus (…) zu sabotieren und die Routinen der Wahrnehmung zu untergraben.“ (Spillmann 2011: 27) Der ''guide psychographique de Paris'' (1957) von Guy Debord dokumentiert diese Aneignung von Paris durch zusammengeklebte Schnipsel der Stadtkarte mit roten Pfeilen und überschreibt die normative Karte durch subjektive Erfahrungen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://imaginarymuseum.org/LPG/Mapsitu1.htm Map Situationisten]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im ''life mapping''&amp;lt;ref&amp;gt;Die Performance wurde im Rahmen der Auftakttagung des Graduiertenkollegs Versammlung und Teilhabe, K3 Tanzplan Hamburg auf Kampnagel, im April 2012 aufgeführt.&amp;lt;/ref&amp;gt; von deufert und plischke mit Scott Delahunta wird ''mappen'' als Handlung selbst zur theatralen Aufführung. Die Künstler visualisieren zeitgleich die gesprochenen Worte der Partner auf einem Overhead-Projektor und demonstrieren so ihr Verständnis von Theater als Kommunikationsraum. Diese Nutzungen verweisen auf das performative Potential, das ''mappen'' inhärent ist und disziplinenübergreifend in künstlerischen und wissenschaftlichen Anwendungen zu finden ist. Trotz der unterschiedlichsten Formen des ''Mappens'' werden, David Gugerli folgend, auf abstrakter Ebene Gemeinsamkeiten in den Verfahren erkennbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Sequentielles Verfahren ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Mappen'' ist allgemein die Visualisierung in einem Vermessungs- oder Begutachtungsprozess und kommuniziert ein Beziehungsgeflecht entlang einer zunächst willkürlichen Setzung. Generell werden zu Beginn zwei Referenzpunkte mit einer Grund- oder Verbindungslinie auf dem Papier, am Bildschirm oder auf einer Fläche verbunden. Um andere Teilaspekte mit diesen beiden Referenzpunkten in eine konkreten Beziehung zu stellen, muss mit einem dritten Referenzpunkt (Triangulation) diese Linie räumlich verortet und ausgerichtet werden. An dieses Dreieck können sich alle hinzugenommenen Informationen ankoppeln oder es nach außen erweitern. Die Beziehung der Referenzpunkte beruht auf einer bestimmten Fragestellung und vereinfacht bzw. verschleiert andere Relationen des oft komplexeren Untersuchungsgegenstands. Im Prozess des ''mappens'' entwickelt sich ein fortwährend verkomplizierendes und wucherndes Netzwerk von aufeinander bezogenen Referenten. Hierbei wird die Nähe zur Kartographie sichtbar, welches sich historisch sehr ähnlichen Aktionen bedient. „In [nineteenth century topographical mapping] this sequential process of measuring, annotating and (re)-calculation angles or relative distances, on the one hand, and drawing, counting and registering topographical details, on the other, an all encompassing relatedness was produced.“ (Gugerli 2004: 212) Diesen wuchernden und überlagernden Aspekt von ''mapping'' macht sich z.B. der Bildende Künstler Jeff Woodbury für seine künstlerischen Arbeiten zu nutze. In ''Atlas'' (2008) überträgt und überlagert er mit Bleistift unterschiedliche Straßenkarten, um ein scheinbar organisches Gewebe zum Vorschein zu bringen.&lt;br /&gt;
[http://tumblr.wblut.com/post/6208916027/roomthily-atlas-jeff-woodbury-tracings-in. Atlas] (13.06.2012) oder (Harmons/Clemans 2009: 241)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Netz im ''mapping''-Prozess wirkt wie ein Filter, der andere Perspektiven ausblenden kann. Geographische Karten können politische oder ethnographische Fragestellen abbilden, während sie ökonomische Ursachen, die zu ihrer Entstehung beitragen, nicht berücksichtigen. Das Mapping-Projekt ''MigMap – Governing Migration'', dass soziologische, politologische und kulturwissenschaftliche Informationen zur Europäischen Migrationspolitik in eine interdisziplinäre internetgestützte Karte einbindet, zeigt anschaulich den Versuch diesem Filter durch eine plurale Perspektive entgegenzuwirken. ( [http://www.transitmigration.org/migmap/home_entry.html MigMap-Website] ) Doch die Komplexität der virtuellen, künstlerischen Karten erschweren ihre Lesbarkeit. „Karten müssen interpretiert werden. Um Karten lesen zu können, braucht es die Kenntnisse der sozialen und politischen ‚Grammatiken’, die sich hinter den verwendeten Zeichen und Symbolen verbergen.“ (Spillmann 2011: 27) Die erarbeiteten formalen Graphiken der ''MigMap''-Karte 4 ''Places and Practices'' zeigen durch den Gebrauch von geometrischen Objekten, die in graduelle Kreise eingebettet sind, neue Formen der Darstellung, die eine klassische Triangulation umgeht. ([http://www.transitmigration.org/migmap/home_map4.html Karte 4] )&lt;br /&gt;
''Mapping'' hat dabei zwei Funktionen: Es dient zur „Reduktion“ von Komplexität, Ortsgebundenheit, Partikularität, Materialität und Vielfalt des Objektes, gleichzeitig gewinnt es durch Abstraktion ein Mehr an Lesbarkeit, Kompatibilität, Universalität, Überlagerung, Text und Kalkül und dadurch eine „Amplifikation“. (Latour 1997: 255)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je nach Notwendigkeit und Funktion ist die Karte nur Beginn eines langen, sich wiederholenden Prozesses. In einer topographische Karte oder in den unzähligen Teilschritten im ''Human Genom Project ''(Vgl.: [http://www.ornl.gov/sci/techresources/Human_Genome/publicat/primer/prim2.html Human Genom Project] ) bedingt die Fortführung eine sich immer wieder einschätzende Befragung des Gegenstandes und eine fortwährende Justierung der Vorannahme. Eine Materialisierung dieser Sequenz in einer Zeichnung dient der unmittelbaren visuellen Gruppierung seines Inhalts. In der sequentiellen Inskription konstruieren sich „künstliche Repräsentationen, die sich immer weiter von der Welt zu entfernen scheinen, und die sie ihr dennoch näher bringen.“ (Latour 1997: 218) Bruno Latour erkennt hierin eine Beherrschung der Welt durch den synoptischen Blick, „wenn die Welt [den Wissenschaftlern] in zweidimensionaler, überlagerbarer und kombinierbarer Inskription entgegenkommt“. (Latour 1997: 217) Basierend auf intensiver Nachforschung präsentiert die französische Künstlergruppe ''Bureau d´Etudes'' ( [http://bureaudetudes.org/ Bureau d´Etudes] ) ihre Analyse der Netzwerke im transnationalen Kapitalismus in großformatigen Wandmalereien, um sich der Beherrschung der Welt durch den Kapitalismus alternativ perspektivierte ''mappings'' entgegenzusetzen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Archiv verhilft zu einer expliziten „Zeitlichkeit“ (Gugerli 2004: 213) im Prozess des ''Mappens'', um die einzelnen Schritte und Veränderungen auf der Karte nachzuvollziehen, zu rejustieren und wiederholen zu können. Nur in der Nachvollziehbarkeit durch ein Protokoll ist die Kompatibilität und Vergleichbarkeit der einzelnen Eintragungen ins Netz von Informationen gewährleistet. Diese Transparenz in der Kontinuität von Raum und Zeit garantiert ein Vertrauen an den ‚Realitätswert’ der resultierenden Zeichnung. Aus diesem Grund werden die Karten von ''Bureau d´Etudes'' und ''MigMap'' auch durch Texte und vereinzelt Quellen unterstützt, um deren Glaubwürdigkeit zu untermauern. Fehlende Angaben der Quellen in der Arbeit ''Crisis'' (2006), in der die Argentinische Finanzkrise dargestellt wird, vermindern die Transparenz und untergraben die Wirkung der Karte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://bureaudetudes.org/category/gouvern-par-crises/ Crisis] (13.06.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Perfomatives Potential ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je dichter die Informationen und geprüfter das Netz, welches aus dem ''mappen'' hervorgeht, desto mehr stabilisiert und formt sich der Forschungsgegenstand; aber auch die ‚mapper’ selbst verändern sich im fortlaufenden Prozess. In der ganzheitlichen Materialisierung der sich überlagernden, akkumulierenden und sich affirmierenden Informationen in einer Zeichnung kann mappen eine radikale Performativität entwickeln. Vorläufige Ergebnisse und Nebenprodukte verändern als Teil des ''mapping''-Prozesses die Perspektive auf den Gegenstand, zeigen Grenzen auf und eröffnen neue Fragestellungen. Karten verändern so kollektive Wahrnehmungsmuster und geben neue Rahmungen zum (kulturellen) Verständnis eines Gegenstands. &amp;lt;ref&amp;gt;Ein gutes Beispiel für diesen Prozess sind die botanischen Karten von Oscar Drude, zu ihrem transdisziplinären Charakter vgl. (Güttler 2011).&amp;lt;/ref&amp;gt; Verschiedene ''mapping''-Projekte integrieren unterschiedliche Grade der Präzision zu einem optisch konsistenten Repräsentationsraum. Die Lücken dieser Repräsentation, die weißen Flächen in den Zwischenräumen, animieren andere Autoren zur Vervollständigung beizutragen: „Maps ask to be completed.“ (Gugerli 2004: 215) Karten generieren so ein reproduzierendes und evolutionäres Potential. Die Topographie im 19. Jahrhundert fixierte z.B. durch verschiedene Kartographie-Prozesse Berggipfel als Referenzpunkte und konventionalisierte und standarisierte Bezeichnungen in ihrer Aktualisierung. (Gugerli 2004: 214) &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe auch Gugerli (1999)&amp;lt;/ref&amp;gt;  Die so entstehende kollektive Autorenschaft (nicht unähnlich der Form eines heutigen Wikis) verschleiert den künstlichen Charakter der konstituierenden Vorannahmen, der andere Relationen oder dessen Existenzbedingung ausblendet. ''Mappen'' gibt einen homogenen Aktionsraum vor und evoziert eine Illusion von „karthographischer Neutralität“ (Gugerli 2004: 213). Je mehr in kollektiven Projekten der individuelle ‚''mapper'' ’ und seine Kunstfertigkeit der Messung und Benennung absorbiert wird, desto größer wird die ‚objektive’ Legitimation der Karte. Durch die Standarisierung und Affirmation einer bestimmten visuellen Darstellungsweise verbreitert sich die generelle Lesbarkeit. Indem die künstlichen und willkürlichen Zeichen zu einem allgemein verständlichen Repräsentationsraum werden, vereinheitlichen sich die Objekte und die Leser entwickeln eine imaginäre Gemeinschaft mit einer eigenen Identität. Das Endprodukt erhält erst nach einem Prozess von kultureller und wissenschaftlicher Bewertung die Legitimation, die seine visuelle Macht entfaltet. Gugerli fordert daher die Standards, Prozedere, das Level der Präzision, aber auch die Arbeitsteilung und die politischen Verflechtungen in ''mapping''-Prozessen transparent zu machen. (Gugerli 2004: 216) &amp;lt;ref&amp;gt;Die Kartographierung politischer Machtbereiche im 19. Jh. hatte weitreichende Folgen für die nationale Identitätsbildung. (Gugerli 2002) Diese „politics of truth“ (Gugerli 2004: 215) finden sich noch Darstellungsweisen der Kontinente heute augenscheinlich. Amerikanische Atlanten zentrieren Nordamerika, während in europäischen Darstellungen, zum Beispiel in der Tagesschau, der eigene Kontinent als Mitte der Welt platziert wird. Ein anderes Beispiel ist die Übertragung des runden Globus auf eine zweidimensionale Fläche bei der Mercator-Projektion von 1569. Um ein rechtwinkliges Raster vom Äquator zu den sich verengenden Polen zu erhalten, werden die Rechtecke und so die Kontinente hinzu den Polarkreisen vergrößert. In der auch für „google maps“ oder „OpenStreetMap“ genutzte Darstellungsweise wirken Länder wie das damalige Flandern, Deutschland oder die USA viel gewichtiger und legitimieren implizit den globalen Machtanspruch.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
Diesen vermeintlich homogenen Repräsentationsraum versuchen Martin Nachbar und Jochen Roller in ihrer choreographischen Arbeit ''mnemonik nonstop'' (2005) aufzubrechen „Let's concentrate on the passions and imagine a city full of passionate passages. Such passages would lead people constantly to niches, hidden or not, places of intensity that would be able to produce a crack in the official maps that we know from the a-z's or tourist guides.“ (Nachbar 2006: 23) Den ''Dérives'' folgend versuchen die Künstler durch Subjektivierung oder Überlagerung den Stadtraum von Berlin, Brüssel, TelAviv und Zagreb umzuorganisieren und neue Bedeutungen hinzuzuführen. In der Projektion einer transparenten Brüssel-Karte auf den Stadtplan der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa erscheinen verborgene Strukturen und die übereinanderliegenden Orte scheinen die belgische Kolonialgeschichte anschaulich zu dekonstruieren. In seiner Auseinandersetzung mit ''mapping'' macht Nachbar auf die Ähnlichkeit des Verfahrens mit Choreographie aufmerksam. „A choreography makes visible an experience through repeatable actions that are engraved in the dancer's/performer's body.“ (Nachbar 2006: 24) Solche Einschreibungen in den Körper können auch als Visualisierungstechnik und Orientierungsmittel verstanden werden. Die nicht-lineare Kompositionsstruktur der Choreographie ''wallen'' (2012) von Sebastian Matthias basiert auf einer im Kreationsprozess ge''mappten'' „somatischen Karte“, die den Tänzern und dem Soundkünstler dazu verhilft ihre Performance mit den Partnern abzugleichen, Entfernungen und Position im Raum zu bestimmen und die Dramaturgie in jeder Aufführung neu auszuhandeln. ( [http://www.tanzforumberlin.de/trailer467.php wallen Trailer] ) Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Aufführung stellen die Prekarität des Übersetzungsaktes von der Karte auf eine körperliche Erfahrung, aber auch den Sprung jedes ''mapping''-Aktes heraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bruno Latour sieht in dieser Übertragung oder Übersetzung den kritischen Kern des ''mappens''. In seinem Text ''Der Pedologenfaden von Boa Vista'' zieht er die botanischen und pedologischen Analysemethoden und ihre gemeinsame graphische Darstellung zur Verschiebung der Waldgrenze im brasilianischen Urwald zu seiner ethnographischen Untersuchung von wissenschaftlicher Realitätskonstruktion heran. Er weist in diesem Prozess auf das Instrument, das erst den Zugriff auf ein Phänomen und die Unterscheidungsmöglichkeit seiner Teilaspekte, sprich dessen Sichtbarkeit, zuerst erlaubt. „Alle diese leeren Formen [im Sinne einer Fassung] befinden sich hinter den Erscheinungen, bevor sie sich manifestieren und damit sie sich manifestieren. Im Wald [von Boa Vista] sind diese Phänomene alle auf einmal da und damit unsichtbar. Sie werden sich erst vor jenem Hintergrund abheben und sichtbar werden, den man listiger Weise hinter sie gestellt hat.“ (Latour 1997: 235) So spricht Latour nicht von Daten, die im ''mappen'' in die transdisziplinäre Zeichnung eingeschrieben werden, „sondern von Fakten (also etwas Gemachtem)“. (Latour 1997: 229) Michel Serres beschreibt im Bezug zum Instrument detailliert, wie sich durch das altgriechische kartographische Messgerät ''Gnomen'', oder Sonnenuhr, die Disziplinen der Logik und der Mathematik erst entwickeln konnten. (Serres 2002)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Transdisziplinarität ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Mappen'' kann als ein transdisziplinäres Mittel beschrieben werden, da es „problembezogen“ (Krohn 2012: 2) äußerst heterogene Formen annehmen kann. „Auf ein und derselben Papieroberfläche können wir sehr verschiedene Informationsquellen vereinen, die sich dank der Dolmetschertätigkeit einer homogenen graphischen Sprache verbinden.“ (Latour 1997: 251) Im kollektiven Prozess des Eintragens von Informationen und der Verabredung von entsprechenden Zeichen bietet ''mappen'' die Möglichkeit einer durch den Prozess entwickelten transdisziplinären Sprache. Da in der Bezeichnung und Einschreibung des ''mappen'' ein Referent zum Zeichen wird, überträgt dieses Verfahren praktische Gegebenheiten aus der Welt der Dinge in Textform und bettet sie in theoretische Gedankengänge ein. Als zweidimensionale Visualisierungstechnik stiftet sie zwischen praktischen und theoretischen Disziplinen Kompatibilität. Dieser Übertragung ist beim ''mappen'' jedoch ein „völliger Bruch zwischen Ding-Teil und Zeichen-Teil“ (Latour 1997: 246) inhärent, über den Bruno Latour die Realitätskonstruktion von Wissenschaft kritisiert. (Latour 1987: 215-57)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Möglichkeiten von digitalen Medien verhelfen ''mappen'' zu einer erweiterten transdisziplinären Dimension. Die Internetplattform ''Model House'' – ''Mapping Transcultural Modernisms'' ([http://www.transculturalmodernism.org/page/29 Model House]) repräsentiert und produziert digital ein Netzwerk transkulturellen Migration von Akteuren, kultureller Praxis und Diskursen der Moderne in der Architektur in den 1950´er Jahren und „visualisiert den Forschungsprozess selbst“. (Amir, Fahim et al o.J.) „ In this manner, the exchange between researchers at different places and from different disciplines, as well as the participation of nonacademic experts and the integration of a multiplicity of text forms, media, and aesthetic practices are enabled and intensified. The result of this constellation is a polylogical and multiperspectival narration by a number of speakers.“ (Amir, Fahim et al. o.J.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Prozess des ''Mappens'' konstruiert und konstituiert nicht nur einen Untersuchungsgegenstand, indem es ihn rahmt, unterteilt und ordnet. Nach Latour folgt „auf einen neuen Zugriff beinahe immer eine neue Erfindung“ (Latour 1997: 239), ein schöpferischer Akt, der sich auch in einer künstlerischen Arbeit manifestieren kann. So kann ''mappen'' als transdisziplinäres Verfahren zwischen Kunst und Wissenschaft in zwei Richtungen nutzbar gemacht werden. Es verhilft den künstlerischen Arbeitsweisen oder dessen dinglichen oder performativen Endprodukten als Karte, Notation oder Diagramm in die zweidimensionale Dimension des Textes, gleichzeitig kann der abstrahierende Zugriff auf das Material neue Sichtweisen hervorbringen, die den künstlerischen Prozess weiterentwickelt und zu neuen Gestaltungsformen führt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Amir, Fahim et al. (o.J.): Who or what builds a city or a city district?, http://www.transculturalmodernism.org/page/29. (23.06.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Gugerli, David (1999): Präzessionsmessungen am geodätischen Fundament der Nation. Zum historischen Anforderungsreichtum einer vermessenen Landschaft. In: Gugerli, David (Hg.): Vermessene Landschaften. Kulturgeschichte und technische Praxis im 19. und 20. Jahrhunderts, Zürich, S.11- 36.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Gugerli, David/Speich, Daniel (2002): Topografien der Nation. Politik, kartografische Ordnung und Landschaft im 19. Jahrhundert, Zürich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Gugerli, David (2004): Mapping. In: Gaudillière, Jean-Paul/Rheinberger, Hans-Jörg (Hg.): From Molecular Genetics to Genomics. The mapping cultures of twentieth-century genetics, New York, S. 210-218.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Harmon, Kathrine A./Clemans, Gayle (2009): The map as art. Contemporary artists explore carthography, Princeton. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Güttler, Nils Robert (2011): Scaling the Period Eye. Oscar Drude and the Cartographical Practice of Plant Geography, 1870s-1910s. In: Science in Context, 24 (1), S. 1-41.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Krohn, Wolfgang (2012): Künstlerische und wissenschaftliche Forschung in transdiziplinären Projekten. In: Trödle, Martin/Warmers, Julia (Hg.): Kunstforschung als ästhetische Wissenschaft. Beiträge zur transdisziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst, Bielefeld, S.1-19.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Latour, Bruno (1987): Science in action, Cambridge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Latour, Bruno (1997): Der Pedologenfaden von Boa Vista. In: Rheinberger, Hans-Jörg/Hagner, Michael/Wahrig-Schmidt, Bettina (Hg.): Räume des Wissen. Repräsentation, Codierung, Spur, Berlin, S.213-263, hier S. 255.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Nachbar, Martin (2006): How to become a trespasser. The derive and choreography as critical urban practices. In Dance Theatre Journal 21 (4), S. 23-24.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Serres, Michel (2002): Gnomon. Les débuts de la géométrie en Grèce, http://www.archipress.org/index.php?option=com_content&amp;amp;task=view&amp;amp;id=82&amp;amp;Itemid=42. (20.05.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Spillmann, Peter (2011): Der karthographierte öffentliche Raum. In: Hochschule Luzern Design und Kunst 1, S. 27-30.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;references /&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Mappen</id>
		<title>Mappen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Mappen"/>
				<updated>2012-10-10T19:28:27Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Transdisziplinarität */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;== Mappen als transdisziplinäres Verfahren ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verb ''mappen'' oder auch ''mapping'' vom englischen Wort ''map'' für ''Karte'' kann als eine &amp;quot;Visualisierungstechnik und ein graphisches Mittel der Orientierung innerhalb eines Geltungsbereiches&amp;quot; (Gugerli 2004: 210) angesehen werden. Es hält in Form einer Zeichnung, eines Diagramms oder einer räumlichen Anordnung in unterschiedlichen Disziplinen Prozesse fest, die durch Beobachtung, Messung, Registrierung, Aushandlung, Berechnung, Standardisierung oder Bezeichnung entstehen. So fungiert ''mappen'' als maßgebliches Tool für die Produktion und Erforschung von &amp;quot;relatedness&amp;quot; (Gugerli 2004: 210), interspezifischen Relationen, in einem Feld von Informationen. Die Liste der Beispiele, in denen Wissenschaftler, Mediziner, Unternehmer, Informatiker oder Künstler ''mappen'', vergegenwärtigt die Bandbreite der Anwendungsgebiete dieses Verfahrens: Kartographie in der Geographie, Topographie und Ethnographie, ''gene mapping'' in der Biologie, ''data mapping'' beim Programmieren oder das ''business process mapping'' in Form von flow charts in der Unternehmensführung. In der künstlerischen Arbeit lassen sich organisatorische, performative und gestalterische Anwendungen von ''mapping-''Prozessen differenzieren. ''Mind maps'' veranschaulichen und strukturieren künstlerische Arbeitsprozesse, während die graphische Gestalt eines ''Mapping-''Prozesses, wie bei Jonathan Parsons ''Terminator Maquette'' (2007), selbst zum Kunstobjekt werden kann. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://www.tagfinearts.com/jonathan-parsons/terminator-maquette.html. Terminator Maquette]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Parson überträgt in dieser Skulptur die Wegführung des öffentlichen Nahverkehrs einer Stadt auf eine Stahlplatte und formt hieraus ein selbstständiges Objekt. In performativen Anwendungen des ''mappings'' stehen die Handlung, das Überschreiben oder eine Perspektivenverschiebung im Vordergrund. Die Situationisten in den 1950er Jahren verwenden ''Dérives'', das Umherschweifen in der Stadt, als Strategie um die „dominante Ordnung des Kapitalismus (…) zu sabotieren und die Routinen der Wahrnehmung zu untergraben.“ (Spillmann 2011: 27) Der ''guide psychographique de Paris'' (1957) von Guy Debord dokumentiert diese Aneignung von Paris durch zusammengeklebte Schnipsel der Stadtkarte mit roten Pfeilen und überschreibt die normative Karte durch subjektive Erfahrungen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://imaginarymuseum.org/LPG/Mapsitu1.htm Map Situationisten]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im ''life mapping''&amp;lt;ref&amp;gt;Die Performance wurde im Rahmen der Auftakttagung des Graduiertenkollegs Versammlung und Teilhabe, K3 Tanzplan Hamburg auf Kampnagel, im April 2012 aufgeführt.&amp;lt;/ref&amp;gt; von deufert und plischke mit Scott Delahunta wird ''mappen'' als Handlung selbst zur theatralen Aufführung. Die Künstler visualisieren zeitgleich die gesprochenen Worte der Partner auf einem Overhead-Projektor und demonstrieren so ihr Verständnis von Theater als Kommunikationsraum. Diese Nutzungen verweisen auf das performative Potential, das ''mappen'' inhärent ist und disziplinenübergreifend in künstlerischen und wissenschaftlichen Anwendungen zu finden ist. Trotz der unterschiedlichsten Formen des ''Mappens'' werden, David Gugerli folgend, auf abstrakter Ebene Gemeinsamkeiten in den Verfahren erkennbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Sequentielles Verfahren ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Mappen'' ist allgemein die Visualisierung in einem Vermessungs- oder Begutachtungsprozess und kommuniziert ein Beziehungsgeflecht entlang einer zunächst willkürlichen Setzung. Generell werden zu Beginn zwei Referenzpunkte mit einer Grund- oder Verbindungslinie auf dem Papier, am Bildschirm oder auf einer Fläche verbunden. Um andere Teilaspekte mit diesen beiden Referenzpunkten in eine konkreten Beziehung zu stellen, muss mit einem dritten Referenzpunkt (Triangulation) diese Linie räumlich verortet und ausgerichtet werden. An dieses Dreieck können sich alle hinzugenommenen Informationen ankoppeln oder es nach außen erweitern. Die Beziehung der Referenzpunkte beruht auf einer bestimmten Fragestellung und vereinfacht bzw. verschleiert andere Relationen des oft komplexeren Untersuchungsgegenstands. Im Prozess des ''mappens'' entwickelt sich ein fortwährend verkomplizierendes und wucherndes Netzwerk von aufeinander bezogenen Referenten. Hierbei wird die Nähe zur Kartographie sichtbar, welches sich historisch sehr ähnlichen Aktionen bedient. „In [nineteenth century topographical mapping] this sequential process of measuring, annotating and (re)-calculation angles or relative distances, on the one hand, and drawing, counting and registering topographical details, on the other, an all encompassing relatedness was produced.“ (Gugerli 2004: 212) Diesen wuchernden und überlagernden Aspekt von ''mapping'' macht sich z.B. der Bildende Künstler Jeff Woodbury für seine künstlerischen Arbeiten zu nutze. In ''Atlas'' (2008) überträgt und überlagert er mit Bleistift unterschiedliche Straßenkarten, um ein scheinbar organisches Gewebe zum Vorschein zu bringen.&lt;br /&gt;
[http://tumblr.wblut.com/post/6208916027/roomthily-atlas-jeff-woodbury-tracings-in. Atlas] (13.06.2012) oder (Harmons/Clemans 2009: 241)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Netz im ''mapping''-Prozess wirkt wie ein Filter, der andere Perspektiven ausblenden kann. Geographische Karten können politische oder ethnographische Fragestellen abbilden, während sie ökonomische Ursachen, die zu ihrer Entstehung beitragen, nicht berücksichtigen. Das Mapping-Projekt ''MigMap – Governing Migration'', dass soziologische, politologische und kulturwissenschaftliche Informationen zur Europäischen Migrationspolitik in eine interdisziplinäre internetgestützte Karte einbindet, zeigt anschaulich den Versuch diesem Filter durch eine plurale Perspektive entgegenzuwirken. ( [http://www.transitmigration.org/migmap/home_entry.html MigMap-Website] ) Doch die Komplexität der virtuellen, künstlerischen Karten erschweren ihre Lesbarkeit. „Karten müssen interpretiert werden. Um Karten lesen zu können, braucht es die Kenntnisse der sozialen und politischen ‚Grammatiken’, die sich hinter den verwendeten Zeichen und Symbolen verbergen.“ (Spillmann 2011: 27) Die erarbeiteten formalen Graphiken der ''MigMap''-Karte 4 ''Places and Practices'' zeigen durch den Gebrauch von geometrischen Objekten, die in graduelle Kreise eingebettet sind, neue Formen der Darstellung, die eine klassische Triangulation umgeht. ([http://www.transitmigration.org/migmap/home_map4.html Karte 4] )&lt;br /&gt;
''Mapping'' hat dabei zwei Funktionen: Es dient zur „Reduktion“ von Komplexität, Ortsgebundenheit, Partikularität, Materialität und Vielfalt des Objektes, gleichzeitig gewinnt es durch Abstraktion ein Mehr an Lesbarkeit, Kompatibilität, Universalität, Überlagerung, Text und Kalkül und dadurch eine „Amplifikation“. (Latour 1997: 255)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je nach Notwendigkeit und Funktion ist die Karte nur Beginn eines langen, sich wiederholenden Prozesses. In einer topographische Karte oder in den unzähligen Teilschritten im ''Human Genom Project ''(Vgl.: [http://www.ornl.gov/sci/techresources/Human_Genome/publicat/primer/prim2.html Human Genom Project] ) bedingt die Fortführung eine sich immer wieder einschätzende Befragung des Gegenstandes und eine fortwährende Justierung der Vorannahme. Eine Materialisierung dieser Sequenz in einer Zeichnung dient der unmittelbaren visuellen Gruppierung seines Inhalts. In der sequentiellen Inskription konstruieren sich „künstliche Repräsentationen, die sich immer weiter von der Welt zu entfernen scheinen, und die sie ihr dennoch näher bringen.“ (Latour 1997: 218) Bruno Latour erkennt hierin eine Beherrschung der Welt durch den synoptischen Blick, „wenn die Welt [den Wissenschaftlern] in zweidimensionaler, überlagerbarer und kombinierbarer Inskription entgegenkommt“. (Latour 1997: 217) Basierend auf intensiver Nachforschung präsentiert die französische Künstlergruppe ''Bureau d´Etudes'' ( [http://bureaudetudes.org/ Bureau d´Etudes] ) ihre Analyse der Netzwerke im transnationalen Kapitalismus in großformatigen Wandmalereien, um sich der Beherrschung der Welt durch den Kapitalismus alternativ perspektivierte ''mappings'' entgegenzusetzen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Archiv verhilft zu einer expliziten „Zeitlichkeit“ (Gugerli 2004: 213) im Prozess des ''Mappens'', um die einzelnen Schritte und Veränderungen auf der Karte nachzuvollziehen, zu rejustieren und wiederholen zu können. Nur in der Nachvollziehbarkeit durch ein Protokoll ist die Kompatibilität und Vergleichbarkeit der einzelnen Eintragungen ins Netz von Informationen gewährleistet. Diese Transparenz in der Kontinuität von Raum und Zeit garantiert ein Vertrauen an den ‚Realitätswert’ der resultierenden Zeichnung. Aus diesem Grund werden die Karten von ''Bureau d´Etudes'' und ''MigMap'' auch durch Texte und vereinzelt Quellen unterstützt, um deren Glaubwürdigkeit zu untermauern. Fehlende Angaben der Quellen in der Arbeit ''Crisis'' (2006), in der die Argentinische Finanzkrise dargestellt wird, vermindern die Transparenz und untergraben die Wirkung der Karte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://bureaudetudes.org/category/gouvern-par-crises/ Crisis] (13.06.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Perfomatives Potential ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je dichter die Informationen und geprüfter das Netz, welches aus dem ''mappen'' hervorgeht, desto mehr stabilisiert und formt sich der Forschungsgegenstand; aber auch die ‚mapper’ selbst verändern sich im fortlaufenden Prozess. In der ganzheitlichen Materialisierung der sich überlagernden, akkumulierenden und sich affirmierenden Informationen in einer Zeichnung kann mappen eine radikale Performativität entwickeln. Vorläufige Ergebnisse und Nebenprodukte verändern als Teil des ''mapping''-Prozesses die Perspektive auf den Gegenstand, zeigen Grenzen auf und eröffnen neue Fragestellungen. Karten verändern so kollektive Wahrnehmungsmuster und geben neue Rahmungen zum (kulturellen) Verständnis eines Gegenstands. &amp;lt;ref&amp;gt;Ein gutes Beispiel für diesen Prozess sind die botanischen Karten von Oscar Drude, zu ihrem transdisziplinären Charakter vgl. (Güttler 2011).&amp;lt;/ref&amp;gt; Verschiedene ''mapping''-Projekte integrieren unterschiedliche Grade der Präzision zu einem optisch konsistenten Repräsentationsraum. Die Lücken dieser Repräsentation, die weißen Flächen in den Zwischenräumen, animieren andere Autoren zur Vervollständigung beizutragen: „Maps ask to be completed.“ (Gugerli 2004: 215) Karten generieren so ein reproduzierendes und evolutionäres Potential. Die Topographie im 19. Jahrhundert fixierte z.B. durch verschiedene Kartographie-Prozesse Berggipfel als Referenzpunkte und konventionalisierte und standarisierte Bezeichnungen in ihrer Aktualisierung. (Gugerli 2004: 214) &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe auch Gugerli (1999)&amp;lt;/ref&amp;gt;  Die so entstehende kollektive Autorenschaft (nicht unähnlich der Form eines heutigen Wikis) verschleiert den künstlichen Charakter der konstituierenden Vorannahmen, der andere Relationen oder dessen Existenzbedingung ausblendet. ''Mappen'' gibt einen homogenen Aktionsraum vor und evoziert eine Illusion von „karthographischer Neutralität“ (Gugerli 2004: 213). Je mehr in kollektiven Projekten der individuelle ‚''mapper'' ’ und seine Kunstfertigkeit der Messung und Benennung absorbiert wird, desto größer wird die ‚objektive’ Legitimation der Karte. Durch die Standarisierung und Affirmation einer bestimmten visuellen Darstellungsweise verbreitert sich die generelle Lesbarkeit. Indem die künstlichen und willkürlichen Zeichen zu einem allgemein verständlichen Repräsentationsraum werden, vereinheitlichen sich die Objekte und die Leser entwickeln eine imaginäre Gemeinschaft mit einer eigenen Identität. Das Endprodukt erhält erst nach einem Prozess von kultureller und wissenschaftlicher Bewertung die Legitimation, die seine visuelle Macht entfaltet. Gugerli fordert daher die Standards, Prozedere, das Level der Präzision, aber auch die Arbeitsteilung und die politischen Verflechtungen in ''mapping''-Prozessen transparent zu machen. (Gugerli 2004: 216) &amp;lt;ref&amp;gt;Die Kartographierung politischer Machtbereiche im 19. Jh. hatte weitreichende Folgen für die nationale Identitätsbildung. (Gugerli 2002) Diese „politics of truth“ (Gugerli 2004: 215) finden sich noch Darstellungsweisen der Kontinente heute augenscheinlich. Amerikanische Atlanten zentrieren Nordamerika, während in europäischen Darstellungen, zum Beispiel in der Tagesschau, der eigene Kontinent als Mitte der Welt platziert wird. Ein anderes Beispiel ist die Übertragung des runden Globus auf eine zweidimensionale Fläche bei der Mercator-Projektion von 1569. Um ein rechtwinkliges Raster vom Äquator zu den sich verengenden Polen zu erhalten, werden die Rechtecke und so die Kontinente hinzu den Polarkreisen vergrößert. In der auch für „google maps“ oder „OpenStreetMap“ genutzte Darstellungsweise wirken Länder wie das damalige Flandern, Deutschland oder die USA viel gewichtiger und legitimieren implizit den globalen Machtanspruch.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
Diesen vermeintlich homogenen Repräsentationsraum versuchen Martin Nachbar und Jochen Roller in ihrer choreographischen Arbeit ''mnemonik nonstop'' (2005) aufzubrechen „Let's concentrate on the passions and imagine a city full of passionate passages. Such passages would lead people constantly to niches, hidden or not, places of intensity that would be able to produce a crack in the official maps that we know from the a-z's or tourist guides.“ (Nachbar 2006: 23) Den ''Dérives'' folgend versuchen die Künstler durch Subjektivierung oder Überlagerung den Stadtraum von Berlin, Brüssel, TelAviv und Zagreb umzuorganisieren und neue Bedeutungen hinzuzuführen. In der Projektion einer transparenten Brüssel-Karte auf den Stadtplan der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa erscheinen verborgene Strukturen und die übereinanderliegenden Orte scheinen die belgische Kolonialgeschichte anschaulich zu dekonstruieren. In seiner Auseinandersetzung mit ''mapping'' macht Nachbar auf die Ähnlichkeit des Verfahrens mit Choreographie aufmerksam. „A choreography makes visible an experience through repeatable actions that are engraved in the dancer's/performer's body.“ (Nachbar 2006: 24) Solche Einschreibungen in den Körper können auch als Visualisierungstechnik und Orientierungsmittel verstanden werden. Die nicht-lineare Kompositionsstruktur der Choreographie ''wallen'' (2012) von Sebastian Matthias basiert auf einer im Kreationsprozess ge''mappten'' „somatischen Karte“, die den Tänzern und dem Soundkünstler dazu verhilft ihre Performance mit den Partnern abzugleichen, Entfernungen und Position im Raum zu bestimmen und die Dramaturgie in jeder Aufführung neu auszuhandeln. ( [http://www.tanzforumberlin.de/trailer467.php wallen Trailer] ) Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Aufführung stellen die Prekarität des Übersetzungsaktes von der Karte auf eine körperliche Erfahrung, aber auch den Sprung jedes ''mapping''-Aktes heraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bruno Latour sieht in dieser Übertragung oder Übersetzung den kritischen Kern des ''mappens''. In seinem Text ''Der Pedologenfaden von Boa Vista'' zieht er die botanischen und pedologischen Analysemethoden und ihre gemeinsame graphische Darstellung zur Verschiebung der Waldgrenze im brasilianischen Urwald zu seiner ethnographischen Untersuchung von wissenschaftlicher Realitätskonstruktion heran. Er weist in diesem Prozess auf das Instrument, das erst den Zugriff auf ein Phänomen und die Unterscheidungsmöglichkeit seiner Teilaspekte, sprich dessen Sichtbarkeit, zuerst erlaubt. „Alle diese leeren Formen [im Sinne einer Fassung] befinden sich hinter den Erscheinungen, bevor sie sich manifestieren und damit sie sich manifestieren. Im Wald [von Boa Vista] sind diese Phänomene alle auf einmal da und damit unsichtbar. Sie werden sich erst vor jenem Hintergrund abheben und sichtbar werden, den man listiger Weise hinter sie gestellt hat.“ (Latour 1997: 235) So spricht Latour nicht von Daten, die im ''mappen'' in die transdisziplinäre Zeichnung eingeschrieben werden, „sondern von Fakten (also etwas Gemachtem)“. (Latour 1997: 229) Michel Serres beschreibt im Bezug zum Instrument detailliert, wie sich durch das altgriechische kartographische Messgerät ''Gnomen'', oder Sonnenuhr, die Disziplinen der Logik und der Mathematik erst entwickeln konnten. (Serres 2002)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Transdisziplinarität ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Mappen'' kann als ein transdisziplinäres Mittel beschrieben werden, da es „problembezogen“ (Krohn 2012: 2) äußerst heterogene Formen annehmen kann. „Auf ein und derselben Papieroberfläche können wir sehr verschiedene Informationsquellen vereinen, die sich dank der Dolmetschertätigkeit einer homogenen graphischen Sprache verbinden.“ (Latour 1997: 251) Im kollektiven Prozess des Eintragens von Informationen und der Verabredung von entsprechenden Zeichen bietet ''mappen'' die Möglichkeit einer durch den Prozess entwickelten transdisziplinären Sprache. Da in der Bezeichnung und Einschreibung des ''mappen'' ein Referent zum Zeichen wird, überträgt dieses Verfahren praktische Gegebenheiten aus der Welt der Dinge in Textform und bettet sie in theoretische Gedankengänge ein. Als zweidimensionale Visualisierungstechnik stiftet sie zwischen praktischen und theoretischen Disziplinen Kompatibilität. Dieser Übertragung ist beim ''mappen'' jedoch ein „völliger Bruch zwischen Ding-Teil und Zeichen-Teil“ (Latour 1997: 246) inhärent, über den Bruno Latour die Realitätskonstruktion von Wissenschaft kritisiert. (Latour 1987: 215-57)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Möglichkeiten von digitalen Medien verhelfen ''mappen'' zu einer erweiterten transdisziplinären Dimension. Die Internetplattform ''Model House'' – ''Mapping Transcultural Modernisms'' ([http://www.transculturalmodernism.org/page/29 Model House]) repräsentiert und produziert digital ein Netzwerk transkulturellen Migration von Akteuren, kultureller Praxis und Diskursen der Moderne in der Architektur in den 1950´er Jahren und „visualisiert den Forschungsprozess selbst“. (Amir, Fahim et al o.J.) „ In this manner, the exchange between researchers at different places and from different disciplines, as well as the participation of nonacademic experts and the integration of a multiplicity of text forms, media, and aesthetic practices are enabled and intensified. The result of this constellation is a polylogical and multiperspectival narration by a number of speakers.“ (Amir, Fahim et al. o.J.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Prozess des ''Mappens'' konstruiert und konstituiert nicht nur einen Untersuchungsgegenstand, indem es ihn rahmt, unterteilt und ordnet. Nach Latour folgt „auf einen neuen Zugriff beinahe immer eine neue Erfindung“ (Latour 1997: 239), ein schöpferischer Akt, der sich auch in einer künstlerischen Arbeit manifestieren kann. So kann ''mappen'' als transdisziplinäres Verfahren zwischen Kunst und Wissenschaft in zwei Richtungen nutzbar gemacht werden. Es verhilft den künstlerischen Arbeitsweisen oder dessen dinglichen oder performativen Endprodukten als Karte, Notation oder Diagramm in die zweidimensionale Dimension des Textes, gleichzeitig kann der abstrahierende Zugriff auf das Material neue Sichtweisen hervorbringen, die den künstlerischen Prozess weiterentwickelt und zu neuen Gestaltungsformen führt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Amir, Fahim et al. (o.J.): Who or what builds a city or a city district?, http://www.transculturalmodernism.org/page/29. (23.06.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Gugerli, David (1999): Präzessionsmessungen am geodätischen Fundament der Nation. Zum historischen Anforderungsreichtum einer vermessenen Landschaft. In: Gugerli, David (Hs.): Vermessene Landschaften. Kulturgeschichte und technische Praxis im 19. und 20. Jahrhunderts, Zürich, S.11- 36.&lt;br /&gt;
* Gugerli, David/Speich, Daniel (2002): Topografien der Nation. Politik, kartografische Ordnung und Landschaft im 19. Jahrhundert, Zürich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Gugerli, David (2004): Mapping. In: Gaudillière, Jean-Paul/Rheinberger, Hans-Jörg (Hs.): From Molecular Genetics to Genomics. The mapping cultures of twentieth-century genetics, New York, S. 210-218.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Harmon, Kathrine A./Clemans, Gayle (2009): The map as art. Contemporary artists explore carthography, Princeton. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Güttler, Nils Robert (2011): Scaling the Period Eye. Oscar Drude and the Cartographical Practice of Plant Geography, 1870s-1910s. In: Science in Context, 24 (1), S. 1-41.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Krohn, Wolfgang (2012): Künstlerische und wissenschaftliche Forschung in transdiziplinären Projekten. In: Trödle, Martin/Warmers, Julia (Hs.): Kunstforschung als ästhetische Wissenschaft. Beiträge zur transdisziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst, Bielefeld, S.1-19.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Latour, Bruno (1987): Science in action, Cambridge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Latour, Bruno (1997): Der Pedologenfaden von Boa Vista. In: Rheinberger, Hans-Jörg/Hagner, Michael/Wahrig-Schmidt, Bettina (Hs.): Räume des Wissen. Repräsentation, Codierung, Spur, Berlin, S.213-263, hier S. 255.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Nachbar, Martin (2006): How to become a trespasser. The derive and choreography as critical urban practices. In Dance Theatre Journal 21 (4), S. 23-24.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Serres, Michel (2002): Gnomon. Les débuts de la géométrie en Grèce, http://www.archipress.org/index.php?option=com_content&amp;amp;task=view&amp;amp;id=82&amp;amp;Itemid=42. (20.05.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Spillmann, Peter (2011): Der karthographierte öffentliche Raum. In: Hochschule Luzern Design und Kunst 1, S. 27-30.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;references /&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Mappen</id>
		<title>Mappen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Mappen"/>
				<updated>2012-10-10T19:27:39Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Perfomatives Potential */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;== Mappen als transdisziplinäres Verfahren ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verb ''mappen'' oder auch ''mapping'' vom englischen Wort ''map'' für ''Karte'' kann als eine &amp;quot;Visualisierungstechnik und ein graphisches Mittel der Orientierung innerhalb eines Geltungsbereiches&amp;quot; (Gugerli 2004: 210) angesehen werden. Es hält in Form einer Zeichnung, eines Diagramms oder einer räumlichen Anordnung in unterschiedlichen Disziplinen Prozesse fest, die durch Beobachtung, Messung, Registrierung, Aushandlung, Berechnung, Standardisierung oder Bezeichnung entstehen. So fungiert ''mappen'' als maßgebliches Tool für die Produktion und Erforschung von &amp;quot;relatedness&amp;quot; (Gugerli 2004: 210), interspezifischen Relationen, in einem Feld von Informationen. Die Liste der Beispiele, in denen Wissenschaftler, Mediziner, Unternehmer, Informatiker oder Künstler ''mappen'', vergegenwärtigt die Bandbreite der Anwendungsgebiete dieses Verfahrens: Kartographie in der Geographie, Topographie und Ethnographie, ''gene mapping'' in der Biologie, ''data mapping'' beim Programmieren oder das ''business process mapping'' in Form von flow charts in der Unternehmensführung. In der künstlerischen Arbeit lassen sich organisatorische, performative und gestalterische Anwendungen von ''mapping-''Prozessen differenzieren. ''Mind maps'' veranschaulichen und strukturieren künstlerische Arbeitsprozesse, während die graphische Gestalt eines ''Mapping-''Prozesses, wie bei Jonathan Parsons ''Terminator Maquette'' (2007), selbst zum Kunstobjekt werden kann. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://www.tagfinearts.com/jonathan-parsons/terminator-maquette.html. Terminator Maquette]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Parson überträgt in dieser Skulptur die Wegführung des öffentlichen Nahverkehrs einer Stadt auf eine Stahlplatte und formt hieraus ein selbstständiges Objekt. In performativen Anwendungen des ''mappings'' stehen die Handlung, das Überschreiben oder eine Perspektivenverschiebung im Vordergrund. Die Situationisten in den 1950er Jahren verwenden ''Dérives'', das Umherschweifen in der Stadt, als Strategie um die „dominante Ordnung des Kapitalismus (…) zu sabotieren und die Routinen der Wahrnehmung zu untergraben.“ (Spillmann 2011: 27) Der ''guide psychographique de Paris'' (1957) von Guy Debord dokumentiert diese Aneignung von Paris durch zusammengeklebte Schnipsel der Stadtkarte mit roten Pfeilen und überschreibt die normative Karte durch subjektive Erfahrungen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://imaginarymuseum.org/LPG/Mapsitu1.htm Map Situationisten]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im ''life mapping''&amp;lt;ref&amp;gt;Die Performance wurde im Rahmen der Auftakttagung des Graduiertenkollegs Versammlung und Teilhabe, K3 Tanzplan Hamburg auf Kampnagel, im April 2012 aufgeführt.&amp;lt;/ref&amp;gt; von deufert und plischke mit Scott Delahunta wird ''mappen'' als Handlung selbst zur theatralen Aufführung. Die Künstler visualisieren zeitgleich die gesprochenen Worte der Partner auf einem Overhead-Projektor und demonstrieren so ihr Verständnis von Theater als Kommunikationsraum. Diese Nutzungen verweisen auf das performative Potential, das ''mappen'' inhärent ist und disziplinenübergreifend in künstlerischen und wissenschaftlichen Anwendungen zu finden ist. Trotz der unterschiedlichsten Formen des ''Mappens'' werden, David Gugerli folgend, auf abstrakter Ebene Gemeinsamkeiten in den Verfahren erkennbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Sequentielles Verfahren ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Mappen'' ist allgemein die Visualisierung in einem Vermessungs- oder Begutachtungsprozess und kommuniziert ein Beziehungsgeflecht entlang einer zunächst willkürlichen Setzung. Generell werden zu Beginn zwei Referenzpunkte mit einer Grund- oder Verbindungslinie auf dem Papier, am Bildschirm oder auf einer Fläche verbunden. Um andere Teilaspekte mit diesen beiden Referenzpunkten in eine konkreten Beziehung zu stellen, muss mit einem dritten Referenzpunkt (Triangulation) diese Linie räumlich verortet und ausgerichtet werden. An dieses Dreieck können sich alle hinzugenommenen Informationen ankoppeln oder es nach außen erweitern. Die Beziehung der Referenzpunkte beruht auf einer bestimmten Fragestellung und vereinfacht bzw. verschleiert andere Relationen des oft komplexeren Untersuchungsgegenstands. Im Prozess des ''mappens'' entwickelt sich ein fortwährend verkomplizierendes und wucherndes Netzwerk von aufeinander bezogenen Referenten. Hierbei wird die Nähe zur Kartographie sichtbar, welches sich historisch sehr ähnlichen Aktionen bedient. „In [nineteenth century topographical mapping] this sequential process of measuring, annotating and (re)-calculation angles or relative distances, on the one hand, and drawing, counting and registering topographical details, on the other, an all encompassing relatedness was produced.“ (Gugerli 2004: 212) Diesen wuchernden und überlagernden Aspekt von ''mapping'' macht sich z.B. der Bildende Künstler Jeff Woodbury für seine künstlerischen Arbeiten zu nutze. In ''Atlas'' (2008) überträgt und überlagert er mit Bleistift unterschiedliche Straßenkarten, um ein scheinbar organisches Gewebe zum Vorschein zu bringen.&lt;br /&gt;
[http://tumblr.wblut.com/post/6208916027/roomthily-atlas-jeff-woodbury-tracings-in. Atlas] (13.06.2012) oder (Harmons/Clemans 2009: 241)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Netz im ''mapping''-Prozess wirkt wie ein Filter, der andere Perspektiven ausblenden kann. Geographische Karten können politische oder ethnographische Fragestellen abbilden, während sie ökonomische Ursachen, die zu ihrer Entstehung beitragen, nicht berücksichtigen. Das Mapping-Projekt ''MigMap – Governing Migration'', dass soziologische, politologische und kulturwissenschaftliche Informationen zur Europäischen Migrationspolitik in eine interdisziplinäre internetgestützte Karte einbindet, zeigt anschaulich den Versuch diesem Filter durch eine plurale Perspektive entgegenzuwirken. ( [http://www.transitmigration.org/migmap/home_entry.html MigMap-Website] ) Doch die Komplexität der virtuellen, künstlerischen Karten erschweren ihre Lesbarkeit. „Karten müssen interpretiert werden. Um Karten lesen zu können, braucht es die Kenntnisse der sozialen und politischen ‚Grammatiken’, die sich hinter den verwendeten Zeichen und Symbolen verbergen.“ (Spillmann 2011: 27) Die erarbeiteten formalen Graphiken der ''MigMap''-Karte 4 ''Places and Practices'' zeigen durch den Gebrauch von geometrischen Objekten, die in graduelle Kreise eingebettet sind, neue Formen der Darstellung, die eine klassische Triangulation umgeht. ([http://www.transitmigration.org/migmap/home_map4.html Karte 4] )&lt;br /&gt;
''Mapping'' hat dabei zwei Funktionen: Es dient zur „Reduktion“ von Komplexität, Ortsgebundenheit, Partikularität, Materialität und Vielfalt des Objektes, gleichzeitig gewinnt es durch Abstraktion ein Mehr an Lesbarkeit, Kompatibilität, Universalität, Überlagerung, Text und Kalkül und dadurch eine „Amplifikation“. (Latour 1997: 255)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je nach Notwendigkeit und Funktion ist die Karte nur Beginn eines langen, sich wiederholenden Prozesses. In einer topographische Karte oder in den unzähligen Teilschritten im ''Human Genom Project ''(Vgl.: [http://www.ornl.gov/sci/techresources/Human_Genome/publicat/primer/prim2.html Human Genom Project] ) bedingt die Fortführung eine sich immer wieder einschätzende Befragung des Gegenstandes und eine fortwährende Justierung der Vorannahme. Eine Materialisierung dieser Sequenz in einer Zeichnung dient der unmittelbaren visuellen Gruppierung seines Inhalts. In der sequentiellen Inskription konstruieren sich „künstliche Repräsentationen, die sich immer weiter von der Welt zu entfernen scheinen, und die sie ihr dennoch näher bringen.“ (Latour 1997: 218) Bruno Latour erkennt hierin eine Beherrschung der Welt durch den synoptischen Blick, „wenn die Welt [den Wissenschaftlern] in zweidimensionaler, überlagerbarer und kombinierbarer Inskription entgegenkommt“. (Latour 1997: 217) Basierend auf intensiver Nachforschung präsentiert die französische Künstlergruppe ''Bureau d´Etudes'' ( [http://bureaudetudes.org/ Bureau d´Etudes] ) ihre Analyse der Netzwerke im transnationalen Kapitalismus in großformatigen Wandmalereien, um sich der Beherrschung der Welt durch den Kapitalismus alternativ perspektivierte ''mappings'' entgegenzusetzen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Archiv verhilft zu einer expliziten „Zeitlichkeit“ (Gugerli 2004: 213) im Prozess des ''Mappens'', um die einzelnen Schritte und Veränderungen auf der Karte nachzuvollziehen, zu rejustieren und wiederholen zu können. Nur in der Nachvollziehbarkeit durch ein Protokoll ist die Kompatibilität und Vergleichbarkeit der einzelnen Eintragungen ins Netz von Informationen gewährleistet. Diese Transparenz in der Kontinuität von Raum und Zeit garantiert ein Vertrauen an den ‚Realitätswert’ der resultierenden Zeichnung. Aus diesem Grund werden die Karten von ''Bureau d´Etudes'' und ''MigMap'' auch durch Texte und vereinzelt Quellen unterstützt, um deren Glaubwürdigkeit zu untermauern. Fehlende Angaben der Quellen in der Arbeit ''Crisis'' (2006), in der die Argentinische Finanzkrise dargestellt wird, vermindern die Transparenz und untergraben die Wirkung der Karte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://bureaudetudes.org/category/gouvern-par-crises/ Crisis] (13.06.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Perfomatives Potential ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je dichter die Informationen und geprüfter das Netz, welches aus dem ''mappen'' hervorgeht, desto mehr stabilisiert und formt sich der Forschungsgegenstand; aber auch die ‚mapper’ selbst verändern sich im fortlaufenden Prozess. In der ganzheitlichen Materialisierung der sich überlagernden, akkumulierenden und sich affirmierenden Informationen in einer Zeichnung kann mappen eine radikale Performativität entwickeln. Vorläufige Ergebnisse und Nebenprodukte verändern als Teil des ''mapping''-Prozesses die Perspektive auf den Gegenstand, zeigen Grenzen auf und eröffnen neue Fragestellungen. Karten verändern so kollektive Wahrnehmungsmuster und geben neue Rahmungen zum (kulturellen) Verständnis eines Gegenstands. &amp;lt;ref&amp;gt;Ein gutes Beispiel für diesen Prozess sind die botanischen Karten von Oscar Drude, zu ihrem transdisziplinären Charakter vgl. (Güttler 2011).&amp;lt;/ref&amp;gt; Verschiedene ''mapping''-Projekte integrieren unterschiedliche Grade der Präzision zu einem optisch konsistenten Repräsentationsraum. Die Lücken dieser Repräsentation, die weißen Flächen in den Zwischenräumen, animieren andere Autoren zur Vervollständigung beizutragen: „Maps ask to be completed.“ (Gugerli 2004: 215) Karten generieren so ein reproduzierendes und evolutionäres Potential. Die Topographie im 19. Jahrhundert fixierte z.B. durch verschiedene Kartographie-Prozesse Berggipfel als Referenzpunkte und konventionalisierte und standarisierte Bezeichnungen in ihrer Aktualisierung. (Gugerli 2004: 214) &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe auch Gugerli (1999)&amp;lt;/ref&amp;gt;  Die so entstehende kollektive Autorenschaft (nicht unähnlich der Form eines heutigen Wikis) verschleiert den künstlichen Charakter der konstituierenden Vorannahmen, der andere Relationen oder dessen Existenzbedingung ausblendet. ''Mappen'' gibt einen homogenen Aktionsraum vor und evoziert eine Illusion von „karthographischer Neutralität“ (Gugerli 2004: 213). Je mehr in kollektiven Projekten der individuelle ‚''mapper'' ’ und seine Kunstfertigkeit der Messung und Benennung absorbiert wird, desto größer wird die ‚objektive’ Legitimation der Karte. Durch die Standarisierung und Affirmation einer bestimmten visuellen Darstellungsweise verbreitert sich die generelle Lesbarkeit. Indem die künstlichen und willkürlichen Zeichen zu einem allgemein verständlichen Repräsentationsraum werden, vereinheitlichen sich die Objekte und die Leser entwickeln eine imaginäre Gemeinschaft mit einer eigenen Identität. Das Endprodukt erhält erst nach einem Prozess von kultureller und wissenschaftlicher Bewertung die Legitimation, die seine visuelle Macht entfaltet. Gugerli fordert daher die Standards, Prozedere, das Level der Präzision, aber auch die Arbeitsteilung und die politischen Verflechtungen in ''mapping''-Prozessen transparent zu machen. (Gugerli 2004: 216) &amp;lt;ref&amp;gt;Die Kartographierung politischer Machtbereiche im 19. Jh. hatte weitreichende Folgen für die nationale Identitätsbildung. (Gugerli 2002) Diese „politics of truth“ (Gugerli 2004: 215) finden sich noch Darstellungsweisen der Kontinente heute augenscheinlich. Amerikanische Atlanten zentrieren Nordamerika, während in europäischen Darstellungen, zum Beispiel in der Tagesschau, der eigene Kontinent als Mitte der Welt platziert wird. Ein anderes Beispiel ist die Übertragung des runden Globus auf eine zweidimensionale Fläche bei der Mercator-Projektion von 1569. Um ein rechtwinkliges Raster vom Äquator zu den sich verengenden Polen zu erhalten, werden die Rechtecke und so die Kontinente hinzu den Polarkreisen vergrößert. In der auch für „google maps“ oder „OpenStreetMap“ genutzte Darstellungsweise wirken Länder wie das damalige Flandern, Deutschland oder die USA viel gewichtiger und legitimieren implizit den globalen Machtanspruch.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
Diesen vermeintlich homogenen Repräsentationsraum versuchen Martin Nachbar und Jochen Roller in ihrer choreographischen Arbeit ''mnemonik nonstop'' (2005) aufzubrechen „Let's concentrate on the passions and imagine a city full of passionate passages. Such passages would lead people constantly to niches, hidden or not, places of intensity that would be able to produce a crack in the official maps that we know from the a-z's or tourist guides.“ (Nachbar 2006: 23) Den ''Dérives'' folgend versuchen die Künstler durch Subjektivierung oder Überlagerung den Stadtraum von Berlin, Brüssel, TelAviv und Zagreb umzuorganisieren und neue Bedeutungen hinzuzuführen. In der Projektion einer transparenten Brüssel-Karte auf den Stadtplan der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa erscheinen verborgene Strukturen und die übereinanderliegenden Orte scheinen die belgische Kolonialgeschichte anschaulich zu dekonstruieren. In seiner Auseinandersetzung mit ''mapping'' macht Nachbar auf die Ähnlichkeit des Verfahrens mit Choreographie aufmerksam. „A choreography makes visible an experience through repeatable actions that are engraved in the dancer's/performer's body.“ (Nachbar 2006: 24) Solche Einschreibungen in den Körper können auch als Visualisierungstechnik und Orientierungsmittel verstanden werden. Die nicht-lineare Kompositionsstruktur der Choreographie ''wallen'' (2012) von Sebastian Matthias basiert auf einer im Kreationsprozess ge''mappten'' „somatischen Karte“, die den Tänzern und dem Soundkünstler dazu verhilft ihre Performance mit den Partnern abzugleichen, Entfernungen und Position im Raum zu bestimmen und die Dramaturgie in jeder Aufführung neu auszuhandeln. ( [http://www.tanzforumberlin.de/trailer467.php wallen Trailer] ) Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Aufführung stellen die Prekarität des Übersetzungsaktes von der Karte auf eine körperliche Erfahrung, aber auch den Sprung jedes ''mapping''-Aktes heraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bruno Latour sieht in dieser Übertragung oder Übersetzung den kritischen Kern des ''mappens''. In seinem Text ''Der Pedologenfaden von Boa Vista'' zieht er die botanischen und pedologischen Analysemethoden und ihre gemeinsame graphische Darstellung zur Verschiebung der Waldgrenze im brasilianischen Urwald zu seiner ethnographischen Untersuchung von wissenschaftlicher Realitätskonstruktion heran. Er weist in diesem Prozess auf das Instrument, das erst den Zugriff auf ein Phänomen und die Unterscheidungsmöglichkeit seiner Teilaspekte, sprich dessen Sichtbarkeit, zuerst erlaubt. „Alle diese leeren Formen [im Sinne einer Fassung] befinden sich hinter den Erscheinungen, bevor sie sich manifestieren und damit sie sich manifestieren. Im Wald [von Boa Vista] sind diese Phänomene alle auf einmal da und damit unsichtbar. Sie werden sich erst vor jenem Hintergrund abheben und sichtbar werden, den man listiger Weise hinter sie gestellt hat.“ (Latour 1997: 235) So spricht Latour nicht von Daten, die im ''mappen'' in die transdisziplinäre Zeichnung eingeschrieben werden, „sondern von Fakten (also etwas Gemachtem)“. (Latour 1997: 229) Michel Serres beschreibt im Bezug zum Instrument detailliert, wie sich durch das altgriechische kartographische Messgerät ''Gnomen'', oder Sonnenuhr, die Disziplinen der Logik und der Mathematik erst entwickeln konnten. (Serres 2002)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Transdisziplinarität ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Mappen'' kann als ein transdisziplinäres Mittel beschrieben werden, da es „problembezogen“ (Krohn 2012: 2) äußerst heterogene Formen annehmen kann. „Auf ein und derselben Papieroberfläche können wir sehr verschiedene Informationsquellen vereinen, die sich dank der Dolmetschertätigkeit einer homogenen graphischen Sprache verbinden.“ (Latour 1997: 251) Im kollektiven Prozess des Eintragens von Informationen und der Verabredung von entsprechenden Zeichen bietet ''mappen'' die Möglichkeit einer durch den Prozess entwickelten transdisziplinären Sprache. Da in der Bezeichnung und Einschreibung des ''mappen'' ein Referent zum Zeichen wird, überträgt dieses Verfahren praktische Gegebenheiten aus der Welt der Dinge in Textform und bettet sie in theoretische Gedankengänge ein. Als zweidimensionale Visualisierungstechnik stiftet sie zwischen praktischen und theoretischen Disziplinen Kompatibilität. Dieser Übertragung ist beim ''mappen'' jedoch ein „völliger Bruch zwischen Ding-Teil und Zeichen-Teil“ (Latour 1997: 246) inhärent, über den Bruno Latour die Realitätskonstruktion von Wissenschaft kritisiert. (Latour 1987: 215-57)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Möglichkeiten von digitalen Medien verhelfen ''mappen'' zu einer erweiterten transdisziplinären Dimension. Die Internetplattform ''Model House'' – ''Mapping Transcultural Modernisms'' ( [http://www.transculturalmodernism.org/page/29 Model House] ) repräsentiert und produziert digital ein Netzwerk transkulturellen Migration von Akteuren, kultureller Praxis und Diskursen der Moderne in der Architektur in den 1950´er Jahren und „visualisiert den Forschungsprozess selbst“. (Amir, Fahim et al o.J.) „ In this manner, the exchange between researchers at different places and from different disciplines, as well as the participation of nonacademic experts and the integration of a multiplicity of text forms, media, and aesthetic practices are enabled and intensified. The result of this constellation is a polylogical and multiperspectival narration by a number of speakers.“ (Amir, Fahim et al. o.J.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Prozess des ''Mappens'' konstruiert und konstituiert nicht nur einen Untersuchungsgegenstand, indem es ihn rahmt, unterteilt und ordnet. Nach Latour folgt „auf einen neuen Zugriff beinahe immer eine neue Erfindung“ (Latour 1997: 239), ein schöpferischer Akt, der sich auch in einer künstlerischen Arbeit manifestieren kann. So kann ''mappen'' als transdisziplinäres Verfahren zwischen Kunst und Wissenschaft in zwei Richtungen nutzbar gemacht werden. Es verhilft den künstlerischen Arbeitsweisen oder dessen dinglichen oder performativen Endprodukten als Karte, Notation oder Diagramm in die zweidimensionale Dimension des Textes, gleichzeitig kann der abstrahierende Zugriff auf das Material neue Sichtweisen hervorbringen, die den künstlerischen Prozess weiterentwickelt und zu neuen Gestaltungsformen führt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Amir, Fahim et al. (o.J.): Who or what builds a city or a city district?, http://www.transculturalmodernism.org/page/29. (23.06.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Gugerli, David (1999): Präzessionsmessungen am geodätischen Fundament der Nation. Zum historischen Anforderungsreichtum einer vermessenen Landschaft. In: Gugerli, David (Hs.): Vermessene Landschaften. Kulturgeschichte und technische Praxis im 19. und 20. Jahrhunderts, Zürich, S.11- 36.&lt;br /&gt;
* Gugerli, David/Speich, Daniel (2002): Topografien der Nation. Politik, kartografische Ordnung und Landschaft im 19. Jahrhundert, Zürich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Gugerli, David (2004): Mapping. In: Gaudillière, Jean-Paul/Rheinberger, Hans-Jörg (Hs.): From Molecular Genetics to Genomics. The mapping cultures of twentieth-century genetics, New York, S. 210-218.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Harmon, Kathrine A./Clemans, Gayle (2009): The map as art. Contemporary artists explore carthography, Princeton. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Güttler, Nils Robert (2011): Scaling the Period Eye. Oscar Drude and the Cartographical Practice of Plant Geography, 1870s-1910s. In: Science in Context, 24 (1), S. 1-41.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Krohn, Wolfgang (2012): Künstlerische und wissenschaftliche Forschung in transdiziplinären Projekten. In: Trödle, Martin/Warmers, Julia (Hs.): Kunstforschung als ästhetische Wissenschaft. Beiträge zur transdisziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst, Bielefeld, S.1-19.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Latour, Bruno (1987): Science in action, Cambridge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Latour, Bruno (1997): Der Pedologenfaden von Boa Vista. In: Rheinberger, Hans-Jörg/Hagner, Michael/Wahrig-Schmidt, Bettina (Hs.): Räume des Wissen. Repräsentation, Codierung, Spur, Berlin, S.213-263, hier S. 255.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Nachbar, Martin (2006): How to become a trespasser. The derive and choreography as critical urban practices. In Dance Theatre Journal 21 (4), S. 23-24.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Serres, Michel (2002): Gnomon. Les débuts de la géométrie en Grèce, http://www.archipress.org/index.php?option=com_content&amp;amp;task=view&amp;amp;id=82&amp;amp;Itemid=42. (20.05.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Spillmann, Peter (2011): Der karthographierte öffentliche Raum. In: Hochschule Luzern Design und Kunst 1, S. 27-30.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;references /&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Mappen</id>
		<title>Mappen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Mappen"/>
				<updated>2012-10-10T19:26:47Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Perfomatives Potential */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;== Mappen als transdisziplinäres Verfahren ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verb ''mappen'' oder auch ''mapping'' vom englischen Wort ''map'' für ''Karte'' kann als eine &amp;quot;Visualisierungstechnik und ein graphisches Mittel der Orientierung innerhalb eines Geltungsbereiches&amp;quot; (Gugerli 2004: 210) angesehen werden. Es hält in Form einer Zeichnung, eines Diagramms oder einer räumlichen Anordnung in unterschiedlichen Disziplinen Prozesse fest, die durch Beobachtung, Messung, Registrierung, Aushandlung, Berechnung, Standardisierung oder Bezeichnung entstehen. So fungiert ''mappen'' als maßgebliches Tool für die Produktion und Erforschung von &amp;quot;relatedness&amp;quot; (Gugerli 2004: 210), interspezifischen Relationen, in einem Feld von Informationen. Die Liste der Beispiele, in denen Wissenschaftler, Mediziner, Unternehmer, Informatiker oder Künstler ''mappen'', vergegenwärtigt die Bandbreite der Anwendungsgebiete dieses Verfahrens: Kartographie in der Geographie, Topographie und Ethnographie, ''gene mapping'' in der Biologie, ''data mapping'' beim Programmieren oder das ''business process mapping'' in Form von flow charts in der Unternehmensführung. In der künstlerischen Arbeit lassen sich organisatorische, performative und gestalterische Anwendungen von ''mapping-''Prozessen differenzieren. ''Mind maps'' veranschaulichen und strukturieren künstlerische Arbeitsprozesse, während die graphische Gestalt eines ''Mapping-''Prozesses, wie bei Jonathan Parsons ''Terminator Maquette'' (2007), selbst zum Kunstobjekt werden kann. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://www.tagfinearts.com/jonathan-parsons/terminator-maquette.html. Terminator Maquette]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Parson überträgt in dieser Skulptur die Wegführung des öffentlichen Nahverkehrs einer Stadt auf eine Stahlplatte und formt hieraus ein selbstständiges Objekt. In performativen Anwendungen des ''mappings'' stehen die Handlung, das Überschreiben oder eine Perspektivenverschiebung im Vordergrund. Die Situationisten in den 1950er Jahren verwenden ''Dérives'', das Umherschweifen in der Stadt, als Strategie um die „dominante Ordnung des Kapitalismus (…) zu sabotieren und die Routinen der Wahrnehmung zu untergraben.“ (Spillmann 2011: 27) Der ''guide psychographique de Paris'' (1957) von Guy Debord dokumentiert diese Aneignung von Paris durch zusammengeklebte Schnipsel der Stadtkarte mit roten Pfeilen und überschreibt die normative Karte durch subjektive Erfahrungen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://imaginarymuseum.org/LPG/Mapsitu1.htm Map Situationisten]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im ''life mapping''&amp;lt;ref&amp;gt;Die Performance wurde im Rahmen der Auftakttagung des Graduiertenkollegs Versammlung und Teilhabe, K3 Tanzplan Hamburg auf Kampnagel, im April 2012 aufgeführt.&amp;lt;/ref&amp;gt; von deufert und plischke mit Scott Delahunta wird ''mappen'' als Handlung selbst zur theatralen Aufführung. Die Künstler visualisieren zeitgleich die gesprochenen Worte der Partner auf einem Overhead-Projektor und demonstrieren so ihr Verständnis von Theater als Kommunikationsraum. Diese Nutzungen verweisen auf das performative Potential, das ''mappen'' inhärent ist und disziplinenübergreifend in künstlerischen und wissenschaftlichen Anwendungen zu finden ist. Trotz der unterschiedlichsten Formen des ''Mappens'' werden, David Gugerli folgend, auf abstrakter Ebene Gemeinsamkeiten in den Verfahren erkennbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Sequentielles Verfahren ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Mappen'' ist allgemein die Visualisierung in einem Vermessungs- oder Begutachtungsprozess und kommuniziert ein Beziehungsgeflecht entlang einer zunächst willkürlichen Setzung. Generell werden zu Beginn zwei Referenzpunkte mit einer Grund- oder Verbindungslinie auf dem Papier, am Bildschirm oder auf einer Fläche verbunden. Um andere Teilaspekte mit diesen beiden Referenzpunkten in eine konkreten Beziehung zu stellen, muss mit einem dritten Referenzpunkt (Triangulation) diese Linie räumlich verortet und ausgerichtet werden. An dieses Dreieck können sich alle hinzugenommenen Informationen ankoppeln oder es nach außen erweitern. Die Beziehung der Referenzpunkte beruht auf einer bestimmten Fragestellung und vereinfacht bzw. verschleiert andere Relationen des oft komplexeren Untersuchungsgegenstands. Im Prozess des ''mappens'' entwickelt sich ein fortwährend verkomplizierendes und wucherndes Netzwerk von aufeinander bezogenen Referenten. Hierbei wird die Nähe zur Kartographie sichtbar, welches sich historisch sehr ähnlichen Aktionen bedient. „In [nineteenth century topographical mapping] this sequential process of measuring, annotating and (re)-calculation angles or relative distances, on the one hand, and drawing, counting and registering topographical details, on the other, an all encompassing relatedness was produced.“ (Gugerli 2004: 212) Diesen wuchernden und überlagernden Aspekt von ''mapping'' macht sich z.B. der Bildende Künstler Jeff Woodbury für seine künstlerischen Arbeiten zu nutze. In ''Atlas'' (2008) überträgt und überlagert er mit Bleistift unterschiedliche Straßenkarten, um ein scheinbar organisches Gewebe zum Vorschein zu bringen.&lt;br /&gt;
[http://tumblr.wblut.com/post/6208916027/roomthily-atlas-jeff-woodbury-tracings-in. Atlas] (13.06.2012) oder (Harmons/Clemans 2009: 241)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Netz im ''mapping''-Prozess wirkt wie ein Filter, der andere Perspektiven ausblenden kann. Geographische Karten können politische oder ethnographische Fragestellen abbilden, während sie ökonomische Ursachen, die zu ihrer Entstehung beitragen, nicht berücksichtigen. Das Mapping-Projekt ''MigMap – Governing Migration'', dass soziologische, politologische und kulturwissenschaftliche Informationen zur Europäischen Migrationspolitik in eine interdisziplinäre internetgestützte Karte einbindet, zeigt anschaulich den Versuch diesem Filter durch eine plurale Perspektive entgegenzuwirken. ( [http://www.transitmigration.org/migmap/home_entry.html MigMap-Website] ) Doch die Komplexität der virtuellen, künstlerischen Karten erschweren ihre Lesbarkeit. „Karten müssen interpretiert werden. Um Karten lesen zu können, braucht es die Kenntnisse der sozialen und politischen ‚Grammatiken’, die sich hinter den verwendeten Zeichen und Symbolen verbergen.“ (Spillmann 2011: 27) Die erarbeiteten formalen Graphiken der ''MigMap''-Karte 4 ''Places and Practices'' zeigen durch den Gebrauch von geometrischen Objekten, die in graduelle Kreise eingebettet sind, neue Formen der Darstellung, die eine klassische Triangulation umgeht. ([http://www.transitmigration.org/migmap/home_map4.html Karte 4] )&lt;br /&gt;
''Mapping'' hat dabei zwei Funktionen: Es dient zur „Reduktion“ von Komplexität, Ortsgebundenheit, Partikularität, Materialität und Vielfalt des Objektes, gleichzeitig gewinnt es durch Abstraktion ein Mehr an Lesbarkeit, Kompatibilität, Universalität, Überlagerung, Text und Kalkül und dadurch eine „Amplifikation“. (Latour 1997: 255)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je nach Notwendigkeit und Funktion ist die Karte nur Beginn eines langen, sich wiederholenden Prozesses. In einer topographische Karte oder in den unzähligen Teilschritten im ''Human Genom Project ''(Vgl.: [http://www.ornl.gov/sci/techresources/Human_Genome/publicat/primer/prim2.html Human Genom Project] ) bedingt die Fortführung eine sich immer wieder einschätzende Befragung des Gegenstandes und eine fortwährende Justierung der Vorannahme. Eine Materialisierung dieser Sequenz in einer Zeichnung dient der unmittelbaren visuellen Gruppierung seines Inhalts. In der sequentiellen Inskription konstruieren sich „künstliche Repräsentationen, die sich immer weiter von der Welt zu entfernen scheinen, und die sie ihr dennoch näher bringen.“ (Latour 1997: 218) Bruno Latour erkennt hierin eine Beherrschung der Welt durch den synoptischen Blick, „wenn die Welt [den Wissenschaftlern] in zweidimensionaler, überlagerbarer und kombinierbarer Inskription entgegenkommt“. (Latour 1997: 217) Basierend auf intensiver Nachforschung präsentiert die französische Künstlergruppe ''Bureau d´Etudes'' ( [http://bureaudetudes.org/ Bureau d´Etudes] ) ihre Analyse der Netzwerke im transnationalen Kapitalismus in großformatigen Wandmalereien, um sich der Beherrschung der Welt durch den Kapitalismus alternativ perspektivierte ''mappings'' entgegenzusetzen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Archiv verhilft zu einer expliziten „Zeitlichkeit“ (Gugerli 2004: 213) im Prozess des ''Mappens'', um die einzelnen Schritte und Veränderungen auf der Karte nachzuvollziehen, zu rejustieren und wiederholen zu können. Nur in der Nachvollziehbarkeit durch ein Protokoll ist die Kompatibilität und Vergleichbarkeit der einzelnen Eintragungen ins Netz von Informationen gewährleistet. Diese Transparenz in der Kontinuität von Raum und Zeit garantiert ein Vertrauen an den ‚Realitätswert’ der resultierenden Zeichnung. Aus diesem Grund werden die Karten von ''Bureau d´Etudes'' und ''MigMap'' auch durch Texte und vereinzelt Quellen unterstützt, um deren Glaubwürdigkeit zu untermauern. Fehlende Angaben der Quellen in der Arbeit ''Crisis'' (2006), in der die Argentinische Finanzkrise dargestellt wird, vermindern die Transparenz und untergraben die Wirkung der Karte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[http://bureaudetudes.org/category/gouvern-par-crises/ Crisis] (13.06.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Perfomatives Potential ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je dichter die Informationen und geprüfter das Netz, welches aus dem ''mappen'' hervorgeht, desto mehr stabilisiert und formt sich der Forschungsgegenstand; aber auch die ‚mapper’ selbst verändern sich im fortlaufenden Prozess. In der ganzheitlichen Materialisierung der sich überlagernden, akkumulierenden und sich affirmierenden Informationen in einer Zeichnung kann mappen eine radikale Performativität entwickeln. Vorläufige Ergebnisse und Nebenprodukte verändern als Teil des ''mapping''-Prozesses die Perspektive auf den Gegenstand, zeigen Grenzen auf und eröffnen neue Fragestellungen. Karten verändern so kollektive Wahrnehmungsmuster und geben neue Rahmungen zum (kulturellen) Verständnis eines Gegenstands. &amp;lt;ref&amp;gt;Ein gutes Beispiel für diesen Prozess sind die botanischen Karten von Oscar Drude, zu ihrem transdisziplinären Charakter vgl. (Güttler 2011).&amp;lt;/ref&amp;gt; Verschiedene ''mapping''-Projekte integrieren unterschiedliche Grade der Präzision zu einem optisch konsistenten Repräsentationsraum. Die Lücken dieser Repräsentation, die weißen Flächen in den Zwischenräumen, animieren andere Autoren zur Vervollständigung beizutragen: „Maps ask to be completed.“ (Gugerli 2004: 215) Karten generieren so ein reproduzierendes und evolutionäres Potential. Die Topographie im 19. Jahrhundert fixierte z.B. durch verschiedene Kartographie-Prozesse Berggipfel als Referenzpunkte und konventionalisierte und standarisierte Bezeichnungen in ihrer Aktualisierung. (Gugerli 2004: 214) &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe auch Gugerli (1999)&amp;lt;/ref&amp;gt;  Die so entstehende kollektive Autorenschaft (nicht unähnlich der Form eines heutigen Wikis) verschleiert den künstlichen Charakter der konstituierenden Vorannahmen, der andere Relationen oder dessen Existenzbedingung ausblendet. ''Mappen'' gibt einen homogenen Aktionsraum vor und evoziert eine Illusion von „karthographischer Neutralität“ (Gugerli 2004: 213). Je mehr in kollektiven Projekten der individuelle ‚''mapper'' ’ und seine Kunstfertigkeit der Messung und Benennung absorbiert wird, desto größer wird die ‚objektive’ Legitimation der Karte. Durch die Standarisierung und Affirmation einer bestimmten visuellen Darstellungsweise verbreitert sich die generelle Lesbarkeit. Indem die künstlichen und willkürlichen Zeichen zu einem allgemein verständlichen Repräsentationsraum werden, vereinheitlichen sich die Objekte und die Leser entwickeln eine imaginäre Gemeinschaft mit einer eigenen Identität. Das Endprodukt erhält erst nach einem Prozess von kultureller und wissenschaftlicher Bewertung die Legitimation, die seine visuelle Macht entfaltet. Gugerli fordert daher die Standards, Prozedere, das Level der Präzision, aber auch die Arbeitsteilung und die politischen Verflechtungen in ''mapping''-Prozessen transparent zu machen. (Gugerli 2004: 216) &amp;lt;ref&amp;gt;Die Kartographierung politischer Machtbereiche im 19. Jh. hatte weitreichende Folgen für die nationale Identitätsbildung. (Gugerli 2002) Diese „politics of truth“ (Gugerli 2004: 215) finden sich noch Darstellungsweisen der Kontinente heute augenscheinlich. Amerikanische Atlanten zentrieren Nordamerika, während in europäischen Darstellungen, zum Beispiel in der Tagesschau, der eigene Kontinent als Mitte der Welt platziert wird. Ein anderes Beispiel ist die Übertragung des runden Globus auf eine zweidimensionale Fläche bei der Mercator-Projektion von 1569. Um ein rechtwinkliges Raster vom Äquator zu den sich verengenden Polen zu erhalten, werden die Rechtecke und so die Kontinente hinzu den Polarkreisen vergrößert. In der auch für „google maps“ oder „OpenStreetMap“ genutzte Darstellungsweise wirken Länder wie das damalige Flandern, Deutschland oder die USA viel gewichtiger und legitimieren implizit den globalen Machtanspruch.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
Diesen vermeintlich homogenen Repräsentationsraum versuchen Martin Nachbar und Jochen Roller in ihrer choreographischen Arbeit ''mnemonik nonstop'' (2005) aufzubrechen „Let's concentrate on the passions and imagine a city full of passionate passages. Such passages would lead people constantly to niches, hidden or not, places of intensity that would be able to produce a crack in the official maps that we know from the a-z's or tourist guides.“ (Nachbar 2006: 23) Den ''Dérives'' folgend versuchen die Künstler durch Subjektivierung oder Überlagerung den Stadtraum von Berlin, Brüssel, TelAviv und Zagreb umzuorganisieren und neue Bedeutungen hinzuzuführen. In der Projektion einer transparenten Brüssel-Karte auf den Stadtplan der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa erscheinen verborgene Strukturen und die übereinanderliegenden Orte scheinen die belgische Kolonialgeschichte anschaulich zu dekonstruieren. In seiner Auseinandersetzung mit ''mapping'' macht Nachbar auf die Ähnlichkeit des Verfahrens mit Choreographie aufmerksam. „A choreography makes visible an experience through repeatable actions that are engraved in the dancer's/performer's body.“ (Nachbar 2006: 24) Solche Einschreibungen in den Körper können auch als Visualisierungstechnik und Orientierungsmittel verstanden werden. Die nicht-lineare Kompositionsstruktur der Choreographie ''wallen'' (2012) von Sebastian Matthias basiert auf einer im Kreationsprozess ge''mappten'' „somatischen Karte“, die den Tänzern und dem Soundkünstler dazu verhilft ihre Performance mit den Partnern abzugleichen, Entfernungen und Position im Raum zu bestimmen und die Dramaturgie in jeder Aufführung neu auszuhandeln. ( [http://www.tanzforumberlin.de/trailer467.php ''wallen Trailer''] ) Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Aufführung stellen die Prekarität des Übersetzungsaktes von der Karte auf eine körperliche Erfahrung, aber auch den Sprung jedes ''mapping''-Aktes heraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bruno Latour sieht in dieser Übertragung oder Übersetzung den kritischen Kern des ''mappens''. In seinem Text ''Der Pedologenfaden von Boa Vista'' zieht er die botanischen und pedologischen Analysemethoden und ihre gemeinsame graphische Darstellung zur Verschiebung der Waldgrenze im brasilianischen Urwald zu seiner ethnographischen Untersuchung von wissenschaftlicher Realitätskonstruktion heran. Er weist in diesem Prozess auf das Instrument, das erst den Zugriff auf ein Phänomen und die Unterscheidungsmöglichkeit seiner Teilaspekte, sprich dessen Sichtbarkeit, zuerst erlaubt. „Alle diese leeren Formen [im Sinne einer Fassung] befinden sich hinter den Erscheinungen, bevor sie sich manifestieren und damit sie sich manifestieren. Im Wald [von Boa Vista] sind diese Phänomene alle auf einmal da und damit unsichtbar. Sie werden sich erst vor jenem Hintergrund abheben und sichtbar werden, den man listiger Weise hinter sie gestellt hat.“ (Latour 1997: 235) So spricht Latour nicht von Daten, die im ''mappen'' in die transdisziplinäre Zeichnung eingeschrieben werden, „sondern von Fakten (also etwas Gemachtem)“. (Latour 1997: 229) Michel Serres beschreibt im Bezug zum Instrument detailliert, wie sich durch das altgriechische kartographische Messgerät ''Gnomen'', oder Sonnenuhr, die Disziplinen der Logik und der Mathematik erst entwickeln konnten. (Serres 2002)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Transdisziplinarität ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Mappen'' kann als ein transdisziplinäres Mittel beschrieben werden, da es „problembezogen“ (Krohn 2012: 2) äußerst heterogene Formen annehmen kann. „Auf ein und derselben Papieroberfläche können wir sehr verschiedene Informationsquellen vereinen, die sich dank der Dolmetschertätigkeit einer homogenen graphischen Sprache verbinden.“ (Latour 1997: 251) Im kollektiven Prozess des Eintragens von Informationen und der Verabredung von entsprechenden Zeichen bietet ''mappen'' die Möglichkeit einer durch den Prozess entwickelten transdisziplinären Sprache. Da in der Bezeichnung und Einschreibung des ''mappen'' ein Referent zum Zeichen wird, überträgt dieses Verfahren praktische Gegebenheiten aus der Welt der Dinge in Textform und bettet sie in theoretische Gedankengänge ein. Als zweidimensionale Visualisierungstechnik stiftet sie zwischen praktischen und theoretischen Disziplinen Kompatibilität. Dieser Übertragung ist beim ''mappen'' jedoch ein „völliger Bruch zwischen Ding-Teil und Zeichen-Teil“ (Latour 1997: 246) inhärent, über den Bruno Latour die Realitätskonstruktion von Wissenschaft kritisiert. (Latour 1987: 215-57)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Möglichkeiten von digitalen Medien verhelfen ''mappen'' zu einer erweiterten transdisziplinären Dimension. Die Internetplattform ''Model House'' – ''Mapping Transcultural Modernisms'' ( [http://www.transculturalmodernism.org/page/29 Model House] ) repräsentiert und produziert digital ein Netzwerk transkulturellen Migration von Akteuren, kultureller Praxis und Diskursen der Moderne in der Architektur in den 1950´er Jahren und „visualisiert den Forschungsprozess selbst“. (Amir, Fahim et al o.J.) „ In this manner, the exchange between researchers at different places and from different disciplines, as well as the participation of nonacademic experts and the integration of a multiplicity of text forms, media, and aesthetic practices are enabled and intensified. The result of this constellation is a polylogical and multiperspectival narration by a number of speakers.“ (Amir, Fahim et al. o.J.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Prozess des ''Mappens'' konstruiert und konstituiert nicht nur einen Untersuchungsgegenstand, indem es ihn rahmt, unterteilt und ordnet. Nach Latour folgt „auf einen neuen Zugriff beinahe immer eine neue Erfindung“ (Latour 1997: 239), ein schöpferischer Akt, der sich auch in einer künstlerischen Arbeit manifestieren kann. So kann ''mappen'' als transdisziplinäres Verfahren zwischen Kunst und Wissenschaft in zwei Richtungen nutzbar gemacht werden. Es verhilft den künstlerischen Arbeitsweisen oder dessen dinglichen oder performativen Endprodukten als Karte, Notation oder Diagramm in die zweidimensionale Dimension des Textes, gleichzeitig kann der abstrahierende Zugriff auf das Material neue Sichtweisen hervorbringen, die den künstlerischen Prozess weiterentwickelt und zu neuen Gestaltungsformen führt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bibliographie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Amir, Fahim et al. (o.J.): Who or what builds a city or a city district?, http://www.transculturalmodernism.org/page/29. (23.06.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Gugerli, David (1999): Präzessionsmessungen am geodätischen Fundament der Nation. Zum historischen Anforderungsreichtum einer vermessenen Landschaft. In: Gugerli, David (Hs.): Vermessene Landschaften. Kulturgeschichte und technische Praxis im 19. und 20. Jahrhunderts, Zürich, S.11- 36.&lt;br /&gt;
* Gugerli, David/Speich, Daniel (2002): Topografien der Nation. Politik, kartografische Ordnung und Landschaft im 19. Jahrhundert, Zürich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Gugerli, David (2004): Mapping. In: Gaudillière, Jean-Paul/Rheinberger, Hans-Jörg (Hs.): From Molecular Genetics to Genomics. The mapping cultures of twentieth-century genetics, New York, S. 210-218.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Harmon, Kathrine A./Clemans, Gayle (2009): The map as art. Contemporary artists explore carthography, Princeton. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Güttler, Nils Robert (2011): Scaling the Period Eye. Oscar Drude and the Cartographical Practice of Plant Geography, 1870s-1910s. In: Science in Context, 24 (1), S. 1-41.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Krohn, Wolfgang (2012): Künstlerische und wissenschaftliche Forschung in transdiziplinären Projekten. In: Trödle, Martin/Warmers, Julia (Hs.): Kunstforschung als ästhetische Wissenschaft. Beiträge zur transdisziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst, Bielefeld, S.1-19.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Latour, Bruno (1987): Science in action, Cambridge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Latour, Bruno (1997): Der Pedologenfaden von Boa Vista. In: Rheinberger, Hans-Jörg/Hagner, Michael/Wahrig-Schmidt, Bettina (Hs.): Räume des Wissen. Repräsentation, Codierung, Spur, Berlin, S.213-263, hier S. 255.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Nachbar, Martin (2006): How to become a trespasser. The derive and choreography as critical urban practices. In Dance Theatre Journal 21 (4), S. 23-24.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Serres, Michel (2002): Gnomon. Les débuts de la géométrie en Grèce, http://www.archipress.org/index.php?option=com_content&amp;amp;task=view&amp;amp;id=82&amp;amp;Itemid=42. (20.05.2012)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Spillmann, Peter (2011): Der karthographierte öffentliche Raum. In: Hochschule Luzern Design und Kunst 1, S. 27-30.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;references /&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Anerkennen</id>
		<title>Anerkennen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Anerkennen"/>
				<updated>2012-10-10T19:17:58Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: /* Anerkennen */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''&lt;br /&gt;
== Anerkennen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''&lt;br /&gt;
Anerkennen des anderen, der anderen, ist unmittelbar einsichtig als Voraussetzung für die Wahrnehmung einer Situation. Es steht also im Zusammenhang mit Erkennen und Wissen, im Zusammenhang mit der Konstitution von Subjekt und Objekt - sowie mit all den Konsequenzen, die das für die &amp;quot;Aufteilung des Sinnlichen&amp;quot; hat. Was anerkennbar ist, ist eine Angelegenheit von Verhandlung und Teilhabe. Die Vorgängigkeit der Anerkennung vor jeder Szene, Begegnung, Äußerung oder Aufführung, das Anerkanntsein als ein Subjekt, das sprechen und handeln kann, ist allerdings eine umstrittene und komplizierte Angelegenheit. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''1. Anerkennung, der Andere, ein Theater.'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Anerkennen'' ist der Name eines philosophischen Konzepts, das sich mit bestimmten Autornamen verbindet. In letzter Zeit hat insbesondere Thomas Bedorf systematisch deren verschiedene Konzeptionen von Andersheit, Anerkennung, Alterität durch die Philosophiegeschichte durchgearbeitet (Bedorf: 2011) &amp;lt;ref&amp;gt;Genauer: Er liest zwei bis drei Dutzend weißer westlicher Philosophen, die sich für den gegenderten oder rassifizierten Anderen ebensowenig interessiert haben wie er selbst. Zur Frage des Geschlechts in der Philosophie der Anerkennung vgl. Sabine Gürtler 2001, Susanne Dungs 2006 (bes. Kap, 2: der Andere in der Ethik asymmetrischen Anerkennens) - vgl. weiter: Thomas Bedorf 2003; Thomas Bedorf, Andreas Cremonini 2005. &amp;lt;/ref&amp;gt;. Sein Buchtitel &amp;quot;Verkennende Anerkennung&amp;quot; verweist auf die Paradoxie, dass eine völlige Anerkennung nie stattfinden kann - jedes Anerkennen verfehlt notwendigerweise den anderen, weil sie nur unter der Maßgabe des Bekannten erfolgt (Bedorf 2010: 145 et passim).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ausgehend von Althussers &amp;quot;Ideologischen Staatsapparaten&amp;quot;, die nicht mehr durch staatliche Organe wie die Polizei herrschen, sondern durch die Ideologie (Bedorf 2010: 79, Althusser 1977),  die sich in Praktiken und Ritualen zeigt und sich hierin performativ durchsetzt, kommt Bedorf mit Blick aufs französische Original auf die Anerkennung als deren grundlegendes Element. Die berühmte Szene, in der der Polizist &amp;quot;He, Sie da&amp;quot; ruft und sich der/die Angerufene umdreht, sich in dieser Unterwerfung unter den Ruf allererst als Subjekt konstituiert, bezeichnet Althusser als &amp;quot;''rituel de la reconnaissance''&amp;quot;, im Doppelsinn des französischen Wortes: der Wiedererkennung (''re-connaître'') und der Anerkennung (wie im Respekt), - eine Szene wie ein &amp;quot;''little theoretical theatre''&amp;quot; (Bedorf 2010: 79f., Pêcheux 1997: 148). Das ist zeitlich paradox: Ich muss etwas wieder-erkennen, um es allererst anzuerkennen. Die szenischen Formen sind der Anerkennung immanent, die Bühne (der Anrufung) ist der Anerkennung nicht äußerlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Paul Ricoeur hat der Frage der Reconnaissance und dem Anerkennen, der Mehrdeutigkeit des Verbs ''reconnaître'' ein ganzes Buch gewidmet. (Ricoeur 2006) &amp;lt;ref&amp;gt;Darin ist eine teleologische Abfolge angelegt. a) Drei Kapitel: Reconnaissance als Identifizieren, als sich selbst Erkennen, schließlich als wechselseitige Anerkennung, b) verfolgt der Autor die  aktivischen und passivischen Dynamiken des Worts (die philosophischen Verwendungsweisen gingen vom aktivischen zum passivischen Gebrauch; er versteht das &amp;quot;nicht als Teleologie, sondern als &amp;quot;Spannweite&amp;quot;).&amp;lt;/ref&amp;gt; Mit Sartre ließe sich zunächst noch sagen, &amp;quot;dass das Ich vom Anderen zum Objekt gemacht wird, insofern es wie ein Gegenstand wahrgenommen wird. (...) Man erfährt sich als Gegenstand der Sichtweisen Anderer und empfindet die eigene Objektheit.&amp;quot; (zit. aus Bedorf 2011: 153) (Dabei gilt: Man begegnet dem anderen, man konstituiert ihn nicht.) (Eßlinger et al. 2010) &amp;lt;ref&amp;gt;Darin: Albrecht Koschorke, Ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften, 9-33; Claudia Breger, Gender Studies, 49-64; Thomas Bedorf, Der Dritte als Scharnierfigur. Die Funktion des Dritten in sozialphilosophischer und ethischer Perspektive, 125-136. Siehe auch Thomas Bedorf 2003.&amp;lt;/ref&amp;gt; Emmanuel Lévinas entwarf zudem den &amp;quot;absoluten Anderen&amp;quot;, der nicht nur in Bezug auf den Sprecher, sondern in seiner Inkommensurabilität entworfen werden sollte (Bedorf 2011: 159): Wer den Anderen wahrnehme, könne sich nicht auf vertraute Rahmen beziehen, um den Anderen einzuordnen, sonst wäre er nicht mehr wirklich anders. Und: Ein Ich erfährt sich erst als von Anderen angerufenes. Diese Beziehung geht dem Ich, dem Du, dem Mich, dem Appell, der Anerkennung des anderen selbst voraus. (Bedorf 2011: 163)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zentral ist bei Levinas nicht der Appell, ''He Sie da!'', der Modus des Akustischen, sondern der Begriff des Antlitzes. &amp;quot;Im Angesicht des Anderen treten wir in eine Beziehung ein, ... die wir nicht wie einen Gegenstand zu begreifen oder beherrschen vermögen&amp;quot; (Bedorf 2011: 167). Das ist keine freiwillige Entscheidung, auch die Form der Beziehung ist nicht einfach wählbar. &amp;lt;ref&amp;gt;Weiterführend (über das &amp;quot;Antlitz&amp;quot; bei Levinas und Bilder von Al-Quaida) und zur Un/Freiwilligkeit des Angesprochenwerdens siehe Judith Butler 2005.&amp;lt;/ref&amp;gt; Hier wäre weiterzudenken, welche Rolle der Blick und das Gesicht für diese Konzeption haben, was letztlich die Rolle der Visualität in der Epistemologie und auch der Ethik betrifft, die 'Objektivität' eines Anblicks, das Erkennen von etwas oder jemand, die Reziprozität im Sehen/Gesehenwerden: Sind diese Figuren wesentlich optisch verfasst? &lt;br /&gt;
Derrida wandte sich nicht der Visualität zu, sondern dem sprachlichen Medium, und er kritisierte an Lévinas, die eigene Verstrickung in die Sprache nicht mitbedacht zu haben - wenn man nicht ÜBER den Anderen sprechen will, und wenn es kaum möglich ist, ohne dass der Andere immer nur der Andere des Selben ist, so muss der Andere neu gedacht werden nicht als undenkbares Absolutum. &amp;lt;ref&amp;gt;Der Andere ist / nicht total anders, vergleichbar der Fassung von Universalität als fortwährende &amp;quot;Arbeit der Universalisierung&amp;quot;. Zum Problem der Universalität von Menschenrechten vgl. Butler: &amp;quot;Wenn wir die Universalität von Rechten nicht im Sinne einer Praxis verstehen wollen, in der die westliche Kultur ihre Partikulare Perspektive allen anderen aufzwingt, dann müssen wir einsehen, dass das, was 'universal' ist, unablässig produziert wird. Unter Bedingungen kultureller Übersetzung, an der verschiedene Regierungen ebenso beteiligt sind wie Nichtregierungsorganisationen, wird es unablässig artikuliert und reaktikuliert...&amp;quot;(Butler 2009: 96).&amp;lt;/ref&amp;gt; Ob man im Anschluss von einer &amp;quot;fortwährenden Arbeit mit der Veranderung&amp;quot;, einem immer offenen Prozess von Anerkennen und Unmöglichkeit des Anerkennens sprechen muss, wäre auszudiskutieren. Die Offenheit darin bedeutet Möglichkeitsraum und Freiheit ebenso wie Risiko.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''2. Der Rahmen, ein strukturelles Risiko''' &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Buch ''Frames of war'' von Judith Butler wurde übersetzt als ''Raster des Krieges''. Es fragt: Durch welche Rahmen/Raster passiert das Anerkennen? Wie ist das Verhältnis von Erkennen und Anerkennen? (Anerkennbarkeit ist nicht eine Eigenschaft oder ein Potential von einzelnen Menschen). Das Wahrnehmen ist eine Form der Erkenntnis; auch das bloße Registrieren, die sinnliche Wahrnehmung ohne konzeptuelles Wissen gehörten dazu. Raster/Rahmen &amp;quot;strukturieren nicht nur unsere visuelle Erfahrung, sondern bringen auch spezifische Ontologien des Subjekts hervor.&amp;quot; (Butler 2010: 11) &amp;quot;Wie Normen der Anerkennbarkeit den Weg zur Anerkennung ebnen, so bedingen und erzeugen Schemata der Intelligibilität erst diese Normen der Anerkennbarkeit&amp;quot; (Butler 2010: 14). &amp;lt;ref&amp;gt; Hier wendet sich Butler (ungewöhnlicherweise) konkreten Medien, konkreten Bildern zu und fragt mit Blick auf Kriegsfotografie oder die Folterbilder aus Abu Ghraib, welche Rolle deren Rahmungen spielen - für die Reflexionsfähigkeit auf die Kontexte der Fotografie, für die Konstitution von Bedeutung.&amp;lt;/ref&amp;gt; Der Rahmen legt zwar den Ausschnitt des Zu-Sehen-Gegebenen fest, aber gleichzeitig wird immer etwas außerhalb des Rahmens Liegendes erkennbar (Butler 2010: 16). Gerade die technische Reproduzierbarkeit und die Zirkulationsfähigkeit des Bildes verändern die Bedeutung des ''Framing''/Rahmens prinzipiell. Die Zirkulationsfähigkeit wird Teil des Bilds, wenn der Rahmen unausweichlich dazu da ist, etwas Zirkulierendes immer wieder in neuen Kontexte zu setzen, er sich permanent von seinem Kontext löst (Butler 2010: 17). Die Zirkulierbarkeit ist nie abgeschlossen, auch diese prinzipielle Offenheit für zukünftige Kontexte destabilisiert eine feste Bedeutungsgebung des Rahmens (Butler 2010: 79ff). Er kann nur dank seiner Reproduzierbarkeit zirkulieren, &amp;quot;und eben diese Reproduzierbarkeit bringt ein strukturelles Risiko für die Identität des Rahmens selbst mit sich.  [... Er funktioniert] normativ, kann jedoch, je nach der spezifischen Art seiner Zirkulation, bestimmte Bereiche der Normativität infrage stellen. Solche Rahmen strukturieren Anerkennung, ... jedoch sind ihre Grenzen und Bedingtheiten ihrerseits kritisch exponierbar und der Intervention zugänglich&amp;quot; (Butler 2010: 30).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist Anerkennbarkeit immer an visuelle Erscheinungsformen gebunden? Ist Sichtbarkeit immer erstrebenswert? Johanna Schaffer hat die Ambivalenzen des Sichtbarwerdens problematisiert und &amp;quot;Einwände gegen erhöhte Sichtbarkeits-Euphoriken&amp;quot; erhoben - wenn sich Hegemonie in ästhetischen Formen konfiguriert, können Repräsentationen etwa von Minoritäten Differenzen verwischen oder Minorisierungen wiederholen; die Taktik müsse lauten: &amp;quot;Das visuelle Vokabular der Anerkennung reformulieren&amp;quot; (Schaffer 2008: 51 und 111).&lt;br /&gt;
Was heißt das für das Anerkennen, das notwendigerweise solcher Schauplätze und Formen und Rahmen bedarf?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich gibt es auch eine Notwendigkeit, Aufklärung und Kritik unangemessener Rahmungen zu betreiben (Butler 2010: 97). Butler denkt Rahmungen nicht rein dekonstruktiv (als Derridasche Invaginationen), sondern auch als Gefäße für Inhalte, die instrumentalisierbar sind, Gefühle hervorrufen sollen, Ausschlüsse betreiben, Anerkennbarkeit herstellen (sie folgt also streckenweise durchaus einer Logik von 'vorher und nachher', 'innen und außen', wenn es um die Medialität geht). Raster der Anerkennung, die bestimmte Menschen und Situationen aus der Wahrnehmung ausschließen, sind zu kritisieren. Weitergehend fragt Butler mit Bezug auf Levinas' 'Antlitz' danach, wie Mitteilbarkeit von Rahmen (und Normen) entsteht. Bereits in den Adorno-Vorlesungen 2002 kommt sie vom Rahmen des Blicks/Gesichts zur Anerkennung (Butler 2007: 42).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;quot;Wenn mein Antlitz überhaupt lesbar ist, dann nur, weil es in einen visuellen Rahmen eintritt, der die Voraussetzung seiner Lesbarkeit ist.  (...) Wenn man, was Lévinas für unausweichlich hält, ethisch auf das Antlitz des Anderen reagiert, dann scheint es, als müsse man jenes erst einmal in die Reihe der menschlichen Antlitze aufnehmen. Zunächst muss es ein Raster für das Menschliche geben, eines, das beliebig viele Variationen als fertige Beispiele umfassen kann. Doch gemessen daran, wie umstritten die visuelle Repräsentation des 'Menschlichen' ist, scheint unsere Fähigkeit, auf ein Antlitz als menschliches zu reagieren, von der Vermittlung durch Bezugsrahmen abhängig, die in einem Fall vermenschlichen und im anderen entmenschlichen. Die Möglichkeit einer ethischen Reaktion auf das Antlitz erfordert folglich eine Normativität des visuellen Felds: Es liegt nicht nur bereits ein epistemologischer Rahmen vor, innerhalb dessen das Antlitz erscheint, sondern wir haben es auch hier schon mit einem Machteffekt zu tun...&amp;quot; (Butler 2007: 43).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier wäre weiterzufragen, &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1. Welche konkreten Praktiken mit Rancière als (neue) ''Aufteilungen des Sinnlichen'' auszudenken wären. Die &amp;quot;Aufteilungen des Sinnlichen&amp;quot; legen fest, was wir wahrnehmen, tun und sagen können und wofür wir blind oder taub sind. &lt;br /&gt;
Nach innen hin regeln diese Formen, wie die wahrnehmbaren und sagbaren Gegenstände einer sinnlich aufgeteilten Welt voneinander unterschieden und wie Handlungen voneinander abgegrenzt und bewertet werden. Ranciere nennt solche Aufteilungen des Wahrnehmbaren auch erste oder ursprüngliche Ästhetik. Sie bestimmt, 'was der sinnlichen Erfahrung überhaupt gegeben ist. Die Unterteilung der Zeiten und Räume, des Sichtbaren und Unsichtbaren, der Rede und des Lärms geben zugleich den Ort und den Gegenstand der Politik als Form der Erfahrung vor.' So entsteht ein 'Rahmen der Sichtbarkeit und Intelligibilität, der Dinge oder Praktiken'; ein Rahmen, der aus den gleichermaßen produzierten wie ihrerseits produzierenden Agent/innen dieses Rahmens eine 'Gemeinschaft des Sinnlichen' macht&amp;quot; (zit. aus Sonderegger 2012: 382) &amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. André Eiermann 2009 u.a. zu: An- und Abwesenheit, Repräsentation und Anerkennung, Rahmungen, Sprechakte.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2. Welche Konzepte von Rahmungen und ihrer Zirkulation sind nötig, damit sich das Sicht-, Fühl- oder Hörbare zwischen Kontexten bewegen kann, auf die Straße gehen kann, im Klassenzimmer besprechbar wird, auf Bühnen transportierbar sei (und zwar nicht in dieser oder einer anderen Reihenfolge, vom Original zur künstlerischen Reproduktion oder wissenschaftlichen Reflexion, sondern zum besseren Verstehen dessen, dass alle drei wie auch die Kollegarbeit selbst den entsprechenden Abgründen der Anerkennung ausgesetzt sind).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
3. Drittens könnte es darum gehen, etwas bisher Unsagbares zu sagen, Neues herzustellen, etwa &amp;quot;Handlungen, Ereignisse und Subjekte, die eine Aufteilung des Sinnlichen herausfordern, indem sie etwas geltend machen, was in der adressierten Aufteilung des Sinnlichen nicht gesagt, getan oder wahrgenommen werden kann&amp;quot; (zit. aus Sonderegger 2012: 383). Mit einer anderen Vokabel, nochmals von Rancière: Das &amp;quot;Unvernehmen&amp;quot; zu praktizieren. Demonstrationen einer &amp;quot;dissensuellen Politik&amp;quot; vorzunehmen. Diese&lt;br /&gt;
&amp;quot;behaupten - oder vielmehr: demonstrieren - ein Unvernehmen (''mésentene''); also etwas, das in der bestehenden politischen Einteilung nicht wahrgenommen, gedacht und mit den vorhandenen argumentativen Mitteln auch nicht eingefordert werden kann. Situationen des Unvernehmens bezeichnen keine Meinungsverschiedenheiten und auch keine Missverständnisse, bei denen man das Gegenüber darauf aufmerksam machen kann, dass man falsch verstanden wurde&amp;quot; (zit. aus Sonderegger 2012: 382).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Schluss steht der Abgrund der Anerkennung: Muss man schon Teil des Systems sein, das die Währung der Anerkennung vergibt, um anzuerkennen, oder um ein anerkanntes Subjekt zu werden? Wie aber würde man sich in dieses System hinein-arbeiten, wenn man nicht Teil dessen ist?&lt;br /&gt;
Das Recht, Rechte zu haben, hat Hannah Arendt als grundlegende Bedingung menschlichen Lebens gefordert; wie man etwa Menschenrechte einfordert, wenn man nicht juristisch anerkannt ist, hat Christoph Menke mit &amp;quot;alegal, illegal, translegal&amp;quot; beschrieben. Das notwendig Grenzüberschreitende und Illegale dieses Aktes schafft Realitäten: &amp;quot;Wer ein Recht fordert, hat damit immer schon, vorweg, sein Recht zu fordern gefordert&amp;quot; (Menke 2012: 328). &amp;quot;Weil ein politisches Subjekt zu sein aber (unter anderem) eben darin besteht, ein Recht zu fordern, macht sich der menschenrechtlich Fordernde selbst zu dem, was er fordert&amp;quot; (Menke 2012: 362). Der gordische Knoten der Vor- und Nachgängigkeit wird durch einen Akt, eine Setzung zerschlagen. Was Arendt den &amp;quot;Erscheinungsraum&amp;quot; genannt hat, den öffentlichen Raum, der erst im Akt des öffentlichen Auftretens hergestellt wird. Wenn das Erscheinen für andere wahrnehmbar, anerkennbar wird, entsteht dieser Raum; hier verbindet sich Performativität mit gemeinsamer Praxis auf der unmöglichen aber immer herstellbaren Basis und mit dem Produkt der Anerkennung. (Menke 2012: 328) &amp;lt;ref&amp;gt;&amp;quot;Die Demonstranten müssen in gewisser Hinsicht so tun, als ob bereits der Raum existiere, in dem ihr Sprechen und Handeln zählt, sie müssen so tun, als ob sie zumindest so weit an der Macht des Miteinanders partizipierten, dass ihr Sprechen und Handeln als intelligibel und allgemein nachvollziehbar, kurz: als öffentlich relevantes Sprechen und Handeln wahrgenommen wird. Nun wäre das demonstrierende Handeln und Sprechen als Vollzug im Modus des 'Als ob' aber zugleich auch irreführend beschrieben, wenn man es auf diesen Aspekt reduzierte und womöglich noch mit einer irgendwie unwirklichen Angelegenheit verwechselte. Denn der Vorgriff auf einen bereits veränderten Erscheinungsraum, den die Demonstration vornimmt, geschieht dadurch, dass hier Akteure auf eine immer auch sehr materiale, körperliche Weise insistieren, die nicht zuletzt aufgrund ihrer spezfischen Körperlichkeit aus der Sphäre der Öffentlichkeit herausgehalten werden sollen.&amp;quot; (Rebentisch 2012: 369f.)&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
Der Wechsel zwischen Als Ob und Materialität: das ist die Aufgabe der Anerkennung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Bibliographie==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Althusser, Louis (1977): Ideologie und ideologische Staatsapparate. In: Ders., Ideologie und Ideologische Staatsapparate, Aufsätze zur marxistischen Theorie, Hamburg, Berlin, S. 108-153.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Bedorf ,Thomas (2003): Dimensionen des Dritten. Sozialphilosophische Modelle zwischen Ethischem und Politischem, München. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Bedorf , Thomas (2010): Verkennende Anerkennung. Über Identität und Politik, Berlin. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Bedorf, Thomas (2011): Andere. Eine Einführung in die Sozialphilosophie, Bielefeld. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Bedorf, Thomas, Cremonini, Andreas (Hg.) (2005): Verfehlte Begegnung. Levinas und Sartre als philosophische Zeitgenossen, München. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Butler, Judith (2007): Kritik der ethischen Gewalt, Adorno-Vorlesungen 2002 (Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main - zuvor gehalten als Spinoza-Vorlesungen der Universität Amsterdam 2002), Frankfurt/M. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Butler, Judith (2005): Gefährdetes Leben. In: Dies., Gefährdetes Leben. Politische Essays, Frankfurt/M. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Butler, Judith (2009):Krieg und Affekt, Berlin, Zürich. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Butler, Judith (2010): Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen, Frankfurt/M. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Dungs, Susanne (2006):  Anerkennen des Anderen im Zeitalter der Mediatisierung. Sozialphilosophische und sozialarbeitswissenschaftliche Studien im Ausgang von Hegel, Lévinas, Butler, Zizek, Hamburg. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Eiermann, André (2009): Postspektakuläres Theater. Die Alterität der Aufführung und die Entgrenzung der Künste, Bielefeld. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Eßlinger, Eva et al. (Hg.) (2010): Die Figur des Dritten. Ein kulturwissenschaftliches Paradigma, Berlin. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Gürtler, Sabine (2001): Elementare Ethik. Alterität, Generativität und Geschlechterverhältnis bei Emmanuel Lévinas, München. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Levinas, Emmanuel (1992): Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht, Freiburg, München. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Menke, Christoph (2012): Die Tat der Menschenrechte: alegal, illegal, translegal. In: Frankfurter Kunstverein, Exzellenzcluster &amp;quot;Die Herausbildung normativer Ordnungen&amp;quot; der Goethe-Universität Frankfurt (Hg.): Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen (Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Frankfurter Kunstverein, 20.1.-25.3.2012), Nürnberg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Pécheux, Michel (1997): The Mechanism of Ideological (Mis)recognition. In: Zizek, Slavoj  (Hg.): Mapping Ideology. London, New York, S. 141-151. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Rebentisch, Juliane (2012): Erscheinen. Bruchstücke einer politischen Phänomenologie. In: Frankfurter Kunstverein, Exzellenzcluster &amp;quot;Die Herausbildung normativer Ordnungen&amp;quot; der Goethe-Universität Frankfurt (Hg.): Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen (Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Frankfurter Kunstverein, 20.1.-25.3.2012), Nürnberg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Ricoeur, Paul (2006). Wege der Anerkennung. Erkennen, Wiedererkennen, Anerkanntsein, Frankfurt/M. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Schaffer, Johanna (2008): Ambivalenzen der Sichtbarkeit. Über die visuellen Strukturen der Anerkennung, Bielefeld. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Sonderegger, Ruth (2012): Drei Formen der Demonstration. Überlegungen mit Jacques Rancière. In: Frankfurter Kunstverein, Exzellenzcluster &amp;quot;Die Herausbildung normativer Ordnungen&amp;quot; der Goethe-Universität Frankfurt (Hg.): Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen (Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Frankfurter Kunstverein, 20.1.-25.3.2012), Nürnberg. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Diskussion:A_-_Z_der_transdisziplin%C3%A4ren_Forschung</id>
		<title>Diskussion:A - Z der transdisziplinären Forschung</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Diskussion:A_-_Z_der_transdisziplin%C3%A4ren_Forschung"/>
				<updated>2012-04-16T14:40:06Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: Die Seite wurde geleert.&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Diskussion:A_-_Z_der_transdisziplin%C3%A4ren_Forschung</id>
		<title>Diskussion:A - Z der transdisziplinären Forschung</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://www.versammlung-und-teilhabe.de/az/index.php/Diskussion:A_-_Z_der_transdisziplin%C3%A4ren_Forschung"/>
				<updated>2012-04-16T14:37:11Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Lene Benz: TEST&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Testversion....&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Lene Benz</name></author>	</entry>

	</feed>